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19.09.1997 - 

Sicherheitsbedenken kontra Trend-Applikationen

Messaging: Viele Standards können zum Ziel führen

Wer sich erstmalig dem Thema "Messaging" nähert, begegnet zunächst einem chaotischen Akronymen-Wust. Wie und welche Bezeichnungen der befragte Experte verwendet, hängt davon ab, welchem "Lager" er angehört. Die Polarisierung entsteht zum einen durch die täglichen Erfahrungen im Umgang mit Messaging- und Mail-Systemen, zum anderen basiert sie auf Lösungen und Produkten, mit denen Soft- und Hardware-Anbieter ihre Brötchen verdienen.

Und damit ist gleich ein weiterer, Verwirrung stiftender Begriff genannt: Mail-Systeme. Was hat Messaging mit Mail zu tun? Die Antwort lautet, Messaging-Systeme bilden die Basis, um elektronische Mails zu versenden. Der Begriff "Messaging" beschreibt Verfahren, die zur elektronischen Kommunikation, respektive zum elektronischen Nachrichtenaustausch, erforderlich sind. Dazu gehören etwa die Definition von Protokollen wie auch E-Mail-Systeme, Fax-Programme, Computertelefonie-Integration.

ITU-Normen versus Internet-Standards

Für derartige Anwendungen gibt es Standards, die sich in zwei Gruppen einteilen lassen: X.400 und X.500 stehen den Internet-lastigen Versionen SMTP, POP3, MAPI, IMAP etc. gegenüber. X.400 ist der Electronic-Messaging-Standard der ITU (International Telecommunication Union) und daher, wie auch X.500, ein herstellerunabhängiger Standard. Er eignet sich besonders für sogenannte übertragungskritische Anwendungen. X.500 ist der dazugehörige Verzeichnisdienst. Er wurde im Rahmen des ISO/OSI-Modells definiert und auch im Internet als Standard anerkannt. X.500 definiert unter anderem Strategien für die Synchronisation und Verbreitung von Daten. Zusammen mit LDAP (Light Weight Directory Access Protocol) für den Zugang von Clients erfüllt er alle Anforderungen an verteilte Verzeichnisse.

SMTP, MAPI, IMAP stehen den unabhängigen Standards als De-facto-Standards oder "Industriestandards" gegenüber. Sie werden vor allem für den alltäglichen Datenaustausch über Internet oder Intranet beziehungsweise bei der LAN-LAN-Kommunikation und beim Remote-Access eingesetzt.

Das Simple Mail Transfer Protocol (SMTP) wurde bisher vor allem für den Transfer von Textnachrichten via Internet verwendet. SMTP basiert auf dem Prinzip "ein Kommando, eine Antwort". Dies hat zur Folge, daß ein großer Overhead durch den Transfer der Kommandos entsteht. Die Multipurpose Internet Mail Extensions (MIME) erweitern die Funktionalität von SMTP um die Übertragungsmöglichkeit beliebiger Daten. MIME vermittelt also auch Audio- und Video- oder binäre Daten. Als nachteilig erweist sich jedoch, daß MIME keine Quittungen für die empfangene Nachricht an den Sender absetzt.

Das Messaging Application Programming Interface (MAPI) ist eine Schnittstelle, auf der ein großer Teil der heute eingesetzten E-Mail-Anwendungen basiert, womit die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Systemen erleichtert wird. Schließlich ermöglicht der Standard Internet Message Access Protocol (IMAP) der aktuellen Version 4 den Clients den Zugriff auf E-Mail-Server; Statusanzeigen weisen darauf hin, ob eine Nachricht gelesen, beantwortet oder gelöscht wurde. Außerdem lassen sich Offline-Clients mit dem Mail-Server synchronisieren. Die Version 5 von IMAP soll schließlich einen Standard für Workflow-Messaging definieren.

SMTP schleppt viel Ballast mit sich

Welchem System wird die Zukunft gehören? Diese Frage läßt sich nicht durch Nennung eines Systems beantworten. Es scheint sich jedoch herauszukristallisieren, daß sich Hersteller und Anwender von SMTP abwenden. Grund dafür dürfte der unverhältnismäßig hohe Overhead sein. MAPI-basierte Anwendungen ermöglichen durchgängige Kommunikation über ansonsten heterogene, oft proprietäre E-Mail-Systeme hinweg. MAPI ist einfach zu handhaben, und Anwendungen lassen sich leicht programmieren.

"IMAP 5 ist derzeit noch eine unbekannte Größe", so Joe Owen, Vice-President Product Technology bei der Xcellenet Inc., Atlanta, Anbieter von Remote-Access-Lösungen. "Es bleibt abzuwarten, was IMAP 5 vor allem im Hinblick auf die Definition von Workflow-Standards bringt." Owen wie auch andere Fachleute sehen X.400-Systeme auf dem Rückzug in Bereiche mit hohen Sicherungsanforderungen, denn die Programmierung ist aufwendig. Angebote für Remote Access und Mobile Computing für den Endanwender werden dagegen auf den Internet-Messaging-Systemen basieren.

Der Aussage, X.400 habe Probleme sich im Markt zu behaupten, widersprechen jedoch Vertreter des umstrittenen Standards. Die geschätzte Basis von weltweit zirka fünf Millionen X.400-Anwendern steige im Moment nur langsam. Der Grund liege jedoch vor allem in den hohen Verbindungskosten, so die Argumentation.

Die X.400-Kommunikation erfolgt traditionsgemäß über X.25. Sie erfordert kostenspielige ISO-Gateway-Software und X.25-Karten. Verbindungsleitungen und monatliche Gebühren sind teuer. Außerdem wird der Datentransfer nach Paketmenge abgerechnet. Mittlerweile unterstützt X.400 TCP/IP, so daß dieses Argument entfällt. Hersteller von PC-Mail-Systemen wie Microsoft und Lotus haben X.400 in ihre Messaging-Server integriert. Aus diesen Gründen könnte der X.400-Markt in den nächsten Jahren aufblühen.

Das hofft auch Holger Wosnitza, European Account Manager der Dr. Materna GmbH, Dortmund: "X.400 ist im Vergleich zu Internet-Mail-Systemen ein sehr sicheres Medium. Da die Server in der Regel Unix-basiert und somit auf eine große Anzahl Clients ausgelegt sind, ist die Erstinvestition zunächst nicht sehr attraktiv. Die entsprechenden Internet-Lösungen sind in der Regel preisgünstiger und leichter zu handhaben." Mit dem Wachstum des Kommunikationsnetzwerks verschieben sich diese Vorteile jedoch stark in Richtung X.400. Das größte Wachstumspotential sieht er bei Behörden und Verwaltungen, denn beide haben einen hohen Bedarf an gesicherter Kommunikation, kombiniert mit hoher Last und Benutzerzahl.

Die Bedeutung von Workflow oder Vorgangsbearbeitung, also die Definition der Abfolge von Arbeitsschritten - von der Erstellung der Dokumente bis zur Recherche und Aktualisierung von Datenbanken - nimmt mit der Größe eines Unternehmens oder einer Behörde zu. Kritische Situationen ergeben sich dann, wenn mehrere Mitarbeiter gleichzeitig auf eine Datenbank zugreifen oder bei der Synchronisation der Daten von Offline-Anwendern mit denen der Datenbank.

Um den Bearbeitungsstatus zu erkennen und die weitere Abfolge zu koordinieren, laufen im Hintergrund Messaging-Systeme. "Bei Behörden und Verwaltungen ist zu beachten, welche Informationen via E-mail oder Fax, oder nur über Boten und Kuriere weitergereicht werden dürfen," so Wosnitza. "Die Einführung eines Messaging-Systems bietet hier die Chance, Vorgänge neu zu bewerten und zu definieren. Dabei muß sich das neue System an die Vorgänge der Behörde anpassen."

Entscheidungsprozesse werden beschleunigt

Als Beispiel sei hier das Innenministerium Nordrhein-Westfalen zu nennen. Dort ist die Anzahl der Arbeitsschritte je Vorgang konstant geblieben, die Entscheidungsprozesse innerhalb der Arbeitsgruppen haben sich jedoch beschleunigt. Nachdem sich die Mitarbeiter daran gewöhnt hatten, Mitteilungen online zu lesen und zu beantworten, sank der Papierverbrauch. Die Datensicherung - früher wurden Akten im Ordner abgeheftet - soll durch Archivierungssysteme gelöst werden. Das Ministerium hat in einem ersten Schritt ein Online-Archiv eingeführt, in dem Informationen bis zu 60 Tage aufbewahrt werden. Danach lagert die Behörde die Daten auf Band aus und legt kritische Informationen auf optische Datenträger ab.

Ein ganz anderes Beispiel nennt Robert Apollo, Xcellenets Vice-President und Managing Director für Europa, den Nahen Osten und Afrika: "Der Anteil der gelegentlich mit dem Firmennetz verbundenen Anwender wird in den nächsten Jahren stark wachsen." 75 Prozent der "Wissensarbeiter" sind nach Einschätzung der Gartner Group im Jahr 2001 arbeitsplatzunabhängig tätig. Dem Anwender sollten am entfernten oder mobilen Arbeitsplatz dennoch alle notwenigen Ressourcen des Firmen-LANs zur Verfügung stehen. Das bedeutet enormes Wachstum in allen Bereichen der Kommunikation, vor allem aber im Zusammenwirken von Messaging- und Mail-Systemen sowie von Workflow-Lösungen.

Dazu ist der Datentransfer zu automatisieren, indem sich zum Beispiel die Kommunikation mit Hilfe eines Mausklick aktivieren läßt. Den Remote-Access-Systemen fällt die Aufgabe zu, die zu transferierenden Daten zu verwalten und den Datentransfer vorzunehmen. Die bestmögliche Nutzung der Verbindungsressourcen, etwa die Komprimierung, hilft zudem Kosten sparen.

Aufgrund der Sicherheitsfunktionen nutzt das Netzwerk der deutschen Polizei eine X.400-Implementation. Die Infrastruktur teilt sich in zwei Schichten: Die obere Netzebene dient der bundesweiten Kommunikation, wogegen die einzelnen Länder die untere Netzebene nutzen. Übergänge erfolgen in den Hauptvermittlungen, von denen es jeweils zwei je Land gibt.

"Das Besondere an dieser Aufgabe ist, daß das private Fernschreibsondernetz auf die obere Netzebene zu integrieren ist, da auf Länderebene die Angleichung an ein neues System auf die obere Netzebene unterschiedliche Priorität hat. Außerdem nutzen die Länder verschiedene Messaging-Systeme, erklärt Materna-Manager Wosnitza.

Die Polizei folgt somit den IT-technischen Empfehlungen der Europäischen Union (EU) für den öffentlichen Dienst. Sie hat sich auf X.400 als Messaging-Standard festgelegt und dies im Beschaffungshandbuch "Iphos" fixiert. Derzeit gibt es jedoch Bestrebungen, diese Vorschriften für andere Systeme zu öffnen, vor allem in Hinblick auf Internet-Mail-Dienste.

Auch im Bereich X.500 ist Europa aktiv: Die EU-Kommission beteiligt sich etwa an der Finanzierung des Pilotprojekts "Euroview" für öffentliche Verwaltungen. In diesem Zusammenhang wird in Nordrhein-Westfalen ein X.500-System eingerichtet, mit einem Euroview-Backbone für die länderübergreifende Kommunikation.

*Christa Hülk ist freie Journalistin in Markt Schwaben bei München.