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27.04.1990 - 

Eigensinn und private Eifersüchteleien drohen ein Medium zu verkrüppeln

Mailboxer von den Betreibern der Dienste angeschlagen

Die Privatisierung von Telekommunikationsdiensten kann zu Ungereimtheiten führen, die sowohl den Nutzen der Dienste beeinträchtigen wie auch Zweifel an der Integrität der Betreiber aufkommen lassen. Der Benutzer kann leicht zwischen die Fronten geraten, wenn Mailbox-Lieferanten und -Betreiber sich in die Haare geraten und die Schotten dichtmachen.

Zur Vorgeschichte: Der Mailbox-Gedanke wurde in Deutschland maßgeblich von Günther Leue angeregt, der mit einer kleinen Firma nahe Bad Hersfeld begann. Er erhielt seinen ersten Renommee-Auftrag von Radio Austria, während die Deutsche Bundespost sich hierzulande noch heftig gegen die private "Nachrichten"-Übermittlung sträubte. Die Post selbst bemühte sich krampfhaft, ihre "Telebox" zum Laufen zu bringen und möglichst monopolistisch neben Btx auch die Mailbox-Kommunikation zu beherrschen.

Angesichts der sich verändernden Datenwelt und der rasanten Entwicklung in den USA begann die EG, an bestehenden Monopolen zu rütteln. Vor allem in England und Frankreich preschten private Anbieter vor. In Deutschland mußte die Bundespost allmählich vor der EG zurückweichen, so daß sich schließlich die "Deutsche Mailbox" etablieren konnte, die ebenfalls beim Unternehmer Leue die benötigten Systeme orderte.

Zur Strategie der Anbieter gehörte es, bestimmte Berufsgruppen anzusprechen, deren Angehörige vor allem untereinander einen großen Kommunikationsbedarf aufwiesen. Dazu gehörten beispielsweise die Rechtsanwälte. Ihnen wollte die Hans-Soldan-Stiftung in Essen, als Versandhaus und Stammlieferant für Büro- und Formularbedarf bei Rechtsanwälten obligatorisch eingeführt, auf die Sprünge helfen, indem sie eine Mailbox anbot. Zunächst sollte diese Mailbox (vor dem etwaigen Kauf einer eigenen Maschine) im Wege des "Facility Managements" vom Lieferanten als "box in the box" gestaltet werden.

Doch in der sich abzeichnenden Mailbox-Landschaft entstanden die ersten Kräche. Die Deutsche Mailbox verhielt sich angeblich nicht wie vereinbart, stritt mit ihrem Lieferanten um Software-Rechte und änderte bald darauf ihre Besitzverhältnisse. Die Hans-Soldan-Stiftung schaßte ihren revolutionären neuen Geschäftsführer und wanderte mit ihrer deutschen Klientel zur österreichischen RadAus-Mailbox ab, die wiederum Leues GeoNet-Software abgekupfert haben sollte und sich mit diesem vor Gericht herumschlug.

In Teilbereichen für den Benutzer unberechenbar

Der mittlerweile als "Ahnvater des Mailbox-Gedankens" und als "EMS-Papst" gehandelte Günther Leue drängte sich auch in den Kölner Media-Park, wo er die MBK-Mailbox installierte und durchsetzte, daß dieses System sogar über direkte Telefonanwahl erreichbar wurde, was den Umweg über Datex-P ersparte. Sein GeoNet hatte zudem bereits Maschinen im weiteren europäischen Ausland installiert (außer in England), von wo der Telexdienst auf das Mailbox-Netz durchgeschaltet wurde, unter anderem auch an die Schweizer verkauft, die besonders zahlreich die Vorteile dieses Kommunikationssystems erkannten und dem Net-Betreiber gute Profite verschafften. Später wurden von Luxemburg und den USA aus Brücken zum Telex- und Teletex-Netz geschlagen, die es den Mailbox-Benutzern erlaubten, sich eine individuelle Luxemburger oder US-Nummer zuweisen zu lassen, und die entsprechenden Dienste zu nutzen, ohne dafür teures Spezialgerät anschaffen zu müssen.

Im GeoMail-Verbund, der Nachrichtenaustausch- und verteilung zu einem blitzschnellen und äußerst billigen Unterfangen werden ließ, wurden die Mailboxen bis nach Amerika gebündelt. Dabei jedoch wurden die früheren Risse in den Beziehungen zu Kontrahenten zu Rissen im System, wie sie bei einem öffentlich-rechtlichen Betreiber so nicht auftreten würden.

Beim Telefonieren, bei Telefax, Telex oder Teletex funktioniert das entsprechende Postnetz einheitlich und total. Es macht keinen Unterschied, in welchem Land jemand wohnt und welche Geräte er von wem bezogen hat. Die Abstimmung unter den Postgesellschaften sorgt für identische Leistungen und Möglichkeiten. Beim Mailbox-System zeigt sich dagegen die Gefahr einer Entwicklung, die das System zumindest in Teilbereichen für den Abonnenten unberechenbar macht.

So gibt es im GeoMail-Verbund Ungereimtheiten, die als Vorzeichen einer weiteren Differenzierung zum Nachteil von Benutzern ernstzunehmen sind. Sichtbar werden die jetzigen Differenzen etwa am Beispiel von Befehlen für die Abfrage von Anschriften oder Benutzermerkmalen. Gerade das, was gefunden werden soll, muß man gelegentlich bei der Befehlseingabe bereits wissen, um weitere Angaben zu erhalten.

Der Benutzer "KBH" beispielsweise ist unter diesem Namen sowohl im GEO1- wie auch im freund-/feindlich konkurrierenden DM1-System vertreten. Die weiteren Angaben zu KBH sind unter Hinzufügen von DM1 vom GEO1-System prompt zu erhalten. Wechselt man jedoch über einen speziellen Befehl in das Generalverzeichnis des GeoMail-Verbundes, erfährt man, daß es den Benutzer KBH in der Mailbox GEO1 gibt, während die Information, daß es ihn auch in DM1 gibt, vorenthalten wird. Ähnlich ist es mit der Münchner Messegesellschaft, deren Anschrift und Ansprechpartner man von GEO1 sehr wohl erfahren kann, wenn man bereits weiß, daß die Messegesellschaft in DM5 zu finden ist. Der Sinn des Generalverzeichnisses soll jedoch sein, dieses Wissen oder Unsicherheiten darüber unwichtig zu machen.

Gestützt wird der Zweifel am lauteren Willen der Betreiber auch bei der Suche nach bestimmten Begriffen: Unter "Journalist" wird KBH in GEO1 nachgewiesen, nicht aber in DM1. Versucht man nun, von der Deutschen Mailbox aus mit dem Befehl "verz geomail" Auskunft zu erhalten, erhält man die Antwort "Auslösung: Zugang nicht gestattet.", wogegen der Befehl "verz /journalist" zu dem angegebenen Stichwort den Benutzer KBH im DM-System nachweist.

Natürlich ist es den Betreibern unbenommen, ob und wie weit sie zusammenarbeiten oder nicht. Doch läßt sich nicht leugnen, daß gerade bei identischen Systemen vom gleichen Lieferanten auch die Benutzeroberfläche und die Möglichkeiten der Nutzung identisch gehalten werden sollten. Bestimmte Gruppen auszugrenzen, läuft auf dasselbe hinaus - so als würden die Bayern ein eigenes Telefonnetz betreiben und die Auskunftsstellen in anderen Bundesländern die Frage nach bayrischen Telefonanschlüssen nicht beantworten, nur weil aus diesem oder jenem Grunde die Bayern mit den Preußen nicht können, obgleich, um einen Namen zu benutzen, etwa Siemens sowohl hier wie da die Telefone und die Schaltschränke geliefert haben könnte.

Wenn man es so sieht (und so muß man es sehen), leisten sich aus Gründen, die zum Teil gerichtsnotorisch sind, die Anbieter von Mailboxleistungen Schnitzer, die geeignet sind, das gesamte System in Mißkredit zu bringen. Statt die Systeme unabhängig vom Hersteller untereinander ansprechbar und transparent zu halten, läßt ein solches Verhalten für die weitere Zukunft eher befürchten, daß noch weitere Ab- und Ausgrenzungen vorgenommen werden, die den Zugriff auf bestimmte Informationen von der Laune oder dem Mißmut der privaten Betreiber abhängig machen.

Wäre das Funktionieren des Postsystems davon abhängig, ob sich einige Postobere gerade in den Armen oder in den Haaren liegen, käme das jeweils einer Katastrophe gleich. Darüber und wie prekär das jetzt schon wird, sollten die privaten Anbieter einmal sorgfältig nachdenken.