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01.10.1993

Merseburger Krankenhaus: Die Offenheit zaehlt

Die meisten ostdeutschen Krankenhaeuser haben einen erheblichen Investitionsaufwand in Gebaeude- und Einrichtungsrenovierung sowie in Medizintechnik, deshalb bleibt fuer die DV-Unterstuetzung meistens nur ein Schnuersenkel-Etat uebrig. In dieser Situation bieten sich Client-Server-Loesungen auf PC-Basis an. Das Carl-von- Basedow-Kreiskrankenhaus in Merseburg hat ein solches System eingefuehrt.

Das Carl-von-Basedow-Kreiskrankenhaus in Merseburg bei Leipzig hat 540 Betten und versorgt neben den rund 50 000 Staedtern auch die rund 122 000 Einwohner des Landkreises. Es wird als akademisches Lehrkrankenhaus der Martin-Luther-Universitaet, Halle und Wittenberg, gefuehrt, wobei im Sinne eines Profit-Centers ein ausgewogenes Kosten-Nutzen-Verhaeltnis hergestellt werden sollte. Mit diesem anspruchsvollen Projekt wurde unter anderem der Sachgebietsleiter DV und Organisation, Immo Neumann, beauftragt.

Neumann sah sich erst einmal am Markt nach speziellen DV-Loesungen fuer das Krankenhaus um. Dabei stand seine Auswahl unter folgenden Kriterien:

- Die Gesamtloesung musste sich in einem ueberschaubaren finanziellen Rahmen bewegen. Auf ein gutes Preis-Leistungsverhaeltnis wurde grosser Wert gelegt.

- Die eingesetzten Programme sollten benutzerfreundlich sein und einen spuerbaren Rationalisierungseffekt erbringen.

- Als Hardware waren offene Standardsysteme auf vernetzter PC- Workstation-Basis sowie - im Hinblick auf zukuenftige Erweiterungen - Novell und MS-DOS als Betriebssystem-Plattformen vorgesehen.

Nach zahlreichen Tests und ausfuehrlichen Informationsgespraechen kam es schliesslich zwischen dem Landratsamt Merseburg und dem DV- Anbieter Digital-Kienzle Computersysteme zu einer Geschaeftsverbindung. Auf der Basis von PC-Systemen bietet das Unternehmen fuer Krankenhaeuser die Software "Open Hospital" an.

Nach einem vorgegebenen Stufenplan wurden die Programm-Module von Open Hospital mit jeweils festumrissenen Loesungsbereichen im Merseburger Kreiskrankenhaus installiert. Die Client-Server- Konzeption erhielt aus Budgetgruenden den Vorzug.

Zusammen mit dem Verwaltungs- Management wurden vorerst Programm- Module fuer die betrieblichen und kaufmaennischen Aufgaben auf das DV-System uebernommen. Dazu zaehlten Patientenverwaltung und - abrechnung, fuer den stationaeren Bereich Verlegung und Entlassung der Patienten, Anlagenbuchhaltung, Programme fuer das Controlling und den Kosten-Leistungs-Nachweis sowie die Finanzbuchhaltung.

Bei dem vorgesehenen Stufenkonzept musste Neumann auch die Einbindung dezentraler Gebaeude und Dienstleistungszentren beruecksichtigen. Zwischen den zu verbindenden Gebaeuden des Krankenhauses liegen Entfernungen von bis zu 1000 Metern.

Als physisches Uebertragungsmedium waehlte man ein Produkt mit Zukunft: Glasfaser. Als erste Aussenstelle wurde die Apotheke einbezogen. Installiert wurden dort PCs mit Druckerperipherie sowie die Programm-Module Materialwirtschaft und Bestellwesen.

Wegezeiten und

Formularwege reduziert

Der naechste Schritt im Stufenplan ist die Einbindung des Laborbetriebs mit Routineaufnahmen. Zusaetzlich zu seinen krankenhausinternen Aufgaben bietet diese Institution ihre Dienstleistungen als Laborgemeinschaft auch den niedergelassenen Aerzten des Kreises an. Frueher wurden die Auftraege zusammen mit den Proben zu Fuss sowohl an das Labor uebermittelt als auch von dort wieder abgeholt.

Mit Open Hospital werden Wegezeiten und Formularwege erheblich reduziert. Die validierten Befunde werden jetzt sofort vom Labor an das Terminal der betreffenden Einsenderstation zurueckgemeldet. Dort stehen sie den Aerzten und dem Pflegepersonal zur Verfuegung. Anforderungen gelangen direkt von den Stationen ueber das Rechnernetz in die Apotheke. Der direkte und zudem zeitlich optimierte Weg reduziert den Zeitaufwand fuer die Abholung der Praeparate.

Fuer die Lohn- und Gehaltsabrechnung der Krankenhaeuser sorgten frueher Rechenzentren. In Merseburg wurde diese externe Dienstleistung im ersten Quartal 1991 kurzfristig gekuendigt. Die hausinterne DV sowie die betroffenen Verwaltungsangestellten standen damit vor ihrer ersten grossen Bewaehrungsprobe.

Das Krankenhaus konnte kurzfristig auf die Standardsoftware des Herstellers zurueckgreifen. Erst dadurch war es moeglich, innerhalb von zwei Monaten die Lohn- und Gehaltsabrechnung fuer 740 Mitarbeiter fristgerecht zu automatisieren. Dazu Kurt Schaer, Fachberater fuer Krankenhaus-Organisations- und DV-Systeme bei Digital-Kienzle: "Mit einem grossen Kraftakt, viel Kooperationsbereitschaft und hoher Motivation der Mitarbeiter konnte die erste echte DV-gestuetzte Lohn- und Gehaltsabrechnung zum 1. Juli 1991 zum Laufen gebracht werden." Durch die eingesparten Kosten fuer externe Lohn- und Gehaltsabrechnungen werden sich die Investitionen in die autonome DV-Loesung in absehbarer Zeit amortisieren.

Einen weiteren Rationalisierungseffekt soll die Loesung durch die Moeglichkeit bringen, dass sich nicht nur einzelne Daten, sondern komplette Belege papierlos ueber die Datenleitungen uebertragen lassen. Dadurch sind Doppelerfassungen vermeidbar, da alle einmal erfassten Daten allen Stationen und sonstigen Funktionsbereichen zentral ueber den Server zur Verfuegung gestellt werden.

Weiterer Ausbau des

Systems ist geplant

Ein Beispiel aus der taeglichen Praxis: Wird ein Patient verlegt, so uebertraegt man seine Daten einfach an die ihn neu aufnehmende Station. Das Programm hat sich in Merseburg so bewaehrt und durchgesetzt, dass man nach dem Start mit zwei vernetzten Stationen dieses Konzept nach und nach auf alle 20 ausdehnen will.

Zuversichtlich sieht die Krankenhausleitung den zukuenftigen Erweiterungen entgegen: "Hard- und Software erlauben uns einen kontinuierlichen Ausbau. Bisher reicht fuer die Anwendungen ein 80386-Server problemlos aus, um die derzeit 25 Arbeitsplaetze mit normalen Antwortzeiten zu bedienen." Den Nutzen der DV hat inzwischen jeder Mitarbeiter deutlich erkannt und wuenscht sich auch fuer seinen Arbeitsbereich eine Workstation mit Zugriff auf die fuer ihn relevanten Programme. Im Carl-von-Basedow-Krankenhaus wird seit Monaten viel investiert.

Was die Computerloesung betrifft, sind die Merseburger bereits zum Vorbild fuer DV-Interessierte aus anderen Krankenhaeusern geworden. So manches Hospital sieht das dortige Projekt als nachahmenswertes Modell fuer ein autonomes Krankenhaus-Informationssystem.

Von Klaus Rosenthal

Der Autor ist freier Journalist in Mespelbrunn.