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18.11.1994

Manager kokettieren ungeniert mit ihrem Computerunwissen

Guenter Koch, geschaeftsfuehrender Direktor am Europaeischen Software Institut (ESI), Bilbao

Hinter der "Entmaterialisierung der Industrie", die derzeit in Politik und Wirtschaft fuer Diskussionen sorgt, steckt nicht der Computer, sondern das Produkt Software. Ein modernes Verstaendnis des Begriffs umfasst alles, was durch Elektronik ausgefuehrt wird: Jeder TV-Film ist Software.

Schon jetzt folgt die Informationstechnik- und Telekommunikationsindustrie ihrem Umfang nach der Tourismusindustrie weltweit auf Platz zwei unter allen Industrien. Allein in Deutschland schaetzen Experten diesen Markt auf rund 60 Milliarden Mark, wovon zirka 60 Prozent auf das Konto der Software gehen. Doch das Verhaeltnis des Managements zur Software bestimmen Unwissenheit und Unsicherheit. Je intelligenter und komplexer ein System ist, desto mehr Programmiercode umfasst es. Ein durchschnittliches Programmpaket enthaelt heute etwa 100 000 Quellcodezeilen. Dieses Volumen waechst. Zur Jahrhundertwende werden bis zu einer Million Codezeilen pro Softwareloesung benoetigt. Ein Fachmann entwickelt jedoch nur maximal drei pro Stunde. Ohne Produktivitaetssteigerung treten wir in eine Wachstumsfalle, wobei der Personalbedarf jeden Kostenrahmen spengen kann. Die professionelle Softwareproduktion ist deshalb auf Quantenspruenge in der technologischen Innovation angewiesen.

Gleichzeitig sind gute Software-Manager Mangelware. Schon an der Hochschule gilt Wirtschaftsinformatik nur als "Hilfsdisziplin", obwohl sie, zwischen allen Stuehlen sitzend, die Herausforderung unserer Industriegesellschaft anspricht: den Menschen, der als Softwarekuenstler, Ingenieur oder Manager mit der wachsenden Komplexitaet einer informationsbasierten Wirtschaft fertig werden muss.

Eine Mehrheit der Manager in "klassischen" Industriebetrieben kokettiert sogar ungeniert mit eigenem Unwissen in Sachen Computer. Dabei funktioniert der Betrieb haeufig bereits zu zwei Dritteln Software-abhaengig, und die wettbewerbliche Positionierung der Unternehmen ist von ihrer Intelligenz abhaengig. Wenn die europaeische Industrie in einer zunehmend dematerialisierten, softwaregebundenen Arbeitswelt Konkurrenzvorteile halten will, ist eine Reform in den Koepfen der Entscheider gefordert.

Die Unwissenheit der Manager in Industrien, die vermeintlich "nur Anwender" sind, ist kontraproduktiv: 70 Prozent aller Software- Entwicklungen und der assoziierten Dienstleistungen werden von eben diesen Industrien erledigt.

Doch die Software-Industrie ist zum Teil selbst schuld, sie verursacht Vertrauensverluste. Keine andere Industrie arbeitet so autistisch, und nirgends gibt es mehr Scharlatane, die wichtige Entscheidungen beeinflussen, als hier.

So wechseln etwa die Computergenerationen mit 18monatiger Frequenz. Staendige Propaganda fuer nachfolgende Softwaretechnologien erschwert eine zuverlaessige und investitionssichere Beratung durch Fachleute.

Darueber hinaus ist die junge Geschichte der Perzeption von Software in ihren Produkteigenschaften und gleichzeitig in ihrer Produktion als Entwicklungsprozess von schnellen Paradigmenwechseln gezeichnet. Softwareherstellung gilt sogar unter Profis haeufig als Frage der Ideologie.

Tatsaechlich verkuendeten bisher amerikanische Heilsprediger neue Formen der Konzeptionierung und Programmierung. Sie versprachen im wesentlichen immer nur eins: Die von ihnen entwickelten Methoden, Programmiersprachen und Techniken koennten die wachsende Komplexitaet der Softwaresysteme beherrschen und dabei Produktivitaet ebenso wie Qualitaet steigern. Keines dieser Versprechen fuehrte zum Durchbruch.

Umgekehrt laesst sich eine Professionalisierung der Produktion nur dann erreichen, wenn schnelle Paradigmenwechsel beruecksichtigt werden. Neuheiten des Software-Engineerings und -Managements sollten Profis und Softwarenutzern sofort zugaenglich sein. Die Industrie muss lernen, sie offen und unverkrampft aufzunehmen - wie Kinder, die mit Leichtigkeit neue Computerspiele begreifen.

Software muss nicht nur als Produkt, als Entwurf und fertiges Programm gesehen werden, sondern auch als komplexe Beschreibung des Produktionsablaufs. Zu ihm gehoert alles vom mentalen Prozess des Software-Autors bis zum multinationalen Softwareverlag und der damit assoziierten Beratungsindustrie.

Das Entstehen eines Softwarebedarfs und der nachfolgenden, notwendigen Kommunikation mit dem Nutzer ist jedoch der Schluessel zum Erfolg. Die Verbindungen zwischen Nutzern und Herstellern sowie die Prozessketten in der Software-Entwicklung sollten transparent sein. Allerdings muss die entsprechende Kommunikationsfaehigkeit im gesellschaftlich-wirtschaftlichen Umfeld noch erarbeitet werden.