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03.03.1995

Medizinische Informatik etabliert sich nun als Fachgebiet

Mit der Seehoferschen Reform des Gesundheitswesens koennten auch Produkte der Medizininformatik zu "deutschen Weltmarktartikeln avancieren", hoffen Insider. Noch scheint aber die Politik der kleinen Schritte angesagt zu sein. Ueber das Klima in der Branche sprach CW-Redakteurin Monika Schalwat mit Guenter Steyer, dem Vorsitzenden der Landesvertretung Berlin-Brandenburg des Berufsverbandes der Medizinischen Informatik e.V.

CW: Herr Steyer, trotz des vorhandenen Potentials in Deutschland ist die medizinische Informatik ihren Kinderschuhen wohl noch nicht entwachsen?

Steyer: Sagen wir mal so, sie beginnt sich langsam als eigenes Fachgebiet zu etablieren.

CW: Etwas spaet. Ist das ein eher hausgemachtes Problem?

Steyer: Nein, das ist keine typische deutsche Erscheinung. International ist diese Fachdisziplin noch recht jung. Die Bundesrepublik steht da weder an erster noch an letzter Stelle. Ich wuerde sie im oberen Drittel einordnen.

CW: DV-Experten klagen, dass uns die Amerikaner auch auf diesem Gebiet Meilen voraus seien. Der angewandten IT in Deutschland bleibe nur das Hinterherhinken.

Steyer: Die USA besitzen in der medizinischen Informatik das groessere Forschungspotential. Immerhin gibt ein amerikanisches Krankenhaus etwa drei- bis viermal soviel fuer DV aus als hierzulande ueblich. Und: Die Aufwendungen fuer die Krankenhausbehandlungen betragen in den USA 4,6 Prozent und bei uns gerade mal 2,9 Prozent des Bruttosozialprodukts. Hinzu kommt, dass das amerikanische Krankenhaus wie ein Industriekonzern organisiert ist. Damit ist es nicht inhumaner, doch nur die Wirtschaftlichkeit zaehlt. In Deutschland spielen soziale Aspekte eine groessere Rolle.

CW: Was bringt das neue Gesundheitsstrukturgesetz nun der medizinischen Informatik und ihren Produkten?

Steyer: Erst einmal einen Finanz- und Strukturwandel. Die neuen Entgeltsysteme, Behandlungsformen und Leistungsstatistiken fordern einen papierlosen Datenaustausch mit den Krankenkassen. Dafuer muessen die Softwarehersteller den Kliniken passende und effiziente Systeme zur Verfuegung stellen. Weder die Systemhaeuser noch die Kliniken koennen diese Forderungen bisher ausreichend erfuellen.

CW: Also hat sich in puncto moderne Informationsverarbeitung bisher recht wenig getan?

Steyer: Auf jeden Fall nicht genug. In der Bundesrepublik ist die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Industrie noch aeusserst mangelhaft. Neue Ergebnisse werden nur ungenuegend verbreitet. Mit grossen Investitionen schaffen sich die Universitaetskliniken Loesungen, die meist Unikate sind. Ein Normalkrankenhaus mit seiner Struktur kann damit in der Regel nichts anfangen.

CW: In der DDR hatten die meisten Kliniken ihre eigenen RZs. Das Institut fuer medizinische Informatik der Berliner Charite beschaeftigte rund 40 Mitarbeiter fuer die Entwicklung von DV- Projekten. Fuer die heute in erster Linie auf Umsatz abzielenden Krankenhaeuser wohl keine gute Idee.

Steyer: Ganz recht. Die medizinische Informatik unterstuetzte in der DDR vorrangig den Arzt und die Krankenschwester. Das Kosten- Nutzen-Prinzip war dem ostdeutschen Gesundheitswesen fremd. Die RZs der Kliniken sorgten fuer die Bearbeitung ihres eigenen Bedarfs, zumal die Software-Industrie nicht in der Lage war, Standardloesungen anzubieten.

CW: Der deutsche Markt ist voll von amerikanischen Anbietern. Gibt es fuer hiesige Krankenhaeuser Vorgaben, welche Technik und Programme sie zu nutzen haben?

Steyer: Kein Anwender im Gesundheitswesen wird gezwungen, beispielweise MS-DOS oder Windows NT einzusetzen. Dazu gibt es zu viele Krankenhausrechtstraeger. Allerdings existierte in Berlin eine Festlegung, dass kommunale Kliniken die Software der Gesellschaft fuer Systemforschung und Datenverarbeitung (GSD) verwenden zu haetten. Diese Einheitlichkeit galt nach der Wende auch fuer die neuen fuenf Bundeslaender. Bettenhaeuser wie Friedrichshain und Buch (je 200 bis 500 Betten) erhielten dafuer einen Investitionsbetrag, der von der GSD fuer die Ausstattung mit Hard- und Software verwendet wurde. Das ist jetzt nicht mehr so.

CW: Wer bestimmt nun im universitaeren Bereich, welche Hard- und Software den Ton angibt?

Steyer: Dort gibt es die Rechnerkommission der deutschen Forschungsgemeinschaft. Sie allein entscheidet ueber die Antraege bei Rechnerbedarf. Investitionen ueber 150 000 Mark muessen von diesem Gremium genehmigt werden. Den Segen bekommt man, wenn man Produkte bestimmter Hersteller wie unter anderem Unix in einer Client-Server-Architektur einsetzen will.

CW: Also doch Vorgaben und eine Bevormundung der Informatiker?

Steyer: Eher eine Begutachtung. Auch gefoerderte Krankenhaeuser koennen ueber ihre Investitionen nicht selbst entscheiden. Man beauftragt ein Beratungsbuero, das eine Ausschreibung macht, und darin sind die Kriterien fuer die Hard- und Software sowie die Schnittstellen vorgegeben. Den Zuschlag bekommt das preiswerteste Angebot. Dass dieses Prinzip aufgrund bestimmter Connections auch umgangen wird, darueber brauchen wir nicht zu reden.

CW: Die Begutachtung, wie Sie sie nennen, scheint meist Produkte amerikanischer Hersteller zu befuerworten. Heimische Informatiker kritisieren, dass ihre eigenen Loesungen kaum Chancen haben.

Steyer: Aufgrund politischer Zwaenge muessen die medizinischen Informatiker oft Entscheidungen mittragen, die sie nicht wollen. Fuer Betriebssysteme, Datenbanken und Benutzeroberflaechen sind deutsche Produkte leider nicht so aktuell wie Microsoft-Standards.

CW: Mit diesen Standards wollen sich nicht alle Insider zufriedengeben. Sie befuerchten Abhaengigkeit vom Hersteller.

Steyer: Standards entstehen doch, weil sie von bestimmten Entscheidern abgesegnet und verbreitet werden. In vielen deutschen Universitaetskliniken wird beispielsweise Windows NT propagiert. Nun gibt es fuer PC-Bildschirmarbeitsplaetze derzeit auch wenig Alternativen, ausser vielleicht noch Motif unter Unix. Abzuwarten bleibt, was Windows 95 und OS/2 Warp den Anwendern zu bieten haben.

CW: Was heisst das fuer die Zukunft der medizinischen Informatik?

Steyer: Die DV wird zum kritischen Erfolgsfaktor im Krankenhaus. Gefragt sind integrierte klinische Informationssysteme mit offenen Architekturen, einheitlicher Datenbasis und gleicher grafischer Benutzeroberflaeche fuer alle Systemkomponenten.

Auch die jetzige Krankenversicherungskarte kann dabei nur ein Anfang sein. Das flexible Reagieren auf die veraenderten Rahmenbedingungen gehen kuenftig den Informatiker genauso an wie den Software-Anbieter und vor allem den Anwender.