Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

08.05.1998 - 

Gates verfolgt eine Hinhaltetaktik

Microsofts Geschäftsmodell behindert Erfolg von NCs

Untersuchungen der Marktforschungsunternehmen Dataquest und IDC machen deutlich, daß NCs entgegen den hochgesteckten Erwartungen insbesondere ihrer Protagonisten IBM, Oracle und Sun ein Flop zu werden drohen (siehe S. 48). Die Analysten prophezeien dem Konkurrenzkonzept der Windows-basierten Terminals (WBT), das aus der Ideenschmiede von Microsoft stammt, wesentlich größere Zukunftschancen.

Und dies, obwohl der technologische Ansatz der WBTs eindeutig darauf abzielt, Anwender an die Microsoft-Welt zu schmieden und sie so wieder ein bißchen unfreier zu machen. Die Firmenpolitik der Gates-Company läßt sich nämlich mit den Worten von Michael Bauer, Geschäftsführer der Informatik Training GmbH, auf die Formel reduzieren: "Egal, welchen Weg der Anwender auch immer einschlagen will, er soll an Microsoft Lizenzgebühren zahlen." Anders ausgedrückt, die Geschäftsinteressen von Microsoft sind mit den Wünschen der Anwender nicht auf einen Nenner zu zwingen.

So harsch dieses Fazit klingt, es läßt sich begründen mit Microsofts taktischen Schachzügen der vergangenen Monate und Jahre. Die grundsätzliche Idee des Thin-Client-Konzepts geht davon aus, daß der Anwender mit den Diät-Rechnern unabhängig wird von Hardwareplattformen, also Intel- oder RISC-Prozessoren. Er soll zudem losgelöst von Betriebssystem-Vorgaben agieren können, seien dies Windows- oder Unix-Derivate.

Würde sich diese Prämisse durchsetzen, hätte sie desaströse Folgen für Microsoft. Denn der Geschäftsansatz von Bill Gates läuft dem des Thin-Client-Konzepts, also der Unabhängigkeit von Hard- und Software, diametral entgegen. Der Softwaremogul verdient sein Geld im wesentlichen damit, Gebühren für seine Betriebssysteme und Applikationen abzukassieren.

Diese Lizenz zum Gelddrucken hat das Unternehmen in den vergangenen Monaten und Jahren durch verschiedene Winkelzüge abgesichert und damit willentlich die "ganze Thin-Client- und NC- beziehungsweise auch die eigene WBT-Technologie auf Eis gelegt", so Bauer.

Zunächst kaufte Microsoft der kleinen Softwareschmiede Citrix die Rechte an der Entwicklung "Winframe" ab: Teil davon ist "Multiwin", die Multiuser-Erweiterung, die für Windows NT 3.51 geschrieben wurde. Die Multiuser-Befähigung eines Betriebssystems ist unabdingbar für das Thin-Client-Konzept: Dieses geht nämlich davon aus, daß alle Anwendungen auf einem Server liegen und nicht auf einem durch große Arbeitsspeicher, hochkapazitive Festplatten und Prozessoren des neuesten Technologiestands hochmunitionierten Arbeitsplatzrechner.

Als Citrix die Rechte für Win- frame an Microsoft vergeben hatte, trat der Sündenfall ein. Postwendend verwehrte die Gates-Company Citrix den Zugang zum Quellcode für die auf NT 3.51 folgende nächste NT-Version 4.0. Hieraus folgt, daß Winframe nur auf der alten NT-Variante 3.51, nicht aber auf Version 4.0 läuft - wer aber setzt schon auf veraltete Betriebssystem-Technologie, weil er in seiner Firma eine Thin-Client-Topologie einzuführen gedenkt?

Getäuscht sahen sich Anwender in der Folge, wenn sie glaubten, Microsoft werde die "Multiwin"-Multiuser-Erweiterung bald auf den Markt werfen. Ihr nächstes Produkt mit Codename "Hydra", offiziell als "Windows Terminal Server" (WTS) bekannt, sollte zumindest in Windows-Umgebungen die Voraussetzungen für Thin-Client-Konzepte schaffen.

Bis heute steht aber nicht fest, wann WTS verfügbar ist. Was Bauer, etwa seit Ende der 60er Jahre mit allen DV-Wassern gewaschen, zu der Aussage treibt: "Mittlerweile kann man nicht mehr von Entwicklungsdauer reden. Vielmehr muß man Microsoft schlicht eine Hinhaltetaktik unterstellen." Die Verzögerungen bei der Entwicklung von WTS seien dabei garantiert nicht auf technologische Schwierigkeiten zurückzuführen: "Hätte Citrix die Arbeit von Microsoft machen müssen, wären sie in einem halben Jahr fertig geworden."

Bauer wird noch deutlicher: Man müsse argwöhnen, daß Microsoft ganz bewußt den eigentlichen Entwickler der Hydra-Technologie, Citrix, durch den Kauf der Rechte an Winframe lahmgelegt habe. Nun komme die Gates-Company so zögerlich mit einem eigenen Produkt auf den Markt, "daß der Dampf aus der Thin-Client-Geschichte wieder raus ist".

Sollte Hydra alias WTS jemals das Licht der DV-Welt erblicken, wird es ein Ghetto für Windows-Anwender. Denn der WTS unterstützt für die in einer Thin-Client-Struktur wichtige Kommunika- tion zwischen dem Arbeitsplatzrechner und dem Applikations-Server einzig das Microsoft-eigene Remote Desktop Protocol (RDP), ehedem T-Share-Protokoll. Das industrieweit anerkannte Protokoll "Intelligent Console Architecture" (ICA) von Citrix hingegen verschmäht er.

Wer da einen heterogenen unternehmensweiten DV-Maschinenpark betreibt - was bei 95 von 100 Anwendern der Fall sein dürfte -, hat ein Problem. Er muß auf das Server-Modul "Picasso" von Citrix zurückgreifen, das auf dem ICA-Protokoll (ebenfalls von Citrix) aufsetzt.

Insgesamt, resümiert Bauer, muß ein Anwender, der eine Thin-Client-Struktur verwirklichen will, also den Kernel von Windows nehmen, darauf Picasso implementieren, und "darüber liegt meistens noch eine Administrationsschicht wie etwa Wincenter Pro".

Damit enden die Probleme nicht: Windows-basierte Terminals, von Microsoft als Konkurrenzkonzept gegen NCs aufgeboten, haben einen Haken: Das hierfür notwendige Microsoft-Betriebssystem Windows CE. Ein reines Display-Gerät wie ein Thin Client oder eben ein WBT benötigt fast keine Betriebssystem-Funktionalität mehr. Auf einem schlanken Rechner muß nur eine sogenannte "Display-Client"-Software laufen. Er braucht zudem einen kleinen sogenannten Boot-Kernel, ein Mini-Betriebssystem also, das unter anderem das TCP/IP-Protokoll unterstützen muß.

Microsofts Konzept für Windows CE aber ist grundsätzlich anders. Es handelt sich hierbei im eigentlichen wieder um ein komplettes Betriebssystem für Stand-alone-Anwendungen, das viel mehr kann, als der Thin Client braucht.

Warum Microsoft so etwas macht? Weil, so Bauer, das Unternehmen sich auf diese Weise wieder Lizenzgebühren sichert. Die Gates-Company bezieht bekanntlich heute einen Großteil ihrer Einnahmen aus dieser Quelle, weswegen sie, so Bauer weiter, "überhaupt kein Interesse an irgendeiner Desktop-Lösung ohne Windows hat".

Für Anwender gerät die Implementierung einer Thin-Client-Umgebung dank Microsofts Lizenzstrategie so zu einer teuren Angelegenheit: Für jeden einzelnen schlanken Client muß der Anwender nämlich eine Lizenzgebühr für eine "NT-Workstation-Edition", darüber hinaus pro Arbeitsplatzrechner aber auch einen Obulus für den sogenannten Client-Access an Microsoft zahlen. Hinzu kommen die Kosten für die NT-Server-Edition. Um von Windows als einziger Client-Basis unabhängig zu sein, fallen weitere Gebühren für die Citrix-Software Picasso an.

Was bringt also der Wechsel von PCs auf das Thin-Client-Konzept, fragt die Giga Information Group deshalb rhetorisch. Eine klare Antwort bleiben die Analysten schuldig. Die von Microsoft favorisierten WBTs allerdings, hier sind die Experten glasklar, seien im Kampf um Kostenreduktionen in DV-Zentralen lediglich ein "schwacher Kompromiß". Windows-Applikationen seien von ihrem ursprünglichen Design her nämlich nicht dafür gedacht, in zentralisierten Umgebungen zu laufen. Auch sei der Kostenvorteil von WBTs gegenüber NCs vernachlässigbar, NCs aber viel flexibler als WBTs.

Die Giga-Group-Analysten monieren allerdings als erhebliches Defizit der NC-Bewegung die mangelnde Kompatibilität unter den schlanken Rechnern. Ferner seien diese schlicht noch nicht in ausreichender Zahl verfügbar.

Gleiches gilt für das Angebot an Anwendungssoftware: Zwar gibt es Applikationen wie "Star- office" von dem Hamburger Softwarehaus Star Division oder "Anyware" von Applix, die ein Java-Front-end besitzen, oder die "E-Suite" von Lotus.

Den Anwender interessierten, so DV-Experte Bauer, aber nur zwei Dinge: "Was ist mit betriebswirtschaftlicher Standardsoftware und was mit Office-Paketen?" Bei letzteren gebe oft die schiere Übermacht von Microsofts Office-Suite beim Benutzer den Ausschlag. In puncto Standardsoftware seien Anwender auf sich gestellt. Eigenentwicklungen auf Java-Basis benötigen aber viel Zeit, wie Beispiele bei der RWE und der Bausparkasse Mainz zeigten.

Trotz diverser Probleme, meint Bauer, sei "Java aber ein Geschenk Gottes für Softwarehäuser". Die hätten nämlich erstmals wieder die Chance, auf Basis eines einzigen Sourcecodes zu entwickeln. Und genau das will Microsoft vermeiden.

Technologiemüdigkeit

Frank Nitsch, Director Information Services der BMG Entertainment International, bringt es auf den Punkt: "Mit welcher DV-Ausstattung wir letztlich unsere CDs von den Spice Girls auf den Markt bringen, ob da in der DV im Hintergrund ein CICS/Cobol-System oder eine Client-Server-Anwendung arbeitet, ist doch jedem egal - Hauptsache, wir haben Erfolg."

Nitsch ein stumpfer Host-Hardliner? Abgesehen davon, daß er seine 800 PCs in einer NT-Umgebung verwaltet, macht er nicht den Eindruck eines gedanklich unbeweglichen Sturkopfs. Vielmehr bestätigt er eine Haltung, die unter DV-Verantwortlichen zunehmend Platz zu greifen scheint: Manager sind es leid, einen Overkill an Technologie zu implementieren, ohne deren Vorteile erkennen zu können. Laut einer Befragung des Marktforschungsinstituts CSC Index und der American Management Association unter 376 amerikanischen Unternehmensbossen erfüllen rund 50 Prozent aller Technologieprojekte nicht die Erwartungen der Topmanager. Immer häufiger führen Megaprojekte ins Desaster, sind in der Folge Fir- men bereit, ihre Unternehmensberater zu verklagen. Das "Wall Street Journal" zitiert eine Untersuchung der Standish Group International, wonach 1996 immerhin 42 Prozent aller unternehmensrelevanten IT-Projekte vor ihrem geplanten Ende abgebrochen wurden.

Mittlerweile neigen sogar immer mehr Firmen dazu, bislang als selbstverständlich geltende Aktionen wie die Umrüstung von einer auf die nächste Betriebssystem-Version oder auf die jeweils aktuelle Office-Suite nicht mehr mitzumachen. Den Sinn solcher Migrationen stellte ein Anwender mit einer simplen Frage zur Disposition: "Glauben Sie, daß wir die zehn Millionen Zeilen Code von Office 97 wirklich brauchen?"