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15.10.2004

Microsoft erhöht den Upgrade-Druck

Der "Internet Explorer" wird nur noch für das Service Pack 2 in Windows XP entwickelt. Damit sollen Anwender zu XP gedrängt und die Verzögerung des Betriebssystems "Longhorn" kompensiert werden.

Von CW-Redakteur Peter Gruber

Microsoft sorgt mit seiner Ankündigung, Neuentwicklungen des Internet Explorer nur noch als Bestandteil des Service Pack 2 (SP2) für Anwender des Betriebssystems Windows XP anzubieten, weiter für Diskussionsstoff. Während die einen vom Beginn eines neuen Browser-Kriegs sprechen, sehen andere darin den Versuch Microsofts, mit XP eine drohende Umsatzlücke zu schließen. Der Grund: Das nächste Betriebssystem "Longhorn" verzögert sich und wird in Deutschland wohl frühestens 2007 auf den Markt kommen.

Für Alexander Kubsch, Consultant der Marktforschungs- und Beratungsfirma Techconsult in Kassel, ist die Motivation des Softwarekonzerns eindeutig: "Microsoft will die Anwender dazu bewegen, auf Windows XP zu migrieren." Das SP2 inklusive neuester Browser-Version ist nach Ansicht des Analysten dabei nur Mittel zum Zweck. "Die deutliche Verzögerung von Longhorn ist für CIOs ein viel gravierenderer Grund, auf XP zu wechseln, als zusätzliche SP2-Features", glaubt Kubsch. Mit den neuen Funktionen des SP2 wolle Microsoft XP lediglich attraktiver machen, um einen Anreiz für den Umstieg zu schaffen.

Ob die Anwender tatsächlich nicht auf Longhorn warten und stattdessen in Scharen zu XP migrieren, bleibt abzuwarten. Das Potenzial möglicher Wechselkandidaten wäre jedenfalls gewaltig. Laut IDC basiert die Hälfte der weltweit 390 Millionen Windows-Installationen noch auf älteren Betriebssystemen als XP.

In den deutschen Unternehmen ist Windows XP einer Studie von Techconsult zufolge auf 29 Prozent der Desktops installiert. Am weitesten verbreitet ist hierzulande noch Windows 2000 mit einem Anteil von 37 Prozent. Rang drei nimmt Windows NT mit 19 Prozent ein. Auf noch ältere Microsoft-Betriebssysteme (ME, 98 und 95) entfallen immerhin noch elf Prozent. Drei Prozent kann Linux für sich verbuchen.

Um die Anwender auf das jüngste Windows zu locken, adressiert Microsoft nun mit dem SP2 geschickt die Sicherheitsängste der Kunden. Aus Redmond heißt es, die sicherste Version von Windows sei heute XP in Kombination mit dem SP2. Deshalb empfehle man so schnell wie möglich ein Upgrade. Grund zur Panik besteht nach Ansicht von Andreas Bitterer, Vice President und Analyst Technology Research Services der Meta Group Deutschland, für Nutzer anderer Windows-Versionen jedoch nicht, weil Microsoft auch weiterhin Sicherheits-Patches für Windows 2000 und ältere Versionen anbieten werde. "Die meisten Benutzer haben allerdings das Windows Update Feature nicht aktiviert und arbeiten deshalb auf völlig veralteten Patch-Levels", tadelt er den Leichtsinn vieler Anwender und Firmen.

Bitterer kritisiert aber ebenso wie auch Kubsch die Verquickung falscher Tatsachen in der SP2-Diskussion der letzten Tage. Die Entscheidung Microsofts sei häufig so missverstanden worden, als würden sicherheitsrelevante Patches für den Internet Explorer nur noch für XP zur Verfügung gestellt und nicht mehr für die anderen Windows-Systeme. Dies sei falsch. Man müsse, so Kubsch, zwischen den zusätzlichen Features des SP2 wie zum Beispiel dem Popup-Blocker und dem Stopfen von Sicherheitslücken unterscheiden.

Bitterer zeigt für den Entschluss Microsofts, kein SP2 für die alten Plattformen zu entwickeln, Verständnis: "Dass alle neuen SP2-Features rückwärtskompatibel angeboten werden war nicht zu erwarten. Fahrer eines VW-Käfers können auch nicht damit rechnen, die Antischlupfregelungen oder Navigationssysteme der neuen Modelle zu bekommen."

Die spannende Frage für Microsoft wird sein, wie Anwender der XP-Vorgänger künftig auf einen Komfortverlust bei der Nutzung ihres Internet Explorers reagieren. Der Verzicht auf Popup-Blocker oder verbesserte Kontrollmöglichkeiten für Active-X-Code wird die Nutzer nicht zwingend zu einem Umstieg auf XP verleiten. In vielen Fällen ist auch eine Abkehr vom Internet Explorer hin zu alternativen Browsern denkbar. Tatsächlich hat das Microsoft-Frontend in letzter Zeit etwas an Dominanz verloren. Einen Boom erlebte in den vergangenen zwölf Monaten der "Mozilla"-Browser (Mozilla-Suite und "Firefox"-Browser), dessen Nutzung laut W3C-Statistik von 6,2 auf 16,9 Prozent hochschnellte.

Der Gründer von Netscape Communications und Browser-Pionier Marc Andreessen glaubt sogar, dass ein neuer Brow- ser-Krieg aufflammen könnte. Nachdem sich Produkte wie Apples "Safari" oder der Firefox zunehmender Beliebtheit erfreuen, rechnet er mit einer aggressiven Reaktion aus Redmond, um die Vormachtstellung Microsofts zu behaupten. Dem ehemaligen Browser-Papst zufolge muss der Softwarekonzern auf die wachsende Konkurrenz mit stärkeren Entwicklungsaktivitäten für den Internet Explorer reagieren, um neue Features zu schaffen. Immerhin habe sich seit 1998 hinsichtlich Innovation am Browser-Markt so gut wie nichts getan.

Dass derzeit immer mehr Anwender dem Internet Explorer den Rücken kehren, hat nicht unbedingt etwas mit der Qualität des Produkts zu tun. Laut Meta-Experte Bitterer werden Browser wie Mozilla oder "Opera" nicht genutzt, weil sie günstiger sind, sondern weil man Microsoft nicht mag, im Unix-Umfeld arbeitet, ein bestimmtes Feature an dem Microsoft-Tool vermisst oder eine alternative Installation neben dem Internet Explorer wünscht. "Der Browser-Krieg ist lange beendet. Es ist aber von Vorteil, dass es Alternativen gibt", begrüßt der Analyst den Wettbewerb.

Grundsätzlich ist jedoch die Browser-Nutzung in Firmen nicht gleich Browser-Nutzung. In kleinen Betrieben gelten laut Kubsch andere Maßstäbe. "Dort ist der Browser kein strategisches Instrument, weil die IT-Verantwortlichen, sofern vorhanden, keine 100-prozentig standardisierten Desktops vorhalten." Deshalb sei in kleinen Firmen oft ein Wildwuchs an der Tagesordnung.

In großen Unternehmen ist die Einstellung der IT-Verantwortlichen zum Browsern nach Ansicht von Kubsch in der Regel wesentlich restriktiver, weil der Desktop-Aufwand möglichst gering gehalten werden soll. Der Einsatz einer einheitlichen Browser-Version sei für Großanwender vor allem dann strategisch wichtig, wenn unternehmensweite Anwendungen mit einem Web-Frontend arbeiten. "Damit wird die Einführung des SP2 in großen Unternehmen zu einem Migrationsprojekt, das richtig Geld kostet", warnt der Berater vor der Tragweite eines Browser-Wechsels und Upgrades auf Windows XP plus SP2.

Auch Bitterer rät IT-Abteilungen, den Browser im Unternehmen zu standardisieren und die Wahl nicht dem Endbenutzer zu überlassen. Für den CIO sei es typischerweise aber nicht relevant, welcher Browser eingesetzt werde, solange alle kritischen Anwendungen ohne Probleme funktionierten. Ein Dekret gebe es in der Regel nur, wenn für die Administration zusätzlicher Aufwand entstehe.

Mit einer raschen Massenbewegung zu Windows XP und SP2 ist jedenfalls nicht zu rechnen. Techconsult, so Kubsch, sei noch kein Fall eines umfassenden SP2-Rollouts in einem Großunternehmen bekannt. Derzeit liefen nur Tests und würden die IT-Abteilungen mit der Einführung noch zögern, um Schwächen des SP2 abzuwarten. Es existierten umfassende Listen - auch von Microsoft -, die Inkompatibilitäten beschrieben. Ein Wechsel in dieser Situation sei fatal.

Das unlängst gegründete Microsoft Business User Forum (mbuf) begrüßt die Existenz des SP2, sieht aber auch noch Verbesserungsbedarf. Laut Wolfgang Berchem, Leiter der Arbeitsgruppe Standardisierung in der Anwendervereinigung, hat Microsoft mit dem SP2 dem Wunsch der Kunden nach mehr IT-Sicherheit Rechnung getragen. Inhaltlich verfolge das SP2 diese Richtung. Kunden und Microsoft würden diese Arbeit verfeinern.

Abb.1:

Betriebssysteme 2004

Marktanteile in deutschen Firmen bei PCs mit Intel-Architektur. Quelle: Techconsult

Abb.2: Browser-Nutzung

Mozilla boomt: Der Browser gewinnt 2004 am stärksten dazu. Quelle: W3C