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27.04.1984

Maschinisierung der Kopfarbeit - Vergesellschaftung der Arbeit?

Einer der Päpste der Künstlichen Intelligenz, Edward Feigenbaum, meint, die Maschinen der Fünften Generation seien nicht nur möglich, sondern unausweichlich. Computer werden nach seine Meinung die Bedeutung des geschriebenen Wortes übernehmen. Er sieht eine Zukunft wo Wissen höchster Qualität, nicht bloße Information, für jedermann an jedem Ort zu jede Zeit zugänglich sein wird. In Anspielung auf Adam Smith so kann man unterstellen, sagt seine Mitarbeiterin Pamela McCorduck: "It is a future where knowledge is the new wealth of nations."

Es kann dahingestellt bleiben, wie Feigenbaum sich da Verhältnis von Wissen und Wohlstand und vermittelnde Arbeit vorstellt, worin er den Unterschied zur klassische Mehrwertproduktion sehen mag. Eines scheint sicher: Es geht entscheidend um die Maschinisierung der Kopfarbeit. Das japanische Projekt kann nur verstanden werden, als epochaler Angriff auf jetzt noch lebendige geistige Arbeit. Vielleicht bricht über diesem Angriff und der Vision der allgegenwärtigen Logik-Computer der klassische Begriff von Arbeit und Arbeits-Gesellschaft zusammen, vielleicht nicht. Jedenfalls ahnt man, daß die Kritik der politischen Ökonomie für die Informationsverarbeitung immer dringlicher wird. Ist die Verarbeitung der Information schon so weit entfaltet, daß diese Kritik geleistet werden kann? Oder müssen wir uns noch mit Bruchstücken zufriedengeben?

Jedes Programm ist eine statische (nämlich textliche) Beschreibung einer Klasse dynamischer Prozesse (deren Besonderheit in der Verarbeitung von

Informationen dem reduzierten Niveau von Daten liegt). Der einzelne Prozeß wird aus seiner Klasse durch Festlegung von Parameterwerten ausgewählt. Er läuft ab, indem ein Computer das Programm samt der Werte der Parameter interpretiert. Was der Programmierer in die Beschreibung dieser Klasse dynamischer Prozesse aufgenommen hat und nicht aufgenommen hat, das legt die Bedeutungen fest, die Eingaben im Rahmen des interaktiven Programmlaufs erlangen können.

Die Partner, die über die kommunikative Schnittstelle in Verbindung treten, sind viel weniger der Computer und sein Bediener und der Programmierer. Mittel ihrer Kommunikation ist der Computer mit Programm. Dieses Mittel gibt der Kommunikation den verdrehten Schein der "Mensch-Maschine-Kommunikation".

Der Vorgang ist einfach genug und wird auch immer häufiger so oder ähnlich gesehen. Um so mehr muß erstaunen, daß gerade führende Vertreter der Zunft nicht müde werden, ihn in anthropomorphisierende Formen zu packen.

Das ist die nicht tot zu kriegende "Mensch-Maschine-Kommunikation", gelegentlich schlicht MMK genannt. Als "Symbiose" zwischen Mensch und Maschine oder gar als "symbiotisches Werkzeug" taucht sie auf. Fragt sich, wo da der Nutzen liegt, den das Werkzeug sich erhofft. Harmlos, geradezu technisch nimmt sich dagegen das "selbsterklärende Werkzeug" aus.

Und was einerseits Werkzeug, ist andererseits oder auch gleichzeitig wieder Partner, der ein inneres Modell reicht nur von sich selbst sein eigen nennt, sondern auch über den Menschen, seinen Partner, aufbaut. Der Computer wird aufgefordert, das Prinzip "Do what mean, not what say" zu befolgen.

Dabei schweige ich ganz von jenen Sorten von Intelligenz, die aus den Schnittstellen hervorbrechen, und von dem unmerklichen Übergang von Daten und Datenbanken zu Wissen und Wissensbanken, der - ahnt man es? - vielleicht auf der Jagd nach Forschungsgeldern beim Schielen nach Japan entsteht.

Kritik am Sprachgebrauch

Ich halte Kritik an solchem Sprachgebrauch nicht für müßig. Begriffsverwilderung geht der Begriffslosigkeit voraus, die durchaus mit gewaltigen Worten daherkommen, mag und doch nicht besser wird. Wenn eine Wissenschaft wie die Informatik zu derart einschneidenden Umwälzungen von Arbeit und Leben beiträgt, wie sich das abzeichnet, und wenn sie dabei einen so lässigen Umgang mit ihrer Begriffsbildung duldet oder gar fördert, so dient das - gewollt oder nicht - der Verschleierung wirklicher Verhältnisse und Veränderungen. Betrachten wir deshalb die "Mensch-Maschine-Kommunikation" noch einmal.

Es scheint relativ leicht zu sein, die Wurzel des falschen Bewußtseins auszumachen, das sich in der schiefen Begriffsbildung ausdrückt. Kommunikation scheint eine sehr frühe Errungenschaft der Menschheit zu sein. Der Dialog ist die Elementarform der Kommunikation. Das heißt nicht, daß er auch geschichtlich zuerst auftritt. Er weist jedoch alle Merkmale auf, die für Kommunikation notwendig sind. Er zeichnet sich ursprünglich durch eine Einheit von Ort, Zeit und Beteiligten aus. Schon durch das erste Mittel der Kommunikation, die Stimme, ist das bedingt.

Die Entwicklung der Kommunikation ist nun für sich betrachtet die Entwicklung ihrer Mittel, insbesondere ihrer technischen Mittel. Sie reißen die ursprüngliche Einheit in vielfacher Hinsicht auf, drängen sich zwischen die Beteiligten. Die Schrift hebt die Einheit der Zeit auf und ermöglicht eine zwar eingeschränkte Form der Kommunikation sogar mit vergangenen Generationen. Das Telefon hebt die Einheit des Ortes auf und erweitert die Kommunikationsmöglichkeiten potentiell auf alle Lebenden. Vielfach anders noch werden Ort und Zeit der Kommunikation erweitert.

Formel für gesellschaftlichen Prozeß

Der Computer als vorläufig letzte Stufe der Entwicklung der technischen Mittel der Kommunikation hebt auch die Einheit der Beteiligten auf: Sie werden verteilt, an ihrer Stelle wird "gedacht", statt ihrer wird "kommuniziert". Möglich ist dies durch die spezifische Eigenschaft des Computers, die Verarbeitung von Informationen in der Form von Daten. Das Mittel der Kommunikation ist hier nicht beschränkt auf die Weitergabe der Information bei (im wesentlichen) konstantem Informationsträger, sondern es ist in der Lage, eben diesen Träger, die Daten, zu verändern. Dies führt bei entsprechend fortgeschrittener Programmierung zu dem Eindruck, daß das Mittel der Kommunikation selbständig geworden, daß es selbst der Partner der Kommunikation geworden sei.

Der Vorgang besteht in Wahrheit aber darin, daß in der Regel ein Kommunikationspartner ("Benutzer") in einen mehrfach gebrochenen Dialog mit einer ganzen Gruppe von Partnern tritt. Diese wissen nichts von der konkreten Kommunikation. Sie haben in der Form von Programmen und Systemen von Programmen Fragen vorformuliert und Antworten als Daten oder algorithmisch gespeichert. Der Benutzer ruft sozusagen nur die eine oder andere Antwort aus einer eventuell großen Vielfalt, die unendlich sein mag, von Dialogen ab.

"Mensch-Maschine-Kommunikation" erweist sich als hilflose Formel für einen zutiefst gesellschaftlichen Prozeß.

Emanzipiert sich die Maschine?

Oder sehen diejenigen eben doch weit voraus in eine lichte Zukunft, in der Arbeit im wesentlichen Kommunikation bedeutet und der Reichtum aus dem Wissen entspringt - diejenigen, die anscheinend begrifflos Begriffe prägen? Blicken sie in eine Zukunft, wo Arbeit nur noch von Maschinen verrichtet wird und wo der Mensch sich dadurch reproduziert, daß er eine Maschine anleitet zu produzieren und zu diesem Zwecke ganz unverkrampft und natürlich mit ihr kommuniziert?

Emanzipiert sich die Maschine als Informationsmaschine von ihrer Kapitalform und führt den staunenden Arbeiter in eine Zukunft, die er nicht schaffen konnte?

Verrückte Gedanken, denkt man an die gleichzeitig stattfindende Debatte über die neue Analyse des Verhältnisses zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, an die Frage, ob die Produktivkräfte zum Teil vom Kapital unauslöschlich durchdrungen sind. Es gibt auch keinen wirklichen Grund, solchen Gedanken zu folgen. Denn Software (Programme) ist ihrem Charakter nach (Beschreibung informationsverarbeitender Prozesse) nichts anderes als "in technische Funktionsmechanismen gegossene Arbeitsorganisation". In ihr läßt sich also leichter als in anderer Maschinerie der hineingewobene Herrschaftsanspruch aufspüren.

Andre Gorz weist darauf hin, daß "die Automatisierung an sich gesellschaftlich ambivalent", daß "die Mikroelektronik eine offene Technologie sei". Die Vergesellschaftung der Arbeit ist bei der Maschinisierung der Kopfarbeit zum Greifen nahe. Auch der Widerspruch, in dem sie zu den kapitalistischen Eigentumsverhältnissen steht. Die "Mensch-Maschine-Kommunikation" entfernt den Produzenten noch weiter von seinem Produkt, das für ihn nur noch als Beschreibung existiert. Gleichzeitig öffnen sich durch diese Abstraktion bisher unerreichbare Arbeitsbereiche für ihn. Ist die Vergesellschaftung der Produktionsmittel eigentlich nicht überfällig?

* Frieder Nake lehrt Informatik an der Universität Bremen. Der gekürzte Beitrag (Schnittstelle Mensch/Maschine) wurde dem Kursbuch 75, Computerkultur, (Copyright Kursbuch-Verlag Berlin) entnommen.