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03.12.1993

Mentor Graphics sammelt Erfahrung mit russischen Firmen

MOSKAU - Schon seit Ende 1990 betreibt Mentor Graphics, der weltweit zweitgroesste Hersteller von Software-Tools zur Optimierung des Designs integrierter Schaltkreise fuer diverse Industrieanwender, ein Joint-venture in Russland. Jean-Claude Caraes, Europa-Chef der amerikanischen Gruppe (330 Millionen Dollar Umsatz, 2200 Mitarbeiter), berichtete ueber erste Erfahrungen mit diesem Projekt.

Die Firma mit Namen Scan und Hauptsitz in Moskau befindet sich juristisch voll in russischem Besitz. Mentor brachte seinen Anteil lediglich durch Hardware-Installationen auf eigene Rechnung und die Eroeffnung von Kreditlinien fuer den Verkauf auf westlichen Maerkten ein. Zweigbueros von Scan befinden sich in Kiew, Minsk und St. Petersburg. Insgesamt beschaeftigt das Joint-venture etwa 40 Mitarbeiter, je zur Haelfte Entwicklungsingenieure sowie Verkaufs- und Supportkraefte.

Im Vorjahr machte Scan etwa zwei Millinen Dollar Umsatz. "Dabei liessen wir unsere russischen Mitarbeiter zunaechst Interfaces und Standardprodukte fuer den Mentor-Katalog entwickeln, spaeter ist aber durchaus auch das Design autonomer und originaerer Erzeugnisse in Moskau denkbar", erlaeutert Caraes.

Schwierigste Aufgabe war es, die russischen Ingenieure an die Marktgepflogenheiten und Kostenrechnungen westlicher Unternehmen heranzufuehren, meint der Mentor-Vize. Anfangs naemlich haetten sie "ziemliche Probleme" damit gehabt, einzusehen, warum bei einem Produkt mit Endverkaufspreis zehn Mark nur eine Einheit in die Forschung gehen soll, drei Einheiten in die Entwicklung und Herstellung, sechs dagegen in Vertrieb und Support. Mentor half ihnen auf die Spruenge, indem ein halbes Dutzend Techniker Fortbildungskurse in den Mentor-Entwicklungszentren in Belgien und Grossbritannien absolvieren durften.

Die berufliche Qualifizierung der russischen Ingenieure entspreche ansonsten aber "voll dem europaeischen oder amerikanischen Niveau", betont Caraes. Denn beispielsweise haetten Physiker und Techniker in den Labors der Universitaet von Selenograd, 30 Kilometer noerdlich von Moskau, im Westen beschaffte DV-Hardware unter Aufsicht der (ehemals sowjetischen) Akademie der Wissenschaften systematisch nachgebaut. Deshalb konnten letztlich auch Cocom- Vorschriften nicht verhindern, dass europaeische Besucher schon Mitte der 80er Jahre in Moskau perfekt kopierte IBM- und DEC- Platinen entdeckten.

Trotz der technischen Gleichwertigkeit vieler russischer Produkte bleibe das Hauptproblem aber, ihnen auf westlichen Maerkten auch kommerzielle Glaubwuerdigkeit zu verschaffen, meint Caraes.

Heute gibt es technologiepolitische Probleme beim Transfer von Know-how in den Osten zwar kaum noch, wohl aber besteht fuer Mentor Graphics ein handfestes wirtschaftliches Risiko: der Verlust von Fachpersonal, das auf eigene Kosten ausgebildet wurde. Zwar sind technisch geschulte Mitarbeiter in Russland nicht eigentlich Mangelware, aber die Fluktuationsgefahr ist gross, und das noch junge Unternehmen kann sich den daraus resultierenden Schaden natuerlich nicht leisten. Mentor Graphics versucht deshalb, die Beschaeftigten durch Gehaelter bis zu 2000 Dollar pro Monat an das Unternehmen zu binden - unter den heutigen Verhaeltnissen in Russland schon fast ein fuerstliches Salaer.

CW-Bericht, Lorenz Winter