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Software-Trojaner sollen Lizenzpolitik zum Durchbruch verhelfen

MAS-90-Anwender sind sauer auf Brain International

03.12.1999
MÜNCHEN (bs) - Mit fragwürdigen Praktiken stellt Brain International seine Lizenzpolitik für "MAS 90" derzeit auf Named User um. Dazu wurde Kunden unter dem Deckmantel von Datum-2000- und Euro-Patches Software installiert, die ihnen das neue Lizenzmodell aufzwingt.

Am liebsten präsentiert sich die aus Rembold + Holzer und BIW hervorgegangene Softwareschmiede Brain International als Partner des Mittelstands. Das mag für die Funktionalität und das engmaschige Servicenetz auch noch zutreffen. Doch in puncto Lizenzpolitik erlebt ein Teil der rund 350 MAS-90-Kunden, die 1998 von IBM übernommen wurden, ein weniger partnerschaftliches Vorgehen: Mitten in der heißen Phase der Umstellung auf das Datum 2000 sowie der Einführung der EU-Währung verschicken MAS-90-Anwendungen seit dem 1. September Meldungen an ihre User: "Das System wird innerhalb von 30 Tagen für alle unbrauchbar, wenn nicht ein bestimmtes Patchfile (PTF) installiert wird, das die Lizenzberechnung innerhalb des Systems umstellt." Konkret: Meldet sich bei einem Unternehmen, das eine 30-Benutzer-Lizenz erworben hat, ein 31. Anwender an, legt das eingeschleuste Programm die MAS-90-Software lahm.

Das wollen sich Kunden nicht gefallen lassen. In einem offenen Brief wandte sich jetzt Klaus Höling, DV-Leiter bei Sennheiser Electronic in Wedemark, an die AS/400-User-Vereinigung Common. Darin ruft er zum Protest gegen die Art und Weise auf, wie Brain eine geänderte Lizenzpolitik durchsetzen will: "Selbstverständlich halten wir uns an Verträge und haben gegen eine Prüfung vor Ort auch nichts einzuwenden", schreibt Höling in der Mitgliederzeitschrift "Common Info" 5/99, Seite 16. Sennheiser hatte sich mit Brain schon Ende letzten Jahres über einen Nachkauf von Lizenzen geeinigt.

Doch daß das Softwarehaus nun mit Hilfe eines "trojanischen Pferdes" Systeme unbrauchbar machen will, wenn nur ein Benutzer mehr als vereinbart damit arbeiten sollte, sei nicht akzeptabel. Zudem sei der Brief, mit dem Brain auf die Unbrauchbarkeit des Systems bei Lizenzüberschreitung hinwies, erst drei Tage nach der ersten Systemmeldung eingetroffen. Höling: "Wir haben Brain aufgefordert, den Trojaner zu entfernen, und darauf aufmerksam gemacht, daß wir Regreßansprüche stellen, falls es zu irgendwelchen Problemen mit unserer MAS-90-Umgebung kommen sollte."

Für Peter Gagg, zuständig für Vertrieb und Marketing bei Brain, ist Sennheiser eine Ausnahme: "Es ist nicht unsere Firmenpolitik, bei Überschreitung der Lizenzen den Betrieb eines Kunden lahmzulegen." Probleme in der Absprache zwischen der Brain-internen Entwicklung sowie dem Vertrieb seien schuld an diesem Ausrutscher. Zudem sei es bei dem Unternehmen zu keinerlei Systemabstützen gekommen. DV-Leiter Höling berichtet jedoch von Unternehmen, bei denen der Trojaner für mehrstündige Ausfälle gesorgt habe.

MAS-90-Kunden hatten die Standardsoftware in der Regel nach einem von zwei unterschiedlichen Preismodellen von IBM erworben: entweder auf Basis von Concurrent Usern (Anzahl gleichzeitig am System angemeldeter Anwender, wobei die Zahl der namentlich in der Benutzerdatei eingetragenen potentiellen User höher sein kann) oder abhängig vom AS/400-Prozessor mit einer festgelegten Zahl von Anwendern ohne Namensnennung.

Damit soll nun Schluß sein: "Wir haben im Rahmen der Pflege für MAS, die bis 2003 garantiert ist, festgestellt, daß Kunden oft mit mehr Usern arbeiten, als im Vertrag mit IBM damals vereinbart wurde", argumentiert Brain-Mann Gagg. Ziel seines Unternehmens sei, das Named-User-Modell durchzusetzen. Deshalb habe man Kunden bereits Ende letzten Jahres dazu aufgefordert, die Zahl und Namen der tatsächlich mit dem System arbeitenden Anwender mitzuteilen.

Das hat die Total Feuerschutz GmbH aus Ladenburg auch brav getan: Die ursprünglich 22 User, die nach dem Prozessortypmodell damals von IBM für eine AS/400 P20 lizenziert wurden, sind auf 30 namentliche Benutzer aufgestockt worden, zum stolzen Preis von 4800 Mark pro Anwender. "Daß ein 31. somit nicht mit dem System arbeiten kann, ist nachvollziehbar. Aber daß die Anwendung für alle nicht verfügbar ist, wenn die maximale Nutzerzahl überschritten wird, ist eine Frechheit", macht sich Klaus Vorberger, DV-Leiter bei Total Feuerschutz GmbH in Ladenberg, Luft.

Aus Sicht von Karl-Heinz Bensing, DV-Leiter Dunlop Tech, Hanau, ist die Vorgehensweise von Brain ein einseitiger Vertragsbruch. Dunlop Tech setzt seit zwei Jahren alle Module von MAS 90 ein und hatte bei IBM eine Lizenz für 95 Concurrent User erworben. Namentlich sind in der Kennwortdatei aber rund 150 Benutzer eingetragen, dazu gehören Aushilfskräfte und Gelegenheitsanwender. Der Vorschlag von Brain lautete, 55 User-Lizenzen zu einem Sonderpreis von 1000 Mark pro Benutzer nachzukau-fen: "Bei uns arbeiten nie mehr als 95 User gleichzeitig, das haben wir über einen langen Zeitraum gemessen", erklärt Bensing. "Wir erfüllen damit die Bedingungen des mit IBM geschlossenen Vertrags." Brain solle lieber diese alten Verträge eingehend prüfen, denn schließlich habe das Unternehmen beim Kauf von MAS 90 nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten übernommen.

"Wir hätten die drastischen Maßnahmen nicht getroffen, wenn sich die Anwender auf unsere Brief- und Telefonaktion hin gemeldet hätten", versucht Gagg die eingeschleuste Software zu erklären.

Schützenhilfe erhalten die verärgerten MAS-90-Anwender von Reginald Alberth, Technischer Director von Common: "Brains Vorgehensweise ist nicht richtig." In dieser Woche will er Kontakt mit dem Hersteller aufnehmen und zwischen dem Anbieter und den MAS-90-Anwendern vermitteln. Alberth sieht allerdings seine früheren Befürchtungen bestätigt: "Brain hat MAS 90 nur übernommen, um die Kunden auf ,Brain AS'' hinüberzulocken."

Bei den DV-Chefs von Sennheiser, Total und Dunlop muß Vertriebs-Manager Gagg allerdings ein ganzes Stück Überzeugungsarbeit leisten, um sie von einer Migration auf eine Software aus seinem Hause zu überzeugen: Alle drei denken bereits über Alternativen nach.