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20.12.1985

Menschen der Technik-Genitivus subjectivus oder objectivus?

Immer schon hat die Technik dem Menschen Fragen gestellt. Mehr

noch - sie stellt ihn selbst in Frage. Denn der Mensch muß sich nicht nur im allgemeinen fragen, wer und was er sei, sondern auch im besonderen: Wer und was bin ich angesichts meiner Technik? Das heißt: Wer bin ich jetzt, da ich so viel von mir selber in die Technik hineingelegt habe und diese Technik nun mit einer gewissen (freilich von mir selbst bedachten und gewollten) Eigengesetzlichkeit mir gegenübersteht. Wem käme Goethes Zauberlehrling nicht in den Sinn.

Ich möchte eine alte chinesische Parabel zitieren. Ein Mönch steigt Morgen für Morgen zum tiefergelegenen Bach hinunter, um Wasser zu schöpfen und mühsam hinaufzutragen. "Ginge es mit einem Wasserrad nicht viel bequemer?", fragte ihn einer. "Ich kenne diese Erfindung wohl", entgegnete der Mönch ruhig. "Aber ich würde mich schämen, sie zu gebrauchen."

Wir sind keine wassertragenden Mönche mehr. Doch die Einsicht bleibt: Nicht alles, was wir technisch können, tut uns menschlich gut. Deshalb ist die Frage nach unserem Tun eine Doppelfrage. Die erste heißt: Was können wir tun? Die zweite: Was sollen wir tun? Drei kleine Geschichten fallen mir ein.

Jüngst erzählte mir ein Universitätsprofessor von seinen zwei Sekretärinnen. Beide arbeiten am Computer. Die eine kommt mit ihm gut zurecht. Die andere hat noch Mühe. "Mir fällt auf", sagte der Professor, "daß jene Sekretärin, die den Computer mit seinen Finessen beherrscht, mit ihm arbeitet wie mit einer Schreibmaschine. Auch der Computer ist für sie also eine Maschine. Nicht weniger - nicht mehr.

Ganz anders die zweite Sekretärin. Sie redet dauernd mit dem Computer. Wenn er nicht funktioniert, beschimpft sie ihn: "Du schlechter Kerl!" Wenn das Schimpfen nichts nützt, gibt sie ihm Streicheleinheiten: "Mach schon, du lieber Kerl, du kannst mich doch nicht im Stich lassen. Sei so nett . . ."

Die erste Geschichte zeigt nur: Je mehr man die Technik beherrscht, desto mehr ist und bleibt sie Technik. Je weniger man das technische Handwerk im Griff hat, desto menschlichere Eigenschaften spricht man den Apparaten zu. Vielleicht könnte man daraus schließen: Alle jene, die dem Computer partnerschaftliche Gefühle, wache Intelligenz und allerhand mehr zusprechen, verraten damit, daß sie entweder selber von Computern nichts verstehen oder werbemäßig davon ausgehen, daß die anderen nichts verstehen - und auch gar nichts verstehen sollen.

Jedenfalls ergibt sich daraus ein erster Grundsatz: Wir können technisch viel. Doch wir sollen die Technik nicht - fachlich inkompetent - vermenschlichen. Vielmehr soll fachliche Kompetenz es uns ermöglichen, mit der Technik technisch umzugehen.

Die zweite Geschichte habe ich selber erlebt. Während einer Klettertour blieb beim Abstieg mein Rucksack an einem störrischen Föhrenast hängen. Ich hatte mit den Händen am Felsen genug zu tun und darum keine Hand frei, den Rucksack vom Ast behutsam zu lösen. Ich zerrte und zerrte. Es nützte nichts. Da konnte nur noch das Schimpfen helfen. "Du himmeltrauriger Ast, jetzt gib endlich nach ..." In Wirklichkeit gebrauchte ich, wie leicht zu erraten ist, noch ganz andere Ausdrücke. Doch mitten im Schimpfen mußte ich lachen - über mich selbst. Machte ich es jetzt nicht haargenau so wie die Sekretärin, die vom Computer noch wenig verstand? Dann fiel mir ein, daß Kinder auf diese Weise mit den Dingen umgehen. Der Tisch, an dem sie sich gestoßen und wehgetan haben, ist ein "böser" Tisch. Darum muß man mit ihm auch schimpfen. Das heißt: Auch Kinder vermenschlichen die Sachen und Dinge. Sie sehen in ihnen noch lebendige Wesen.

Aus meinem Erlebnis wuchs die Frage: Sind wir nicht allesamt ein Stück weit Kinder geblieben? Von den Ursprüngen der Menschheit her liegt es uns noch sehr im Blute, auch mit Dingen und Sachen zu reden und zu schimpfen. Es fängt also gar nicht erst mit dem Computer an. Schon immer haben wir Menschen uns selbst in die Dinge hineinprojiziert. Nur mühsam lernen wir, in den Dingen keine Menschen zu sehen, sondern uns selber in den Dingen (als in unseren Werken) wiederzuerkennen.

Daraus ergibt sich ein zweiter Grundsatz: Die Technik ist ihrer Kinderstube entwachsen. Darum sollen wir die Technik nicht - kindlich naiv - vermenschlichen.

Zum dritten fallen mir Gespräche mit Menschen ein, die keineswegs die Technik vermenschlichen, sich aber oft fragen: Als wen erfahren wir Menschen uns jetzt, da wir in der Computertechnik uns so unwahrscheinlich wirksame Apparate zur Verfügung gestellt haben? Ich glaube, wir erfahren uns neu als "Menschen der Technik".

Doch was ist der Mensch der Technik? Es kommt auf den Genitiv an. Das heißt: Wa(...) das für ein Genitiv beim Ausdruck "Menschen der Technik"? Da gibt es den Genitivus objectivus. Dann steht

das Subjekt im Nominativ. Der Genitiv gilt dem Objekt. So verstanden ist der Mensch das Subjekt der Technik, also ihr Urheber und Träger. Dieser Mensch hat ein (im Genitiv stehendes) Objekt. Das ist die Technik. Darum gehört sie als Objekt zu ihm; und als Objekt gehört sie ihm auch. Er ist ihr Eigentümer und trägt dafür auch die Verantwortung.

Da ist aber auch der Genitivus subjectivus. Dann ist das grammatikalische Subjekt in Wirklichkeit nur noch ein Objekt, und zwar das Objekt jenes Subjektes, das uns im Genitiv entgegentritt. So verstanden ist die Technik Subjekt, H(...) und Meister. Der Mensch wird zum Objekt und Anhängsel der Technik. Es ist die Technik, die ihn beherrscht, so daß er sie - allenfalls als ihr gehorsamer Diener - gerade noch bedienen darf. Er bedient sich nicht mehr der Technik. Er bedient sie. Wer wollte wenigstens die Gefahr leugnen?

Daher der dritte Grundsatz: Die Technik ist zu einem gewaltigen Objekt geworden. Damit können wir ungeheuer viel erreichen. Deshalb sollten wir nicht - leichtsinnig und leichtfertig - die Technik verharmlosen.

Kurzum: Wenn wir die Technik nicht sachlich inkompetent oder kindlich naiv vermenschlichen, sie aber auch nicht leichtsinnig und leichtfertig verharmlosen, wird sie uns zur Aufgabe und zum Abenteuer. Dieses uns aufgegebene Abenteuer gilt es, zuversichtlich zu wagen, allerdings nicht ohne die Risiken verantwortungsbewußt zu bedenken. Eines ist sicher: Menschen der Technik zu sein, ist unser wohl bleibendes Schicksal. Daß wir es bleiben im Sinne des Genitivus subjectivus, ist unsere Aufgabe und Pflicht.