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22.08.1980

"Methusalem"-Programme sind besser als ihr Ruf

Wenn Software regelmäßig gewartet wird und den aktuellen Anforderungen der Fachbereiche entspricht, kann sie nach Meinung von DV-Chef Hans Egon Weyand (Krombacher Privatbrauerei) durchaus ein "hohes Alter" erreichen. Betrachte er seine Applikationen, so seien "Methusalem-Programme" sogar kostengünstiger und effizienter als derzeit angebotene Standard-Pakete. Hubertus von Lekow, Leiter EDV/ Org bei der Sanol Schwarz GmbH in Monheim, ist zwar überzeugt, daß die Konzepte der modernen Software-Technologie änderungs- und wartungsfreundlicher angelegt sind als die alten, selbstgestrickten Programme. Wenn jedoch bei den Software-Oldtimern eine verständliche Dokumentation vorhanden sei, bestehe absolut noch eine Daseinsberechtigung. Für Gerhard J. Zeitz (Deutsche Goodyear, Köln) ist indessen die Wartung alter Programme ein Man-power-Problem. Im Einsatz von gekauften Softwarepaketen sieht er momentan den günstigsten Weg, um aus dem immer größer werdenden Personal-Engpaß herauszukommen. ha

Gerhard J. Zeitz EDV-Manager, Deutsche Goodyear GmbH, Köln (IBM 370/156, OSM/VS)

Mit jeder neuen Entwicklungsstufe auf dem Hardware-Sektor ist es angebracht, die Software den Möglichkeiten der Hardware anzupassen, um ein Maximum an Effizienz und Leistung zu erhalten.

Leider fehlt den meisten Unternehmen heute die nötige Man-power sowie die Bereitschaft und Flexibilität, um bei einem Hardwarewechsel bestehende Systeme neu zu entwickeln oder gegebenenfalls organisatorische Änderungen in den Fachabteilungen durchzuführen.

Zugegeben, daß mit der EDV-Übernahme neuer Applikationen mehr Lob und Anerkennung für die EDV-Abteilung abfällt, als wenn ein bestehendes System überarbeitet wird. Aber ohne die Anpassung der Software an den neuesten Stand der im Unternehmen verwendeten Hardware, wären in kurzer Zeit die Leistungsgrenzen des Computers erreicht wennnicht gar überschritten. Dies führt einerseits zu wachsender Unzufriedenheit der Fachabteilungen und andererseits kommt das leidige Thema Aufrüstung wieder auf den Tisch, ohne daß die Anlage jemals optimal genutzt wurde.

Natürlich gibt es auch noch andere Grunde, die Software auszutauschen. Etwa bei Systemen, die durch große Änderungshäufigkeit und Änderungsumfang zu viel an Flexibilität und Leistungsfähigkeit eingebüßt haben. Hinzu kommt, daß in vielen Firmen immer noch sogenannte EDV-Spezialisten sitzen, die von modularen Software-Konzepten ebensowenig wissen wollen wie von normierter Programmierung und vollständiger Dokumentation. Solche EDV-Künstler entwickeln immer wieder System-Monster, die von keinem anderen Programmierer mehr gewartet werden können.

Ich begrüße daher den Trend den einige Hardware-Hersteller verfolgen, mit Erfolg modular, gut dokumentierte und auf ihre Hardware optimal angepaßte Software zu entwickeln und häufig auch zu günstigen Preisen anzubieten. Diese Systeme sind oft so flexibel daß Anwender damit auch individuelle Problemlösungen mit relativ wenig Änderungsaufwand realisieren können.

Der Einsatz von fertigen Softwarepaketen ist daher zur Zeit der günstigste Ausweg aus dem immer größer werdenden Engpaß an qualifiziertem EDV-Personal.

Das Abschneiden der alten Zöpfe, die sich oft von der ursprünglich manuellen Lösung über die verschiedenen Computergenerationen beharrlich behauptet haben, ist ein weiterer Vorteil von standardisierten, fertigen Softwarepaketen.

Grundsätzlich kann eine optimal gewartete Software so lange leistungsstark und aktuell sein, bis durch neue Technologien (zum Beispiel die Umstellung von Batchverarbeitung auf Dialogverarbeitung oder zentraler Verarbeitung auf Distributed Processing) eine Neuentwicklung unumgänglich wird.

Hans Joachim Bock Prokurist und Leiter der Datenverarbeitung, Nova Versicherungen, Hamburg (Siemens 7.755 und 7.531, BS1000 und BS2000)

Kommt der Begriff "alt" . in Verbindung mit Software zur Sprache, so drängen sich Assoziationen auf wie abgeschrieben, schlecht dokumentiert, änderungsaufwendig, wegwerfen und bessermachen. Damit konkurrieren aber auch Gedanken wie bewährt, fehlerfreie kostengünstig, "das Rad nicht noch einmal erfinden."

So betrachtet darf es, ja muß es alte Software geben, die, wenn ich mich auf den Nova-Konzern beziehe, etwa in Formeln und Algorithmen aus dem Versicherungsbetrieb modular konzipiert und realisiert vorliegen. Kein Praktiker käme auf den Gedanken, die Qualität dieser Bausteine aufgrund ihrer Nutzungsdauer mit einem negativen Anstrich zu versehen. Das gleiche gilt auch für den Kern ganzer Realtimekomplexe in unserem Haus, wie etwa für die bausteinartig strukturierten Modulsteuerungen unserer dialogorientierten, aktenarmen Bestandsführung, die seit nunmehr fünf Jahren erfolgreich im Einsatz ist. Nur, und das muß mit Nachdruck gesagt werden, der Endbenutzer darf der Software ihr Alter nicht anmerken.

Software unterliegt einer Evolution durch veränderte Anforderungsprofile, und diese müssen unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten ihre zeitnahe Berücksichtigung auf bestehende Verfahren finden. Solche Nachinvestitionen, die ich als einen dynamischen Prozeß auffasse, sind nur dann aussichtsreich, wenn die vorhandene Software zukunftsweisend gefertigt wurde. Das heißt, Betriebsmittel und Methodenwerkzeuge müssen für die anstehende Benutzeranforderung noch eine kostengünstige Lösung zulassen. Speziell hierzu gehört das Vorhandensein einer selbsterklärenden Dokumentation.

So beobachten wir in unserem Haus, ähnlich wie in anderen Unternehmen, über 60 Prozent Kapazitätsbindung für Programmänderungen, -ergänzungen und -fehlerbeseitigungen.

Um Software im negativen Sinn nicht alt werden zu lassen, bedarf es erheblicher Investitionen, um nicht eines Tages vor die Situation gestellt zu werden: Ändern, wegwerfen, neumachen oder kaufen. Hier entscheidet ganz eindeutig der kalkulierte Aufwand über den anstehenden Investitionsweg. Mehrjährig im Einsatz befindliche Software hat erfahrungsgemäß immer dann eine gute Überlebenschance, wenn der zugrundegelegte Lösungsweg in jeder Beziehung transparent ist.

Sicher ist es richtig, für gekaufte Softwarekomponenten, die auch wir zahlreich einsetzen, eine über die Abschreibungsdauer (bei uns im Regelfall drei Jahre) hinausgehende Nutzungsdauer anzustreben. Gewöhnlich wird aber Anwendersoftware dadurch sprunghaft "alt gemacht", indem Herstellerhardware, Systemsoftware oder systemnahe Herstellersoftware ohne die vielgepriesene Kompatibilität dem Anwender auferlegt werden.

Hier gilt es Rücksicht zu nehmen auf anwenderspezifische Software-Investitionsvorhaben, da letztlich Hersteller und Softwarehäuser nur dann einen Absatzmarkt erwarten können, wenn der Kunde zu neuen Investitionen bereit ist.

Hans Egon Weyand Leiter der Datenverarbeitung, Krombacher Privatbrauerei, Krombach

(IBM 370/158, DOS/VS)

Grundsätzlich können Programme, wenn sie regelmäßig gewartet wurden sind und den heutigen Anforderungen der Fachabteilungen entsprechen, durchaus ein hohes Alter erreichen. Wesentlich ist jedoch, daß bei einem eventuellen Systemwechsel die alten Programme dem neuen System angepaßt werden. Hierbei ist zu beachten, daß ein bestimmter Zeitraum für eine Anpassung nicht überschritten werden darf, da sonst die umzusetzenden Projekte zeitlich nicht termingerecht realisiert werden können.

Ein wesentlicher Aspekt bei "alter Software" ist die in der Anwendungsprogrammierung vorhandene Man-power-Kapazität. Im Falle eines Personalwechsels, wie er momentan bei uns stattfindet, können gravierende Probleme auftreten. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf das Thema "DV-Nachwuchs-Probleme" in der COMPUTERWOCHE Nr.29 vom 18. Juli 1980.

Bei einem Mitarbeiter-Abgang kann man sicherlich entsprechende Fremdsoftware einsetzen. Fraglich bleibt indessen, ob diese meist enorm teuren Pakete die Wünsche der Fachbereiche abdecken können. Außerdem sind Fremdsoftware-Pakete in der Regel so umfassend, daß nur einige Teilbereiche für die eigene Anwendung genutzt werden können. Die Kosten für ungenutzte Teile eines Fremd-Programms reduzieren sich durch Auswertung von einem Rechenzentrum, indem später nur "Einzelteile" gekauft werden müssen.

Wir arbeiten im Unternehmen seit 1962 mit der Datenverarbeitung und haben bislang den größten Teil unserer Programme selbst geschrieben. Dies hatte stets den Vorteil, daß wir uns optimal auf die individuellen Anforderungen der Fachabteilungen einstellen konnten und Änderungen immer relativ schnell durchgeführt werden konnten.

"Alte Software" ist daher bezogen auf unsere Anwendung besser und kostengünstiger als ein neues Standardpaket.

Hubertus von Lekow Leiter der Datenverarbeitung/Organisation, Sanol Schwarz GmbH In Monheim (Siemens 7.738, BS1000)

Wie alt darf Software sein? Zunächst verwundert diese Frage. Ist das Alter ein Kriterium für die Beurteilung von Software?

Während der vergangenen zwanzig Jahre hat sich die Datenverarbeitung stark gewandelt. Auf dem Gebiet der Hardware sind die Kosten um beinahe zwei Größenordnungen gefallen. Alte Programme gehen daher mit den Betriebsmitteln erheblich sparsamer um. Als Nachteil kann man das sicherlich nicht werten. Oder gilt heute ein Programm nicht mehr, wenn es nur 16 K benötigt?

Auf dem Gebiet der Software-Entwicklung konnte in den letzten Jahren durch den Siegeszug der strukturierten Techniken eine beachtliche Verbesserung der Produktivität, Zuverlässigkeit und Wartbarkeit erreicht werden. In den USA erstellte Statistiken besagen, daß bei konventionell erstellter Software und einer Lebensdauer von fünfzehn Jahren ein bis fünf Fehler pro hundert Anweisungen gefunden werden. Bei Systemen, die mit strukturierten Techniken entwickelt wurden, liegt die Fehlerquote bei eins bis fünf Fehlern pro zehntausend Anweisungen. Hier liegt schon eher der Ansatz zu einer kritischen Betrachtung älterer Programme.

Um den heute gestellten Anforderungen bezüglich Einsatzbereitschaft und Zuverlässigkeit gerecht zu werden, müssen Softwareprodukte übersichtlich und schon vom Konzept her änderungs- und wartungsfreundlich aufgebaut sein.

Diese Forderungen werden von alten Programmen sicherlich nicht in dem Maße erfüllt, wie von den Produkten moderner Softwaretechnologie. Schließlich gehörten zum Zeitpunkt der Entstehung ihre Schöpfer noch zur inzwischen kleiner gewordenen Zunft der freischaffenden Künstler.

In jedem Rechenzentrum gibt es noch heute eine Reihe alter Programme, die den Sturm der Dialogisierung vorhandener. Batchabläufe oder der Eingliederung bisher isolierter Datenbestände in zentrale Datenbanken bisher erfolgreich getrotzt haben und noch immer ihre Funktion erfüllen.

Wenn für diese Oldtimer eine verständliche Dokumentation vorhanden ist und sie von aktuellen Compilern unter dem laufenden Betriebssystem umgewandelt werden kann, dann haben sie absolut noch ihre Daseinsberechtigung, sollten in Ehren gehalten und nicht nur aufgrund ihres Alters abgelöst werden.

Etwas Staub auf den Programmlisten hat speziell in unserem Haus noch niemand gestört.