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31.08.2001 - 

Internet Explorer und Navigator erreichen bessere Standardkonformität

Microsoft muss Netscape-Browser wieder ernst nehmen

MÜNCHEN (ws) - Mit dem "Navigator 6.1" meldete sich die AOL-Tochter Netscape als ernst zu nehmender Konkurrent im Browser-Markt zurück. Die Software setzt einige schon länger bestehende Web-Standards getreu um. Microsoft stellt dies für den Internet Explorer (IE) 6.0 ebenfalls in Aussicht. Für Web-Anwendungen der nächsten Generation eröffnen sich damit zahlreiche neue Möglichkeiten.

Nach dem Ausstieg von Netscape aus der aktiven Browser-Entwicklung und der Übergabe des Quellcodes an das Open-Source-Projekt "Mozilla" im Jahr 1998 fiel der Navigator 4.x nicht nur technisch immer mehr hinter Microsofts Internet Explorer zurück. Auch beim Marktanteil verlor Netscapes Web-Frontend gegenüber seinem Rivalen erheblich an Boden. So sieht die Zugriffsstatistik der Computerwoche-Website den IE mit rund 60 Prozent klar an der Spitze, während Netscape und damit kompatible Clients auf nur zirka die Hälfte davon kommen. Microsoft verdankt den Erfolg seines Browsers nicht nur dessen technischen Qualitäten, sondern natürlich auch dem umstrittenen Bundling mit Windows.

Voreiliges Update

Der Versuch der AOL-Tochter, die lange währende Update-Pause Ende letztes Jahres mit der voreiligen Freigabe des Navigator 6.0 zu beenden, erwies sich als grandioser Fehlschlag. Die Company wollte sich wohl nicht damit abfinden, dass die De-facto-Neuentwicklung des Browsers im Mozilla-Projekt länger dauerte als erwartet. Sie griff daher auf den Code von Mozilla 0.6 zurück, eine offenkundig noch nicht produktionsreife Ausführung des Open-Source-Browsers. Umso mehr überraschte nun die Stabilität und Darstellungsgeschwindigkeit des Browsers Netscape 6.1 (http://home.netscape.com/download), der kürzlich freigegeben wurde. Die Software fußt auf Mozilla 0.9.2.1, der freie Browser selbst hat mittlerweile schon die Version 0.9.3 erreicht.

Neben der erfreulichen Tatsache, dass eine alltagstaugliche Version von Netscape/Mozilla wieder den Wettbewerb im Browser-Markt belebt, können Entwickler nun endlich auf erweiterte technische Möglichkeiten bei beiden führenden Web-Frontends bauen. Freilich handelt es sich dabei nicht um den letzten Schrei in puncto Web-Technik, sondern um Standards, die vom W3-Consortium teilweise schon vor Jahren verabschiedet wurden. Vor allem zu nennen sind in diesem Zusammenhang Cascading Style Sheets 1 (CSS1) und das Document Object Model Level 1 (DOM1). Netscape 6.1 setzt beide vollständig um, Microsoft leistet dies mit dem IE 6.

Während die kleine norwegische Firma Opera (http://www.opera.com), die sich als Browser-Anbieter mittlerweile fest etabliert hat, schon länger auf die Konformität ihres gleichnamigen Web-Clients mit wichtigen W3C-Standards verwies, verlegten sich die beiden Großen allzu lange aufs Abwarten. Dieses Verhalten mutet erstaunlich an, weil Hersteller wie Microsoft ihre Alleingänge mit proprietärer Technologie sonst häufig damit rechtfertigen, dass Standardisierungsgremien zu langsam arbeiteten und so Innovationen aus dem eigenem Hause behinderten.

Für Web-Entwickler bedeuet vor allem die vollständige Implementierung von CSS1 eine erhebliche Arbeitserleichterung. Bisher unterstützten die beiden führenden Browser verschiedene Teilmengen aus CSS1 und CSS2, so dass bei der Verwendung von Styles nie sicher war, ob sie beim IE und Navigator zu den gleichen Ergebnissen führen. Auch wenn CSS2 mit seinen umfangreichen Formatierungsmöglichkeiten wohl noch länger Zukunftsmusik bleiben wird, können Website-Betreiber in absehbarer Zeit zumindest auf CSS1 als kleinsten gemeinsamen Nenner zurückgreifen.

Dessen Möglichkeiten gehen immerhin so weit, dass die bisher für optische Effekte eingesetzten komplizierten und unübersichtlichen Javascripts zu einem guten Teil überflüssig werden. Letztere erweisen sich immer wieder als Ursache für Inkompatibilitäten und fehlerhafte Web-Seiten, die obendrein noch schwer zu warten sind. Gerade die häufig genutzten animierten Navigationsleisten etwa lassen sich stattdessen mittels CSS1-Pseudoklassen (http://www.w3.org/TR/REC-CSS1#pseudo-classes-and-pseudo-elements) oft vergleichsweise einfach realisieren.

Zu besonders mächtigen Werkzeugen werden Stylesheets in Zusammenarbeit mit dem Document Object Model (DOM). Bei DOM handelt es sich um eine Programmier-Schnittstelle für den Zugriff auf alle Bestandteile von HTML- oder XML-Dokumenten. Letztere werden zu diesem Zweck in einer Baumform repräsentiert. Scripts wären etwa unter Ausnutzung der DOM-Schnittstelle in der Lage, das Aussehen und die Position von Dokumentabschnitten zu verändern, indem sie deren Stilangaben manipulieren. Inhalte ließen sich auf diese Weise beispielsweise auf dem Bildschirm umsortieren oder in einer anderen Struktur darstellen. Allerdings definiert das drei Jahre alte DOM Level 1 noch keinen Mechanismus, um über Programmiersprachen auf CSS-Stildefinitionen zuzugreifen. Dies leistet erst DOM2 (http://www.w3.org/TR/2000/REC-DOM-Level-2-Style-20001113), das im letzten Jahr verabschiedet wurde und von den neuesten Browsern noch nicht unterstützt wird. Der IE benutzt deshalb zu diesem Zweck eine eigene "style"-Eigenschaft für jedes HTML-Element. Die vollständige Unterstützung von DOM1 durch IE6 und Netscape 6.1 könnte aber dennoch einige Probleme bei der Portabilität von Javascripts beseitigen (siehe Kasten).

XML-Dateien am Frontend

Neben diesen beiden Standards, die nun endlich positive Wirkungen in der täglichen Web-Nutzung entfalten können, berücksichtigen IE, Navigator und Opera Technologien, die bisher auf dem Client noch keine große Rolle spielten. Dazu zählt allen voran die Extensible Markup Language (XML), die ansonsten in der Softwareindustrie einen regelrechten Hype erlebt. XML-Dokumente finden sich fast ausschließlich auf dem Server, beispielsweise in Content-Management-Systemen. Für die Darstellung auf dem Client war bisher eine Konvertierung in HTML oder Adobes PDF (mit Tools wie "FOP" von Apache, http://xml.apache.org/fop) unumgänglich.

Nachdem XML selbst keine Angaben zur Darstellung der Inhalte macht, müssen Frontends sowohl die XML-Struktur interpretieren als auch Layout-Informationen aus Stylesheets verarbeiten können. Mit der neuen Browser-Generation bietet sich nun herstellerübergreifend die Möglichkeit, CSS1-formatierte XML-Dateien an den Client zu schicken.

Der Internet Explorer bot zwar seit der Version 5.0 eine XML-Unterstützung, war bis dato aber nicht vollständig CSS1-konform. Netscapes "Communicator 4.x" konnte mit XML-Dateien gar nichts anfangen, nur Opera implementiert seit einiger Zeit beide Standards vollständig.

XSLT-Unterstützung

Einen weiteren Meilenstein in der Browser-Entwicklung repräsentiert die Unterstützung von XSL Transformations (XSLT) durch beide große Anbieter. Microsoft konnte XSLT-Funktionalität schon mit dem IE 5 vorweisen, nur entsprach sie bisher leider nicht dem Standard. Ein W3C-konformer XSLT-Prozessor konnte zwar über "msxml 3" nachgerüstet werden, gehörte aber nicht zum Lieferumfang des IE 5.5. Dies soll sich nun in der neuen Version ändern, und Netscape beherrscht durch die Integration von Mozillas "Trasformiix"-Engine dieses Feature ebenfalls. Damit eröffnet sich zukünftig die Möglichkeit, XML-Dokumente erst am Client in HTML oder alternative XML-Strukturen umzuwandeln. Dieser Prozess erweist sich gerade bei größeren Dateien als speicher- sowie rechenintensiv und könnte deshalb Web- oder Applikations-Server spürbar entlasten.

Es bleibt noch viel Arbeit

Auch wenn die aktuellen Web-Clients mit der schon lange überfälligen Umsetzung einiger Standards einen wichtigen Schritt nach vorne machen, bleiben den Herstellern noch genügend Aufgaben für die nächsten Versionen. Dazu zählen nicht nur Implementierung weiterer, teilweise schon vor längerer Zeit verabschiedeter W3C-Empfehlungen wie DOM2, CSS2, XHTML 1.1 oder XML-Co-Standards wie Xlink und XML Schema. Eine weitere Herausforderung besteht vor allem in Diensten, die auf der Verarbeitung von umfangreicher Metadaten beruhen. Das W3C fasste eine Reihe solcher Features in der Initiative "Semantic Web" zusammen. Eine zentrale Rolle für die Formulierung solcher Informationen, die Dokumente und Web-Dienste beschreiben, spielt das Resource Description Framework (RDF). Netscape/Mozilla macht immerhin schon heute umfangreichen Gebrauch von dieser Technik (siehe dazu http://www.mozilla.org/rdf/doc), beispielsweise für das Auffinden ähnlicher Websites ("Smart Browsing"). Microsoft unterstützt derzeit mit P3P und Pics Techniken, die dem Schutz der Privatsphäre sowie der Bewertung von Inhalten dienen und die zukünftig auf Basis von RDF reformuliert werden. Entsprechend wird auch der Office-Riese früher oder später an einem weitergehenden RDF-Einsatz nicht vorbeikommen.

Ausblick

Die schon lange überfällige Aktualisierung der führenden Web-Browser in puncto grundlegender Standards wird bestimmt nicht zu einer heilen Web-Welt führen. Damit lassen sich aber immerhin viele Features, auf die Websites heute meist nicht mehr verzichten wollen, einheitlich und Browser-übergreifend realisieren. Die Ansprüche der Content-Anbieter gehen aber häufig schon über das hinaus, was sich mit HTML 4, CSS1 oder DOM1 machen lässt. Gerade die mittlerweile deutliche Marktführerschaft von Microsoft hat einige dazu verleitet, proprietäre DHTML-Funktionen der neueren IE-Versionen zu nutzen und dem Rest der Welt statisch präsentierte Inhalte vorzusetzen. Für eine Browser-unabhängige Programmierung solcher Effekte wäre notwendig, dass neuere Standards wie CSS2 oder DOM2 berücksichtigt werden. Das gilt auch für die überhand nehmenden Animationen auf Basis von "Flash", die häufig durch Vektorgrafiken auf Basis des SVG-Standards ersetzt werden könnten.

Weniger Abweichungen bei DHTML

Selbst die exakte Umsetzung der ECMA-Spezifikation für Javascript durch alle Anbieter würde derzeit nicht verhindern, dass Browser-übergreifende Scripts scheitern, sobald sie auf bestimmte Dokumentabschnitte zugreifen wollen. Dies liegt daran, dass die Hersteller bis dato dafür proprietäre Varianten eines DOM verwendeten. Die DOM1-Befähigung der gängigsten Browser stellt in Aussicht, dass bestimmte Formen von dynamischem HTML (DHTML) herstellerübergreifend funktionieren. Dies gilt für Verfahren, bei denen abhängig von Benutzeraktivitäten nachträglich Dokumentabschnitte eingefügt oder gelöscht werden. Dies kann in vielen Fällen das Neuladen der kompletten Seite vom Server ersparen, aktualisiert werden dann beispielsweise nur bestimmte Zellen einer Tabelle, die Werte aus einer Datenbank empfängt. Wenn es allerdings nur um das Ein- und Ausblenden bereits heruntergeladener Inhalte geht, dann wäre dafür CSS2 das Mittel der Wahl. Diese bereits im Mai 1998 vom W3C verabschiedete Empfehlung harrt allerdings noch einer vollständigen Umsetzung durch die Browser-Anbieter.