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14.07.1989 - 

Pilotinstallation des Chemiekonzerns testet Netz-Standard der OSI seit Mitte 1988

MHS: X.400 hilft BASF aus der Multivendor-Patsche

Die Implementierung eines Message-Handling-Systems in einer Multivendor-Umgebung ist heute noch schwer machbar. Ein Versuch der BASF, mit herstellerspezifischen Protokollen als "Standard" Electronic Mail zu realisieren, erfüllten die Erwartungen nicht. Seit Mitte 1988 hat der Chemiekonzern nun begonnen sein Message-Handling-Problem mit dem OSI-Netz-Standard X.400 zu lösen. Erfahrungen der Pilotinstallation schildert Klaus Stadler.

Dr. Klaus Stadler ist Gruppenleiter im Bereich Informatik der BASF AG, Abteilung Technologie.

Bei der BASF ist eine Vielzahl unterschiedlicher, herstellerspezifischer elektronischer Mitteilungssysteme installiert. Diese Systeme sind meist in Bürokommunikations-Systeme (BK-Systeme) eingebettet. Die BK-Systeme nutzen diese Mitteilungskomponente zum Beispiel als Austauschverfahren für Dokumente zwischen Benutzern. Das Austauschverfahren sowie die Kodierung der Dokumente sind herstellerspezifisch gelöst. Die Heterogenität der Mitteilungssysteme hat zur Folge:

- unterschiedliche Adreß-Strukturen beziehungsweise Adressierungsverfahren

- verschiedene Dienstmerkmale (Einschreiben, Rückantwort, . . .)

- Inkompatibilitäten beim Übergang in andere Systeme

Für ein Unternehmen kann das elektronische Postsystem aber nicht an der Grenze des herstellerorientierten BK-Systems enden. Die Grenzen lassen sich in einem ersten Schritt mit Hilfe von Gateways überwinden. Das Gateway setzt Transportprotokolle und Anwendungsprotokolle um. Diese Abbildungsvorschrift ist stets unvollständig, das heißt beim Übergang von einem BK-System des einen Herstellers in ein anderes sind in der Regel Verluste von Dienstmerkmalen in Kauf zu nehmen. Dies liegt am unterschiedlichen Umfang der Protokolle von Mitteilungssystemen, je herstellerspezifisch definiert sind. Darüber hinaus ist die Zustellsicherheit nicht immer gegeben.

Die BASF hat bereits vor Jahren als zentrale Drehscheibe für die elektronische Post das IBM-System DISOSS eingeführt. Heute sind über 5000 Teilnehmer innerhalb der BASF über diese Drehscheibe erreichbar.

Durch den Einsatz eines Hersteller-"Standards" wurde erstmals eine "offenere" Kommunikation für die Anwendung elektronischer Post in heterogenen Systemen ermöglicht. Eine solche Lösung zwingt alle anderen Systeme, sich auf die herstellerspezifische Realisierung eines Herstellers eizurichten und diese konform in die eigene Umgebung einzubinden. Zusätzlich sind teilweise noch Verbindungen zwischen einzelnen Systemen realisiert, so daß es mehrere mögliche Wege der Postzustellung gibt.

Die Dienstfunktionalität von DISOSS ist zwar sehr umfangreich, die Adressierung von Benutzern, ins besondere beim Durchgang durch zwei Gateways, ist für die Benutzer aber nicht mehr transparent. Ein und derselbe Benutzer hat bis zu zwei verschiedene Adressen, die eine für die Adressierung innerhalb seines Systems und die andere für die Adressierung von außerhalb. In Abhängigkeit von der Empfänger- und Absender-Umgebung sind also verschiedene Adressierungen zu verwenden.

Der gravierendste Nachteil in der Drehscheibe DISOSS liegt in der Adreß-Struktur für Teilnehmer des elektronischen Postdienstes. Die Adressen bestehen aus nur 8 + 8 Buchstaben, die oftmals kryptische Namen erzwingen. Die Adressen sind nicht benutzer -, sondern systemorientierte.

Die Notwendigkeit, auch mit anderen Unternehmen elektronische Post auszutauschen zeigt um so mehr, daß herstellerspezifische Dienstprotokolle als "Standard" nur schwer eine gemeinsame Basis bilden können.

Die BASF sieht deshalb im Einsatz von Standards für ein elektronisches Mitteilungssystem die einzige strategische Lösung zur Einführung dieses Dienstes in einer heterogenen Systemumgebung (Bild 1 auf Seite 34).

Daher ist die Einführung eines internationalen Standards von großer Bedeutung und eröffnet allein die Möglichkeit der offenen Kommunikation. Die Benutzung von Standards ist in einem Großunternehmen mit heterogenen Systemen innerhalb und Partnern extern die einzige Möglichkeit der offenen Kommunikation. Für den Netzdienst "Mitteilungssystem" gilt dies besonders, da er als Austauschverfahren weiterer Dienste in Zukunft eingesetzt werden wird (zum Beispiel: Edifact). Für das Anwendungsprotokoll des Message-Handlings-Systems sind hierfür von der CCITT die X.400-Serie und von der ISO die Norm 10021(MOTIS = Message Oriented Text Interchange System) als Standard veröffentlicht worden.

Die Definition der Teilnehmer-Namen (Originator/Rezipient-Namen = O/R-Namen) muß eindeutig sein, das heißt, die Attribute des O/R-Namens müssen genau einen Benutzer - im System durch einen User-Agent (UA) vertreten - bezeichnen. Die O/R-Namen sind an die organisatorischen Gegebenheiten der BASF angelehnt, um benutzerorientierte, ableitbare Namen zu gewährleisten. Die Anwendung der O/R-Namen wurde in Übereinstimmung mit den gängigen Profiles des CEPT, CEN/CENELEC definiert.

Folgende hierarchisch geordnete Attribute des O/R-Namens sind durch den Standard definiert und werden in der angegebenen Bedeutung benutzt (siehe Seite 33).

Die Kombination der Attribute innerhalb des privaten Versorgungsbereichs der BASF AG muß eindeutig den Originator beziehungsweise den Rezipienten bezeichnen. Namensdubletten innerhalb einer Abteilung werden durch die Angabe von Initialen aufgelöst. Das Attribut "OrganizationName" und die Attribute "OrganizationalUnitName2..4" werden zur Zeit nicht verwendet.

Neben Personen können Abteilungsbriefkasten, Projektgruppen oder ähnliches durch Angabe eines eindeutigen Begriffs im Surname-Feld adressiert werden. Diese Angaben sind dem BASF--Telefonbuch oder der Visitenkarte direkt zu entnehmen und erfordern keine künstliche Begriffsbildung.

Beispiel eines O/R-Namens:

In einer Pilotinstalation sollten die MHS-Produkte, sofern verfügbar, auf den in der BASF verbreitet eingesetzten Systemen installiert werden. Die Zielsetzung war, die Funktionalität des Standards und der Hersteller-Implementierungen zu untersuchen und erste Erfahrungen zu sammeln. Hieraus sollten Konzepte und Machbarkeiten für den Einsatz in der BASF abgeleitet werden.

Es wurden die X.400-Produkte auf der Basis des "Red Book" von 1984 sowie die OSI-Produkte der darunterliegenden Protokollebenen folgender Hersteller installiert (siehe Tabelle 2):

Message-Transfer-Agents routen Mail hierarchisch

Als Transportprotokoll wurde X.25 eingesetzt, das auf allen Systemen verfügbar und meist durch die Implementierung des Message-Transfer-Agents (MTA) vorgegeben ist. Neben der physischen Struktur der MHS-Installation besteht eine logische Zuordnung der MTAs. Innerhalb der Domain BASF AG wurden mehrere MTAs installiert. Auch für einen flächendeckenden Einsatz von MHS-Protokollen in der BASF müssen mehrere MTAs eingerichtet werden. Um die Routing-Regeln in den MTAs einfach zu halten und Konflikte beim Routing zu verhindern, sind die MTAs hierarchisch angeordnet. In der Pilotinstallation wurde die in Bild 2 dargestellte hierarchische Zuordnung vorgenommen.

Die Routing-Regeln eines jeden MTA behandeln daher nur die O/R-Attribute, die für den nächsten Schritt notwendig sind. Das bedeutet, MTA-2 bis MTA-5 kennt seinen Vorgänger und die lokalen Teilnehmer. Die Mitteilungen, die nicht lokal zugeordnet werden können, werden an der Vorgänger abgegeben. Nur der übergeordnete MTA- 1 hat die Routing-Regeln zu externen MTAs. Hierdurch müssen nicht auf allen MTAs alle externen MTAs definiert werden, sondern können zentral verwaltet werden. Dies vermindert den Verwaltungsaufwand bei Neueinträgen oder Veränderungen. Die untergeordneten MTAs könnten in Zukunft Abteilungen zugeordnet werden, so daß der MTA-1 nur die Routing-Regeln für das Attribut Org-Unit (belegt mit Abteilungscode) führen muß. Eine weitere Unterverteilung ist denkbar, wenn in einer Abteilung mehrere MTAs betrieben werden. Auch ist es vorstellbar, mehrere Abteilungen über einen MTA zu bedienen.

Pilotinstallation weist den Weg in die Zukunft

Alle für die Pilotinstallation vorgesehenen Systeme konnten in Betrieb genommen werden. Beim Einsatz der MHS-Produkte zeigten sich jedoch einige konzeptionelle Probleme, die bei den meisten Herstellern auftraten oder aus dem MHS-Standard des Red Book 1984 resultieren (siehe Kasten auf Seite 34).

Die Pilotinstallation hat gezeigt, daß die derzeitigen Produkte nur von Fachleuten in Betrieb genommen werden können, um bei Installation Probleme beheben zu können. Die Normkonformität beziehungsweise Realisierung der Profiles ist nicht immer vollständig gegeben und führt zu Protokollfehlern, die nur schwer zu erkennen sind. Diese können nur durch den Hersteller beseitigt werden. Die Interoperabilität zwischen verschiedenen Produkten ist daher ebenfalls häufig nicht gegeben. In den Standards und den Profiles sind weitergehende Funktionalitäten zum Betrieb der MHS-Software, besonders der MTAs (Accounting, Methode der Routing-Regeln, . . .), nicht beschrieben. Diese werden durch den Hersteller selbst bestimmt.

OSITOP dient hier als Forum für die Definition der Anforderungen der Anwender in Europa und bindet sie in den Standardisierungsprozeß ein. Die BASF ist Mitglied im OSITOP, um ihre Erfahrungen in den Prozeß mit einzubringen.

Elektronisches Postamt soll Verfügbarkeit steigern

In einer Anschlußstudie wird derzeit ein Prototyp des "elektronische Postamts" der BASF erstellt. Hierbei stehen eine erweiterte Funktionalität in der Verwaltung der MTA-Verbindungen, ein Accounting-Mechanismus sowie eine hohe Verfügbarkeit im Vordergrund. Ebenso müssen bestehende Dienste wie Teletex, Telex und Telefax in ein Gesamtkonzept Message-Handling eingebunden werden (Bild 2).

Für in der BASF eingeführte Bürokommunikationssysteme wird eine normkonforme Integration des MHS-Dienstes sowie des Directory-Dienstes (X.500ff) weiter verfolgt. Insbesondere ist eine zweckmäßige Einbindung von DISOSS und MHS in PC-Netzen anzustreben. Für letztere sind im MHS-Standard 1988 (Blue Book) neue Wege aufgezeigt (Message Store, P7-Protokoll), die in zukünftige Konzepte aufgenommen werden müssen.

Probleme der BASF bei der X.400-Installation

Probleme aus dem Standard (CCITT Red Book 1984):

- Loop Detection muß bei mehreren MTAs in einer Prmd abschaltbar sein

- MOTIS Loop Detection ist inkompatibel mit MHS Loop Detection

- Intra Domain Routing ist im Standard von 1984 nicht vorgesehen (mehrere MTAs in einer Prmd)

Probleme durch die Implementierungs-Strategie:

- O/R-Attribute müssen für jeden UA frei wählbar sein und dürfen nicht durch den MTA impliziert werden (zum Beispiel OrgUnit wird aus dem MTA-Namen abgeleitet)

- O/R-Attribute dürfen nicht aus dem Rechnernamen abgeleitet werden

- es müssen O/R-Namen mit unterschiedlicher OrgUnit an einem MTA als lokal definierbar

- ein (zum Beispiel: mehrere Abteilungen an einem MTA)

- die Routing-Regeln beim MTA sind nicht immer frei formulierbar (es kann nicht nach jedem beliebigen Attribut entschieden werden, zum Beispiel alle Teile des PersonalName oder OrgUnit nach PersonalName)

- MTA-Service wird nach fehlerhafter Verbindung gesperrt. MHS-Warmstart ist dann erforderlich

- Paßwort-Validierung beim Verbindungsaufbau zwischen den MTA ist nicht bei allen Produkten möglich

Probleme durch die Integration in BK-Systeme:

- Dienstmerkmale sind nicht beeinflußbar (zum Beispiel: die Priorität "Urgent" oder die Aufforderung für eine Delivery Notification können nicht angegeben werden)

- O/R-Namen können nicht direkt eingegeben werden (keine Maske für die Attribute des O/R-Namen vorgesehen beziehungsweise möglich)

- die Transparenz zum MHS/X.400 ist bei gateway-artigen Realisierungen nicht mehr gegeben (Dienstfunktionalität des Herstellerprotokolls ist nicht identisch mit MHS-Funktionalität nach X.400)