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17.03.2008

Mathe - der Schrecken vieler IT-Studenten

Noch immer bricht jeder zweite Student das Informatikstudium ab - ungeachtet der verbesserten Jobaussichten. Ist das Fach zu schwer, oder haben die Studenten falsche Erwartungen?

Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer fand im Jahr der Mathematik deutliche Worte: Mathematik-Kurse würden an den Hochschulen immer wieder dafür genutzt, vermeintlich nicht geeignete Studierende früh aus den Studiengängen "hinauszuprüfen". "Überzogene und fachlich nicht notwendige Anforderungen an Mathematik-Kompetenzen sind ein Missbrauch, der beseitigt werden muss", forderte Scheer, der als Professor für Wirtschafts-informatik und Gründer des Software- und Beratungshauses IDS Scheer beide Seiten kennt.

Informatik: Professoren kämpfen gegen den Schwund

Zum ersten Mal seit 2003 haben sich wieder mehr Abiturienten entschieden, Informatik zu studieren: 30 325 Erstsemester bundesweit oder vier Prozent mehr als 2006. Professor Florian Matthes freut sich darüber allerdings nur ein wenig. Denn heruntergerechnet auf die einzelnen Hochschulen, macht sich dieser Zuwachs kaum bemerkbar. Als Dekan der Informatikfakultät der TU München konnte Matthes im vergangenen Jahr 181 Erstsemester begrüßen und damit vier Studenten mehr als 2006. Kein Vergleich mit dem Boomjahr 2000, als sich über 800 Neustudenten für Informatik an der TU München eingeschrieben hatten - von denen jedoch nicht einmal jeder zweite das Studium abschloss.

Praxis vom ersten Semester an

Geschrumpfte Anfängerzahlen, hohe Abbrecherquoten, lange Studienzeiten und ein Image als schweres, wenig praxisbezogenes Fach - als Dekan einer Informatikfakultät hat man an vielen Fronten zu kämpfen. Doch Matthes, der Software-Engineering betrieblicher Informationssysteme lehrt, nimmt den Kampf sportlich und verweist auf Etappensiege der vergangenen Jahre. Um die Abbrecherquoten zu reduzieren, führten die Münchner 2002 ein Eignungsfeststellungsverfahren ein. Seit die Bewerber aufgrund ihrer Noten und erst nach Gesprächen mit Studienberatern zum Informatikstudium zugelassen werden, beenden mittlerweile 70 Prozent das Studium.

Dennoch bleibt ein Schwund von 30 Prozent. Dazu Matthes: "Die meisten Abbrecher bleiben im Laufe des Studiums einfach weg. Wir kennen ihre Beweggründe im Einzelfall nicht. Einige wechseln an die Fachhochschule, weil ihnen das Studium an der TU zu hart ist." Wenn Matthes hart sagt, meint er die theoretischen, insbesondere die mathematischen Grundlagen des Fachs, die vielen zu erlernen und zu durchdringen schwerfallen. Seit die TU München im Jahr 2005 das Informatikdiplom durch das Bachelor- und Mastersystem ersetzt hat, hat sich auch hier vieles verändert. Empfanden davor viele Studenten insbesondere das Grundstudium als zu praxisfern, lernen sie heute schon vom ersten Semester an praktische Inhalte wie Software-Engineering, Datenbanken, Betriebssysteme und verteilte Systeme. Die Theorie wurde im Gegenzug gleichmäßiger auf die sechs Bachelor-Semester verteilt und im Bachelor-Studium auch reduziert: Im Master-Studium finden sich nur noch 25 Prozent der Theorie des vormaligen Diplomstudienganges wieder.

Mathematische Fächer wie diskrete Strukturen, lineare Algebra oder Analysis bleiben auch nach der Reform für so manchen Studenten ein Prüfstein. "Die Liebe zur Mathematik gehört ebenso wie ein abstraktes, logisches und systematisches Denken zu den wichtigsten Voraussetzungen, um das Studium zu schaffen", sagt Matthes. Wenn sich Bewerber schon mit Pisa-Aufgaben für die sechste Klasse schwertun, wie es sich manchmal im Eignungsgespräch zeigt, gebe ein Informatikstudium wenig Sinn.

Verschultes Studium

Den Vorwurf der langen Studienzeiten, die auch der Branchenverband Bitkom als eine der wichtigsten Ursachen für die hohen Abbrecherquoten nennt, sieht Matthes an der TU München als unbegründet an. Sechs Semester dauert es im Idealfall bis zum Bachelor, in München schaffen das auch drei Viertel, erklärt der Professor: "Unsere Studenten brauchen zwischen sechs und acht Semestern. Für uns ist es ein Erfolg, die Studienzeiten so kurz zu halten." Ein Grund dafür ist das im Vergleich zum Diplom verschultere Bachelor-Studium mit seinen regelmäßigen Prüfungen.

Neben der kurzen Studiendauer kann Matthes auch mit den vorderen Plätzen seiner Fakultät in diversen Hochschulrankings und dem Ruf der TU München als einer von Deutschlands ersten Eliteuniversitäten werben. Dazu kommt, dass die Studenten den vermittelten Stoff in kleinen Übungsgruppen vertiefen können. Doch der Weg zu einer höheren Zahl an Informatikabsolventen, wie sie die Wirtschaft fordert, ist noch lang. "Wir rechnen mit 100 bis 120 Informatik-Bachelor-Absolventen pro Jahr", prognostiziert Matthes. Angesichts dieser Zahlen wundert es nicht, dass der TU München derzeit die Absolventen aus den Händen gerissen werden.

Informatik-Forum: Diskutieren Sie mit!

Warum gibt es so viele Studienabbrecher im Studiengang Informatik? Was macht das Fach so schwer? Wir haben unsere Leser gefragt und viele Antworten bekommen. Hier einige davon. Wenn Sie uns Ihre Meinung dazu sagen möchten, können Sie das gerne tun - in unserem Informatik-Forum unter www.computerwoche.de/forum.

"Der Fehler lag schon im Ur-Beginn, als man verkappte und im eigenen Studium weniger erfolgreiche Mathematiker als Professoren für diese neue Studienrichtung einsetzte und die Lehrpläne mehr oder weniger einem abstrakten Mathematikstudium glichen."

"Die theoretische Ausrichtung macht das Studium nicht nur sehr viel schwerer als in anderen Ländern, vor allem führt es zu falsch ausgebildeten Informatikern. Für die Studenten führt die Ausbildung zu großem Frust, denn die Vorstellung von den eigentlich sehr schönen Berufsfeldern der Informatik wird in den vier Semestern lineare Algebra und anderen abgespaceten Theoriekursen bitter enttäuscht."

"Ein großes Problem ist, dass Informatikstudenten relativ einfach viel Geld (aus der Sicht eines Studenten) verdienen können, wenn sie sich autodidaktisch in einigen Bereichen Wissen angeeignet haben (zum Beispiel zu PHP, MySQL, CSS, Java Ajax o.ä.). Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie sich immer weniger Zeit fürs Studium nehmen."

"Heute hat jeder Gymnasiast einen PC und arbeitet auch damit. Dann ist er baff erstaunt, wenn er auf der Uni mit Java oder Compiler-Technologie konfrontiert wird."

"Mathematik beziehungsweise Fächer mit hohem Mathematikanteil wie Statistik oder theoretische Informatik werden als "Siebfächer" missbraucht, um die Studentenanzahl wieder der Studienplatzanzahl anzugleichen und einen gewissen Elitestatus zu rechtfertigen ("Bei uns schaffen es nur die Besten...").

Formeln wie Hieroglyphen

Sebastian Hager (Name von der Redaktion geändert) gehört zu denjenigen, die in Informatik "hinausgeprüft" wurden. Seinen erzwungenen Wechsel zum Studium der Wirtschaftsinformatik, das er im Sommer mit dem Bachelor abschließen wird, bereut er nicht. Erlebte er die Informatik doch als zu fixiert auf die mathematischen Grundlagen. Natürlich brauche man ein mathematisches Grundverständnis, aber "in manchen Bereichen wird über das Ziel hinausgeschossen. Da werden Verständnisse im Grundstudium erwartet, die Mathestudenten erst zu Beginn ihres Hauptstudiums erlangen."

Wie viel Mathe braucht ein angehender Informatiker? An der Frage scheiden sich die Geister. Einerseits weisen Hochschullehrer immer wieder darauf hin, dass ohne gute mathematische Kenntnisse und die Fähigkeit, abstrakt und logisch zu denken, das Informatikstudium nicht zu schaffen sei (siehe Artikel: "Informatik: Professoren kämpfen gegen den Schwund"). Roland Dreyer liest an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste in einem technischen Aufbaustudiengang physikalische Grundlagen und Elektrotechnik und sieht in den fehlenden Mathematikkenntnissen den Grund, warum viele Studenten scheitern: "Selbst einfachste Arithmetik-Aufgaben (Multiplikation, Division) machen erhebliche Schwierigkeiten. Formeln werden wie Hieroglyphen wahrgenommen. Schon die Umkehrung der Leistungsformel P=U^2/R ist eine unnehmbare Hürde, weil die Studenten mit Wurzel ziehen überhaupt nichts anfangen können."

Andererseits zweifeln viele Praktiker den Nutzen des mathematischen Wissens für Informatiker im Berufsalltag an. Zum großen Teil arbeiten Informatiker in Software- und Systemhäusern und in den IT-Abteilungen der Anwenderunternehmen. Letztere brauchen IT-Profis, die die Prozesse in den Fachabteilungen verstehen und sie mit entsprechenden Anwendungen verbessern. Algorithmen und Datenstrukturen tauchen da bestenfalls als relationale Datenbanken und SQL oder XML auf - so die Erfahrung von Stephan Haux, der selbst Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Informatik studierte und heute als Product Manager beim Archivierungsspezialisten Iron Mountain Digital arbeitet. "Auch hier ist mehr die Lesefähigkeit und Virtuosität in der Fehlersuche gefragt als aktives Schreiben und Wohlgeformtheit, die im Studium gelernt wird", so Haux weiter. In seinen Augen vermittelt das Informatikstudium zwar theoretische Grundlagen, die aber in der Praxis wenig weiterhelfen: "Die dritte Normalform einer relationalen Datenbank kann und wird niemand in einer wirklich genutzten Access-Datenbank mehr prüfen können, aber andere Kriterien haben Studenten hier nicht gelernt, um ein Datenmodell beurteilen zu können."

Theoretische, aber auch veraltete Studieninhalte schrecken viele Studenten ab. Sebastian Hagers Professoren wollten Ende der 90er Jahre zum Beispiel nichts von Java wissen und vermittelten lieber eine objektorientierte Programmiersprache namens Beta. Dass manche Lehrpläne selbst nach der Bachelor- und Master-Reform veraltet und praxisfern sind, gibt auch Elisabeth Heinemann zu. Die Professorin lehrt Schlüsselqualifikationen im Studiengang Kommunikationsinformatik an der Fachhochschule Worms. Hier hat man schnell erkannt, dass SOA und Web-Services mehr als ein Hype sind, und hat beides in den Lehrplan aufgenommen. An der TU München sind seit dem Jahr 2000 ein Drittel der Inhalte des Informatikstudiums ausgetauscht worden.

Welche Informatikfakultät ihre Lehrpläne modernisiert hat und welche alten Wein in neuen Schläuchen anpreist, muss jeder Student selbst herausfinden.

Informationsquellen gibt es viele, Studienberatungen, Internet-Auftritte der Hochschulen, Hochschulrankings und nicht zu vergessen einschlägige Foren auf Plattformen wie StudiVZ, Xing oder meinProf.de. Dennoch entschieden sich viele relativ ahnungslos für ein Informatikstudium, hat Heinemann beobachtet.

"Viele glauben, mit der Studienwahl schon ihr Ziel erreicht zu haben. Sie haben den Unterschied zwischen Schule und Studium nicht realisiert und verstehen das Studium als Dressurakt. Aber Auswendiglernen reicht nicht." Stattdessen fordern Hochschullehrer logisches Verständnis ein. Heinemann: "Wie man den Sprachaufbau eines deutschen Satzes mit Subjekt, Prädikat und Objekt verstehen muss, muss man auch ein relationales Datenmodell und das Schema dahinter verstehen." Wer das Schema hinter dem Faktum erkenne, bringe gute Voraussetzungen für die Informatik mit.

Die Gefahr der lukrativen Nebenjobs

Um ein Informatikstudium bis zum erfolgreichen Abschluss durchziehen zu können, sind auch großes Durchhaltevermögen, Eigenmotivation und vor allem eine hohe Belastbarkeit notwendig. Denn viele Studenten jobben, um ihr gebührenpflichtiges Studium finanzieren zu können, und tun sich schwer, die richtige Balance zwischen Lernen und Arbeiten zu finden. Gary Fritz, der seit vier Jahren an der TU Darmstadt Informatik studiert, steckt mitten drin im Dilemma. Er arbeitet als Softwareentwickler freiberuflich und bei einer Firma in Schwalbach und ist Werkstudent bei Lufthansa Technik. Erschwerend komme hinzu, dass sich im Hauptstudium viele Veranstaltungen zeitlich überschneiden, was die ursprünglich freie Wahl der Fachgebiete einschränke. "Der Stundenplan ist kaum tragbar. Einige Veranstaltungen muss man schwänzen", gibt Fritz zu.

Meist ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Informatikstudenten mehr in der Firma als im Hörsaal anzutreffen sind und schließlich das Studium abbrechen. Helmut Müller (Name von der Redaktion geändert) hat das vor 20 Jahren getan und dennoch den Aufstieg vom Softwareentwickler über den Projektleiter bis hin zum Vertriebs-Manager geschafft. Er warnt vor dem Glauben, Informatik sei statisch und ein krisenfester Beruf: "Was man heute lernt, ist im IT-Bereich morgen schon veraltet. Da man sich ohnehin ständig weiterbilden und weiterentwickeln muss, sollte man dem Ausbildungsgang keinen zu großen Stellenwert beimessen. Nur wer flexibel war und ist, konnte die Veränderungen in der IT wie das Wachsen und Platzen der Dotcom-Blase oder den Trend zum Outsourcing in Billiglohnländer und die damit verbundenen Herausforderungen meistern."