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15.06.1979

"MAS kann in seiner Philosophie Branchen nicht abdecken"

Herr Pühlhorn, die H. Siegfried Pühlhorn Unternehmensberatung erscheint nicht in der SCS-Aufstellung der führenden deutschen Beratungsunternehmen, ärgert Sie das?

Nein.

-Sie sehen daraus keinen Nachteil entstehen?

Nein.

-Leben Sie schon von der Mund-zu-Mund-Propaganda so gut?

So ist das.

þWerbung dieser Art haben Sie nicht nötig?

Nicht nötig wäre überheblich. Aber:

Wir halten unser Marketing-Konzept für richtig und legen keinen Wert auf Umsatzangaben in irgendwelchen Reihenfolgelisten. Wir machen unser Geschäft seit 1962 - es hat sich immer kontinuierlich aufwärtsentwickelt - und das genügt uns.

þWomit machen Sie denn Ihr Geschäft?

Wir haben einerseits eine Beratungsgruppe, mit der wir Marketing-Beratung machen: Systemauswahl, Software-Revision, praktisch Unternehmensberatung im klassischen Sinne, wie der BDU das auch katalogisiert hat, und auf der anderen Seite haben wir unser Beratungs-Know-how sozusagen auf Magnetplatten gebannt. Vor allem Beratungs-Know-how, das den Sektor integrierte Informationssysteme branchenorientiert umfaßt.

þ. . . und vor allem bemüht sich Pühlhorn darum, Nachbesserungen in IBMs MAS vorzunehmen?

Nicht Nachbesserungen. Denn - und das ist meine Meinung seit es MAS gibt - MAS kann in seiner Philosophie Branchen nicht abdecken. Denn man kann nicht sagen, Branche ist Industrie, ist Handel. Wir zum Beispiel unterscheiden allein in der Möbelindustrie nach Küchenmöbelindustrie, Polstermöbelindustrie und Kastenmöbelindustrie. Die Problemen in der Auftragsabwicklung, in der Fertigungssteuerung, die sind so unterschiedlich, daß ein System, das jetzt den Kastenmöbelbereich abdecken mag, im Polstermöbelbereich erhebliche Anpassungen erfahren müßte. Deswegen hat IBM zweifelsfrei mit Anpassung jeglicher Art zu rechnen, bis hin zum Extrem, daß der Kunde einfach nicht anpaßbar ist.

þWie hoch schätzen Sie bei MAS den durchschnittlichen Anpassungsaufwand?

Die Frage sollten Sie an IBM richten. Die haben sicherlich genaue Zahlen darüber.

þAber Sie kommen wegen der Differenz ins Geschäft.

Ja, das ist richtig. Wir haben ja diesen Branchware-Gedanken schon immer verfolgt, wir sind Branchenberater. Wir haben gesagt, man kann als Unternehmensberater nicht in allen Branchen zu Hause sein.

þDann sehen Sie es eigentlich als aussichtsloses Unterfangen der IBM, hier die Branchenproblematik in einem solchen modularen Grundgerüst einfangen zu wollen?

Ich halte es von der Gesamten Organisationsphilosophie her für nicht machbar. Wir sehen in all den Fällen, in denen wir Branchware zusammen mit IBM-Produkten einsetzen; daß MAS schon eine Berechtigung hat, wenn einer eine ganz einfache Fakturierung braucht...

þKönnte man sagen: IBM für Bedürfnislose?

Hahaha...

þ. . . und Anspruchsvolle wenden sich an das Softwarehaus?

Es ist einfach so, daß Branchware eigentlich keine Software, sondern mehr als Software ist, weil wir sagen: Branchware gliedert sich in drei Ebenen, die Hardware-Ebene, die Orgware-Ebene und die Software-Ebene. Und wenn heute einer einfach eine Fakturierung haben will und Lohn, soll das MAS machen.

þGibt's so einen Fall - mal einfach eine Fakturierung? Jedes Unternehmen ist ja doch irgendwo ein individueller Betrieb einer bestimmten Branche? Und MAS ist doch nicht für Spielfirmen geschaffen worden, die nur auf dem Papier existieren.

Nein, nein, das nicht, das wäre zu brutal formuliert. Aber Sie müssen davon ausgehen, daß es in einer Branche Betriebe unterschiedlicher Umsatzgröße ,gibt, und so wird ein Ein-Mann-Betrieb keine maschinelle Buchhaltung brauchen.

þMeinen Sie, solange einer mit einer Traditionskalkulation auskommt, könne er auch in MAS machen?

Das MAS hat sicherlich seine betriebswirtschaftliche Berechtigung in kleineren und mittleren Betrieben. Es ist die Frage, wo hört der kleine Betrieb auf, wo fängt der mittlere an. Ich glaube aber, daß zum Beispiel ein Betrieb in der Industrie mit 500 Leuten, der im Wettbewerb steht, sich vielleicht in Teilbereichen aber nicht in der Gesamtlösung mit MAS zufriedengeben wird.

þWenn MAS so tief unten angesiedelt ist - ist dann nicht die Maschine, auf der es einsetzbar ist, für denjenigen, der es braucht, zu teuer?

Ich meine, derjenige, der da unten angesiedelt ist hat trotzdem die Probleme. Vielleicht ein kleines Arbeitsvorbereitungsprogramm, das einfach mit dem Tischrechner nicht abzuwickeln ist. Das MAS hat durchaus seine Berechtigung in diesen Fällen, in denen man also nicht viel an Unternehmenssteuerungssysteme denkt, an die gesamte Organisation die dem Programm vorläuft. Und MAS ist sicherlich eine sehr saubere Lösung.

þNun argumentiert aber IBM, daß gerade die kleinen Firmen einen höheren Komplexitätsgrad hätten, also wesentlich individueller seien. Gerade Kleine sind also so individuell, deshalb kann man gerade da Standardpakete alten Stils nicht einsetzen und braucht ein modular aufgebautes System, das sich den Problemen etwas feiner anpassen kann. Das ist der genaue Widerspruch zu dem, was Sie gerade sagten: IBM verkauft den Vorteil von MAS damit daß die herkömmlichen Standards nicht anwendbar seien. Sie sagten aber gerade, unten ging alles noch irgendwie recht einfach zu . . .

Ist das eine offizielle Meinung der IBM?

þJa. So wurde jetzt MAS II angekündigt.

Na gut, MAS II. Da müssen Sie aber schon differenzieren zwischen MAS für die /32, /34 und /38. Das hat zwar den gleichen Namen, aber das ist doch von der Maschinenanlage her schon in anderen Betriebsgrößenordnungen einzurichten.

þAber lassen Sie um noch mal zurückkommen zu der Problematik der Anpassung, zu der Aussage, ob feine, kleinere Module leichter angepaßt werden können?

Wenn Sie das Problem der Branche meinen - nein. Schauen Sie, wir kommen aus Nürnberg, da gab es früher die alten Zünfte, Zinngießer, Schlosser, Ledermacher und, und, und. Da ergeben sich durch die Produkte, die produziert werden , ProbIeme, die von Branche zu Branche unterschiedlich sind.

þWieviel Kongruenz erreiche ich mit der Standard-Branchenlösung zu mindest im Bereich der sogenannten Kernsoftware?

Wenn Sie von Buchhaltung, Lohn und Gehalt, Anlagenbuchhaltung sprechen, da werden Sie zwar auch Branchenunterschiede treffen, aber das ist

identisch.

þHerr Pühlhorn, wenn Sie jetzt sagen, Sie können nicht jeden Betrieb jeder Branche mit einem vorgefertigten Standard bedienen, dann reißen Sie ein neues Problem auf Dieses Problem heißt: Programmierung. Durch Standardisierung soll ja eine schnellere realisierung

von Anwendungen erreicht werden.

... das aber geht meiner Meinung nach nur über die Branche.

þAber wo nehmen Sie die Leute her die jetzt diese Programme erstellen?

Wir machen das wie die IBM. Die IBM hat Serienfertigung, und wir haben Subsysteme für analoge Komplexe.

þNun gibt es in jeder Branche Pioniere, die tatsächlich den Mann im Hause hatten, der das individuelle Branchenprogramm selber gestrickt hat. Der inseriert in der COMPUTERWOCHE: Ich habe eine schöne Lösung, könnt ihr euch bei mir anschauen. Er kann die Entwicklungskosten im Nachhinein wieder reinholen und das Paket wesentlich billiger verkaufen, eben über die Menge gehen.

Ich glaube nicht, daß eine handgestrickte Lösung, die Lösung eines einzelnen Betriebes, mustergültig sein kann für die Branche. So ein Paket kann meines Erachtens erst mal nur in einer wissenschaftlichen. Studie als gesamtes Konzept entworfen und nur als gesamtes Konzept realisiert werden. Was wir in der Praxis vorfinden, sind doch übertragene Federkiel-Organisationen. Das heißt, der Istzustand wurde step by step programmiert. Und wenn man den zehnten Schritt vollzogen hatte, mußte man den zweiten wieder ändern. Wir haben doch heute diese typischen Beispiele, daß Betriebe mit 900 Programmen nur 50 Prozent des Inhaltes abarbeiten, den ein Branchwaresystem mit rund 200 Programmen abarbeitet, weil es eben aus einem Konzept integriert, für die Branche konzipiert und realisiert ist. Und damit hängt zusammen, daß wir heute in der Industrie und im Handel immer noch riesige Rechner-Power- stehen haben Computerröhren in einer Dimension, weil da eben 900 Programme anstelle von 200 durch müssen.

þWas Sie als Federkiel-Organisationen bezeichnen, das kann eine organisch gewachsene, ausgezeichnete Sache sein. Erwarten Sie, daß der Kunde seinen Betrieb ändert, damit er Ihre Softwaremaschine reiten kann?

Auf keinen Fall, auf keinen Fall, das ist eine der übelsten Reden in unserer Branche. Man kann doch nicht Märkte verändern.

þAber: Die Uralt-Frage "make or buy" Standard- oder Individualprogramm haben Sie damit noch nicht hundertprozentig beantwortet. Letztendlich ist doch immer eine Anpassung erforderlich, 1 :1 -Umstellung geht fast nie, und wenn ich das vorhabe, komme ich wieder zu den 900 Programmen.

Das liegt vielleicht an meinem Unvermögen, mich klar auszudrücken. Das Problem ist auch zu komplex, um das in einigen dürren Worten darstellen zu können. Doch zur Frage make or buy: Heute kann es sich ein fortschrittlicher Betrieb, der noch nicht über ein schlagfertiges Instrumentarium der Unternehmensführung verfügt, leisten, ein solches stricken zu lassen. Die Märkte der achtziger Jahre werden viel zu hart, als daß sich heute noch ein fortschrittlicher Unternehmer, Vorstand oder Geschäftsführer von seiner EDV-Abteilung hinhalten ließe, daß das sogenannte Management-Informationssystem erst 1983 fertig sei.

þIst Branchware MIS?

Wir erheben nicht diesen Anspruch. Wir erheben jedoch den Anspruch, daß das Branchwaresystem für die jeweilige Branche, also zum Beispiel Getränkeindustrie, ein System ist, das der Führung des Betriebes ein management by exception ermöglicht.