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14.03.1997 - 

DV-Standort Deutschland/Spitzentechnologie wird importiert

Mehr Schatten als Licht am Innovationsstandort Deutschland

Zu Jahresbeginn legte der Bundesminister für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF), Jürgen Rüttgers, den Bericht "Zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands 1996" vor. Unter Federführung des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung, Hannover, untersuchten vier Institute anhand von fünf Fragen, wie es um die deutsche Wirtschaft im Vergleich zur Vergangenheit und zu den Mitbewerbern aus Europa und weltweit bestellt ist.

Die Autoren halten fest, daß Wissen nach wie vor der Motor für wirtschaftliches Wachstum ist. Forschungsintensive Industrien sind im Vergleich zu den Vorjahren auf Expansionskurs. Bei den Spitzentechnologien, zu denen neben Meß- und Regeltechnik sowie Pharma-Innovationen auch die DV zählt, beträgt der Anteil von Forschung und Entwicklung (FuE) am Umsatz immerhin über 8,5 Prozent. Gesamtwirtschaftlich betrachtet, tragen wissensintensive Bereiche in immer größerem Umfang zur Produktion bei. Hier sind auch die meisten Arbeitsplätze auf qualitativ hohem Niveau entstanden.

Doch trotz der Belebung konnten in einigen Bereichen die Produktionsrückschläge der Vergangenheit nicht aufgeholt werden. Dazu gehören unter anderem die Elektrotechnik und elektronische Unterhaltungsgeräte. Und, wie man jüngst bei Grundig sah, dürfte hier so bald wohl kaum wieder Licht am Horizont auftauchen. Es vollzieht sich eben auch bei uns, wie in allen Industrieländern, der Wandel von der Produktions- in eine Dienstleistungsgesellschaft. Auf das Grundig-Beispiel bezogen: H.O.T., der TV-Einkaufssender, der seit Oktober 1996 von München aus über Kabel und Satellit in deutsche und österreichische Wohnzimmer strahlt, verdoppelte innerhalb von vier Monaten seine Mitarbeiterzahl von 200 auf 400 und rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatz von über 100 Millionen Mark.

Die Universitäten liefern die Grundlagen für künftige Innovationen. Das manifestiert sich unter anderem in Veröffentlichungen. Ein Vergleich wissenschaftlicher Arbeiten weltweit zeigt, daß aus deutschen Hochschulen zur Telekommunikationsforschung und Informatik wenig kommt: Nach einem Anstieg bis 1991 fiel in Deutschland die Kurve der Investitionen in FuE-intensiven Forschungsbereichen steil nach unten.

Seit 1994 wird wieder FuE-Kapital eingesetzt, doch die Dynamik bleibt deutlich hinter früheren Aufschwungphasen zurück. Dazu die Autoren: "Die Investitionsfähigkeit ist die Achillesferse der Weiterentwicklung der technologischen Leistungsfähigkeit der Industrie: Ersatzbeschaffungen dominieren, es entsteht relativ wenig Neues."

Das Kapital wandert in andere Sektoren, vor allem in die Dienstleistung. Hier wird der Strukturwandel sichtbar, der allerdings den forschungsintensiven Sektor nicht begünstigt, was sich darin äußert, daß viele Unternehmer total auf Innovationen verzichten beziehungsweise Spitzentechnologie importieren. Nur ein Viertel der Unternehmen plant, den FuE-Bereich auszudehnen, die meisten sehen keinen Anlaß, diese Aktivitäten nach oben oder nach unten anzupassen.

Ihre in der Studie genannten Gründe für den Verzicht auf Innovationsprojekte im Dienstleistungssektor sind:

- hohe Investitionskosten,

- fehlendes Eigenkapital,

- lange Amortisationsdauer,

- leichte Imitierbarkeit,

- hohes Kostenrisiko,

- Fachpersonalmangel,

- fehlendes Fremdkapital,

- hohes Marktrisiko,

- rechtliche Regelungen,

- hohes Realisierungsrisiko,

- lange Genehmigungsverfahren,

- mangelnde technische Ausstattung sowie

- unternehmensinterne Widerstände.

Auf Innovationsprojekte wird in all diesen Fällen verzichtet, weil kein Bedarf besteht oder weil Hemmnisse dem entgegenstehen. Die Dienstleister speziell vermissen einen schnellen Return on Investment, ferner einen Produktschutz und Humankapital. Die negativen Einflußfaktoren des Staates spielen bei alldem eine untergeordnete Rolle.

Betrachtet man jedoch die Gründe gegen Investitionen im Vergleich zu den anderen Ländern der Europäischen Union, so sieht die Verteilung wesentlich anders aus. Bilden zum Beispiel "fehlende Informationen über den Stand der Technik" ein wesentliches Hindernis in der EU, so hat dies in Deutschland kein Gewicht - wohingegen mehr Deutsche als andere nicht etwa Kapitalmangel beklagen, sondern unter anderem die Restriktionen seitens staatlicher Regulative, und sie leiden darunter, daß ihre Innovationen imitiert werden. Gesetze und verwaltungsrechtliche Regelungen sind für den, der ein originäres Produkt entwerfen will, eine größere Hürde als für den, der kopiert oder aufholt. Es dauert länger, Originäres in den Markt zu bringen, da Innovationen erst akzeptiert werden müssen und unter Umständen eine amtliche Zulassung, die wieder Zeit kostet, benötigen.

Mehr als die europäischen Nachbarn beklagen die Deutschen folgende Faktoren:

- Innovationskosten nur schwer kalkulierbar,

- Gesetzgebung und rechtliche Regelungen zu restriktiv,

- Innovationen zu leicht kopierbar,

- Mangel an geeignetem Fachpersonal,

- zu hohes Investitionsrisiko,

- fehlende Informationen über Vermarktungschancen,

- mangelnde Innovationsbereitschaft der Kunden sowie

- technische Möglichkeiten sind ausgeschöpft.

Der vielfach zitierte Wandel von der Produktions- in eine Dienstleistungsgesellschaft betrifft alle Industrienationen. Fazit der Autoren: "Die zunehmende Arbeitsteilung zwischen Industrie- und Dienstleistungsanbietern geht zwar zu Lasten der Wachstums- und Beschäftigungsmöglichkeiten auch der FuE-intensiven Industrie, trägt gesamtwirtschaftlich jedoch zu einer Effizienzsteigerung bei.

Die Dienstleistungsbranche ist eindeutiger Gewinner in den großen Industrienationen. Sie gilt als der Hoffnungsträger schlechthin für Wachstum, Strukturwandel durch Unternehmensgründungen und eine Milderung der Beschäftigungsprobleme. Im Durchschnitt nahm hier die Zahl der Beschäftigten von 1983 bis 1993 um über 15 Prozent zu, in den USA gar um knapp 30 Prozent. Einer der größten deutschen Dienstleister im Sektor IuK-Technik, die Debis AG, eine hundertprozentige Tochter der Daimler Benz AG, beschäftigt knapp 12000 Menschen.

Alle Dienstleister verwenden mehr oder weniger neue Technologien, spielen daher auch als Kunden für IuK-Technologien eine wichtige Rolle. Sie können den Standort für DV- und IT-Anbieter attraktiv machen. Gemessen an Frankreich oder Großbritannien, greifen die Deutschen zwar nur zögerlich auf Wissen aus dem Ausland zurück, jedoch mehr als Japaner oder Amerikaner. Dienstleister präsentieren sich als innovativ, da hier neue Prozesse, Organisationen und Arbeitsformen entstehen. Die Bedeutung ihrer eigenen FuE-Anstrengungen nimmt zu. In den USA beispielsweise stammt etwa ein Drittel des in dieser Branche genutzten technischen Wissens aus eigenen FuE-Anstrengungen.

Diese innovativen Dienstleister bilden ein Bindeglied zwischen Wirtschaft und Technologie und stärken als Zulieferer von Wissen die Leistungsfähigkeit der Industrie. So tragen Know-how-intensive Dienstleister mit zur Standortsicherung bei.

Auch innerhalb der bestehenden deutschen Fertigungsindustrie spielen Dienstleistungsfunktionen eine immer größere Rolle, werden mitunter ausgegliedert. Neue, wissensorientierte Unternehmen entstehen, die sich auch externe Kunden außerhalb suchen.

Auch qualitativ vollzieht sich ein Wandel. Über 45 Prozent aller Arbeiter in FuE-intensiven Industrien sind Facharbeiter, der Anteil der Angestellten stieg innerhalb der letzten fünf Jahre von 32 auf 35 Prozent, der Anteil an Hochschulabsolventen von knapp 15 auf 16,5 Prozent.

Beispielhaft in Sachen Innovation präsentiert sich im Gegensatz zu Deutschland Irland, das noch vor zehn Jahren als "arme Insel" galt. Dort hat sich ein eklatanter Wandel vollzogen. Weltweit agierende Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen, von der Hotelkette Best Western über Dell bis zu UPS, siedelten dort Kompetenzzentren an. Hier wird, je nach Unternehmen, geforscht, entwickelt, produziert, beraten oder vertrieben - in bis zu 45 Sprachen. Im Februar eröffnete auch die Siemens- Nixdorf Informationssysteme AG als vierundvierzigster Ansiedler ein Kompetenzzentrum für Filialbanklösungen auf der Grünen Insel.

Richard Bruton, Irlands Minister für Wirtschaft und Arbeit, führt die rasante Entwicklung auf mehrere Standortfaktoren zurück:

- Junge Bevölkerung, 40 Prozent sind unter 25 Jahre alt,

- sehr gute, mehrsprachige Schulbildung,

- traditionell sehr gute Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Industrie,

- sehr gut ausgebautes Telekommunikationsnetz sowie

- niedrige Gebühren für internationale Telefonie und gebührenfreie Rufnummern.

Ende 1992 wurden dort die ersten Kompetenzzentren in Form von Call-Centers eingerichtet. Zur Zeit arbeiten darin etwa 3400 Menschen, bis zum Jahr 2000 rechnet der Wirtschaftsminister durch Ansiedelung weiterer Zentren mit 10000 solchen Beschäftigten. Dabei wird der FuE-Sektor nicht vernachlässigt. Zwei Drittel der Aufwendungen gehen in neue Technologien wie Elektronik, Software und Ingenieurwesen.

Eine auf Wissen basierende Wirtschaft setzt hochqualifizierte, sich ständig weiterbildende Menschen voraus. Die Voraussetzungen, das sogenannte Humankapital zu bilden, sind auch in Deutschland unter anderem aufgrund des hohen Ausbildungsniveaus der Bevölkerung sehr gut. Doch im internationalen Vergleich haben die für Bildung vorgesehenen Etats ein relativ geringes Gewicht. In den USA wird die Spitzenausbildung gefördert, bei uns wird auf Breite und damit auf Diffusion und Anwendung des Wissens gesetzt. In Deutschland gehen inzwischen fast 3500 "Schulen ans Netz", bis zum Jahre 2000 sollen 10000 Schulen an der Initiative teilnehmen. Doch ob damit der Anschluß in puncto Innovationen an die Länder, aus denen Spitzentechnologien importiert werden, erreicht wird, bleibt dahingestellt.

Daß sich nur noch halb so viele Studenten wie vor zehn Jahren bei den Naturwissenschaften einschreiben, ficht beispielsweise Volker Soergel, geschäftsführender Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in München, nicht an: "Leute, die aus innerem Feuer Physik studieren wollen, tun das immer noch." Problematisch sind für ihn die Etatkürzungen, die auf Betreiben der Bundesregierung zum Beispiel für das europäische Kernforschungszentrum Cern in Genf durchgesetzt wurden.

BMBF schreibt Ideen-Wettbewerb aus

Forschung und Entwicklung ist nicht mehr Privileg hochentwickelter Volkswirtschaften. Deutschland hat zwar im technologischen Wissen immer noch einen deutlichen Vorsprung vor anderen Ländern, im Weltmaß ist die Position aber schwächer geworden. Länder wie Finnland, Dänemark und Norwegen sowie Aufholländer wie Südkorea, Israel, Taiwan und Singapur investieren kräftig. Deutsche Großunternehmen folgen dem weltweiten Trend, sich auf Kernkompetenzen zu konzentrieren. "Das könnte", so meinen die Autoren, "gesamtwirtschaftlich dann gefährlich werden, wenn sich die Konzentration nicht nur auf vertraute Verfahren und Prozesse bezieht, sondern auch auf die Produktentwicklung. Längerfristige Innovationspotentiale würden versickern."

Das BMBF hat Ende Februar einen Ideenwettbewerb ausgeschrieben. Ziel ist es, Wissen aus Universitäten, Industrie und Anwendung zusammenzuführen, um Kompetenzvorsprünge der internationalen Konkurrenz gegenüber herauszuarbeiten. Neben Molekularmedizin und Mobilität werden zwei Themenfelder gefördert, unter die sich IuK-Projekte einreihen lassen:

- Innovative Projekte auf der Grundlage neuer Technologien sowie zugehöriger Produktionsverfahren sowie

- Nutzung des weltweit verfügbaren Wissens für Aus- und Weiterbildung und für Innovationsprozesse.

Die Themen stellen sich die, die mitmachen wollen, selbst. Damit und "mit der Bündelung der Potentiale der beteiligten Partner sollen Marktrelevanz und Umsatzchancen bestmöglich sichergestellt werden", so das Ministerium. Die Ausschreibungstexte sind abrufbar über das Internet unter http://www.bmbf.de.

Anageklickt

Mit dem (einstigen) Innovationsstandort Deutschland sieht es nicht gut aus. Die Hochschulen tragen nur wenig zur IuT-Forschung bei, selbst die ansonsten so einfallsreiche Dienstleistungsbranche entwickelt kaum selbst und verläßt sich lieber aufs Nachmachen, als daß man das Risiko der Aufholjagd durch teure Eigenentwicklungen einginge. Zu viele Hemmnisse bauen sich hierzulande für innovative Unternehmen auf. Effizienzsteigerung steht im Mittelpunkt der Bemühungen; die zentrale Rolle des Wissens ist zwar weithin akzeptiert, wird jedoch nur ungenügend wahrgenommen und unterstützt.

*Gerda von Radetzky ist freie Journalistin in München.