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Jobnomaden bevölkern die Arbeitswelt


08.02.2002 - 

"Manager müssen wie Regisseure arbeiten"

Der Arbeitsmarkt befindet sich im Umbruch, die permanente Gefährdung des Arbeitsplatzes schreckt auch Mitarbeiter von Traditionsunternehmen. Sicherheiten gibt es kaum noch. Ziehen wir bald als Jobnomaden von Projekt zu Projekt und leben aus dem Koffer? Mit der Autorin Gundula Englisch sprachen die CW-Redakteure Hans Königes und Ingrid Weidner.

CW: Zu den besten Zeiten der New Economy waren Szenarien zu neuen Arbeitswelten und virtuellen Gemeinschaften in Mode. Ist Ihr Buch "Jobnomaden" ein paar Monate zu spät erschienen?

ENGLISCH: In meinem Buch geht es um Menschen, die sich frei und selbstverantwortlich um die Welt bewegen. Es geht um viel umfassendere Veränderungen als nur den Hype der New Economy. Allerdings stellten der 11. September letzten Jahres und die folgenden Ereignisse einige meiner Thesen in Frage. Kritiker werfen mir vor, ich beschreibe ein goldenes Zeitalter. Das stimmt nicht. Ich versuche, beide Seiten der Medaille zu beschreiben, die Chancen und die Risiken. In Zukunft wird es mehr Jobnomaden geben, das hat nichts mit der New Economy zu tun.

CW: Was sind überhaupt Jobnomaden?

ENGLISCH: Menschen, die über eine große Bandbreite an Qualifikationen verfügen. Der Wunsch nach Autonomie und Selbstverwirklichung ist ihnen sehr wichtig. Vor wenigen Jahren drehten sich die Fragen von Berufstätigen um Aufstiegschancen und Jobsicherheit. Jobnomaden dagegen stellen andere Ansprüche: "Wie kann ich mich fachlich und persönlich weiterentwickeln?" "Was erwarte ich von meiner Arbeit?" oder "Kann ich durch meine Arbeit Nutzen schaffen?" Jobnomaden sind Menschen mit unterschiedlichen Einkommensquellen. Sie bewegen sich auf eher unsicheren Pfaden. Was mir besonders wichtig ist: Nomaden im ursprünglichen Sinne sind autonome Stämme, die sich nicht gerne Regierungen unterwerfen oder staatliche Grenzen anerkennen. Sie sind Eigentümer ihrer Arbeitskraft, die sie niemals unter das Diktat eines einzigen Arbeitgebers stellen würden.

CW: Momentan wirken Jobsicherheit und ein geregeltes Einkommen durchaus wieder anziehend. Wer geht da noch Experimente ein?

ENGLISCH: Viele sind auf die Schnauze gefallen und gehen deshalb zurück in eine sichere Anstellung. Sie waren oft zu unerfahren, um selbst ein Unternehmen zu gründen. Zahlreiche New-Economy-Gründer suchen die Sicherheit einer Festanstellung oder gehen an die Universität zum Studieren. Das ist keine schlechte Idee, denn schließlich schadet es niemandem, sein Studium abzuschließen oder Berufserfahrung unter den Fittichen von erfahrenen Kollegen in einem Unternehmen zu sammeln. Allerdings denke ich trotzdem, dass viele Menschen auf längere Sicht als Jobnomaden leben und arbeiten werden. Ich glaube nicht, dass es eine dauerhafte Trendwende hin zu mehr Sicherheit gibt. Das Nomadentum beschränkt sich nicht auf die New Economy - und auch nicht auf die IT-Branche.

CW: In Ihrem Buch nennen Sie Beispiele von Leuten, die um den Globus jetten und keinen festen Wohnsitz haben. Welche Vorteile sollen diese Arbeitsformen dem Einzelnen bringen?

ENGLISCH: Der Künstler Alexander Stenzel, den ich in meinem Buch vorstelle, ist sicher ein Exot, denn er besitzt nur seine Digitalkamera, einen Laptop und einen Koffer mit Kleidung. Es gibt nicht viele Menschen, die so leben möchten. Aber was sich ändern wird, ist die Tatsache, dass sich mehr Leute als bisher durchaus eine Zeitlang so ein Leben vorstellen können und dass viele nicht mehr so stark in festen Strukturen verankert sind. Mit Mobilität meine ich in erster Linie geistige Beweglichkeit. Jemand, der über das Netz für mehrere Arbeitgeber in seinem Home-Office arbeitet und nur virtuell unterwegs ist, gehört ebenso zu den Jobnomaden wie ein Globetrotter. Außerdem sehe ich Manager, die ständig um die Welt jetten, nicht unbedingt als Jobnomaden an, denn sie bewegen sich in fest vorgegebenen Strukturen und treffen meist nur Menschen, die ihnen sehr ähnlich sind.

CW: Welche Qualifikationen müssen Jobnomaden mitbringen, um erfolgreich zu sein?

ENGLISCH: Sie müssen in Projekten und nicht in Abteilungen denken. Teamarbeit und selbständiges Arbeiten gehören auf jeden Fall dazu. Jobnomaden erwerben ihr Wissen nicht nur in der Schule und Universität, sondern qualifizieren sich eher über Berufs- und Lebenserfahrungen. Das kann beispielsweise ein Praktikum im Ausland sein oder die Arbeit in einem sozialen Projekt. Am wichtigsten ist es, vielfältige Erfahrungen zu erwerben.

CW: Können nur junge, gut ausgebildete Menschen das Leben eines Jobnomaden führen, oder wird es für viele die Arbeitsform der Zukunft sein?

ENGLISCH: Wie andere Avantgarde-Bewegungen geht auch das Jobnomadentum von einer Elite aus. Aber wenn man genauer hinsieht, dann wird klar, dass viele Menschen keine herkömmliche Erwerbstätigkeit mehr ausüben. Gleichzeitig bietet Projektarbeit durchaus auch für Leute mit geringerer Qualifizierung Chancen, sich wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern. Wie vielfältig die Talente der Menschen sind, zeigt sich auch daran, dass viele schon heute sehr erfolgreich auf dem Schwarzmarkt arbeiten. Jobnomadentum ist keine Bewegung für die oberen 10000. Einige Probleme des Arbeitsmarktes ließen sich mit flexiblen Arbeitsformen besser lösen als mit neuen Beschäftigungsprogrammen.

CW: Gehören Arbeitnehmer, die ein Leben lang bei einem Unternehmen arbeiten, zu den Dinosauriern der modernen Arbeitswelt?

ENGLISCH: Exzellenz entsteht durchaus auch aus Kontinuität, und in allen Branchen findet man hoch spezialisierte Experten, die sozusagen mit ihrer Firma verwachsen sind. Aber auch hier gehört ständige Weiterbildung dazu. Besonders in der IT- und Medienbranche sind Spezialisierungen, die ein Leben lang halten sollen, die Ausnahme. Die dauerhafte Bindung an ein Unternehmen führt jedenfalls nicht automatisch zu Glanzleistungen. Es gibt mindestens genauso viele Leute, die in ihrem Job träge werden und denen die innere Einstellung fehlt, sich weiterzubilden.

CW: Wenn jeder zum selbständigen Manager seiner Arbeitskraft wird, welche Aufgaben warten dann auf das Führungspersonal?

ENGLISCH: Manager arbeiten zukünftig wie Regisseure. Sie müssen eine wilde Horde von Kreativen unter einen Hut bringen, und zwar ziemlich schnell und mit viel Fingerspitzengefühl. Wenn Wissen zum wichtigsten Unternehmenskapital wird, kann man nicht so führen wie bisher. Menschen lassen sich nicht wie Maschinen steuern. Das Management muss sich stärker zurücknehmen, was die Kontrolle betrifft, und dafür mehr Augenmerk auf den zwischenmenschlichen Bereich richten, eine Arbeitsatmosphäre schaffen, in der die Mitarbeiter ihre Talente freisetzen und in das Projekt investieren können.

CW: Ist es in der Praxis nicht so, dass noch immer viele Manager ihren Machtanspruch aus der Anzahl der Köpfe ihres Teams ableiten?

ENGLISCH: Das ist sicher ein schwieriger Punkt, da die Strukturen in den meisten Unternehmen tatsächlich immer noch auf Macht aufbauen. Aber das wird sich ändern, denn die junge Generation lernt, mit Unsicherheit, Risiken und Selbstverantwortung zu leben. Für sie passen die alten Kontrollmechanismen nicht mehr.