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31.01.2006

Microsoft lizenziert Windows-Quellcode

Um die Kartellbehörden zu besänftigen, legt der Konzern weitere Teile des Betriebssystem-Quelltexts offen. Kritiker sprechen von einem taktischen Manöver.

Einmal mehr bestimmte Microsoft vergangene Woche die Schlagzeilen. Mit der Ankündigung, Teile des Windows-Quellcodes zu lizenzieren, schaffte es Chefjustiziar Brad Smith sogar in die renommierten Wirtschafts- und Tageszeitungen. Die Probleme, die der Softwaremulti mit den EU-Kartellbehörden habe, würden damit "auf einen Schlag gelöst".

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www.computerwoche.de/go/

567979: US-Justiz ermahnt Microsoft;

570353: Microsoft droht tägliches Millionen-Bußgeld;

571305: Fristverlängerung für Microsoft.

Bei genauerem Hinsehen relativiert sich der "kühne Schritt", den der Hersteller nach Ansicht von Smith getan hat. Das neue Lizenzierungsangebot gilt lediglich für jene Teile des Quelltexts, die die Kommunikationsprotokolle für Windows-Server betreffen. Andere Abschnitte stellt Microsoft schon seit längerem im Rahmen des "Shared Source Licensing Program" zur Verfügung. Gegen eine Gebühr dürfen Lizenznehmer den Code ansehen, aber nicht kopieren oder gar verändern.

Mit dem Vorstoß reagiert Microsoft auf massive Beschwerden der EU-Kommission, es erfülle die Auflagen aus dem Kartellurteil vom März 2004 nicht. Wegen Verstößen gegen das Wettbewerbsrecht hatte die Kommission den weltgrößten Softwareanbieter zu einem Bußgeld von 497 Millionen Euro verurteilt und mehrere Sanktionen verhängt. Microsoft muss in Europa eine Windows-Version ohne integrierten "Media Player" anbieten und Windows-Schnittstellen für Konkurrenten im Markt für Workgroup-Server zu fairen Bedingungen offen legen.

Dokumentation mit Mängeln

Während Microsoft ersterer Forderung nachgekommen ist, entzündete sich die Kritik der Wettbewerbshüter immer wieder an der Art und Weise, wie das Unternehmen die geforderten Informationen zur Verfügung stellt. Die bislang 12000 Seiten starke Dokumentation der Windows-Protokolle sei für Entwickler, die damit arbeiten wollten, nicht zu gebrauchen, konstatierte der von der EU beauftragte Computerexperte Neil Barrett Ende vergangenen Jahres. Im Dezember 2005 forderte die Kommission Microsoft ultimativ auf, die Probleme zu beheben. Zugleich drohte sie rückwirkend zum 15. Dezember mit einem täglichen Bußgeld von zwei Millionen Euro. Kurz vor Ablauf der Frist in der vergangenen Woche gewährte die Behörde auf Antrag Microsofts einen Aufschub bis zum 15. Februar.

"Der Quellcode ist die ultimative Dokumentation", lobte Smith das neue Angebot. Mit diesem "freiwilligen Schritt", der über die EU-Auflagen hinausgehe, begegne man allen noch ausstehenden Forderungen der Kommission. EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes teilt diese Einschätzung nicht: "Normalerweise ist der Sourcecode nicht die ultimative Dokumentation für irgendetwas." Aus diesem Grund seien Programmierer gehalten, ihren Quellcode umfassend zu dokumentieren. Schon zuvor hatte ihr Sprecher Jonathan Todd klargestellt: "Ob die EU-Auflagen erfüllt sind, entscheidet die Kommission, nicht Microsoft." Es sei noch zu früh, um zu bewerten, ob der Zugang zum Quellcode die von der EU monierten Mängel in der Dokumentation behebe. Todd: "Das ist eine Frage der Qualität der Informationen, nicht der Quantität."

Spielt Microsoft auf Zeit?

In diese Kerbe hieb Thomas Vinje, der als Anwalt Microsoft-Konkurrenten wie IBM, Oracle und Red Hat vertritt. Das Angebot der Windows-Company nannte er "einen Trick", der die Bedenken der Kommission hinsichtlich der Interoperabilität keineswegs ausräume. Entwickler seien damit gezwungen, im umfangreichen Quellcode die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen zu suchen. Die Kommission werde das Manöver durchschauen, so seine Erwartung: "Es ist ein Versuch, das Verfahren zu verzögern und die Einhaltung der Auflagen zu vermeiden."

Auch das britische Marktforschungshaus Ovum bezweifelt die Wirksamkeit der Maßnahme. Der Quellcode biete kaum praktischen Nutzen, wenn es darum gehe, interoperable Programme zu entwickeln, schreiben die Experten David Mitchell und Gary Barnett in einer Stellungnahme: "Es gibt einfach zu viel davon, und die Zusammenhänge sind zu schwer zu verstehen." Microsoft solle sich stattdessen wieder mit der Kommission an einen Tisch setzen, um die Probleme mit der Dokumentation zu identifizieren.

US-Kartellwächter verärgert

Im andauernden Streit mit US-amerikanischen Kartellbehörden sieht sich Microsoft ähnlichen Vorwürfen ausgesetzt. Erst vergangene Woche kritisierten US-Staatsanwälte in einem Schreiben an die zuständige Richterin Colleen Kollar-Kotelly, Microsoft sei mit der Umsetzung der vereinbarten Maßnahmen erheblich im Verzug.

Hintergrund ist der spektakuläre Monopolprozess, der im Jahr 2001 mit einem umstrittenen Vergleich zwischen dem US-amerikanischen Justizministerium und der Gates-Company endete. Kollar-Kotelly genehmigte die Einigung ein Jahr später. Neben anderen Zugeständnissen hatte sich Microsoft bereit erklärt, Windows-Kommunikationsprotokolle offen zu legen. In der Folge monierten die Kartellhüter immer wieder, der Konzern setze die Auflagen nicht wie vereinbart um. Insbesondere die Dokumentation der Schnittstellen sowie die Lizenzbedingungen sorgten für Auseinandersetzungen.

Eine Falle für Open Source?

Justiziar Smith hofft, auch dieses Thema mit der Offenlegung von Sourcecode aus der Welt zu schaffen. In den USA werde Microsoft den Quelltext der Kommunikationsprotokolle für die Desktop-Version von Windows offen legen. Dabei geht es um Codeabschnitte, die der Hersteller bislang im Rahmen des "Microsoft Communication Protocol Program" (MCPP) bereitstellt. Im Rahmen einer Reference License biete man Entwicklern zwar schon jetzt Zugang zu den Protokollen, so Smith. Mit dem neuen Angebot aber würden die Bedingungen weiter gefasst und der EU-Regelung angeglichen.

Anhängern der Open-Source-Szene gehen die Zugeständnisse dennoch nicht weit genug. Für freie Softwareentwickler seien sie "nutzlos", solange der Code nicht unter die General Public License (GPL) gestellt werde, erklärte Carlo Piano, Anwalt der Free Software Foundation Europe (FSFE). Das Angebot Microsofts sei ein "vergifteter Apfel", das die Situation potenzieller Konkurrenten verschlechtere, statt sie zu verbessern. Für den Quellcode halte Microsoft nach wie vor das Copyright. Die FSFE befürchte, der Konzern werde die Offenlegung des Codes als Grundlage für spätere Urheberrechtsklagen gegen Entwickler missbrauchen.

Das Ultimatum läuft

Ausgestanden ist der Fall für Microsoft jedenfalls noch lange nicht. Die EU-Kommission betonte in einer Pressemitteilung, der Konzern sei nach wie vor verpflichtet, bis zum 15. Februar zu erklären, wie er die aufgelisteten Mängel zu beheben gedenke. Gegen das Urteil vom März 2004 hat Microsoft beim Europäischen Gericht erster Instanz Berufung eingelegt. Erste Anhörungen in der Sache sollen Ende April beginnen.