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16.06.2000

Microsoft-Chef Roy hofft auf das Berufungsgericht

Nach dem Richterspruch im Washingtoner Kartellprozess ist Microsoft um Schadensbegrenzung bemüht. Richard Roy, Geschäftsführer von Microsoft Deutschland, gibt sich überzeugt, dass das Urteil in der Berufungsinstanz keinen Bestand haben wird. Mit ihm sprachen die CW-Redakteure Jan-Bernd Meyer und Wolfgang Herrmann.

CW: Die von Richter Jackson angeordnete Aufspaltung kam nach dem Prozessverlauf nicht mehr überraschend. Welche Vorbereitungen hat Microsoft in Deutschland für diesen Fall getroffen?

Roy: Es gibt für uns im Moment keinen Bedarf, etwas vorzubereiten. Wir haben sofort beantragt, dass neben der Aufteilung auch sämtliche anderen Strafmaßnahmen durch eine einstweilige Verfügung so lange außer Kraft gesetzt werden, bis ein endgültiges Urteil vorliegt. Bis dahin können noch mindestens 12 bis 36 Monate vergehen.

CW: Das heißt, sie haben noch keinerlei Vorkehrungen getroffen, beispielsweise hinsichtlich einer räumlichen Trennung von Vertriebsteams für Betriebssysteme und Office-Produkte?

Roy: Es wäre absoluter Unsinn, so etwas jetzt zu tun. Wir sind der festen Überzeugung, dass das, was jetzt als Strafmaß definiert ist, niemals in Kraft gesetzt wird.

CW: Richter Jackson hat in seiner Urteilsverkündung einen überraschend harschen Ton angeschlagen. Microsoft sei nicht vertrauenswürdig und zu keinem Zeitpunkt bereit gewesen, Gesetzesverstöße zuzugeben. Wie reagieren Sie auf diese Vorwürfe?

Roy: Jackson hat die ganze Zeit über eine sehr harsche Sprache benutzt. Wir haben schon einige Erfahrung mit ihm. Er hat uns ja bereits vor zwei Jahren dazu verurteilt, Internet-Funktionen aus Windows 95 herauszunehmen. Das Berufungsgericht hat danach entschieden, dass das, was wir getan haben, im Interesse der Konsumenten lag. Außerdem empfahl das Berufungsgericht, dass sich ein Gericht nicht in die Produktentwicklung von Unternehmen einmischen solle.

CW: Jackson hat mit seinen Aussagen ja auch auf den Prozessverlauf angespielt. Dort kam es immer wieder zu peinlichen Situationen. Ein Beispiel ist das manipulierte Video, das die Verteidigung vorführte. Der Richter hat in einem Interview klar gemacht, dass Probleme hinsichtlich der Glaubwürdigkeit Microsofts entscheidend zu dem harten Urteil beigetragen haben.

Roy: Das harte Urteil ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist: Obwohl wir der Meinung sind, nichts Illegales getan zu haben, haben wir sehr weit gehende Vorschläge für eine außergerichtliche Einigung gemacht. Leider war die Gegenpartei nicht in der Lage, sich auf einen einheitlichen Standpunkt zu einigen. Man kann jetzt noch viel über diese erste Instanz diskutieren. Diese ist zu einem Urteil gelangt, das für uns nicht schön ist. Wenn man aber etwa einen Vergleich zur Champions League zieht, würde ich sagen: Wir haben das Hinspiel auswärts verloren, sind aber zuversichtlich, dass wir im Rückspiel das Ergebnis umdrehen werden.

CW: Man hat den Eindruck, Microsoft interessiere sich gar nicht sonderlich für die möglichen Konsequenzen aus dem Urteil, sondern lege es in erster Linie darauf an, Zeit zu gewinnen. Müssten Sie aber nicht an einem schnellen Abschluss des Verfahrens interessiert sein, um Geschäftspartner und Kunden nicht weiter zu verunsichern?

Roy: Wenn wir auf Zeit spielen wollten, hätten wir in den außergerichtlichen Verhandlungen mit Herrn Posner nicht solch weit reichende Vorschläge unterbreitet. Das war ein großes Entgegenkommen mit dem Ziel, das Verfahren möglichst schnell zu beenden. Posner hat die Kooperationsbereitschaft Microsofts und des Department of Justice ausdrücklich gelobt. Dass er die Bundesstaaten hier nicht erwähnt hat, spricht eine eigene Sprache

CW: Ein anderer Bestandteil des Urteils sind strenge Restriktionen bezüglich der Geschäftspraktiken Microsofts. Diese sollen innerhalb von 90 Tagen wirksam werden, wenn sie nicht durch einen Dringlichkeitsantrag aufgeschoben werden. Dem Richterspruch zufolge darf Microsoft beispielsweise künftig keine Verträge mehr abschließen, die es PC-Herstellern verbieten, auf ihren Rechnern auch Software von Konkurrenten vorzuinstallieren. Könnten Sie diesem Punkt zustimmen?

Roy: Es gab noch nie Verträge, in denen wir jemandem verboten haben, andere Software auf einen Rechner aufzuspielen.

CW: Im Prozessverlauf gab es unzählige Belege dafür, dass Microsoft PC-Hersteller unter Druck gesetzt hat, wenn diese andere Betriebssysteme einsetzten. Beispielsweise mussten solche Hersteller für eine Windows-Lizenz deutlich mehr bezahlen oder mit anderen schädlichen Maßnahmen rechnen.

Roy: Es gibt Verträge, in denen die Stückzahlen eine Rolle spielen. Wenn sich diese Werte reduzieren, wird man möglicherweise auch die Preise erhöhen. Das ist ein ganz normales Vorgehen in der Branche.

CW: Ein Compaq-Manager hat ausgesagt, Microsoft habe damit gedroht, keine Windows-Lizenzen mehr zu gewähren, wenn der Hersteller weiter seine PCs auch mit konkurrierender Software ausliefert.

Roy: Ich werde mit Ihnen jetzt nicht noch einmal die Beweisaufnahme durchgehen. Die Verträge, die wir hier in Deutschland schließen, beinhalten derartige Klauseln nicht. Sonst hätten wir schon längst Probleme mit dem deutschen Kartellamt.

CW: Dennoch scheinen einige dieser Restriktionen ja durchaus sinnvoll zu sein. Es gibt beispielsweise den Vorschlag, für große OEM-Partner ein einheitliches Preisschema für Windows-Lizenzen zu veröffentlichen.

Roy: Als großer OEM würde ich mich mit so einem Schema ganz schlecht fühlen. Das ist ein Kartell in eine andere Richtung.

CW: Compaq hat sich ja schon in diesem Sinne geäußert und seine Besorgnis kundgetan, künftig keine Vorzugskonditionen mehr zu erhalten. Gibt es auch andere Partner, die das kritisieren, oder hat nur Compaq dieses Problem?

Roy: Ich werde hier nicht über einzelne Partner reden. Wie unsinnig diese Regelung ist, können Sie aber schon daran erkennen, dass sie vorsieht, dass die 20 größten Kunden den gleichen Preis bekommen sollen. Es gibt riesige Differenzen zwischen der Nummer eins und der Nummer 20. Was in dem Papier steht, hat mit der Praxis im allgemeinen Geschäftsleben nichts zu tun.

CW: Wie stehen Sie zu der Forderung, Programmierschnittstellen (APIs) und andere technische Informationen künftig unabhängigen Hard- und Softwareherstellern zur gleichen Zeit zur Verfügung zu stellen wie Microsofts eigenen Programmierern? Nach der Argumentation des Richters ließe sich damit mehr Chancengleichheit im Markt herstellen.

Roy: Wenn eine Firma Lotus ihre Produkte exakt zum gleichen Zeitpunkt - also zum Launch von Windows 2000 - auf den Markt bringen kann wie wir, frage ich mich: Wo liegt das Problem? Wenn man uns unterstellen würde, mit APIs Diskriminierung zu betreiben, würde ich die Frage verstehen. Aber selbst schärfste Mitbewerber sind heute in der Lage, zum Zeitpunkt der Auslieferung einer neuen Windows-Version angepasste Produkte anzubieten.

CW: Anders gefragt: Was wäre so schlimm daran, wenn Sie beispielsweise Windows zu einem Open-Source-Produkt machen würden? Im Linux-Markt lässt sich ja auch Geld verdienen.

Roy: Eine der Stärken von Windows ist es, dass jeder Entwickler, egal in welchem Land, für eine einheitliche Plattform Programme schreiben kann. Bei Linux ist das anders. Ein großes Unternehmen, das heute plant, bestimmte Standardanwendungen auf Linux einzusetzen, bekommt Probleme. Welches Derivat soll es nehmen? Das von Red Hat, von Suse oder von Caldera? Es ist überhaupt noch nicht bewiesen, dass Linux ein Erfolg ist. Linux ist ein Hype.

CW: Die Marktzahlen sprechen eine andere Sprache.

Roy: Warten wir doch die nächsten zwei oder drei Jahre ab. Warten wir ab, ob wir nicht letztendlich fünf Derivate haben und ob die Entwicklergemeinschaft im Zuge der fortschreitenden Kommerzialisierung noch bereit ist, etwas für Linux zu tun.

CW: Es gibt Stimmen, die besagen, Microsofts nächstes großes Softwareprojekt, "Windows Next Generation Services" (NGWS), werde durch dieses Urteil möglicherweise beeinträchtigt, weil die Entwicklergemeinschaft nun verunsichert ist.

Roy: Wir führen diese Diskussion mit unseren Kunden. Die wollen wissen, wie es jetzt weitergeht. Wo steckt beispielsweise das Active Directory, wenn die Firma möglicherweise geteilt wird? Wir versuchen zu erklären, welche die nächsten Schritte sind. In puncto NGWS sieht das so aus: Am 22. Juni findet die Präsentation statt. Wir haben diese Veranstaltung verschoben, weil wir nicht in den Trubel dieses Gerichtsurteils hineinkommen wollten.

CW: Wir entnehmen ihren Worten, dass Microsoft beschwingt und sorglos ins Wochenende geht. Den Mitarbeitern geht es so gut wie selten, es gibt keinerlei Grund zur Beunruhigung ....

Roy: Das ist eine unzulässige Übertreibung. Realistisch betrachtet bleibt festzustellen: Die erste Instanz ist vorbei. Das hat uns wehgetan und tut uns weh. Vieles, was über das Unternehmen behauptet wurde, ist einfach nicht wahr.

CW: Wie geht es Ihnen denn persönlich damit? Was empfinden Sie, wenn gesagt wird, Sie arbeiteten in einer Firma, die völlig unglaubwürdig sei und am Rande der Kriminalität operiere?

Roy: Die Antwort ist einfach. Ich bin extrem stolz, für dieses Unternehmen zu arbeiten, und ich liebe es.