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05.04.1991

Mein Tag in der Vorhölle

Es fängt schon schlecht an. Hamburg Hauptbahnhof. Ich warte auf meinen Zug. Zeit, die vielen Menschen auf der gegenüberliegenden Seite des Bahnsteigs zu beobachten. Irgendwie sehen die genauso aus wie ich - als wollten sie zur Hannover-Messe CeBIT.

Da kommt auch schon ihr Zug: Ein Sonderzug, pünktlich auf die Minute, der die Glücklichen direkt aufs Messegelände bringt. Mein Zug fährt nur bis zum Hauptbahnhof. Dafür hat er eine halbe Stunde Verspätung. Ich grüble, wem ich die Schuld in die Schuhe schieben soll: der Sekretärin, dem Reisebüro oder...

In Hannover braucht man nur eine halbe Stunde vom Bahnhof zur Messe. Man steht recht angenehm in der U-Bahn zwischen Jungen, jung Gebliebenen und solchen, die sich dafür halten, und wird durch ein beständiges Gemurmel über Windows, Lotus, Harvard Graphics, GUI etc. sanft, aber penetrant eingestimmt auf das, was der Tag noch bieten wird.

Frisch auf der Messe hat man zunächst Gelegenheit, eine Meisterleistung organisatorischer Voraussicht kennenzulernen: eine Garderobe mit 100 Haken für 200 000 Besucher!

Entsprechend gut ausgestattet, mit dickem Mantel und schwerer Tasche, stürze ich mich in das stickige Getümmel. Bereits nach 20 Minuten des Wartens vermittelt mir eine unermüdliche Hosteß die notwendigen Informationen über den Standort der Aussteller, die ich besuchen will. Das Auskunftssystem hat übrigens prima Antwortzeiten - trotzdem wachst die Queue der Anstehenden unaufhaltsam.

Also frisch zur Halle 7. So ein kleiner Fußmarsch tut ja immer gut. "Ist Herr T. da? Ich bin mit ihm um 14.00 Uhr verabredet." - "Nein", antwortet das leicht genervt wirkende Mädchen am Stand meiner Wünsche. "Er wollte um drei wieder rein schauen", fährt sie leichthin fort. Hier ist der Schuldige klar - der wird was zu hören kriegen!

Aber jetzt erst mal zu Next. Soviel habe ich schon von ihm gelesen - nun will ich den Rechner sehen. Bereits zwei Kilometer später stelle ich fest, daß es meinem Interesse an Exklusivität mangelt: Ich - lichte Höhe 1,69 Meter - kann die schwarzen Cubes und Mega-Pixel-Displays kaum sehen, geschweige denn ausprobieren. Natürlich sind alle Fachleute, die einem etwas erklären konnten, augenblicklich gerade besetzt. Ich gerate jedenfalls mit meinen Fragen immer an Leute, die sich nur mit dem schicken Next-Design auskennen.

"Kann immer mal passieren", sinniere ich den nächsten halben Kilometer ",aber man soll nicht Apple und Birnen in denselben Topf..." oder so ähnlich. Bei den Freunden der humanen Oberfläche finde ich viel Lächeln und Herzlichkeit. Außerdem erhalte ich einen Produktkatalog - wahrscheinlich meint die Dame, das sei die umfassendste Information.

Wenn man eine Kleinigkeit gegessen hat, steigt die Stimmung. Und ich habe ja Zeit bis zwei. An Kneipen fehlt es hier nicht. Sogar einen Platz im Freien, in der Sonne, kann ich erwischen. Das macht mich zunächst auch sehr zufrieden. Vielleicht bin ich ja überempfindlich, aber ein wenig beunruhigt es mich doch, daß auch nach einer halben Stunde noch kein Kellner kommt. Nach dem Essen sehe ich das anders.

Eigentlich kann ich noch bei Firma X vorbeigehen, fällt mir ein. Ich

will schon lange wissen, wie weit es mit der verteilten Verarbeitung ihres Datenbank-Management-Systems her ist. "Tja, also äh, Two-Phase-Commit ab Version 7, äh - besser ich hole mal einen Techniker. " Der aber ist vollauf damit beschäftigt, einem netten Ehepaar die Vorzüge einer Maus zu verdeutlichen. Unwirsch ziehe ich ab.

Herr T. kommt dann doch um zwei. Wir sind uns schnell einig über ein neues Projekt, und er schenkt mir auch das Nextbook. Wirklich interessant, dieses System. Das Buch kann man übrigens auch einfacher bekommen - über jede Buchhandlung.

Als ich mich in der Bahn endlich einer Erzählung widmen kann, erkenne ich, daß Hellseherei doch kein Quatsch ist.

In Wien im Jahre 1932 - also nachweisbar vor der ersten CeBlT - schrieb ein Herr Doderer: "Die Fahrgäste verließen eben den Zug und stiegen die Stufen herab, mit jenem Gesichtsausdruck, den alle erwachsenen Menschen zur Schau tragen, die eine Rummelbude verlassen: als geneppte und dadurch entlarvte Kindsköpfe, die sich's aber nicht anmerken lassen wollen und darum so tun, als sei die Unterhaltung eine große gewesen."