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30.09.1983 - 

DRET startet mit Größtrechner gegen Cray, CDC und IBM:

Marisis soll Frankreich Unabhängigkeit bringen

Von CW-Mitarbeiter Egon Schmidt

Frankreich, traditionell auf Unabhängigkeit ebenso bedacht wie auf nationales Prestige, hat einen neuen Jumbo auf Kiel gelegt. Der Rechner soll 200 Millionen Gleitkommaoperationen pro Sekunde leisten und nach heutigem Zeitplan etwa 1986/87 fertiggestellt werden. Damit wollen die Franzosen, die von Präsident Reagans etwas unberechenbarer Embargopolitik auf dem Felde fortschrittlicher Techniken unlängst noch zusätzlich irritiert wurden, ein Stück Unabhängigkeit von den USA und deren Riesen-Rechner-Produzenten Gray, Control Data und IBM erreichen.

Der 200-Megaflop-Computer Marisis soll als Vektor-Rechner zum Preise von einigen Hundert Millionen Francs also vor allem gegen Rechner wie Cray 1 oder Cyber 205 ausgespielt werden. Die Haupttriebkraft hinter diesem Projekt kommt denn auch aus dem französischen Verteidigungsministerium, repräsentiert in Gestalt seiner Forschungsabteilung DRET. Dort ist man ganz besonders darauf bedacht in Fragen nationaler Eigenständigkeit nicht immer wieder bloß hoffen zu müssen, daß die Amerikaner wohl keine Schwierigkeiten machen werden.

Größtrechner wie der geplante Marisis dienen vor allem dem Modellieren höchst komplexer Phänomene auf Gebieten wie Meteorologie, Aerodynamik, Hydrodynamik, Strömungsmechanik, Kernphysik, Plasmaphysik. Bereiche also, deren militärischer Aspekt nicht weiter erläutert zu werden braucht, die aber auch wichtige zivile Seiten aufweisen.

Hier gibt es genügend zu rechnen: Allein die Bearbeitung einer typischen Fragestellung aus der Kernphysik beispielsweise verlangt die Behandlung von 1013 arithmetischen Gleichungen. Und dafür reichen 100-Megaflop-Maschinen wie die Cray oder die Cyber gerade so hin, zumal 100 MFlops lediglich der maximale, theoretisch erreichbare Wert ist.

Parallel-Architektur gegen thermische Probleme

Folgt man einer ausführlichen Diskussion des Projekts Marisis im französischen Wissenschaftsblatt "Sciences & Avenir" (Nr. 438, S. 42 - 49, 1983), so haben die Professoren Jacques-Louis Lion (vom College de France) und Andre Rousset, die maßgeblich an der Konzeption von Marisis beteiligt sind, die Idee einer schnellen Pipeline-Architektur "a la Cray" verworfen, da hier schwierige thermische Probleme aufzutreten drohen, denen man sich jenseits des Rheins (im Alleingang) scheinbar doch nicht so recht gewachsen fühlt. Aber man sah einen Ausweg: Marisis wurde als Parallel-Maschine konzipiert, denn "auf dem Feld der parallelen Architekturen haben wir (in Frankreich) keinen großen Rückstand", wie Rousset erläuterte. "Diese Technologie gibt uns eine gute Gelegenheit, große Leistungen zu erzielen."

Aus diesem Konzept resultiert auch der Name: Marisis ist ein Zwitter, bestehend aus den Rechnern Marianne (Multiprocesseur A Reseau d'Interconnexion pour l'Analyse Numerique) und Isis.

Im Konzept der Professoren Lions und Rousset dient Marianne als koordinierender Überwacher einer bestimmten, Zahl von Isis-Maschinen die sich als 64-Bit-Vektorrechner darstellen.

Für den neuen nationalen "Ordinateur" (wie man in Frankreich zu unserem guten deutschen "Computer" sagt) wurden in der Konzeptionsphase die Bauprinzipien "Mimd" und "Simd" gewählt, wobei diese Kürzel für Multi (beziehungsweise Single) Instruction Multiple Data stehen.

Schwieriger ist die Konstruktion des Mimd-Rechners, bei dem ja, wie der Name sagt, die Rechenaufgabe in nicht identische Teile zergliedert wird, die dann simultan, aber voneinander unabhängig mit unterschiedlichen Datenarbeiten.

Folgt man der Darstellung in "Sciences & Avenir", so besteht jede Isis-Maschine aus mehreren Prozessoren und soll als Simd-Rechner etwa 100 MFlops leisten. Diese Isis-Rechner werden nun gruppenweise Marianne unterstellt und im asynchronen (Mimd-)Modus betrieben, was dann letztlich zur angestrebten Leistung von 200 MFlops führen soll.

Das Projekt Marisis ist im übrigen flexibel angelegt. Die Zahl der Prozessoren einer Isis-Maschine kann zwischen acht und 64 liegen, und wahlweise können acht oder 16 Isis zur übergeordneten Einheit Marisis gruppiert werden Faktisch sollen in einigen Jahren mehrere Marisis-Rechner produziert werden, zugeschnitten jeweils auf bestimmte Aufgabenschwerpunkte .

Doch ob dann, wenn die ersten Marisis-Rechner einsetzbar sein werden, das ganze Konzept immer noch die Faszination ausstrahlen wird, die heute nicht nur bei den Professoren Lions und Rousset spärbar ist? Schon haben sich im eigenen Lande kritische Stimmen hören lassen, die fürchten, angesichts neuer Projekte amerikanischer (und japanischer) Hersteller dürften 200 MFlops bald nichts Besonderes mehr sein und Marisis technisch obsolet werden, ehe das Programm seinen Lauf beginnt.