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19.01.1990 - 

Mischkonzerne wie RCA, GE, Philips und Honeywell warfen das Handtuch

Menetekel für Siemens/Nixdorf: Nach Fusionen ging es oft bergab

MÜNCHEN - Immer wieder versuchten große internationale Mischkonzerne den Einstieg ins Mainframe-Geschäft. Immer wieder aber scheiterten sie letztlich an der Marktmacht der IBM. Nicht wenige Branchenbeobachter fühlen sich angesichts der Siemens-Nixdorf-Fusion im Computerbereich an die Schlappen von RCA, General Electric, Honeywell, Singer Philips oder ITT erinnert.

Die Entscheidung der Siemens AG, den Bereich Daten- und Informationstechnik (DI) auszugliedern und mit den DV-Aktivitäten der Nixdorf Computer AG zusammenzulegen, gibt zu Spekulationen Anlaß. Daß die Münchner diese gewiß nicht gängige Konstruktion gewählt haben, kann nämlich durchaus auch als Eingeständnis eigener Schwäche gewertet werden, jedenfalls was den Geschäftsbereich Daten- und Informationstechnik betrifft. Obwohl es dem Elektroriesen an Finanzkraft kaum mangelte und zudem der Staat die Siemens-Anstrengungen im DV-Sektor mit Fördergeldern immer wieder kräftig bezuschußte, ist der Bereich Datentechnik bis heute das Sorgenkind des Elektrokonzerns geblieben. Umsatzmäßig macht der DI-Sektor derzeit gerade 10,6 Prozent vom Gesamtumsatz aus, Gewinne konnten die Münchner nur selten einfahren, und im weltweiten DV-Geschehen sind sie bislang nicht nennenswert in Erscheinung getreten.

Der Einstieg der Siemens AG in den DV-Sektor erfolgte vor knapp 36 Jahren. Am 18. März 1954 beschloß der Vorstand der damals noch unter Siemens & Halske firmierenden Elektrofirma, die Datenverarbeitung als neues Entwicklungs- und Geschäftsgebiet in die Unternehmens-Aktivitäten aufzunehmen. Bereits Anfang 1957 brachte Siemens mit der 2002 den ersten in Serie hergestellten Transistorrechner auf den Markt.

Doch lange hielt man den Alleingang in diesem Geschäft nicht durch: Zunächst übernahmen die Münchner mit der Zuse KG das Unternehmen des deutschen Computerpioniers Konrad Zuse, dann suchten sie sich mit dem Fernseh-, Musik- und Radiokonzern Radio Corporation of America (RCA), der im amerikanischen Rechnergeschäft bereits seit den 50er Jahren etabliert war, einen starken Partner in den Staaten. Dieser lieferte unter anderem einen Rechner, den die Münchner als System 4004 weiterentwickelten und fertigten.

Das Debakel der Unidata

Im September 1971 jedoch fand die Partnerschaft zwischen RCA und Siemens ein jähes Ende, da der US-Konzern abrupt aus dem Computer-Geschäft ausstieg. Grund: Die Rechnerdivision von RCA war tief in die roten Zahlen gerutscht, und das Management rechnete sich gegen den Konkurrenten IBM keinerlei Chancen mehr aus. Der amerikanische Mischkonzern Sperry griff zu und gliederte die RCA-Computerdivision in die eigene Abteilung - Sperry Univac - ein. Damit hatte Siemens den wichtigsten Kooperationspartner verloren und stand ohne Lizenzgeber da.

Bereits zwei Jahre später flüchteten sich die Münchner in eine neue Kooperation. Gemeinsam mit dem niederländischen Elektrokonzern Philips und dem französischen DV-Unternehmen CII gründeten sie das DV-Bündnis Unidata. Ziel des Trios war es, eine starke europäische Datenverarbeitungsindustrie als Gegengewicht zu den marktbeherrschenden US-Konzernen IBM, Burroughs, Sperry Univac, NCR, Control Data und Honeywell zu schaffen.

Doch auch mit dieser Liaison hatte Siemens kein Glück. Obwohl die drei Partner innerhalb von zwei Jahren vier Großrechner entwickelten und auf den Markt brachten - die Unidata 7.720 von Philips, die Unidata 7.740 von CII und die Unidata-Systeme 7.730 sowie 7.750 von Siemens - ging die Kooperation bereits 1975 durch den Ausstieg der CII in die Brüche. Kurze Zeit später warf auch Philips das Handtuch und nahm das Scheitern der Unidata zum Anlaß, sich ganz aus dem Großrechnergeschäft zu verabschieden. Siemens führte zwar die Unidata-Geschäfte noch einige Zeit in eigener Regie fort, begrub aber schließlich die Überreste in aller Stille, zumal man dabei kräftig draufzahlte.

Wieder blieben die Münchner nicht lange ohne Partner, denn die hohen Entwicklungskosten konnten trotz fortlaufender staatlicher Subventionen nicht allein aufgebracht werden. Nach den Pleiten mit amerikanischen und europäischen Verbündeten streckte man diesmal die Fühler nach Japan aus. 1978 schließlich kam Siemens mit Fujitsu überein, deren Großrechner in Europa zu vertreiben. Mit dem MVS-kompatiblen japanischen Jumbos im Gepäck begaben sich die Münchner in die Welt der PCM-Hersteller und erhofften sich von diesem Schritt, nun endlich an der Vormachtstellung von IBM kratzen zu können.

Zur gleichen Zeit wagte sich der Elektrokonzern auf das MDT-Parkett. Mit dem System 6000, das auf dem eigenen Prozeßrechnersystem 300 basierte, wollte Siemens künftig im Konzert der MDT-Spezialisten Nixdorf, Kienzle und NCR mitspielen. Doch das System wurde ein Flop. Es mangelte an Software, und die erforderliche Vertriebsmannschaft war ebenfalls nicht vorhanden. Drei Jahre später wurde der Bereich "Basis-Informationssysteme", der eigens für die MDT-Aktivitäten gegründet worden war, wieder aufgegeben.

Auch im steckerkompatiblen Großrechnergeschäft kamen die Münchner nicht so voran, wie sie sich dies 1978 mit dem Fujitsu-Deal ausgemalt hatten. Die Konkurrenz im hiesigen PCM-Geschäft war schärfer geworden, da auch Nixdorf und der Chemieriese BASF (mit Hitachi-Rechnern) 1980 in den Markt der Plug-Kompatiblen eingestiegen waren.

Darüber hinaus fing die IBM 1982 einen Urheberrechtsstreit in Sachen Betriebssystem MVS gegen Fujitsu an, der Siemens veranlaßte, den Vertrieb der kompatiblen Japan-Jumbos zurückzuschrauben. Zwar einigten sich die beiden Streithähne letzten Endes gütlich, doch der fortwährende harte Kampf an der PCM-Front um Marktanteile zermürbte die Münchner zusehends.

Auf der Suche nach einer eleganten Lösung, sich unauffällig aus dem IBM-kompatiblen Mainframe-Geschäft zurückziehen zu können, kam Siemens 1986 schließlich mit BASF ins Gespräch. Der Ludwigshafener Chemiekonzern hatte beschlossen, das PCM-Geschäft in eine selbständige Gesellschaft auszulagern und suchte einen potenten Partner mit dem gleichen Ziel. Noch im gleichen Jahr gründeten die beiden Unternehmen die Comparex Informationssysteme GmbH, in der sie ihre PCM-Bereiche zusammenlegten.

Obwohl Siemens und BASF sich zu je gleichen Teilen an Comparex beteiligten, übernahmen die Ludwigshafener eindeutig das Kommando. Die Münchner zogen sich schließlich 1988 aus diesem Markt zurück und verkauften 16,5 Prozent ihrer 50-Prozent-Beteiligung an BASF. Fortan konzentrierte sich Siemens im Großrechnerbereich auf seine BS2000-Rechner 7.500, die mittlerweile ebenfalls zum Großteil japanischen Ursprungs sind.

Erst unlängst ging eine weitere Kooperation von Siemens in die Brüche: Mit der amerikanischen Intel hatte der Elektroriese 1988 ein Gemeinschaftsunternehmen namens BiiN gegründet mit dem Ziel, ausfallsichere Rechner zu produzieren. Das Siemens/Intel-Projekt lebte jedoch nur 15 Monate: Im Oktober letzten Jahres war BiiN am Ende.

Zur gleichen Zeit splitteten die Münchner ihren Unternehmensbereich Kommunikations- und Datentechnik in drei eigenständige Bereiche - Daten- und Informationstechnik, Private Kommunikationssysteme sowie Peripherie- und Endgeräte und legten somit den Grundstein für eine problemlose Auslagerung der Datentechnik, die jetzt mit der Zusammenlegung der DV-Aktivitäten von Nixdorf in die Siemens Nixdorf Informationssysteme AG vollzogen werden soll.

Wie lange sich Siemens als Anbieter in der kommerziellen Datentechnik halten kann, wenn der Nixdorf-Deal abgeschlossen ist, wird die Zukunft zeigen. So mancher Branchenkenner prognostiziert dem Elektroriesen das gleiche Ende, das schon zahlreiche internationale Mischkonzerne zuvor in Sachen DV-Engagement erlebten.

Vor allem den Niedergang des amerikanischen Mischkonzerns Honeywell Inc. in diesem Sektor sollten sich die Münchner immer vor Augen halten. 1906 als Produzent von Zubehör für Heißwassergeräte in den USA gegründet, hatte sich das Unternehmen in der Folgezeit zu einem bedeutenden Rechner-Hersteller entwickelt, der es sich gleich Sperry Univac, Burroughs, Control Data und NCR (die fünf bildeten die sogenannten BUNCH-Gruppe) schon früh zur Aufgabe machte, der IBM den Rang abzulaufen.

Doch auch Honeywell wollte den Kampf gegen IBM nicht im Alleingang aufnehmen. Als der mächtige amerikanische Elektrokonzern General Electric, der 1964 die französische Compagnie des Machines Bull übernommen hatte, um sich mit der Datentechnik ein zweites Standbein aufzubauen, dem Computerabenteuer nach Millionenverlusten eine Ende setzte, griff Honeywell zu und kaufte General Electric 1970 dessen gesamten amerikanischen DV-Bereich sowie die Anteile an Bull ab. Damit war Honeywell weltweit zum zweitgrößten Computerhersteller aufgerückt.

Mit dem französischen Partner jedoch kam Honeywell nie recht klar. Zum einen dauerte es mehrere Jahre, die Computeraktivitäten der beiden Unternehmen umzustrukturieren, da die Produktlinien zum Teil auf die gleichen Märkte zielten. Zum anderen brachte die französische Regierung Unruhe in das Unternehmen, kaum daß die Neuordnung endlich vollzogen war und sich das Unternehmen zu etablieren begann. Die Franzosen nämlich wollten aus der amerikanisch-dominierten Compagnie Honeywell Bull wieder ein nationales Unternehmen machen. So drängten sie den US-Konzern 1976 zu einer Computer-Ehe zwischen Honeywell Bull und der französischen CII. Dadurch verloren die Amerikaner die Mehrheit bei Bull und zogen sich im Laufe der 80er Jahre immer mehr aus dem Engagement der CII-Honeywell Bull zurück. 1987 schließlich stieg Honeywell weltweit aus dem Computergeschäft aus.

Doch auf der Liste der jungen Multis, die sich aus eigener Kraft nicht neben dem Computergiganten aus Armonk halten konnten, sind noch andere klangvolle Namen zu finden. In den USA verschwanden neben RCA, General Electric, Philips und Honeywell auch Remington Rand (Hersteller der Univac, ging Ende der 50er Jahre an Sperry), Xerox (1975 übernahm Honeywell deren Computergeschäft), der Nähmaschinenproduzent Singer (gab 1976 die DV-Division auf, die internationalen Computeraktivitäten übernahm ICL) und schließlich Sperry und Burroughs (fusionierten 1986 und firmieren seitdem unter Unisys) sang- und klanglos von der DV-Bildfläche. Tenor der Verlierer: "Wir waren schon gut, aber das Geld fehlte, um auch zukünftig so gut zu bleiben wie IBM."

Je größer die Liste der so Gescheiterten wird, desto kleiner wird die Aufstellung derjenigen DV-Firmen, die der IBM jetzt noch die Stirn bieten. Im Großrechnergeschäft jedenfalls hat Big Blue kaum noch einen nennenswerten Gegenspieler. Als letztes BUNCH-Mitglied strich im vergangenen Jahr auch Control Data die Segel und gab das Mainframe-Business auf.