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11.02.1977

"Mich interessieren nur die Kosten der Nanosekundeô

Mit Hans Ullrich, Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter der EDV-Abteilung bei der Heinrich Bauer Verlags-KG, Hamburg, sprach Dr. Gerhard Maurer

- Sie sind seit viereinhalb Jahren, seit Sie von VW zum Heinrich Bauer-Verlag wechselten, dort Mitglied der Geschäftsleitung. Das ist für einen EDV-Chef recht ungewöhnlich. Hat das wirklich Vorteile gebracht?

Das hat schon Vorteile, erstens für das Haus und zweitens auch für mich. Der Vorteil für die Firma ist, daß wir bei uns Dinge der Datenverarbeitung recht schnell entscheiden können, da der Kontakt innerhalb der Geschäftsleitung doch enger ist und die sonst üblichen Entscheidungsebenen und zwischengeschalteten oder Hierarchie-Stufen fehlen. Ein weiterer Vorteil ist ganz sicher auch, daß die häufig anzutreffende Vorgesetzten-Furcht entfällt. Man kennt denjenigen persönlich, der letztlich die Schecks unterschreibt. Ich brauche mich nicht ständig abzusichern und ich bin auch deshalb risikofreudiger, weil durch den persönlichen Kontakt und nicht zuletzt auch durch berufliche Erfolge Vertrauen geschaffen worden ist.

- Und der zweite Vorteil, der für Sie?

Ich habe das eben schon anklingen lassen. Ich brauche mich nicht bevormundet zu fühlen und ich kann nach Abstimmung mit den betroffenen Kollegen und Fachbereichen Datenverarbeitung für unser Haus so betreiben, wie ich glaube, daß das richtig ist.

- Das klingt so, als ob Sie selber das, was Sie in der Datenverarbeitung realisieren, für das Nichtübliche halten!

Das ist nicht ganz richtig.

- Also halbrichtig?

Gut, meinetwegen. Ich will das gerne erläutern: Ich bin schon lange nicht mehr fasziniert von technischen Möglichkeiten. Mich interessiert nicht so sehr die Nanosekunde, sondern mehr die Kosten der Nanosekunde. Es nützt doch dem Unternehmen nichts, wenn eine bestimmte Arbeit zwar sehr elegant, aber dafür auch sehr teuer abgewickelt wird. Lassen Sie mich einen Vergleich aus dem Automobil-Sektor zitieren. Die letzten 20 Stundenkilometer bis zur Höchstgeschwindigkeit sind überproportional teuer. Man kann auch etwas langsamer, aber dafür preiswerter und eigentlich auch sicherer ans Ziel kommen.

- So hätte man auch in den 30er Jahren argumentieren können - und denn würde man heute in der Regel Höchstgeschwindigkeit 100 fahren.

Mein beruflicher Ehrgeiz ist aber nicht, Testpilot zu sein.

- Das haben Sie als Leiter des zentralen Rechenzentrums bei Volkswagen ja wohl auch lange genug gemacht.

Kein Kommentar.

- Freuen Sie sich, erfüllt es Sie mit Stolz, wenn Ihr zentrales Rechnersystem immer größer wird?

Wir arbeiten seit annähernd fünf Jahren mit einer 370/155. Und hier haben wir durch verschiedene Mixed-Hardware-Aktivitäten und durch Leasing erreicht, daß wir nunmehr schon über vier Jahre mit mindestens gleichbleibendem EDV-Budget arbeiten. Leider entzieht es sich der Entscheidung eines EDV-Leiters weitgehend, wann er auf ein neues System umsteigen muß: Wir machen heute noch kein VS, aus gutem Grund. Wir werden aber durch verschiedene Aktivitäten des Herstellers gezwungen, doch umzusteigen - denken Sie nur an die Einstellung der Wartung für ältere Betriebsysteme, denken Sie zum Beispiel an das Schulungsangebot des Herstellers, das zur Zeit nur noch auf VS-Basis angeboten wird.

- Und was kommt nun?

Wir haben zur Zeit eine 370/158 in Order. Ich bin aber nicht sicher, ob wir diese Maschine wirklich nehmen werden. Auch das will ich gerne erläutern. Es ist eigentlich Gepflogenheit unseres Hauses, möglichst viele Dinge zu kaufen und dann möglichst lange zu nutzen. Nun geistern hier einige Gerüchte umher, oder vielleicht sind es bei Drucklegung keine Gerüchte mehr, daß IBM ein neues System ankündigen wird. Vielleicht eine "258". Sollte dies der Fall sein - auf ein Future System werden wir wohl nicht mehr warten müssen -, dann werden wir uns erneut zusammensetzen und darüber diskutieren, ob dieses nicht die Maschine ist, die wir kaufen.

- Also doch Testpilot?

Nein, sicher nicht. Erstens unterstelle ich, daß die neue Maschine kein Future System sein wird, das heißt, daß es auf der heute bekannten technologischen Basis arbeitet; dabei aber mindestens ebenso leistungsfähig wie die 158 ist, jedoch erheblich billiger sein wird. Und zweitens wollen wir die Pionierrolle auch diesmal gern anderen überlassen.

- Die 258 würde größer und schneller sein. Werden die Zentralen immer dicker und fetter?

Für unser Haus kann ich nur sagen, daß nach dieser Entscheidung auf absehbare Zeit die Zentraleinheit nicht größer werden wird. Die bei uns installierte Kapazität orientiert sieh daran, daß wir ein recht umfangreiches Online-Vertriebssteuerungssystem haben. Für dieses System benötigen wir aufgrund des Antwortzeit-Verhaltens die neue Zentraleinheit, neue Geschwindigkeiten. Wir haben aber immer nach Wegen wie man die Computerleistungen gesucht auch ohne den Großrechner an den Arbeitsplatz bringen kann. So sind bei uns in Fachbereichen diverse Nixdorf-Computer, ohne Online-Verbindung. Und wir haben uns vor etwa eineinhalb Jahren entschlossen, für die Modernisierung unserer im gesamten Bundesgebiet verstreuten Filialen 18 Computer ICL 2903 als - nachts über Wählleitungen an die Zentrale angeschlossen - Satellitenrechner zu installieren. Diese Computer wurden gekauft, mit der Größe dieser Investition hätten wir leicht einen zweiten Großrechner in unserer Zentrale installieren können. Und das haben wir aus guten Gründen nicht getan.

- Womit verbringen Sie - natürlich bezogen auf den Beruf - die meiste Zeit?

Damit, mich zu informieren. Ich möchte und muß mehr wissen als die Leute, die zu mir kommen und mir etwas verkaufen wollen.

- Und woher beziehen Sie dieses Mehr-Wissen?

Selbst bei intensivem Studium der Fachpresse und System-Literatur kann heute kein EDV-Leiter von sieh behaupten, in dem inzwischen weit gefächerten Spektrum der Datenverarbeitung alles zu wissen. Ich glaube nicht daß es eine Schande ist einzugestehen daß es in unserem Hause eine Reihe von Leuten gibt die Jeweils auf ihrem Spezialsektor mehr wissen als ich. Ich bin der Auffassung daß meine Aufgabe darin besteht, Mitarbeiter zu inspirieren, ihre Vorschläge entgegenzunehmen, sie gemeinsam zu diskutieren und eine Entscheidung zu treffen.

- Könnten Sie sich vorstellen, morgen Manager einer Seifenfabrik zu sein?

Ja und nein. Nein deshalb, weil ich mich in meinem Beruf sehr wohl fühle, und Ja deshalb, weil ich glaube, daß es unabhängig von dem jeweiligen Fachwissen eine Management-Funktion gibt, die dazu befähigt, sich einer neuen Aufgabe zu stellen und diese Aufgabe zu bewältigen, insbesondere dann, wenn man Spezialisten hat, die es zu koordinieren und zu steuern gilt.

- Was werden Sie in fünf Jahren machen?

In einer Welt, in der so viel von Planung gesprochen wird, werde ich es ablehnen, auf diese Frage konkret zu antworten. Ich kann hier nur einer Hoffnung Ausdruck geben. Wie ich schon sagte, bin ich gerne EDV-Leiter und ich hoffe, daß ich auch in fünf Jahren noch EDV-Leiter bin. Dabei bin ich mir allerdings nicht sicher, ob dies nicht in einer anderen technischen Umgebung sein wird. Wenn ich auf der einen Seite sehe, daß es noch tatsächlich noch eine Tischrechnerfunktion in APL gibt und auf der anderen Seite in jedem Kaufhaus ein leistungsfähiger Taschenrechner zu erschwinglichen Preisen erstanden werden kann, und wenn ich drittens die rasante technische Entwicklung auf dem Sektor der Mikroprozessoren sehe, bin ich mir nicht sicher, daß die vorhin erwähnte technische Umgebung noch die gleiche sein wird. Ich erwarte, daß das Schwergewicht des Managements einer EDV-Abteilung in fünf Jahren auf der organisatorischen Ebene liegen wird und nicht wie in der Vergangenheit so stark durch technologische Neuentwicklungen geprägt sein wird. Auch der langjährige unumstrittene Zweck der Datenverarbeitung, nämlich bisher "Rationalisierung", wird sich ändern. Vor dem Hintergrund einer lang andauernden Arbeitslosigkeit werden wir mehr und mehr den Computer zur Humanisierung der Arbeitsplätze und zur Verbesserung der Service-Leistungen, wie Auskunftsbereitschaft, besseres Informiertsein etc. verwenden. In diesem Lieht sind sicher auch die Mehrbelastungen zu sehen, die durch Datenschutz und Datensicherung auf die Unternehmen zukommen werden.

- In einer Zeit, in der gerade jetzt in der Diskussion um Datenschutz und Privatsphäre der Computer so häufig verteufelt wird, sehen Sie also die EDV eher als ein Instrument für humanere Arbeitsbedingungen, für bessere Dienstleistung und letztlich für mehr Lebensqualität?

Ja, ich würde mich darüber freuen wenn diese Einsicht sich mehr durchsetzen würde, als es zur zeit erkennbar ist.

- Philosophieren Sie eigentlich gerne?

In der Regel kümmere ich mich um mein Budget.