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MDT-Anwender von Wang springen auf den Unix-Zug auf

19.07.1991

Starke Verunsicherung hat das OEM-Abkommen zwischen IBM und der angeschlagenen Wang bei den VS-Anwendern nicht ausgelöst. Die Großunternehmen wechseln jetzt nur etwas schneller als vorher geplant zu Mother Blue. Dagegen läßt das AS/400-Engagement der Armonker die mittelständische Wang-Klientel größtenteils unbeeindruckt. Mit ihrem Unix-Derivat AIX wird IBM diesen Anwenderkreis vielleicht halten können.

Daß Wang von IBM unter die Fittiche genommen wurde, beurteilen die VS-Anwender überwiegend positiv. "Es ist besser, ein großer Hersteller investiert in Wang, als wenn das Unternehmen Bankrott geht." Diese Aussage eines DV Leiters, gibt die Einstellung des größten Teils der VS-Kunden wieder. Sie erhoffen sich Besserung, nachdem die letzten Jahre mit ihrem Lieferanten weniger glücklich verlaufen sind.

Neben der Unsicherheit, die die wirtschaftliche Situation von Wang hervorrief, hatte mancher Anwender außerdem mit dem Hersteller zu kämpfen, wenn Probleme mit dem Rechner auftraten. Besonders für die Beschaffung von Ersatzteilen vergeben viele Wang-User keine guten Noten. "Aufgrund der finanziellen Schwierigkeiten ist man bei Wang in der Lagerhaltungspolitik restriktiv geworden", klagt Christian Lehmann, DV/Org.-Leiter der Toyota-Kreditbank in Köln. Es sei sehr schwierig gewesen, innerhalb von 24 Stunden die gewünschten Komponenten zu erhalten, äußerten die Anwender. Manchmal habe es einige Tage gedauert.

Die Fachleute hoffen jetzt daß durch IBM diese Schwachpunkte ausgemerzt werden. Doch es finden sich auch Unternehmen, deren DV-Leiter weniger optimistisch sind, zum Beispiel der VS-10000-Anwender Lehmann. Der Kölner rechnet sogar damit, daß bei der Ersatzteil-Belieferung künftig noch mehr Schwierigkeiten auftreten werden, "da in ganz Deutschland nur fünf bis sechs Stück dieser Maschine stehen". Nur wenige, meist DV-Leiter großer Unternehmen, schreiben Wang in der Kundenbetreuung ein gutes Zeugnis aus.

Enttäuscht sind die Anwender jedoch bezüglich der Informationspolitik des Hauses Wang. Nach der Rede, die Wang-Boß Rick Miller vor etwa eineinhalb Jahren in Frankfurt hielt, fühle man sich vor den Kopf gestoßen, schimpft Joachim Hettwer, DV-Leiter von SMS Hasenklever. Gemäß der damaligen Aussage, "erst kommt der Kunde", hätte sich der Düsseldorfer eine frühzeitigere Information über den IBM-Deal gewünscht. "14 Tage, nach dem die Geschichte in der Zeitung stand, wurden wir erst von Wang informiert", schimpft der

Düsseldorfer, "und was in dem Schreiben stand, war nichtssagend."

Auch Lehmann ist diesbezüglich auf Wang nicht gut zu sprechen. Das Kölner Unternehmen hat vor einem Jahr noch zwei Millionen Mark in ein VS-10000-Modell investiert. "Stellen Sie sich vor, ich würde Ihnen einen solche Maschine andrehen und dann sagen, daß es nicht mehr weitergeht", beklagt sich der Fachmann gegenüber der COMPUTERWOCHE.

Lehmann spricht außerdem ein weiteres Problem an, mit dem die Wang-Kunden zu kämpfen hatten: "Wir haben gemerkt, daß es bei Wang zu brökkeln beginnt, doch das wurde von dem Hersteller nie offen angesprochen. Es waren immer nur Vermutungen." Nach einem Hoch Mitte der 80er Jahre machte das Unternehmen durch stetige Verluste auf sich aufmerksam als Folge von mangelhaftem Marketing und fehlender Neuentwicklungen.

"Wang war ziemlich stark, doch dann haben sie ihr bestes Pferd, die Textverarbeitung, vernachläßigt und sich auf utopische Bereiche wie die Bildverarbeitung gestürzt", resümiert Peter Sobotta, DV/Org.-Leiter beim Textilmaschinen Hersteller Volkmann in Krefeld - ein Vorwurf, den sich das Wang-Management gefallen lassen muß. Auch Hettwer mokiert sich über die veraltete Textverarbeitung, die "zu lange durchgezogen wurde" .

Hinzu kommt, daß Wang das PC-Geschäft lange nicht mit dem notwendigen Engagement betrieben hat. Im Gegensatz zu anderen Herstellern, die sich beeilten, auf den Trend-verheißenden PC-Zug aufzuspringen, hoffte Wang offenbar auf die Renaissance der Minicomputerbasierten DV. Mit Ankündigungen wie heute, im Herbst seien 486er Rechner mit 50-Megahertz-Prozessor verfügbar, hätten die Anwender bei Wang vor einigen Jahren nicht gerechnet.

"Wir haben uns trotz der Scherereien für Wang entschieden, weil wir vom Produkt überzeugt waren", sagt Alfons Ippenberger, DV-Leiter beim Heye Verlag. Sowohl Soft- als auch Hardware hob sich den VS-Anwendern zufolge gegenüber anderen Anbietern positiv ab. Ausschlaggebend war für die Fachleute die Bedienerfreundlichkeit der VS-Systeme, ferner deren Aufwärtskompatibilität sowie die integrierte Text- und Datenverarbeitung. Auch die junge Textverarbeitung "Up-Word", die zwar noch nicht ausgegoren ist, dürfte hier bald Lichtblicke bieten.

"Wang-Systeme sind sehr anwenderfreundlich," bemerkt Sobotta Dies bestätigt auch Rall Böhnke, der bei der Jagenberg AG die Rechneranbindung und Host-Kommunikation ab Host managt. Der Düsseldorfer bringt jedoch zugleich einen weiteren Grund für den schleichenden Tod von Wang zur Sprache. Die Anwendungsprogramme seien zwar durchwegs gut gewesen, doch habe es Wang nicht verstanden, diese zu vermarkten.

Offenbar galt es für die Anwender, zwischen den Vorteilen der Wang-Palette und den Nachteilen des Unternehmens - der unsicheren Zukunft und der oft kritisierten Betreuung - abzuwägen. Viele VS-Kunden hatten sich daher bereits vor der strategischen Allianz, wie die beiden Unternehmen den finanziellen Einstieg von IBM offiziell titulieren, nach anderen Lösungen umgesehen .

Große Anwender schielten mit einem Auge meist sowieso zur IBM. Einige Unternehmen, wie auch innerhalb des Mannesmann-Konzerns, haben ihre Wang-Anlagen zum Teil schon durch IBM-Geräte ersetzt. Mittelständische Betriebe, die das VS-Modell als Hauptrechner nutzen, tendieren dagegen weniger

zu Big Blue. In diesem Benutzerkreis finden sich DV-Manager, die schon seit geraumer Zeit mit offenen Systemen liebäugeln - so auch Heinz Sieber von der Münchner Markus Elektronik: "Die Wang wird eventuell im nächsten Jahr abgelöst, weil wir keine proprietären Anlagen mehr wollen."

Auch bei SEL, früher ein großer Wang-Kunde, sollen langsam die letzten Maschinen abgelöst werden, weil der Betrieb im Hinblick auf die eigene Produktpalette auf eine DEC-Umgebung umstellt.

Die BMW-Bank GmbH in München trennt sich einem verantwortlichen Mitarbeiter zufolge nicht aus Unzufriedenheit von Wang. Im Sinne einer konformen EDV innerhalb der BMW-Gruppe arbeitet das Bankhaus an einer DV-Umgebung, die neben dem Host auf PC-Netzen basiert.

Solange unklar ist, ob die VS-Linie unter Big Blue überleben wird, ist anzunehmen, daß die Zahl der Ausstiegswilligen weiter ansteigt. Denn inwieweit die bestehenden Produktlinien, deren Vorteile die Anwender schätzen, weitergepflegt werden, darüber können die alleingelassenen Wang-User derzeit nur rätseln.

Das betrifft zum Beispiel auch das zwar noch nicht offiziell angekündigte, doch für das Frühjahr 1992 erwartete Mehrprozessor-System mit dem Codenamen "Mercury". Sieber, der in seinem Elektronikbetrieb ein 7310-Modell als Hauptrechner einsetzt, steht mit seiner Vermutung nicht allein: "Wang wird langsam geschluckt werden." Das sei meist so, wenn ein großer Konzern bei einem kleinen Unternehmen einsteige. Auch Hettwer rechnet damit, daß IBM : die Hardware nicht übernehmen wird.

Branchenbeobachter nehmen an, daß Big Blue mit Wang anderes vorhat, als die derzeitige Abmachung Glauben machen will. Zum einen lag die Intention von IBM wohl darin, einen Wettbewerber aus dem Weg zu räumen. Besonders in der Bürokommunikation - Wangs Spezialgebiet - kann Big Blue bis heute nichts Vergleichbares aufweisen. Office-Vision ist da keine Alternative. Für das IBM-Angebot auf diesem Sektor stellen die Wang-Produkte daher eine echte Bereicherung dar.

Andererseits lockte die Kundenbasis von weltweit 60 000 VS-Anwendern die Armonker an. Dabei weckten offenbar weniger die großen Unternehmen das Interesse von IBM. Dieser Benutzerkreis zählt zum sicheren Umsteigerpotential und damit gewissermaßen schon zur großen blauen IBM-Familie. So plant die Toyota-Bank - die Muttergesellschaft arbeitet mit einem IBM 3090-Modell - , die VS-10000-Anlage gegen einen dezentralen IBM-Rechner auszutauschen.

Vielmehr sollen die noch Wang verbundenen mittelständischen Anwender bei der Stange gehalten werden. So bietet IBM dem Minicomputer-Hersteller durch das OEM-Abkommen über die RS/6000 eine scheinbare Fortsetzung der Open-Systems-Strategie an. Doch das eigentliche Ziel von Big Blue scheint darin zu liegen, die Midrange-User auf die AS/400 zu locken. Das zeigt sich auch daran, daß die Armonker über AS/400-spezifische "Conversion Centers", die gemeinsam mit Wang Konvertierungen entwickeln, die Migration zu IBMs Proprietärer Linie verstärkt unterstützt.

Lehmann bestätigt mit seiner Prognose über die Zukunft des Minicomputer-Herstellers diese These. Der Kölner: "Wang wird schätzungsweise in zwei Jahren zu einem Softwarehaus und zu einer Vertriebsorganisation für IBM-Produkte. Durch die Conversion Centers, in denen Wang-Anwendungen auf die AS/400 umgestellt werden - da weiß man doch, wohin der Weg geht."

Doch mit der AS/400 scheint IBM die Rechnung ohne den Anwender zu machen. Nicht nur die Unix-orientierten mittelständischen Unternehmen, auch DV-Leiter von IBM-Großkunden, beispielsweise Böhnke von der Jagenberg AG, halten das proprietäre Midrange-System für die falsche Lösung. Innerhalb der blauen Welt wären aus Sicht der Fachleute IBM /370-Anlagen die logische Weiterführung der proprietären Linie gewesen. Während die AS/400 zur VS-Linie total inkompatibel ist, verstanden sich Wang-Rechner und /370-Systeme wenigstens noch einigermaßen.

Fährt die IBM jedoch weiterhin verstärkt auf AS/400-Kurs, werden sich die eingekauften Anwender als harte Brocken erweisen. "Für mich war die AS/400 nie ein Thema. Ich halte von dieser Welt überhaupt nichts. Dieses System kann nicht einmal innerhalb der IBM-Linie eine richtige Kommunikation

aufbauen", bemerkt Sobotta. IBM hat bei ihm keine Chance der DV/Org.-Leiter hat sich offene Systeme auf die Fahnen geschrieben. Dennoch sei nicht sicher, ob die Wang-Anlage, die derzeit als Hauptrechner fungiert, abgelöst werde. Sobotta: "Wang ist für Anwendungen wie Bürokommunikation und Bildverarbeitung durchaus noch im Rennen - je nachdem, wie sich das Unternehmen künftig darstellt."

Die VS-Benutzer könnten sich eher mit der RS/6000-Linie anfreunden, die von Wang künftig unter eigenem Label vertrieben werden soll - eine Vereinbarung, die sogar bei einigen Großanwendern Gefallen findet. Böhnke, der innerhalb der IBM-Welt eine Client-Server-Umgebung mit AIX-Maschinen aufbauen will, sieht die Übernahme von Wang aufgrund der neuen OEM-Funktion "mit lachendem Auge". "Jetzt kann man aus zwei Quellen beziehen was sich vermutlich auf den Einkaufspreis günstiger auswirkt", hofft der DV-Manager.