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29.03.1996 - 

Windows NT auf dem Vormarsch

Mainframes sichern IBM die OS/2-Basis

Die Liste der Abtruennigen liest sich wie das Who-is-who der amerikanischen Versicherungswirtschaft: Ob State Farm Insurance oder die Travellers Insurance Co. - in den USA geniesst OS/2 selbst bei Assekuranz-Gesellschaften laengst nicht mehr die gesicherte Wertschaetzung vergangener Jahre. Anhaltender Mangel an Applikationen sowie irrefuehrende Strategien des Anbieters bewegen dem IDC-Analysten David Card zufolge selbst die Treuesten der Treuen teilweise zum Umdenken.

Auch fuer Frank Fuchs, Vorstandsvorsitzender der deutschen OS/2- User-Group, die mittlerweile bereits 450 Mitglieder zaehlt, steht laengst fest: "Die Schlacht um den Endanwender ist verloren." Windows 95 erreiche den Massenmarkt besser. Lediglich fuer grosse und mittelstaendische Kunden sei OS/2 nach wie vor interessant. Die IBM mache sich schliesslich stark fuer offene Standards, die an den Spezifikationen der Object Management Group (OMG) oder der kuerzlich aus der Open Systems Foundation (OSF) und der X-Open hervorgegangenen Open Group ausgerichtet seien. Zudem gebe es nur sehr wenige speziell auf das IBM-Betriebssystem zugeschnittene Tools.

Solcher Werkzeuge beduerfe es jedoch gar nicht, denn der Anwender koenne gleichermassen im OS/2- wie im Windows-3.x-Modus arbeiten, wendet der geschaeftsfuehrende Gesellschafter der Softpro GmbH aus Boeblingen ein. Dagegen lege man sich mit dem MS-System eindeutig fest. "Wenn Sie sich etwa fuer den System Management Server von Microsoft entscheiden, muessen Sie zwangslaeufig auch den SQL Server dazukaufen", meint Fuchs. Portabilitaet und die Unterstuetzung offener Standards seien deshalb die wichtigsten Gruende, auf OS/2 zu setzen.

Dass indes bei der IBM nicht alles Gold ist, was glaenzt, bestreitet der Vorsitzende der Anwendervereinigung keineswegs: "Aus den USA kommen haeufig falsche Strategien, weil man Vorstellungen, die auf den amerikanischen Markt gemuenzt sind, auch hier umsetzen will. Die Schwaechen liegen im Marketing", aergert sich Fuchs. Abgesehen davon, dass die zur Verfuegung stehenden finanziellen Mittel zu gering seien, duerfe "selbst Herr Seibt (Richard Seibt ist Geschaeftsfuehrer Software der IBM Informationssysteme GmbH, Anm. d. Red.) noch nicht einmal frei bestimmen, wie das Budget fuer das deutsche OS/2-Marketing verwendet werden soll". Dies sollte nach Ansicht des OS/2-Spezialisten jedoch Sache der Laendervertretungen oder zumindest der europaeischen IBM sein.

"Waere die IBM auf der Host-Seite nicht so stark - der Wettstreit mit Microsoft um die Betriebssystem-Herrschaft waere laengst verloren." Diese Meinung eines Anwenders, der namentlich nicht genannt werden moechte, ist derzeit vorherrschend bei den IT- Managern in deutschen Unternehmen, wenn es um die Rolle Big Blues im Markt der Client-Server-Betriebssysteme geht. Allzuoft geben die bereits installierten Host-Systeme bei der Entscheidungsfindung den Ausschlag. Vor allem in den DV-Etagen deutscher Versicherungen und Banken, in denen seit jeher eine enge Bindung zur IBM besteht, erhaelt OS/2 noch Schonfrist.

True-Blue-Denken spielt auch bei der Allianz Versicherungs AG eine wichtige Rolle. Das Muenchner Unternehmen beschaeftigt sich im Moment mit der Umstellung seiner 22000 Aussendienst-PCs auf IBMs Betriebssystem. Wie bei den meisten OS/2-Anhaengern trugen bei der Allianz die vorhandenen Host-Umgebungen zur OS/2-Wahl bei. Die im Maerz 1996 begonnene Umstellung von DOS auf OS/2 soll bereits im Juni dieses Jahres beendet werden. "Wir haben eine sehr enge Host- Verbindung, und deshalb kommt eigentlich nur OS/2 in Frage", erklaert Alexander Metz, zustaendig fuer den Bereich Systemtechnik, und betont das gute Zusammenspiel zwischen OS/2 und dem Mainframe- Betriebssystem MVS.

"Das groesste Problem waren die Treiber", bilanziert Metz. Um die unter OS/2 oftmals etwas umstaendliche Installation zu vereinfachen, haben die Muenchner, wie der Betriebssystem-Experte erzaehlt, den Installationsprozess ihren Beduerfnissen angepasst.

Die IBM-Datenbank "DB2" wiederum war fuer die Oberland Glas AG der Grund, OS/2 auf 200 Clients schwerpunktmaessig im Verwaltungsbereich einzusetzen. "Wir sind der Meinung, OS/2 ist besser als Windows 95", stellt Anton Maurer, Leiter Informationsverarbeitung und Organisation, klar: "Es gibt zwar fuer OS/2 keine 72 Textverarbeitungen, dafuer aber zwei, die funktionieren."

Auch bei den Bielefelder Stadtwerken war der Host das entscheidende Kriterium fuer die Einfuehrung des IBM- Betriebssystems. Bereits 1988 hatte man sich dort fuer OS/2 entschieden. "Wir fanden es strategisch richtig, auf der IBM- Schiene zu bleiben", erinnert sich Klaus Toelke vom Benutzerservice. Weder der Umstieg auf Clients mit Windows NT noch mit Windows 95 machte ihm zufolge Sinn. "Das kostet doch nur Schulungs-, Hardware- und Ressourcenaufwand."

Dennoch entscheiden sich DV-Verantwortliche immer haeufiger fuer Microsofts OS/2-Gegenstueck Windows NT - trotz der vorherrschenden IBM-Mainframe-Welt. Marktforscher belegen: 1995 lief das IBM- Produkt weltweit noch auf zwoelf Prozent aller Applikations-Server. Fuer das kommende Jahr rechnen die Analysten der Gartner Group mit einem Rueckgang von bis auf sieben Prozent.

"Wir haben uns durchaus ueberlegt, OS/2 das Vertrauen zu schenken, dann allerdings das Ruder doch noch herumgerissen und uns fuer Windows NT entschieden", erlaeutert etwa Heinz Hain, Leiter Datenverarbeitung der Ludwigsburger Wuestenrot Bausparkasse, den im zweiten Halbjahr 1995 gefassten Beschluss, Microsofts Betriebssystem im Aussendienst flaechendeckend den Vorzug zu geben. Mindestens 3000 neu erworbene Client-Systeme stattet der schwaebische Finanzdienstleister momentan mit Windows NT aus, nachdem die Leasingvertraege fuer die alten DOS-PCs ausgelaufen waren. Die Entscheidung zwischen OS/2 und Windows NT bereitete Wuestenrot nur wenig Kopfzerbrechen: Da das Aussendienstsystem im wesentlichen auf Microsofts Datenbank "Foxpro" basiere, habe sich das Unternehmen fuer NT ausgesprochen, zumal die Bausparkasse mit dem Release 3.0 von Foxpro frueher oder spaeter den Schritt in die objektorientierte Welt wagen will.

Zudem biete Windows NT bessere System-Management-Funktionalitaeten als OS/2, verraet der IT-Experte. "Die Systemview-Ansaetze der IBM bestehen doch lediglich auf dem Papier", kritisiert Hain. "Vor allen Dingen aber benoetigen wir Sicherheitsfeatures, die mit der C2-Spezifikation ausgezeichnet wurden", nennt der Wuestenrot- Manager seine Auswahlkriterien. Weil OS/2 standardmaessig bis zum Projektbeginn keinerlei derartigen Eigenschaften enthalte, waeren demnaechst unweigerlich zusaetzliche Investitionen fuer Security- Produkte ins Haus gestanden.

Ein anderer wichtiger Faktor im Entscheidungsprozess sei die mangelnde Unterstuetzung der IBM gewesen: Vor allem die Supportleistungen im System-Management-Bereich weckten nicht gerade Hains Begeisterung. "Ich sehe absolut keine Zukunft mehr fuer OS/2", fasst der DV-Manager zusammen, aus dessen Sicht die IBM OS/2 bereits aufgegeben hat.

Aehnlich begruendet Helge Dohle, verantwortlich fuer die Bereiche LAN und WAN bei der Compunet AG aus Kerpen, die bereits vollzogene Kehrtwende von OS/2 zu NT. Als Ergebnis eines im Oktober letzten Jahres begonnenen Projekts wuenschte sich der Anbieter von Produkten und Dienstleistungen fuer vernetzte Arbeitsplaetze unter anderem eine in der Leistung skalierbare Plattform. Grund fuer das Redesign des internen Netzes - Compunet hatte OS/2 den Laufpass zugunsten von NT gegeben - war ferner der steigende Ressourcenbedarf der lokalen Anwendungs-Server. "Wir mussten fuer ausreichende Wachstumsfaehigkeit unserer DV sorgen, staendig steigende Anforderungen im Client-Server-Bereich erfuellen sowie ein SAP-R/3- neben dem bestehenden R/2-System implementieren", erklaert der DV-Manager, dessen Arbeitgeber nun insgesamt 2000 NT- basierte Clients sowie 120 HP-Server unter NT im Einsatz hat.

Dennoch steht die OS/2-Gemeinde hierzulande noch nicht auf voellig verlorenem Posten. Gerade in Deutschland geniesst das IBM- Betriebssystem trotz des Vormarsches von Bill Gates' Truppe noch eine relativ gefestigte Stellung. Alleine im letzten Jahr setzte Big Blue weltweit etwa 5,3 Millionen Kopien der aktuellen Version OS/2 Warp ab, hierzulande verkaufte das Unternehmen das Produkt im gleichen Zeitraum rund 850000 Mal, beziffert Iris Neumeier- Mackert, Leiterin Marketing Software Zentraleuropa der deutschen IBM-Dependance. Ferner sind Neumeier-Mackert zufolge im letzten Jahr 400 neue OS/2-Anwendungen auf den Markt gekommen, das Defizit an Anwendungen fuer das IBM-Betriebssystem sei also teilweise behoben.