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10.10.2006

Microsoft zieht die Zügel an

Jürgen Gallmann zieht die Konsequenzen aus der stärker werdenden Kontrolle und verlässt Microsoft.

Vor zwei Wochen machte er noch einen munteren Eindruck", kommentierte Stefan Pradel, Prokurist der Go-Net Consulting & Solution GmbH, Gallmanns Abgang. Noch Ende September hatte der damals amtierende Deutschland-Geschäftsführer von Microsoft das Dortmunder Unternehmen auf einer Partnerkonferenz für die "Best Information Worker Solution mit Großkunden" gekürt. Eine Woche später ist Gallmann bei Microsoft Geschichte. Auf der deutschen Website wird schon am Tag seiner Demission jede Spur des Ex-Deutschland-Chefs getilgt.

Die Ära Gallmann

Jürgen Gallmann leitete seit Oktober 2002 das Microsoft-Geschäft in Deutschland. Er löste den glücklosen Kurt Sibold ab, der es gerade eineinhalb Jahre auf dem Deutschland-Chefsessel ausgehalten hatte. Gallmann kam von IBM, wo er zuvor fünf Jahre im Softwarebereich gearbeitet hatte. Kritiker warfen dem ehemaligen Linux-Verfechter mit dem Wechsel zum Erzrivalen mangelnde Glaubwürdigkeit vor. Gallmann nahm sich indes vor, Microsoft gesellschaftspolitisch stärker in Deutschland einzubinden. Neben seinen Tätigkeiten als Vorsitzender der Geschäftsführung und als Vice President Emea ist Gallmann Vorstand des Branchenverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien (Bitkom) sowie der Initiative D21. Von sich reden machte er auch mit einer Gründerinitiative, um jungen Hightech-Unternehmen unter die Arme zu greifen. Mit seinen Versuchen, den durch Prozesse und Monopolvorwürfe ramponierten Ruf des Konzerns wieder herzustellen, hatte er jedoch wenig Fortune. In seine Amtszeit fiel die weltweit beachtete Entscheidung der Stadtverwaltung München, komplett auf Linux umzusteigen. Obwohl direkt vor der Haustür, nahm sich das Top-Management aus Redmond der Sache an. Auch im Rahmen des von der EU-Kommission angestoßenen Kartellprozesses hatte Gallmann wenig zu melden.

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Streit um Kompetenzen

Weder Microsoft noch Gallmann machen einen Hehl daraus, dass dem Ausscheiden des 44-jährigen Managers Streit im Management vorausgegangen war. "Jürgen Gallmann hat um Auflösung seines Vertrags wegen unterschiedlicher Auffassungen über die künftige Ausrichtung der Microsoft Deutschland GmbH gebeten", hieß es in einer offiziellen Mitteilung des Konzerns. "Die starke Verlagerung von Entscheidungsspielräumen in die Corporation, mehr aber das darin zum Ausdruck kommende Verständnis der Rollen von Muttergesellschaft und der Microsoft Deutschland GmbH haben mich veranlasst, diesen Schritt zu gehen", schreibt Gallmann in einer internen Mail an die deutschen Microsoft-Mitarbeiter, die der computerwoche vorliegt. Beteuerungen von CEO Steve Ballmer, er bedauere den Weggang, danke für Gallmanns erfolgreichen Einsatz und werde ihm auch in Zukunft freundschaftlich verbunden bleiben, scheinen nicht mehr als ein Lippenbekenntnis.

"Intern hatten wir seit etwa einem halben Jahr das Gefühl, dass bei Microsoft Sand im Getriebe knirscht", bestätigt Pradel. Das müsse jedoch nicht daran liegen, dass der Deutschland-Chef einen schlechten Job gemacht habe, relativiert der Microsoft-Partner. Vielmehr sei Gallmann vehement für die Interessen der Microsoft Deutschland GmbH eingetreten. Der Konzernzentrale in Redmond war der strategische Eigensinn des Deutschen offenbar ein Dorn im Auge, vermutet Pradel. "Nicht immer lief es rund." Im Partner-Management wurden in den zurückliegenden zwei Jahren häufig die Positionen gewechselt. Die Kontinuität habe zu wünschen übrig gelassen.

Dass sich Gallmann als General Manager Deutschland vom US-Konzern abgenabelt hat, glaubt Unternehmenssprecher Thomas Mickeleit nicht. Microsoft habe die lokale Kompetenz gewahrt, um auf die hiesigen Bedürfnisse des Marktes einzugehen. Das hätten Kunden und Partner in der Vergangenheit verlangt und daran werde sich auch nichts ändern.

Redmond übernimmt das Steuer

"Microsoft wird immer stärker aus der US-amerikanischen Firmenzentrale in Redmond gesteuert", beobachtet dagegen Mario Myrenne, Geschäftsführer der Münchner IQ GmbH. Seinen Informationen zufolge gab es Differenzen darüber, wieviel Entscheidungsgewalt in Deutschland angesiedelt sein soll. Für die Softwarepartner des US-Konzerns dürfte die künftige Zusammenarbeit damit nicht einfacher werden, befürchtet Myrenne.

"Es wird immer schwieriger, Dinge zu bewegen und den Draht bis in die US-Zentrale hinein zu finden." Dort werde kaum auf die spezifischen Anforderungen der einzelnen Märkte eingegangen, moniert der Partner.

Myrenne bedauert die aus seiner Sicht überraschende Demission Gallmanns. Der Manager habe Microsoft hierzulande gut getan, weil er das Image des Konzerns aufpoliert habe, lautet sein Resümee. Vielleicht habe er sich aber auch zu sehr auf die gesellschaftlichen Themen konzentriert und es dabei versäumt, auf die Zahlen zu achten. "Das ist aber nur eine persönliche Vermutung."

Analysten zufolge dürften Ergebnisse nur eine Nebenrolle gespielt haben. "Wenn die Zahlen der Grund wären, hätte die Personalie schon früher stattfinden müssen." meint Tobias Ortwein, Analyst beim Beratungshaus Pierre Audoin Consultants (PAC) in München. Die Geschäftsergebnisse seien in früheren Jahren schon deutlich niedriger als erwartet ausgefallen. Ortwein zufolge haben sich die Differenzen zwischen dem deutschen Statthalter und der Firmenzentrale in den USA über Jahre hinweg aufgebaut. Gallmann habe gehofft, stärker eigene Vorstellungen in Bezug auf die Firmenstrategie umsetzen zu können. Dies sei aber bei einer aus den USA gesteuerten Firma nur schwer möglich.

"Gallmanns Weggang hängt offenbar mit rigiden Vorga- ben aus den USA in Sachen Marketing und Vertriebsstrate- gie zusammen", bestätigt IDC-Analyst Frank Naujoks. "Zudem soll er sich mit Forecasts sehr weit aus dem Fenster gelehnt haben."

Gekracht hat es offenbar schon Anfang des Jahres. Auf einem Treffen der Microsoft-Statthalter mit den Konzern- lenkern ist Gallmann Insidern zufolge mit Chief Operating Officer (COO) Kevin Turner aneinander geraten. Ursache sei die Geschäftsentwicklung im zweiten Halbjahr 2005 gewe- sen. Mit guten Geschäften zwischen Januar und Juni 2006 konnte das Deutschland-Management das Geschäftsjahr aber noch retten.

Microsoft weist seine Einnahmen für Deutschland nicht separat aus. Laut der jüngsten Lünendonk-Liste kam die Microsoft Deutschland GmbH im Jahr 2005 hierzulande auf Einnahmen in Höhe von 1,8 Milliarden Euro, genauso viel wie im Jahr zuvor. Auch konzernweit wird es immer schwieriger, den Wachstumskurs zu halten. Zwar legten im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2006 die Einnahmen im Jahresvergleich um 16 Prozent auf 11,8 Milliarden Dollar zu. Der Profit schrumpfte jedoch von 3,7 auf 2,8 Milliarden Dollar.

Microsoft strukturiert um

Gerade mit den bisherigen Stützen seines Geschäfts hat Microsoft Probleme. So wurden zuletzt die Erscheinungstermine der lang erwarteten neuen Versionen von Windows (Vista) und Office (Release 12) auf kommendes Jahr verschoben. Branchenbeobachter warfen dem Softwareriesen zudem vor, zu unbeweglich am Markt zu agieren. Die Strukturen seien verkrustet und bürokratisch.

Das zehrt an den Nerven. Seit rund einem Jahr arbeitet der Konzern mit Hochdruck an seiner Organisation. Im September vergangenen Jahres wurden die sieben Divisionen auf drei Geschäftsbereiche reduziert. Im März 2006 folgte eine Umstrukturierung der wichtigen Windows-Sparte. Hinter dem Umbau steckt Kevin Turner. Es sei sein Job, Microsoft neu zu erfinden, lautet dessen eigene Prämisse.

Nachfolger noch unbekannt

Für Gallmann und seine Strategie fand sich dabei offensichtlich kein Platz. Er habe schon länger mit Abschiedsplänen gespielt, schrieb der Ex-Geschäftsführer in seiner Mail an die Mitarbeiter. Zwar scheidet der Manager offiziell erst zum Jahresende aus. Inoffiziell hat sich Gallman aber bereits verabschiedet. Seine Aufgabe übernimmt vorerst Klaus Holse Andersen. Der 45-jährige Däne ist jedoch nur eine Übergangslösung. Wer Gallmanns Stuhl erben wird, steht noch in den Sternen.