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13.10.2000 - 

Modellierungswerkzeug vermittelt den Überblick

Merck ist für die neue ISO-Norm gewappnet

MÜNCHEN (qua) - Vor Jahren schon hat der Laborbereich der Darmstädter Merck-Gruppe ein eigenes System für die Modellierung von Geschäftsprozessen entwickelt; jetzt ist es auch als Software implementiert. Die Applikation soll dem Unternehmensbereich helfen, die Anforderungen der künftigen ISO-9000-Norm schon im Vorfeld zu erfüllen.

"Die Audits früherer Zeiten sind out", konstatiert Otto-Ernst Brust, Qualitäts-Management-Verantwortlicher bei der Laboratory Division der Merck KgaA, Darmstadt. Heute sei die "permanente Inventur" in, sprich: der ständige Abgleich zwischen dem in den Unternehmenszielen formulierten Anspruch einerseits und der betriebswirtschaftlichen Realität andererseits. Das Management müsse in der Lage sein, jeden Tag die Defizite in der Unternehmensführung aufzudecken.

Was sich liest wie eine akademische Idealvorstellung, dürfte vielen Unternehmen bald als knallharte Forderung begegnen. Wie der Merck-Manager berichtet, wird die überarbeitete Version der ISO-9000-Norm von den zertifizierten Unternehmen weit mehr verlangen als nur wiederholbare Produktionsabläufe. Vielmehr müssen die Firmen nachweisen, dass auch ihre betriebswirtschaftlichen Abläufe einer Überprüfung standhalten.

"DIN EN ISO 9000:2000" wird nicht nur die Quantifizierung von Begriffen wie Kunden- beziehungsweise Mitarbeiterzufriedenheit, sondern auch den Nachweis systematischer Soll-Ist-Vergleiche und kontinuierlicher Verbesserungen anhand betriebswirtschaftlicher Kenngrößen vorschreiben, weiß Brust als direkt Betroffener. Im Chemie- und Pharmaumfeld, das auf die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen angewiesen ist, stellt das ISO-Zertifikat eine Conditio sine qua non dar.

"Die alte Norm war formalistisch. Sie wurde von Administratoren, nicht von Managern umgesetzt", erläutert Qualitätssicherungs-Experte Brust. Die Folge sei eine Kluft zwischen der Norm und der Realität gewesen. Die in Arbeit befindliche ISO-9000-Norm soll diese Lücke schließen helfen. Ohne geeignete Hilfsmittel hätte Merck hier möglicherweise ein Problem. Denn viele der Führungskräfte auf den mittleren Ebenen sind Chemiker, in deren Ausbildung das ökonomische Know-how keine allzu große Rolle spielte.

Die ISO-9000-Zertifizierung Stand 2000 wird voraussichtlich nicht vor dem kommenden Frühjahr verabschiedet sein. Doch der Laborbereich der Merck-Gruppe, der mit einem Jahresumsatz von mehr als drei Milliarden Mark für ein Drittel des Konzerngeschäfts verantwortlich ist, hat sich bereits vor Jahren Gedanken darüber gemacht, wie er mit Hilfe transparenter - und damit optimierbarer - Prozesse seine Ressourcen möglichst wertschöpfend einsetzen könnte. Unter der Bezeichnung "Atlas" wurde im Mai 1997 ein - zunächst papierbasiertes - Führungsinstrument implementiert.

Anlass für dessen Entwicklung war laut Brust eine "Entrümpelungsaktion", die zur Neustrukturierung des gesamten Unternehmensbereichs geführt habe.

Anfang 1998 lizenzierte Merck das inzwischen in "Transparentes Optimiertes Prozess-Analyse-System", kurz "Topas", umgetaufte Atlas an die Deutsche Gesellschaft für Qualitätssysteme (DQS), Berlin und Frankfurt am Main, die es zur Zertifizierung von Management-Systemen einsetzte und -setzt. Etwa zeitgleich entstand die Idee, es in Software abzubilden. "Mit Papier kann man nicht steuern", lautet die Begründung, die Brust dafür liefert. Ein System auf Softwarebasis biete ungleich mehr Möglichkeiten, die Auswirkungen betriebswirtschaftlicher Entscheidungen nachvollziehbar zu machen. Zudem ließen sich auf diesem Weg auch die Zulieferer und andere "Schnittstellen-Partner" einbinden.

Entstehen sollte ein System, mit dem sich die Prozesse sowohl entlang der Wertschöpfungskette als auch in ihre Tiefe hinein steuern lassen und das zudem in der Lage sein sollte, die unternehmenseigene Prozesskette mit denen externer Dienstleister zu verbinden. Eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür war, dass die Software nicht nur das Zeichnen von Kästchen-Diagrammen ermöglichte, sondern auch die dahinter liegenden Daten für Simulationen heranziehen konnte.

Die unter anderem im ISO-9000-Lizenzierungsgeschäft tätige DQS schlug als Implementierungspartner ein junges Berliner Softwarehaus namens Modellierungs-, Informations- und Planungssysteme GmbH & Co. KG (MIP) vor, das seit September dieses Jahres unter der Bezeichnung Alfabet AG firmiert. Wie der ursprüngliche Name andeutet, hat sich das 1994 mit Risikokapital gegründete und mittlerweile 45 Mitarbeiter starke Unternehmen auf die Entwicklung von Softwaresystemen für die Unternehmensmodellierung spezialisiert.

Auf der Grundlage einer Datenbank-gestützten Plattform für die Metamodellierung entstanden und entstehen Lösungen für die Planung und Ausrichtung unterschiedlicher Aspekte der Unternehmensführung, darunter eine Lösung für das strategische IT-Management sowie das gemeinsam mit der Deutschen Telekom entwickelte Modellierungssystem "Strategic Enterprise Management" (SEM).

Mit der Qualitäts-Management-Lösung Topas (die Lizenzvereinbarungen mit der DQS schließen die Verwendung des Namens ein) rundet Alfabet sein Softwareangebot weiter ab. Entwicklungspartner und bislang einziger Kunde ist - wie nicht anders zu erwarten - der Laborbereich der Merck-Gruppe. Bis zum Jahresende soll die Client-Server-Software dort implementiert sein; nach dem fälligen Review wird voraussichtlich im ersten Halbjahr 2001 das Feintuning in Angriff genommen - pünktlich zur erwarteten Veröffentlichung der neuen DIN-EN-ISO-Norm.

"Die Kopfarbeit ist beendet, jetzt kommt die Handarbeit," beschreibt Brust den Stand der Vorbereitungen. Anzupassen sind beispielsweise die Oberflächen an die Vorgaben des Merck-Bereichs. Außerdem müssen Schnittstellen zu Drittsystemen geschaffen werden, beispielsweise zum Data Warehouse und zu den SAP-Applikationen. Hier migriert Merck gerade von R/2 auf R/3; das Vorhaben soll in der ersten Hälfte des kommenden Jahres abgeschlossen sein.

Als "Führungs-, Steuerungs- und Arbeitsinstrument für Analyse, Planung und Monitoring der Geschäftsprozesse auf Basis definierter Kennzahlen" (Alfabet-Jargon) bildet Topas bei Merck Labor folgende vier Ebenen ab:

- Prozesse,

- Ziele (Verbindung zu den Kenngrößen),

- Leistungen und

- Beziehungen zu den Dienstleistungspartnern.

Die Anwender, vorwiegend Führungskräfte auf oder oberhalb der Abteilungsleiterebene, erhalten damit via Browser einen Überblick über den jeweils aktuellen Stand in jedem dieser Bereiche. Diese Transparenz erlaubt es ihnen, die Prozesse ständig auf ihre Konsistenz zu überprüfen und redundante Leistungen zu beseitigen. Unter anderem will Brust das Bewertungsmodell der "Balanced Scorecards" in Topas implementieren lassen.

Als Gesamtunternehmen hat sich die Merck-Gruppe bislang nicht auf das Softwarewerkzeug festgelegt. Wie Brust beteuert, haben andere Unternehmensbereiche jedoch bereits Interesse angemeldet. Die Entscheidungsfindung positiv beeinflussen könnte die Tatsache, dass Topas nicht als Konkurrenz, sondern als Erweiterung zu den anwendungsnahen Prozessmodellierungs-Werkzeugen konzipiert ist, denn im SAP-Umfeld kommt die Toolbox "Aris" von IDS Dr. Scheer auch bei Merck zum Einsatz. Laut Alfabet hat Topas dem IDS-Produkt voraus, dass es nicht nur Objekte, sondern auch Beziehungen abbildet. Außerdem ließen sich die Aris-Modelle in Topas weiterverwenden.

Wo es zischt und stinktDie in Darmstadt beheimatete Merck-Gruppe ist in die drei Unternehmensbereiche Pharma, Labor und Spezialchemie aufgeteilt. Sie betreibt ihr Geschäft in 48 Ländern. Mehr als 30 000 Mitarbeiter setzen eine Firmentradition fort, die Friedrich Jacob Merck 1668 mit der Engel-Apotheke in Darmstadt begründete.

Im vergangenen Jahr erhöhte sich der konsolidierte Umsatz der Merck-Gruppe um 29 Prozent auf 5,35 Milliarden Euro. Das Betriebsergebnis stieg um 23 Prozent auf 645 Millionen Euro. Allerdings sank der Gewinn nach Steuern und Fremdanteilen um 34 Prozent auf 212 Millionen Euro.

Der Geschäftsbereich Labor trug rund 1,6 Milliarden Euro und damit etwa 30 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Er bietet Verbrauchsmaterialien, Kleingeräte, Systeme und für den Laborfachhandel typische Serviceleistungen an - vorrangig über die beiden Distributionsunternehmen Merck Eurolab und VWR SP. Das Ergebnis des Laborbereichs betrug 86 Millionen Euro, die Umsatzrendite 5,3 Prozent.