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06.07.1984

Manege frei für die Informatik-Show

Johann A. Makowsky

Senior Research Associate, Computer Science

Department, Technion, Institute of Technology, Haifa

Versuche, Algorithmen patentieren zu lassen, sind bisher gescheitert. Aber die Informatikpriester teilen sich schon in Sekten, zwischen denen Wissen nur beschränkt ausgetauscht wird. Dieselben mathematischen Methoden werden in Datenbanken, Computergrafik, Betriebssystemen und Software Engineering angewendet, aber jede Gruppe glaubt, daß sie das Ei des Kolumbus für sich gefunden hat. Neue Spezialgebiete werden geschaffen und sofort an den Universitäten, ja selbst an Mittel- und Berufsschulen als Teilfächer eingeführt oder in Forschungs- und Entwicklungskreisen als Special Interest Groups etabliert.

Die Informatikforschung krankt an Verzettelung und droht, sich im Detail zu verlieren. Diese Krankheit ist zudem ansteckend und infiziert die Bildungszweige auf allen Ebenen. Es gibt selbstverständlich Gegentendenzen und löbliche Ausnahmen, aber verschiedene Kräfte zwingen die neue Zunft zu populistischen und/oder segregationistischen Tendenzen. Andere Sekten bilden sich um die großen Industrieforschungszentren wie IBM, Xerox und Bell Telephone. Man versucht zwar, die Türen offenzuhalten, aber Konkurrenzangst hindert den freien Wissensaustausch, sobald ein verkäufliches Produkt in Reichweite gerät.

Massenkonferenz

Am besten sieht man die Symptome dieser Krankheit an dem breiten Spektrum von wissenschaftlichen und pseudowissenschaftlichen Konferenzen, die als eigener Industriezweig einen Teil des Computergeschäfts ausmachen. Im Gegensatz zu Mathematikkonferenzen sind auch die theoretischsten der Informatikkonferenzen gewinnbringende Unternehmen, bei denen die Forschungsindustrie, die Verlage und die Hotels eine neue Atmosphäre schaffen. Vorträge werden von Organisationskomitees vorzensiert, und nicht immer werden die wissenschaftlich besten Beiträge ausgesucht, sondern Moden und Cliquenzugehörigkeit spielen eine gewisse Rolle.

Man rechtfertigt die Vorzensur mit dem Überangebot an Vorträgen und der Begrenztheit von verfügbarer Zeit und Räumlichkeiten. Da diese Konferenzen von bestimmten Sekten dominiert sind, machen diejenigen, die nicht zum Zuge kommen, eben ihre eigene Konferenz. Die Übergänge sind natürlich gleitend, und es gibt einige periodisch stattfindende Konferenzen, die bei fast allen Informatikern Ansehen genießen.

Was in der reinen Forschung nur Randprobleme sind, das wird im Bereich der organisierten Allgemeinbildung zum Kernproblem. Ich meine die Anwenderkonferenzen, die sich allgemeiner Beliebtheit erfreuen. Dabei handelt es sich eigentlich um Informatikmessen, thematisch um eine Produktlinie der Hard- und Software (Digital oder Unix) gruppiert, wo Wissenschaft, Marketing und Showbusiness fröhlich durcheinandergeraten. Spitzenforscher werden zu hohen Honoraren als Hauptredner verpflichtet (This conference features Leonhard Euler, the worldchampion in Arithmetic). Politiker werden als Key Note Speaker vorgeführt (Herr X hat sich für die nächste Wahl die Stimmen der Roboter gesichert). Und Verwaltungsratspräsidenten halten die Tischreden beim 100-Mark-Bankett (Unsere Firma wird das 21. Jahrhundert bestimmen). Verlage buhlen um Autoren (Wir verlegen die meistgekauften Bücher). Die Vorträge sind zum Teil Erlebnisberichte der Kunden (die von den Produzenten für die Qualitätskontrolle- ihrer Produkte gebraucht werden), Kurse zum Benützen neuer Produkte (Betriebssysteme, Homecomputer), Lobpreisungen der Produkte von akademischer Seite (Gauss rechnet nur auf IBM) und wissenschaftliche Vorträge, die nur von den wenigsten verstanden werden, aber das Prestige fördern. Das Ganze dient auch dem Erfahrungsaustausch unter den Usern, die dabei lernen, daß sie alle ähnliche Probleme haben, ohne sie deshalb besser zu verstehen. Dieser letzte Aspekt weckt die Erinnerung an Massenkonferenzen gewisser Psychotherapiegruppen.

Ich schildere das alles so abschätzig, weil ich die Gefahren betonen will, die diesem Zirkusbetrieb innewohnen. Natürlich ist die Idee einer Anwenderkonferenz nicht an und für sich schlecht und gefährlich - im Gegenteil. Aber so wie Fußballfanclubs die Qualität des Spiels ihrer Lieblinge nicht kritisch beleuchten, sondern nur emotional, so ist meiner Meinung nach eine Unix-Messe nicht das geeignete Mittel, den Usern nahezubringen, warum den Autoren dieses Betriebssystem der Turing-Preis zugesprochen worden ist.

Brett vorm Kopf

Diese Messen fördern nicht das Verstehen, sondern das Nachplappern, Nachäffen und das emotionale Zugehörigkeitsgefühl der User-Gemeinschaft im Sinne der Theorie Z *. Man überträgt das Ethos der Firma auf die potentiellen Kunden, um sie damit zu binden. Man verkauft Ansteckknöpfe mit Unix ("I love Unix" registered Trademark of Bell Telephone) als ein Brett vor dem Kopf und entmündigt damit die Menschen, die noch nicht gelernt haben, wirklich für die Zukunft zu lernen. Die Transparenz, die eigentlich eine Anwenderkonferenz auszeichnen sollte, geht in diesem Showgeschäft verloren.

*William Ouchi, Theory Z, Aron, New York 1982 "Nicht die Einstellung der Manager den Angestellten gegenüber, nicht nur die Einstellung der Angestellten zu ihrer Arbeit, ihre Befriedigung und Leistungsfähigkeit, sondern die Einstellung des Individuums zu seiner Firma ist der springende Punkt . . . Das Überleben von Individuen in einer Organisation ist bestimmt durch den Grad ihrer Akkulturation an das Ethos der Firma" (J. A. Makowsky).

(Aus "1984: Brave New World", Johann Makowsky, Kursbuch 75, Computer-Kultur, Kursbuch Verlag GmbH, Berlin)