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22.10.2004

Mainframe-Spezialisten sterben aus

In deutschen Rechenzentren tickt eine Zeitbombe. Viele Mainframe-Experten stehen kurz vor der Rente, Nachwuchskräfte sind auf dem Arbeitsmarkt kaum zu bekommen.

Von CW-Redakteur Wolfgang Herrmann

Mehr als 50 Prozent der Großrechnerspezialisten werden innerhalb der nächsten fünf Jahre aus dem Arbeitsleben ausscheiden, schätzt Jürgen Ley, Brand Manager für Großrechner-Systemsoftware bei IBM Deutschland. "Die meisten wurden vor 20 bis 30 Jahren eingestellt und müssen rechtzeitig ersetzt werden." Zwei bis drei Jahre Praxiserfahrung brauche eine ausgebildete Fachkraft mindestens, um eigenverantwortlich arbeiten zu können.

"Wir würden schon einstellen", sagt Johann Bergermeier, stellvertretender Leiter im Rechenzentrum der bayerischen Landwirtschaftsverwaltung. "Aber wir finden niemanden." Als die Behörde im vergangenen Jahr Stellenanzeigen für IBM-Großrechnerexperten schaltete, meldete sich kein einziger passender Bewerber.

Bergermeier ist kein Einzelfall, bestätigt Eberhard Grammes, Region Manager Germany bei der IBM Benutzervereinigung Guide Share Europe (GSE). "Die Nachfolgeregelung ist zu einem Riesenproblem geworden." Viel zu lange hätten IT-Verantwortliche die Ausbildung vernachlässigt: "In den 90er Jahren, als alle nur noch von Client-Server sprachen, galten Großrechner als Teufelszeug." Es schien, als gebe es keinen Bedarf mehr an einschlägigen Fachkräften.

Eine Fehleinschätzung, wie sich heute erweist. Nach IBM-Angaben setzen noch immer rund 500 Unternehmen in Deutschland einen oder mehrere Mainframes ein. Auf jede Installation kommen vier bis fünf Systemspezialisten, ohne die die Big Irons trotz immer ausgefeilterer Automatisierungsfunktionen nicht arbeiten können.

Der Trend zum Outsourcing verschärfe das Nachfolgeproblem noch, so Grammes. Wenn etwa Finanzkonzerne ihre komplette IT-Infrastruktur auslagerten, bestehe kein Interesse mehr, eigene Mainframe-Spezialisten auszubilden. Schließlich trägt der Dienstleister die Verantwortung für den Betrieb. Setze sich diese Entwicklung fort, gebe es eines Tages nur noch eine Handvoll spezialisierter Dienstleister, die über entsprechende Fachkräfte verfügten, fürchtet der Anwendervertreter: "Wenn dann ein Anbieter wegbricht, wird es eng."

Auch die Hochschulen hätten zu der Misere beigetragen, klagt IBM-Manager Ley. Die meisten Institute weigerten sich, einschlägige Kenntnisse zu vermitteln oder sich überhaupt mit dem Thema zu befassen. Zu den wenigen Mainframe-Protagonisten in der deutschen Hochschulszene gehört Wilhelm Spruth vom Institut für Informatik der Universität Leipzig. "Das Problem der Altersstruktur ist allgemein bekannt", so seine Erfahrung. Dennoch sieht er zwei widersprüchliche Phänomene: Einerseits erhielten Schulungsanbieter wie Unilog Integrata derzeit kaum Aufträge. Andererseits verkaufe IBM "wie verrückt" Mainframes. Tatsächlich steigerte der Konzern im zweiten Quartal 2004 den Großrechnerumsatz gegenüber dem Vorjahr um satte 40 Prozent. Kunden ersetzen in der Regel ältere Maschinen oder bauen die Rechenleistung aus.

Der Bedarf an Mainframe-Spezialisten werde gegenwärtig noch größtenteils durch IT-Freiberufler gedeckt, erklärt Spruth den Widerspruch. Hinzu komme, dass neue Mainframe-Anwendungen, etwa unter Linux oder im SAP-Umfeld, relativ wenig manuellen Aufwand verursachten. Zahlreiche IT-Konsolidierungsprojekte wie die Zusammenlegung von Rechenzentren haben das Problem in den vergangenen drei bis vier Jahren entschärft, ergänzt Ley. Immer wieder seien dabei Fachkräfte freigesetzt worden. Dennoch gibt er zu bedenken: "Diese Entwicklung hat irgendwann ein Ende."

Sparen, sparen, sparen

Bislang finden solche Warnungen in den Führungsetagen großer Unternehmen nur wenig Gehör, moniert Spruth. Angesichts immer neuer Sparprogramme stellten IT-Abteilungen kaum Personal ein und investierten nicht in neue Projekte. Das könne sich rächen: "Viele Unternehmen leben von der Substanz, es gibt viel zu wenig Personal für die Infrastruktur. Irgendwann kann das zum Crash führen." Marlene Retterath, Produkt-Managerin beim Tübinger Schulungsanbieter Unilog Integrata, bestätigt diese Einschätzung. Vom allgemeinen Einbruch im Trainingsmarkt sei der Großrechnerbereich nicht verschont geblieben, ein Anziehen der Nachfrage bislang nicht absehbar. Auch die Münchner Siemens-Tochter LS Training and Services spürt den anhaltenden Sparkurs der Unternehmen. Vertriebs-Manager Wolfgang Kohnle gibt sich dennoch optimistisch: "Einige Unternehmen fangen wieder an, in die IT-Ausbildung zu investieren." Das Nachwuchsproblem betreffe sowohl IBM-Systeme als auch die Siemens-eigene Großrechnerwelt BS2000. Insbesondere Finanzdienstleister benötigten "Brückenwissen", um etwa Legacy-Systeme auf dem Großrechner mit der Client-Server-Welt zu verbinden.

"In vielen Unternehmen ist ein Wandel im Gang", beobachtet Anwendervertreter Grammes. Das Management versuche durchaus, die IT-Mannschaft zu verjüngen. Angesichts der wenigen Ausbildungsmöglichkeiten sei das aber leichter gesagt als getan. Die bayerische Landwirtschaftsverwaltung etwa hat nach erfolgloser Suche auf dem Arbeitsmarkt eine andere Strategie entwickelt. "Wir nehmen in der Regel Informatiker von der Fachhochschule und bilden sie selbst aus", erläutert RZ-Manager Bergermeier. Bis die Nachwuchskräfte ohne Aufsicht arbeiten könnten, vergingen durchschnittlich drei Jahre.

IBM-Experte Ley verweist in diesem Zusammenhang auf die hohe Verantwortung der Spezialisten. Schon ein kleiner Fehler im RZ könne dazu führen, dass Tausende Mitarbeiter die Arbeit unterbrechen müssen. Mario Dretschak, Leiter Zentrale Systeme bei der Postbank in Bonn, setzt ebenfalls auf interne Weiterbildung: "Wir schulen die Leute meist selbst 'on the job.' " Die theoretischen Kenntnisse erwerben die Mitarbeiter des Finanzdienstleisters beim Hersteller IBM.

Absolventen ohne Know-how

Uni- oder FH-Absolventen verfügen in der Regel nicht über einschlägige Kenntnisse, konstatiert auch Klaus Eilting, Prokurist in der Abteilung DV-Betrieb bei den LVM Versicherungen in Münster. "Es ist kein leichtes Unterfangen, Großrechnerspezialisten auf dem Markt zu finden." Die Universität Leipzig betreibt denn auch als einzige deutsche Hochschule einen "Z-Series"-Mainframe von IBM für die studentische Ausbildung.

Ansonsten sind die Ausbildungsmöglichkeiten hierzulande dünn gesät. IBM hat die Malaise laut eigenem Bekunden erkannt. Über Partnerschaften mit Universitäten will der Konzern bis zum Jahr 2010 weltweit 20000 Mainframe-Fachkräfte ausbilden. Darüber hinaus steht Interessierten ein mehrstufiges Online-Ausbildungsprogramm zur Verfügung (siehe Kasten "Ausbildungswege").

"Wer weg kann, geht weg"

Beim Automobilzulieferer Hella sind die älteren Mainframer längst in Rente gegangen; die vier verbliebenen Systemspezialisten beschäftigen sich zum großen Teil mit anderen Techniken. Das Nachfolgeproblem hat der Hersteller aus Lippstadt auf elegante Weise gelöst: Der letzte Großrechner geht in zwei Jahren vom Netz, berichtet Hubertus Neuhaus, Leiter Systemprogrammierung. Für den SAP-Betrieb sei der Host definitiv zu teuer, begründet er die vor zwei Jahren getroffene Entscheidung, auf Unix-Server zu wechseln: "Wer weg kann vom Großrechner, der geht auch weg."

IBM-Manager Ley sieht das ganz anders: "Der Mainframe war die Architektur der letzten 20 Jahre", zitiert er den Chef von IBMs Großrechnersparte Erich Clementi. "Er wird es auch in den nächsten 20 Jahren sein."

Hier lesen Sie ...

- warum Großrechnerspezialisten bald knapp werden;

- wie IT-Verantwortliche mit dem Problem umgehen;

- welche Ausbildungsmöglichkeiten existieren.

Ausbildungswege

Universität Leipzig:

www.informatik.uni-leipzig.de;

IT-Akademie Bayern:

www.it-akademie-bayern.de;

Unilog Integrata Training:

www.unilog.de/training;

LS Training and Services:

www.siemens.com/training;

IBM Learning Services:

www.ibm.com/services/learning/de;

IBM-Online-Kursangebot:

www.ibm.com/university/zseries.