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13.11.1987 - 

Stärker als der Arbeitsmarkt ändert sich die Arbeitsplatzstruktur:

Mangel an Qualifikation statt an Arbeitsplätzen

BASEL - Personalmangel zusammen mit Qualifizierungsbedarf bestimmen als Schlüsselbegriffe die 90er Jahre, sagt Chef-Prognostiker Hans Barth, Mitglied der Geschäftsleitung der Prognos AG in Basel voraus. Im eigenen Interesse sollten deshalb die Unternehmen betriebliche Weiterbildung forcieren.

Die häufig zu hörende These, zwischen Wachstum und Beschäftigung habe eine Entkopplung stattgefunden, da der Produktivitätsfortschritt eine Eigendynamik gewonnen habe, mit der die Produktion immer weniger Schritt halten könne, findet im empirischen Befund keine Stütze. Die Arbeitsproduktivität ist in der Bundesrepublik ebenso wie in der Schweiz und in Österreich im bisherigen Verlauf der achtziger Jahre nicht stärker, sondern schwächer gestiegen als in den siebziger oder gar in den sechziger Jahren.

Wie sich die gesamtwirtschaftlichen Arbeitsmarktbedingungen in den neunziger Jahren darstellen werden, ist daher zum einen von den Wachstumsperspektiven abhängig und zum anderen vom künftigen Erwerbspersonenpotential.

Skepsis gegenüber technischem Fortschritt

An Argumenten, die für eine skeptische Einschätzung der Wachstumsperspektiven sprechen, fehlt es nicht - angefangen mit Schwierigkeiten beim Export über Sättigungstendenzen auf vielen Märkten bis hin zu der Notwendigkeit, mit Rohstoffen und Energie sparsamer umzugehen und die Umwelt weniger zu belasten. Es gibt jedoch keine fest vorgegebenen Wachstumsgrenzen; mit der Durchsetzung neuer Produkte und neuer Fertigungsverfahren lassen sich sichtbar werdende Grenzen vielmehr immer wieder ein Stück hinausschieben. Von der finanziellen Seite her haben sich die Voraussetzungen für eine verstärkte Innovationstätigkeit in den letzten Jahren zweifellos verbessert: Der Kostendruck ist nicht mehr so stark wie in der ersten Hälfte der achtziger Jahre, der Staat beteiligt sich stärker an den Innovationsrisiken, und wer Kredit für Investitionen aufnimmt, bekommt ihn zu niedrigeren Zinsen.

Ein Problem in diesem Zusammenhang ist ohne Zweifel, daß sich in weiten Kreisen der Bevölkerung mit dem technischen Fortschritt nicht nur Hoffnungen, sondern auch Ängste verbinden: Die Sorge etwa, durch verstärkten technischen Fortschritt würden mehr und mehr Arbeitnehmer an den Rand gedrängt, weil sie nicht die erforderliche Qualifikation mitbringen, ist ohne Zweifel ernst zu nehmen. Die Folgerung kann jedoch nicht lauten, den technischen Fortschritt aufzuhalten, sondern sie muß darin bestehen, die notwendige Qualifikation nach Kräften zu fördern.

Generell werden die neunziger Jahre voraussichtlich durch folgende wirtschaftliche Grundtendenzen bestimmt sein:

- Im Zuge des Wandels der Wertvorstellungen werden sich die bereits heute erkennbaren Veränderungen im Erwerbsverhalten und im Ausgabeverhalten fortsetzen. Die Erwerbsbeteiligung der Frauen wird weiter steigen, die durchschnittliche Arbeitszeit je Beschäftigten wird bei flexibleren Arbeitszeitregelungen weiter sinken. Das Ausgabeverhalten wird durch ein steigendes Qualitätsbewußtsein und ein zunehmendes Umweltbewußtsein geprägt sein; Freizeitausgaben werden stärker in den Vordergrund treten.

- Der technische Fortschritt wird sich sowohl aus Gründen des Innovationsdrucks wie aus Gründen der Innovationsmöglichkeiten verstärken. Die Arbeitsproduktivität wird damit

wieder etwas höhere Zuwachsraten aufweisen, und die Sättigungsgrenzen werden hinausgeschoben.

- Mit der fortschreitenden internationalen Arbeitsteilung werden die Schwellenländer weiter an Boden gewinnen, und die Konkurrenz aus den anderen Industrieländern wird scharf bleiben. Das technologische Know-how wird damit als Wettbewerbsfaktor noch mehr als bisher in den Vordergrund treten.

Ausgehend von diesen wirtschaftlichen Grundtendenzen ist das mittelfristige gesamtwirtschaftliche Wachstum in der Bundesrepublik auf etwa 2,5 Prozent im jährlichen Durchschnitt zu veranschlagen. In Österreich dürfte es eine ähnliche Größenordnung erreichen, in der Schweiz mit annähernd 2 Prozent etwas darunter bleiben. Bei der zu erwartenden Produktivitätsentwicklung wird der Personalbedarf insgesamt damit in der Bundesrepublik und in Österreich voraussichtlich eine leicht steigende, in der Schweiz hingegen eine leicht fallende Tendenz zeigen.

Demgegenüber wird das Erwerbspersonenpotential - das Arbeitskräfteangebot also - in allen drei Ländern in den neunziger Jahren zurückgehen, am stärksten in der Bundesrepublik Deutschland. Ausschlag gebend dafür ist, daß erheblich weniger Jugendliche nachrücken.

Stellt man das voraussichtliche Angebot an Arbeitskräften der voraussichtlichen Nachfrage gegenüber, dann ist im Verlauf der neunziger Jahre mit einem deutlichen Wandel der Arbeitsmarktsituation im ganzen zu rechnen. In der Bundesrepublik dürfte sich die Zahl der Arbeitslosen mehr als halbieren, und die Schwierigkeiten, qualifizierte Kräfte zu finden, dürften sich hier wie auch in Österreich und der Schweiz vergrößern (siehe Tabelle).

Noch stärker als die Arbeitsmarktsituation wird sich die Arbeitsplatzstruktur ändern:

- Der sektorale Strukturwandel wird im ganzen gesehen weiter zu Lasten der Primärproduktion (Landwirtschaft, Bergbau) und auch des sekundären Sektors (Industrie, Bauwirtschaft) gehen. Gewinner ist der Sektor "Nachrichten". Innerhalb der Sektoren wird der Strukturwandel eher noch ausgeprägter sein als zwischen den Sektoren. Der internationale Wettbewerb, der technische Fortschritt, Veränderungen in der Anzahl und in der Altersstruktur der Bevölkerung sowie im Ausgabeverhalten sind dabei die treibenden Kräfte. Schon damit ändert sich die Arbeitsplatzstruktur.

- Sie ändert sich ferner, weil die neuen Techniken - allen voran die Automations- und Steuerungstechniken sowie die Informations- und Kommunikationstechniken - neue

Anforderungen an die Beschäftigten auf den jeweiligen Arbeitsplätzen stellen, weil sie deren Tätigkeiten inhaltlich verändern. Neben den manuellen Tätigkeiten in Produktion Lagerung und Transport werden auch einfache Tätigkeiten in Büro und Verwaltung an Bedeutung verlieren. Dafür werden dispositive Tätigkeiten sowie kontrollierende und regelnde Tätigkeiten an Bedeutung gewinnen, ebenso betrachtende und betreuende Tätigkeiten.

Die verbreitete Meinung, daß der technische Fortschritt überwiegend zu einer Dequalifizierung führe, ist empirisch nicht haltbar. Denn wie sich zeigt, stellen die Tätigkeiten, die an Bedeutung gewinnen, im allgemeinen höhere Anforderungen an die Qualifikation der Beschäftigten als die Tätigkeiten, die an Bedeutung verlieren. Dementsprechend wird sich das durchschnittliche Ausbildungsniveau künftig weiter nach oben verschieben. Das darf freilich nicht zu dem Mißverständnis verleiten, daß sich die Höherqualifizierung von selbst einstellt. So wie der quantitative Wandel der Arbeitsplatzstruktur die Anpassung der Unternehmen und der Beschäftigten an die Veränderungen der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und technischen Gegebenheiten voraussetzt, so bedingt auch der qualitative Wandel der Arbeitsplatzstruktur Anpassungsfähigkeit und -bereitschaft.

Festzuhalten bleibt bei allen prognostischen Unsicherheiten im Detail: Die Tendenz am Arbeitsmarkt wird erstens hin zu höherqualifiziertem Personal und zweitens hin zu flexibler einsetzbarem Personal gehen. Das hat. sowohl für die Erstausbildung als auch - und vor allem - für die berufliche Weiterbildung bedeutende Konsequenzen.

In der Erstausbildung muß verstärkt dem absehbaren Wandel in den überkommenen Berufsbildern Rechnung getragen werden. Das bedeutet zum einen, daß es nicht genügt, die Auszubildenden nur in einigen Spezialberufen mit dem Einsatz der neuen Techniken vertraut zu machen, sondern daß dies in der Breite geschehen muß. Zum anderen gilt es, die jeweiligen Ausbildungsordnungen so zu gestalten, daß spätere Übergänge zwischen verwandten Berufen möglichst erleichtert werden. Tätigkeitsfeldbezogene Ausbildung lautet hier das Stichwort. Auch sollte möglichst großer Wert auf die Vermittlung von sogenannten Schlüsselqualifikationen gelegt werden.

Allein aus dem Nachwuchs, der die neueste Ausbildung mitbringt, werden die Unternehmen den Bedarf an Arbeitskräften, die mit den neuen Techniken umgehen können, allerdings immer weniger decken können. Die durchschnittliche Jahrgangsstärke der 15- bis 20jährigen wird in den neunziger Jahren stark zurückgehen.

Die berufliche Weiterbildung des vorhandenen Personals wird folglich einen zunehmend höheren Stellenwert erlangen. Betriebliche wie überbetriebliche Weiterbildungsmaßnahmen und -programme müssen vor diesem Hintergrund im ureigenen Interesse der Unternehmen liegen. Breit gefächerte Weiterbildungsangebote und eine bessere Abstimmung zwischen der Personal- und der Investitionsplanung sind nicht zuletzt auch wichtige Wege, Verunsicherungen der Belegschaften und daraus resultierende Widerstände gegen den technischen Fortschritt abzubauen.