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09.04.1999 - 

Softwaregigant kündigt Restrukturierung an

Microsoft positioniert sich in fünf Geschäftsfeldern

REDMOND (CW/IDG) - Microsoft hat die seit längerem erwartete umfassende Umstrukturierung angekündigt. Der Softwaregigant will sich in fünf neue Konzernbereiche aufteilen, die sich an Kundenbedürfnissen und nicht wie bisher am Produktspektrum ausrichten sollen. Zudem steht nicht mehr der PC allein im Zentrum der Geschäftsstrategie, sondern auch mobile Endgeräte und das Thema Internet-Business. Ein Zusammenhang mit dem laufenden Antitrust-Verfahren wird energisch dementiert

Gerüchte über eine Reorganisation des Konzerns kursierten seit Anfang Februar, als die US-Zeitung "Seattle Times" mit ausführlichen Indiskretionen aufwartete. Schon seinerzeit war aus firmennahen Quellen durchgesickert, was jetzt weitgehend bestätigt wurde. Demnach teilt sich die Gates-Company in fünf neue Geschäftsbereiche auf. Diese bestehen im einzelnen aus einer "Business and Enterprise Division", die sich künftig ausschließlich der großen Firmenkunden annehmen soll, sowie einer "Consumer Windows Group", die das PC-Betriebssystem für die Belange privater Verbraucher weiterentwickeln und vermarkten wird. Aufgabe einer weiteren Business Unit namens "Business Productivity Group" wird die Bedienung des großen Marktes sogenannter Knowledge-Worker sein - eine Bezeichnung, mit der in den USA Anwendungsgebiete wie mobile Kommunikation beziehungsweise Telearbeit umschrieben werden. Die "Developer Group" umfaßt wie bisher die hauseigene Entwicklermannschaft, während die vermutlich wichtigste Neuerung, nämlich die Etablierung des Geschäftsbereichs "Consumer and Commerce", vor allem den Wachstumsmarkt Electronic Commerce ins Visier nehmen soll.

Der Umbau des Softwareriesen geht Insidern zufolge auf Vorschläge von Microsoft-Vize Steve Ballmer zurück, der das Unternehmen zuvor monatelang von einer internen Task-force hatte unter die Lupe nehmen lassen. Der exzentrische Manager, der als rechte Hand von Microsoft-Chef Bill Gates gilt, begründete vor der Presse diesen Schritt: "Unsere Struktur und Aufstellung war nicht mehr zeitgemäß." Das alte Microsoft-Motto, auf jeden Schreibtisch und in jeden privaten Haushalt gehöre ein PC, mußte modifiziert werden, um "unsere Ambitionen in neuen Märkten wie Internet-Commerce, Mobile Computing und Kabelfernsehen zu dokumentieren". Gleichzeitig bestätigte Ballmer indirekt den Vorwurf vieler Experten, dem Unternehmen mangle es an Kundenorientierung.

"Unser Geschäftsaufbau ist auf die Bedürfnisse der heutigen Anwender, nicht aber auf die des nächsten Jahrzehnts zugeschnitten."

Die ersten Reaktionen auf die Reorganisation waren zwiespältig. Die Wall Street quittierte die Ankündigung der im Prinzip bereits bekannten Pläne mit einem weiteren Kursanstieg der Microsoft-Aktie. Insgeheim geht man in Börsenkreisen offenbar von einer letzten Endes gütlichen Einigung im Kartellverfahren aus. Manche Beobachter sehen deshalb in der Umstrukturierung des Konzerns vor allem auch ein Signal, um die Phalanx der Microsoft-Gegner zu besänftigen. Die in den letzten Wochen immer wieder öffentlich diskutierte Zerschlagung des Konzerns in mehrere Unternehmen könnte, so die Interpretationen, damit vom Tisch sein. Ballmer selbst wies jedoch solche Spekulationen entschieden zurück. Trotz der Tatsache, daß die fünf neu etablierten Business Units eine für Microsoft-Verhältnisse bis dato nicht gekannte Eigenverantwortlichkeit besitzen und dabei sogar konzernfremde Allianzen eingehen sollen, habe dies "nichts mit einer Aufspaltung zu tun". Eine solche Entscheidung "werden wir niemals akzeptieren", baute er erneut eine Drohkulisse gegenüber den Anklägern im Antitrust-Prozeß auf.

Aber es gibt auch andere Stimmen. Die neuen Sparten seien mindestens ebenso stark auf Microsofts Wettbewerber wie auf die Kunden ausgerichtet, urteilen Kritiker. Die Auffächerung der Windows-Produktfamilie in immer mehr Versionen und Anwendungsbereiche sowie die damit verbundene Überschneidung bei Geschäfts- und privaten Kunden, der unaufhaltsame Siegeszug von Java-basierten Programmen sowie die "neue Bedrohung" Linux hätten dringenden Handlungsbedarf erzeugt. Die Redmonder kämpften in einzelnen Teilmärkten mit IBM/Lotus, einem wiedererstarkten Netz- und Server-Spezialisten Novell sowie gegen die Erzrivalen Sun und Oracle. Hinzu kämen die Attacken aus dem Internet-Markt, wo Microsoft nicht als Monopolist agieren, sondern unter täglichem Preis- und Innovationsdruck mit Branchengrößen wie America Online (AOL) oder Yahoo konkurrieren müsse.

Dafür, daß die Gates-Company mit den Maßnahmen auch die eigenen Reihen gegenüber der Konkurrenz fester schließen wollte, sprechen einige Personalia. So wird der erst Ende 1996 als oberstes Lenkungsorgan etablierte und aus zwölf Mitgliedern bestehende Exekutivausschuß durch ein 14köpfiges "Business Leadership Team" abgelöst. Dort vertreten sind unter anderem die Spartenchefs der fünf neuen Divisions, darunter Senior Vice-President Jim Allchin, dem als Verantwortlichen für die Bereiche Business and Enterprise sowie der Consumer Windows Group eine besondere Ehre zukommt. Der in der Microsoft-Hierarchie gleich hinter Ballmer und Finanzchef Greg Maffei geführte Topmanager hat das, wie Experten spotten, Vergnügen, einen "Mehrfrontenkrieg gegen Sun, Novell und Linux zu führen". Mit anderen Worten: vor allem das nach wie vor nicht gute Standing von Microsoft im Enterprise Computing zu verbessern. Nicht im neuen Führungsgremium vertreten sind der in Fachkreisen anerkannte Forschungschef Nathan Myrhvold sowie "Windows-Architekt" Brad Silverberg, der ebenfalls als Vertreter einer eher kooperativen Geschäftspolitik gilt. Auch das lasse, so Insider, darauf schließen, daß das Verhältnis Microsofts gegenüber Wettbewerbern nicht unbedingt entspannter werde.