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27.12.1991 - 

Was mehr Diffusion von IuK-Technologie in der EG bewirken könnte

Mehr IuK-Technologie für ein ökologisches Wirtschaftssystem

Eine optimistische Grundeinschätzung der Tendenzen für Wachstum und Beschäftigung in Europa und ein hoher Bedarf nach Umstrukturierung in unterschiedlichen Bereichen umreißen das Szenario, das der Autor als Hintergrund für die Einschätzung der Rolle der Informations- und Kommunikationstechik bis ins Jahr 2005 im folgenden skizziert.

Insgesamt sieben Statements sollen die Ergebnisse einer IFO-Studie (siehe Kasten auf Seite 28) auf den Punkt bringen.

1. Statement: In den 90er Jahren und dem folgenden Jahrzehnt zeichnen sich für Wachstum und Beschäftigung innerhalb der Europäischen Gemeinschaften recht günstige Perspektiven ab.

Dies ist die wichtigste Information, die sich aus dem gemeinsamen Szenario von Ifo und Merit ergibt. Diese optimistische Grundeinschätzung mag überraschen, angesichts der radikalen politischen Veränderungen der 80er und frühen 90er Jahre und der sich daraus ergebenden Ungewißheiten und Spannungen. Schlüsselbegriffe in diesem Zusammenhang sind ein neuer Anstoß in Richtung europäischer Integration, eine Tri-Polarisation der Industrieländer und der Zusammenbruch der Planwirtschaft in Osteuropa. Doch nicht nur die politische Neuordnung macht eine Umstrukturierung erforderlich. Auch die Umwelt verlangt eine Veränderung der traditionellen Produktions- und Konsummuster.

Gerade dieser Bedarf nach Umstrukturierung eröffnet jedoch enorme Möglichkeiten, Wertschöpfung und Beschäftigung in Europa während der kommenden zwei Jahrzehnte zu steigern. Ein starker Wachstumsimpuls für die europäische Wirtschaft ergibt sich auch aus der weiteren Diffusion von IuK-Technik bis zum Jahr 2005.

2. Statement: Die Diffusion der IuK-Technik wird sich im nunmehr anstehenden Zeitalter der Kommunikation und Vernetzung erheblich ausweisen.

Die Diffusion von IuK-Technik wird sich in den nächsten Jahrzehnten auf alle Industrien auswirken, wobei die diversen Branchen je nach Verbreitungsgeschwindigkeit mit ganz unterschiedlichem Produktionswachstum reagieren werden. Nach Expertenmeinung würden die Anbieter von IuK-Technik und -Service von einer schnellen Verbreitung am meisten profitieren.

An erster Stelle der Gewinnerliste stünden Telekommunikationssysteme mit einem zusätzlichen Produktionszuwachs von beinahe fünf Prozent, gefolgt von Telekommunikationsdiensten, Büro- und DV-Systemen und Unterhaltungselektronik. Diese Rangordnung verdeutlicht einmal mehr die zentrale Rolle der Kommunikationstechnik in den kommenden Jahrzehnten. Schlüsselbegriffe in diesem Zusammenhang sind ISDN, Breitband- und Bewegtbildkommunikation, mobile Kommunikation, intelligente Netzwerke sowie HDTV.

Auch für Dienstleistungen im gewerblichen Bereich, Banken und Versicherungen sowie dem Transportwesen brächte eine schnellere Verbreitung der IuK-Technik zusätzliche Chancen zur Entwicklung neuer Produkte und Steigerung der Produktivität bereit. Entsprechend rangieren diese Wirtschaftszweige unmittelbar hinter den absoluten Gewinnern. Der Transportsektor wird vom vermehrten Einsatz elektronischer Buchungs-, Verkehrsinformations-, -regelungs- und -leitsysteme profitieren. Offen ist hingegen noch, wie der Wettbewerb um neue Logistik für Hersteller und Einzelhändler zwischen Transportgesellschaften und Großhändlern ausgehen wird.

Die Diffusion von IuK-Technik wird das Produktivitätswachstum im Herstellungs- und Dienstleistungsbereich erheblich begünstigen. Da die Zeit drängt, werde ich diesen Punkt jetzt nicht näher erläutern doch können wir in der Diskussion weiter darauf eingehen. Lassen Sie mich zu einem zentralen Ergebnis unserer Modellsimulationen kommen.

3. Statement: Mehr IuK-Technik bedeutet in erster Linie größere Produktivität, ein höheres Realeinkommen für private und öffentliche Haushalte, weniger Inflation - all das beeinflußt das Gleichgewicht auf dem Arbeitsmarkt kaum.

In einer Sensitivitätsanalyse anhand verschiedener angenommener Produktivitätszugewinne und Investitionsbedarfe infolge einer schnelleren Verbreitung von IuK-Technik konnte nachgewiesen werden, daß dieses Ergebnis durchaus stabil ist.

Die Auswirkungen auf Produktivität und Inflation sind deutlich erkennbar: Eine schnellere Ausbreitung der IuK-Technik in den nächsten 15 Jahren hätte einen Anstieg der Arbeitsproduktivität (Bruttoinlandsprodukt pro Kopf) um beinahe zehn Prozent und ein Sinken der Verbraucherpreise um über fünf Prozent, verglichen mit dem Grundszenario, im Jahr 2005 zur Folge. Das Bruttoinlandsprodukt würde um fünf Prozent wachsen. Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt wären leicht negativ.

4. Statement: Ursache für das Ausbleiben eines positiven globalen Beschäftigungseffekts unter der Bedingung einer schnelleren Diffusion von IuK-Technik ist die relativ schwache Wettbewerbsposition der europäischen IuK-Industrie.

Die leicht negative Auswirkung einer schnelleren Diffusion von IuK-Technik auf die Gesamtzahl der Arbeitsplätze in den Europäischen Gemeinschaften würde weitgehend aufgefangen, wenn dieser Ausbau der IuK-Technik in der EG zugleich eine Stärkung der Wettbewerbsposition europäischer Industrien auf dem Weltmarkt bedeuten würde. Eine realistische Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit der IuK-Industrien würde mindestens 3,3 Millionen zusätzliche Arbeitsplätze in der EG schaffen. Noch größer wäre der voraussichtliche indirekte Beschäftigungseffekt, wenn der positive Einfluß einer erhöhten Wettbewerbsfähigkeit der IuK-Industrie auf die reale Inlandsnachfrage im Hermes-Link nicht durch einen Inflationseffekt infolge einer vermehrten Auslandsnachfrage nach IuK-Produkten und -Service gedämpft würde.

Bleibt die Frage, ob diese Eigenheit des Hermes-Systems, so wie es heute besteht, den analysierten Konstellationen angemessen ist. In jedem Fall wird sich die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen IuK-Industrie nur schwer verbessern lassen, denn:

5. Statement: Es gibt eindeutige Anzeichen dafür, daß japanische Unternehmen nicht nur schneller sind, was Marketing-Innovationen betrifft, und besser, wenn es um die kostengünstige Herstellung neuer und hochwertiger IuK-Produkte geht, sondern daß sie auch die Technologieführerschaft übernommen haben.

Die technologische Führungsposition der japanischen Industrie wird anhand der Patent-Statistik offensichtlich. Bei genauerer Betrachtung der Positionen der verschiedenen IuK-Industrien im Wettlauf um Innovationen wird deutlich, daß die führenden Unternehmen für die Gesamtposition der Industrie einer Region eine zentrale Rolle spielen. In keinem Fall konnte eine schwache EG-Position unter den 15 findigsten Unternehmen an der Weltspitze durch Einbeziehung von mehr Firmen der Branche gestärkt werden. Die Bedeutung großer Unternehmen spiegelt das hohe Kapital und die Arbeitsintensität in bezug auf Forschung und Entwicklung im IuK-Bereich wie auch die Tatsache wider, daß für die Mikroelektronik die Zeit breiter Anwendungsmöglichkeiten und für Detailverbesserungen begonnen hat.

Eine Untersuchung der Gründe für den Mangel an "IuK-Topspielern" aus Europa offenbarte die bremsende Wirkung der Fragmentierung der europäischen IuK-Märkte in der Vergangenheit. Aufgesplittete Märkte bedeuten zum einen ein größeres Risiko, die hohen Ausgaben für FuE nicht wieder einbringen zu können, und - was noch wichtiger ist - zum anderen weniger Konkurrenz zwischen den Anbietern. Konkurrenzdruck ist aber der Innovationsbereitschaft und Leistung sehr förderlich.

6. Statement: Fragmentierte EG-Märkte ebenso wie das Aufpäppeln unserer nationalen Champions durch FuE-Förderung und Bevorzugungen in der öffentlichen Beschaffungspraxis haben die Entwicklung europäischer Unternehmen verhindert, die groß und stark genug sind, um den Anforderungen der hochinnovativen und internationalisierten IuK-Märkte gerecht zu werden.

Eine Analyse der Verteilung der findigsten Unternehmen im IuK-Bereich führt zum gleichen Ergebnis. Normalerweise würde man erwarten, daß in jeder Kategorie ein Drittel der Firmen aus dem EG-Raum stammt. Allerdings sind diese in der Gruppe von Rang 1 bis 25 weit geringer vertreten. Das gleiche gilt für die nächste Kategorie. Nur die Gruppe der 100 bis 150 der findigsten Unternehmen wird von Firmen aus dem EG-Raum dominiert. Daraus folgt, daß es in Europa eine solide Basis für IuK-Innovationen gibt. Was hier allerdings größeren Erfolgen im IuK-Bereich im Wege steht, ist der Mangel an "Topspielern" - Top nicht nur in bezug auf Größe und Risikobereitschaft, sondern auch hinsichtlich der Effizienz.

Angesichts der entscheidenden Bedeutung, die der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen IuK-Industrie für das makroökonomische Beschäftigungsgleichgewicht im Zusammenhang mit der IuK-Diffusion zukommt, konzentrieren sich unsere wirtschaftspolitischen Empfehlungen auf diesen Punkt.

7. Statement: Die Wirtschaftspolitik muß sich die Vergrößerung europäischer IuK-Märkte und die Steigerung des Wettbewerbs auf diesen Märkten zum Ziel setzen. Um ein wirklich günstiges Klima für Innovationen und Kapazitätserweiterung zu schaffen, müssen diese angebotsorientierten Maßnahmen durch eine Politik ergänzt werden, die der Verbreitung von IuK-Technik den Weg ebnet und das Wachstum von IuK-Märkten stimuliert.

Lassen Sie mich mit den angebotsorientierten Maßnahmen beginnen. Zur Stärkung des europäischen Angebots muß die angestrebte Realisierung des Binnenmarktes tatsächlich auch für die IuK-Märkte vollzogen werden. Nur dann wird der Inlandsmarkt in erforderlichem Maß expandieren.

Um auf diesen größeren IuK-Märkten den Wettbewerb anzukurbeln, kommt es auch ganz wesentlich auf die Wettbewerbspolitik an. Da es darum gehen muß, mehr europäische Hauptakteure auf den IuK-Weltmärkten zu etablieren, wäre die Übernahme anderer europäischer IuK-Unternehmen durch bestehende Marktführer nicht hilfreich. Vielmehr sollten die europaweite Zusammenarbeit (eingeschlossen auch EFTA-Unternehmen) und Fusionen von Folgeunternehmen angeregt werden. Das Ausmaß des Wettbewerbs auf den EG-Märkten hängt jedoch entscheidend von der Offenheit der Märkte gegenüber der Konkurrenz aus Drittländern ab. Daher sollten Vereinbarungen über freiwillige Selbstbeschränkungen und andere Instrumente des "manipulierten Handels" mit äußerstem Bedacht zum Einsatz kommen. Zweifellos sollten der amerikanische und japanische IuK-Markt ebenso frei wie die EG-Märkte sein.

Eine Möglichkeit, die der Prüfung bedarf und sich insbesondere für die schwachen europäischen IuK-Bereiche anbietet, könnte darin bestehen, Zusammenarbeit und Allianzen zwischen europäischen und führenden außereuropäischen Unternehmen und/oder Investitionen "auf der grünen Wiese" in Produktions- und FuE-Zentren seitens innovativer Nicht-EG-Unternehmen zu fördern. Dadurch würden nicht nur - besonders in den Randregionen - Arbeitsplätze geschaffen, sondern zugleich auch eine bessere Basis für europäische Nischenproduzenten und Software-Unternehmen.

Da es keinen stärkeren Anreiz zur Innovation und Kapazitätserweiterung gibt als die Aussicht auf expandierende Märkte, muß diese Politik Hand in Hand gehen mit nachfrageorientierten Maßnahmen.

In diesem Zusammenhang muß die europäische Technologiepolitik vermehrt darauf abzielen, der Verbreitung von IuK-Technik durch Schaffung der erforderlichen öffentlichen Infrastruktur und Netzwerke den Weg zu ebnen. Der Impuls zur Elektronifizierung des öffentlichen Dienstes ist opportun, wenn man bedenkt, wie rückständig sich dieser Bereich hier im Vergleich zur Privatwirtschaft darstellt. Besonders im staatlichen Bildungs- und Ausbildungswesen sollte die Anwendung von IuK-Systemen und -Service angeregt werden. Angesichts des enormen Ausbildungsbedarfs, den der Wandel der IuK-Technik vom Instrument des Spezialisten zum Werkzeug für jedermann mit sich bringt, leuchtet ein, daß diese Aufgabe nur bei einer Nutzung des Potentials zur Steigerung der "Ausbildungsproduktivität" durch Entwicklung elektronischer Trainingssysteme zu bewältigen ist.

Der Bedarf an IuK-Produkten und -Service in Europa ließe sich auch indirekt über die EG-Politik in den Bereichen Umweltschutz und Verkehrsinfrastruktur ankurbeln.

Entscheidende Voraussetzung für die Sicherung zukünftiger wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung innerhalb der Europäischen Gemeinschaften ist die Umstrukturierung mit Blick auf ein umweltverträglicheres Wirtschaftssystem. Da wir mit der IuK-Technik ein wirksames Mittel zur Verminderung der Umweltverschmutzung in Händen haben, könnte eine zielstrebigere umweltorientierte EG-Politik erheblich zum Wachstum der IuK-Märkte beitragen. Dies wiederum wäre gleichbedeutend mit einem Aufwind für die europäische IuK-Industrie, deren Anbieter gerade im Umweltbereich technologisch gesehen einen recht guten Ruf haben.

Letztendlich läßt die Schaffung des Binnenmarktes ein vermehrtes Verkehrsaufkommen innerhalb der Gemeinschaft erwarten. Doch schon heute ist der Stau sowohl im Pendlerverkehr als auch auf den Fernverkehrsadern alltägliche Realität. Neben einer Politik, die vermehrt auf die Schiene setzt, sind dringend elektronische Verkehrsinformations-, -regelungs- und -leitsysteme gefragt, damit die europäischen Bürger auch in den kommenden Jahrzehnten die Vorzüge des Individualverkehrs genießen können.

In Anbetracht der relativ günstigen Wettbewerbsposition der europäischen Industrie in allen diesbezüglichen technischen Gebieten (Autoelektronik, Telekommunikationssysteme, Raumfahrttechnik) wäre eine Förderung dieses Bereiches der IuK-Anwendungen aller Voraussicht nach gleichbedeutend mit einer Förderung der bestehenden europäischen Industrie.