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22.03.1996 - 

Paradigmenwechsel hin zum Application Server (Teil 2)

Microsoft will mit trojanischer List das Netware-Reich erobern

Die Zeiten als DV-Abteilungen ausschliesslich mit einem Netzwerk-Betriebssystem - in der Regel Novells Netware - verheiratet waren, gehoeren der Vergangenheit an. Heute ist in Unternehmen vielmehr eine Tendenz zu gemischten Umgebungen beziehungsweise Systemen sichtbar, die, wie der NT Server von Microsoft, eine Plattform zur Koexistenz mit Mainframes, Unix- Derivaten und Subsystemen (Datenbank-Servern etc.) schaffen. Damit wird zum Beispiel der Zugriff auf Unix-Rechner erleichtert, der von Netware-LANs aus nur durch eine aufwendige Dual-logon- Konfiguration am PC oder Gateways zu realisieren war.

Nicht zuletzt wegen des groesseren Komforts, so der Tenor bei Anwendern, werden derzeit bestehende, Intel-basierte Novell- Landschaften immer oefter mit dem skalierbaren NT Server ergaenzt. Dieser Mix hat aber auch zur Folge, dass unter Administratoren der Ruf nach geeigneten Features zur gegenseitigen Integration beider Welten immer lauter wird.

Die zwei Konkurrenten haben auf die Forderung der Kunden reagiert, wobei Microsoft unter dem Blickwinkel der gesamten Client-, Server- und Netware-3-Integration die Nase leicht vorne haben duerfte. Kein Wunder, hatte das Novell-Management bis Herbst 1995 versucht, mit einer gezielten Politik der Abschottung den NT Server insbesondere auf Server-Ebene auszugrenzen.

Anders hingegen die Taktik von Microsoft: Um ueberhaupt erfolgreich in die Netware-Phalanx eindringen zu koennen, wurde in den Gates- Labors zunaechst ein Client fuer Netware-Netze entwickelt. Ergebnis war ein Client fuer Windows 95, der sowohl auf NT- als auch Netware-Netze zugreifen konnte. Das Produkt wies jedoch einen Makel auf, den fehlenden Support fuer die Netware Directory Services (NDS) in Netware 4.1. Die Softwareschmiede in Seattle wetzte diese Scharte jedoch rasch mit der Folgeversion "Microsoft Service fuer NDS" fuer den Windows-95-Client aus, die den Verzeichnisdienst von Novell unterstuetzt.

Nachdem Microsoft aktiv geworden war, reagierte Novell binnen weniger Wochen mit einer Beta seines 32-Bit-Clients fuer Windows 95 und NDS. Kurz darauf folgte eine 16-Bit-Ausfuehrung des Clients fuer NT Workstation, die Fachleute jedoch als fehlerhaften Schnellschuss entlarvten. Ein 32-Bit-Release soll im Laufe des Jahres auf den Markt kommen. Experten rechnen dann mit deutlich weniger Maengeln, weil der Kernel des NT-Clients mit dem des Windows-95-Clients identisch ist.

Natuerlich laesst sich auch Microsoft nicht lumpen und hat ebenfalls fuer 1996 eine Edition fuer NT Workstation angekuendigt, die den NT- Clients Zugriff auf Netwares NDS gewaehren.

Der geschilderte Ankuendigungsreigen zeigt, wie heftig die beiden Rivalen um Kunden buhlen. "Novell und Microsoft streiten sich darum, wer der bessere Versorger einer Netware-4.1-Umgebung ist", beschreibt Ulrich Kopper, Organisator des Compunet Technology Center, den Konflikt zwischen den Kontrahenten. Der Dienstleister in Kerpen hatte 1995 sein Netzwerk komplett auf NT Server umgestellt, mit Ausnahme eines Netware-Servers fuer das Call- Switching.

<H4>Streit auf dem Ruecken der Anwender</H4>

Da der IT-Fachmann aufgrund der ueberlegenen NDS von Netware 4.1 gegenueber dem Domain-Konzept des NT Servers kuenftig den Einsatz von Novell-Maschinen als Infrastruktur-Server nicht ausschliesst, verfolgt er mit Argusaugen die Client-Politik der Wettbewerber. Fuer Kopper haengt die Entscheidung, Novell-Server als Verwalter der Ressourcen einzusetzen, davon ab, inwiefern das Team um Bob Frankenberg NDS in die NT-Welt ausdehnt. Immerhin laufen rund 1800 Rechner im Compunet-Netz unter Windows 95 und rund 200 unter NT Workstation.

"Beide tragen ihren Streit auf dem Ruecken der Anwender aus", kritisiert Kopper den momentanen Stand und verfaehrt deshalb vorerst nach der Devise: Abwarten und Tee trinken. Im Compunet- Network traegt bis auf weiteres ausschliesslich NT die Verantwortung fuer das Ressourcen-Management, solange, bis die Streitigkeiten aufgeloest sind. Novell-Rechner, so betont Kopper, kaemen ohnedies nur als Koordinatoren des Rechtewesens in Frage, die Philosophie des Application Server auf Basis von NT sei unumstoesslich.

Keinen Zugriff von Novell-Komponenten auf NT-Systeme hat die Lufthansa AG vorgesehen. Der deutsche Airliner betreibt sein Personalnetz vorrangig mit NT Servern, wobei Netware-Server nur fuer zentrale Dienstleistungen des LH Systemhauses genutzt werden. Dies betrifft Netware fuer SAA Gateway zum IBM Host, Gateways zu den Unisys-Systemen und den Mail-Server des Lufthansa-Produktes OCP. Fuer den umgekehrten Fall, naemlich den Access von NT auf Novell, sieht Helmut Alberts, Leiter IT Personal, im Novell-Client die bessere Loesung. Als Gruende fuehrt der Insider an, dass nur mit dieser Software einige Altanwendungen, zum Beispiel die Unisys- Emulation und OCP, lauffaehig sind. Der Provider-Dienst, eine Verbindungsmoeglichkeit mit Novell-Servern im Datei-Manager, wird auf den NT-Workstations abgeschaltet.

Weitgehend zufrieden mit der Client-Software von Novell ist auch Stefan Mund, Netzadministrator der Ostfriesischen Teegesellschaft, einer Unternehmensgruppe, zu der unter anderem die Toechter Messmer Tee und Milford Tee gehoeren. Das Unternehmen in Seevetal betreibt eine gemischte Netware-4.1- sowie NT-Umgebung, wobei der NT Server mit Hilfe des SNA Servers den Zugriff vom PC-Netz auf die AS/400 regelt. Im Beta sei der Novell-Client, so Mund, zwar runder gelaufen als das offizielle Release, der Zugriff von NT Workstation auf den Netware File-Server sei im administrativen Bereich aber relativ komfortabel und die Funktionalitaet ausreichend.

Doch nicht nur auf Ebene der Client-Integration fordern Kunden brauchbare Loesungen. Um heterogene Netzwerke vernuenftig fahren zu koennen, muessen auch auf Server-Seite sinnvolle Entwicklungen aus den Labors von Microsoft und Novell kommen. Genau an diesem Punkt setzt die Taktik der Gates-Marketiers an, den NT Server als Application Server zu positionieren. Ihre Strategie gleicht der von Odysseus mit dem trojanischen Pferd, naemlich NT Server als zweckgebundene Application Server in Netware-Welten einzuschleusen.

Ferner bemueht sich Microsoft, Novell bei den File- und Print- Services den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die Staerke Novells auf diesem Gebiet versucht der Konzern, durch die NT-Netware-Server- Integration zu kompensieren. Zu diesem Zweck wurde das Utility "File und Print Services fuer Novell" in den NT Server 3.51 implementiert und simuliert dort Netware-Clients einen Netware- 3.12-Server. Ferner enthaelt der NT Server einen IPX-Transport- Stack, der die Kommunikation mit Netware-Servern erleichtert und mit Hilfe des Migrations-Tools "Directory Service Manager fuer Netware" (DSMN) Adressen von Netware-3.x-Nutzern in NT-Server- Accounts umwandelt. Zusaetzlicher Bestandteil von NT ist der "Gateway Service fuer Netware", der den NT Server als Kommunikations-Gateway fuer den Dial-in-Prozess in Netware-Netze fungieren laesst.

"Von seiten des NT Servers ist die Connectivity zu Novell phantastisch geregelt", lobt Roland Wagner, Netzadministrator der Niederlassung Bosch Telecom in Koeln, die Netware-3-Integration Microsofts. Der Novell-Server koenne hingegen mit dem Windows-NT- Protokoll rein garnichts anfangen, stellt der Fachmann Defizite in umgekehrter Richtung an den Pranger.

Novell, das aus Furcht vor einer Erosion der angestammten Kundenbasis durch den NT Server, lange Zeit die Forderung der Anwender nach Connectivity zwischen Netware und NT auf Serverebene ignorierte, hat mittlerweile umgedacht. In einem zweistufigen Integrationsplan verspricht das Unternehmen seinen Kunden kuenftig NT Server samt allen angeschlossenen Nutzern und Ressourcen von einem Netware-4.1-Server aus verwalten zu koennen. Bei dem Tool handelt es sich um einen Agent mit der Bezeichnung "Windows NT Application Server Manager", der laut Hans Krogull, International Marketing Manager bei Novell, im August 1996 auf den Markt kommen soll.

Novells Absicht ist, den Agent in der ersten Stufe auf dem NT Server aufzusetzen, um somit eine Synchronisation zwischen dem Namensverzeichnis der NT-Domain und Netwares NDS zu bewerkstelligen. Spaeter will Novell dann NDS-Versionen liefern, die native auf dem NT Server laufen. Novell betrachtet das Microsoft-Produkt damit als Client, egal, ob es als Client oder Application Server operiert.

Trotz dieser Initiative Novells ist Microsoft derzeit noch leichter Punktsieger. Durch das bereits erwaehnte Kopieren von User- und Workgroup-Informationen aus der Bindery von Netware-3- Server auf den NT Server mit Hilfe von DSMN bietet die Gates- Company der herkoemmlichen Netware-3-Klientel ein besseres Sprungbrett ins Enterprise Networking als Novell selbst.

"Microsoft hat seine Hausaufgaben fuer die Integration von Netware 3.x gut gemacht. Novell wird in diesem Fall nicht benoetigt", beurteilt IT-Spezialist Kopper die Arbeit des Softwareriesen. Ganz anderer Ansicht ist Novell-Manager Krogull. Er leugnet zwar nicht Microsofts Aktivitaeten auf diesem Gebiet, bestreitet jedoch fehlende Migrationsperspektiven fuer Netware-3-Anwender auf Netware 4.x. Mit dem Tool "Netsync" werde von den Directory Services in Netware 4.1 ueber eine Bindery-Emulation der Weg zu Netware 3 freigeschaltet, weist Krogull auf das Novell-Feature zur Connectivity beider Novell-Welten hin.

Als Pferdefuss der Netware-internen Integration bezeichnet Consultant Eckhard Klockhaus, dass Administratoren von Netware 4 aus einer Netware-3-Gruppe keine Zugriffsrechte erteilen koennen. Ausserdem gehe, so der Geschaeftsfuehrer der DV Management und Beratung GmbH in Solingen, in gemischten Umgebungen der Vorteil der C2-Security von Netware 4.1 verloren.

Novells halbherzige Migrationspolitik koennte durchaus Methode haben. Das Management in Provo hat nie einen Hehl daraus gemacht, lieber Lizenzen von Netware 4.1 als Netware 3.12 an den Mann zu bringen. Mehr als 50 Prozent der Novell-Shipments wurden 1995 fuer Netware 4.1 verbucht, 1996 soll die Rate auf 70 Prozent ansteigen. Ein Anwender wie Roland Leitz, DV-Verantwortlicher der Adler Modemaerkte GmbH in Haibach, duerfte deshalb ganz nach dem Gusto Novells sein. Derzeit testet das Unternehmen, das die Umstellung des Novell-Netzes von Netware 3.11 auf das High-end-System 4.1 plant, mehrere Netware-4-Server. Leitz: "Es besteht fuer uns keine Notwendigkeit, das historisch gewachsene Novell- Netz mit Windows NT abzuloesen. Wir haetten durch eine solche Migration nur Kosten, aber keine Vorteile."