Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

01.12.1989

"Man wird nicht gebunden, sondern läßt sich binden"JMA-Geschäftsführer Klaar de Graaf über die Abhängigkeit der Anwender von IBM

01.12.1989

Was IBM mit dem "AD/Cycle" Konzept angekündigt hat, wollen andere Anbieter bereits in Form lauffähiger Produkte anbieten können - allen voran James Martin Associates UMA) und Texas Instruments (TI), die mit "Information Engineering Facility" (IEF) eigenen Aussagen zufolge schon eine durchgängige CASE-Umgebung offerieren. Dennoch haben die Mitbewerber sich verpflichtet, das IBM-Konzept zu unterstützen. An der Marktmacht von big Blue kommt eben keiner der Software-Anbieter vorbei. Über die Konsequenzen der AD/Cycle Ankündigung für die CASE-Branche zum einen und die Anwender zum anderen sprach CWI Redakteurin Karin Qusack mit Klaar de Graaf, dem Geschäftsführer der James Marlin Associates Deutschland GmbH mit Sitzt in Hamburg.

CW: JMA und Tl gehören zu den sogenannten "Enabled Vendor*. Bitte erklären Sie uns was damit Sie gemeint ist de Graaf: Unsere Namen sind auf der IBM -Liste derjenigen Software-Anbieter verzeichnet die frühzeitig Zugang zu bestimmten Informationen erhalten.

CW: Welche Informationen sind das?

de Graaf: Diese Informationen betreffen die Spezifikationen von IBM-Produkten und - Konzepten wie dem Repository von AD/Cycle, der Systems Application Architecture im allgemeinen und dem Common User Access im speziellen.

CW: Welche Vorteile erwachsen den Software-Anbietern daraus?

de Graaf: Der IBM-Markt ist ein sehr großer Markt. Und kaum ein Software -Anbieter kommt um ihn herum. Insofern ist es für uns wichtig, so früh wie möglich zu wissen, was IBM vorhat. Das "Enabled-Vendors" Programm ist für uns eine Möglichkeit, Informationen mit IBM auszutauschen. Im übrigen werden wir jedoch unsere eigenen Entwicklungen selbständig fortsetzen.

CW: Und was hat IBM von diesem Informationsaustausch?

de Graaf: Die IBM kann nicht alles das, was sie angekündigt hat, selbst entwickeln. Dazu braucht sie die Third-Party-Anbieter. Je früher sie uns die Möglichkeit dazu gibt, desto früher können wir mit der Entwicklung beginnen und desto früher kann IBM lauffähige Produkte für ihre Konzepte vorweisen .

CW: Wie werten Sie das AD / Konzept?

de Graaf: Dabei handelt es sich vorläufig noch um gedankliche Anrisse. Es wird sicher noch eine ganze Weile dauern, bis dieses Skelett mit lauffähige Produkten gefüllt ist.

CW: Wieso hat IBM lhrer Ansicht nach dieses Konzept gerade jetzt?

de Graaf: Die CASE-Thematìk gewinnt derzeit sehr stark an Bedeutung. Und man kann nicht umhin, festzustellen, daß der IBM die Zeit davongelaufen ist. Die Kunden hatten bereits lange Zeit auf eine Ankündigung gewartet.

Wie Sie wissen, gab es bereits Spekulationen über das Repository innerhalb der Branche. Offensichtlich war das bei IBM nicht ganz so glücklich gelaufen. Demzufolge geriet die IBM ein wenig in Bedrängnis; aus ihrer Sicht war es also besser, ihr Konzept in dieser unvollständigen Form vorzustellen als überhaupt nicht.

CW: Welchen Erfolg prognostizieren Sie AD / Cycle?

de Graaf: Der Erfolg wird wesentlich vom Repository abhängen. Ich sehe da eine nicht unbeträchtliche Schwierigkeit: Die anderen Software-Anbieter haben zum Teil bereits seit Jahren eigene Data-Dictionaries oder Enzyklopädien im Angebot. Grob gesagt, gibt es jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder die IBM konzipiert ihr Repositor~* so mächtig, daß die Data-Dictionaries und Enzyklopädien der verschiedenen Fremdanbieter dort hineinpassen, oder aber die anderen Anbieter sind gezwungen, ihre Produkte dem Repository anzupassen.

CW: Wäre TI dazu bereit, das selbstentwickelte Repository den IBM-Vorgaben anzupassen?

de Graaf: Nein. Unser Repository ist auf unser Produkt zugeschnitten. Insofern könnten wir es gar nicht verändern, auch wenn wir wollten.

CW: Wie reagieren Sie, wenn IBM sich für die zweite Möglichkeit entscheidet?

de Graaf: In diesem Fall können unsere Kunden eben nur die Teile unseres Repository in das IBM-Repository hinüber bringen, die dort hinein passen - und umgekehrt. Allerdings gehen wir davon aus, daß sich die Architekturen auf Dauer angleichen werden, da die IBM dieselbe Funktionalität anstrebt, die auch IEF realisiert, nämlich eine Unterstützung über alle Phasen des Software-Lifecycle.

CW: Was bedeutet die AD / Cycle-Ankündigung für die Anbieter im CASE-Markt?

de Graaf: Dieser Markt hat es wirklich in sich. Er ist bereits jetzt und künftig wohl noch mehr ein Riesenmarkt. Wir brauchen also zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht um Marktanteile zu kämpfen. Deshalb ist die IBM in diesem Sinne eigentlich kein Konkurrent für uns. Im Gegenteil: Eigentlich hat sie den Markt für uns geöffnet. Sehen Sie, nichts ist so schwierig, wie gegen Geister zu kämpfen. Und bislang hatten wir Schwierigkeiten, unseren potentiellen Kunden den Nutzen unseres Produkts zu verdeutlichen. Jetzt, da IBM etwas Ähnliches ankündigt wächst die Akzeptanz auf seiten der Anwender.

CW: Derzeit mag IBM Ihnen noch keine Marktanteile wegnehmen. Aber wie wird das in ein paar Jahren aussehen?

de Craaf: Es gibt natürlich immer Leute, die IBM kaufen, egal welches Produkt angeboten wird. Aber das Gros der Anwender hat sich verändert. Die User halten ein Problembewußtsein dafür entwickelt, wann und wodurch sie sich in eine Abhängigkeiì begeben. Ich bin sicher, daß mittlerweile viele Unternehmen eine Alternative vorziehen, bei der sie sich nicht so stark festlegen.

CW: Inwiefern wollen Sie diese Alternative bieten?

de Graaf: Wir werden in spätestens zwei Jahren unsere IEF auch für DEC-Rechner und Unix-Systeme anbieten. Insofern hält sich der Anwender, der sich für unser Produkt entscheidet, Optionen auf künftige Wachstumschancen in Richtung Digital Equipment oder Unix offen. Ich denke nicht, daß IBM Tools anbieten wird, die dasselbe leisten.

CW: Wie sieht diese Abhängigkeit für den Anwender konkret aus?

de Graaf: Egal, welche Hersteller sich an der Oberfläche behaupten werden, das Herz dieses Konzepts ist ein Stück IBM-Software. Und das Repository unterscheidet sich essentiell von einem Datenbank Management System oder jeder anderen Systemsoftware Komponente .

Es enthält unternehmenswichtige Informationen, nämlich schlichtweg alle Informationen, die für die Entwicklung von Anwendungssystemen gebraucht werden. Und wenn diese Informationen in einem System gespeichert sind, zu dem es keine Alternative gibt, dann wird die Abhängigkeit des Anwenders, der auf AD/Cycle setzt, sicher nicht geringer.

CW: Erkennen Sie darin eine strategische Linie auf seiten der IBM?

de Graaf: Der Hardware Markt ist auch für IBM nicht mehr ganz unumstritten. Also versucht die IBM, ihre Kunden über die Software an sich zu binden.

Die AD / Cycle-Ankündigung ist als ein solcher Versuch zu werten. Den Kunden, die darauf einsteigen, erschwert IBM die Möglichkeiten, auf einen anderen Hersteller auszuweichen. Das ist also der typische Fall einer Lock-in-Strategie.

CW: Wie bewerten Sie diese Strategie?

de Graaf: Ich kann der IBM nicht einmal einen Vorwurf daraus machen. Jedes Unternehmen versucht, seine Kunden an sich zu binden. Obwohl wir Mitbewerber der IBM sind, wäre Eifersucht hier fehl am Platz. Außerdem sind die Anwender bis zu einem gewissen Grad selbst Schuld; denn man wird doch nicht gebunden, sondern man läßt sich binden..

CW: Warum sollte sich ein Anwender freiwillig in Abhängigkeit begeben?

de Graaf: Zum Beispiel deshalb, weil er mit einer Entscheidung für IBM immer auf der sicheren Seite ist. Zudem kann ich Ihnen garantieren, daß es in vielen großen Unternehmen einen Vorstand oder wichtigen DV-Manager gibt, der einmal bei der IBM war oder es noch ist. Der hat die IBM als einen gut funktionierenden Konzern kennengelernt und demzufolge keinerlei Veranlassung, sich in irgendeiner Form gegen IBM zu entscheiden.

Die EDV-Branche ist sehr konservativ und mag keine Experimente, schon gar nicht mit fremden Anbietern.

CW: IBM hat sich an drei CASE-Anbietern finanziell beteiligt. Ist eine solche Beteiligung auch für JMA denkbar?

de Graaf: Nein. Wir bekommen zwar häufig Beteiligungsangebote, aber es war noch keines von IBM dabei. Da wir ein vollständiges CASE-System anbieten, passen wir nicht so gut in die AD / Cycle-Strategie wie beispielsweise Index Technology oder Knowledgeware. Nun kann man zwar spekulieren, daß Tl möglicherweise das IEF-Repository an IBM verkaufen würde. Das scheint mir persönlich jedoch undenkbar. +