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21.03.2005

Microsofts großer ERP-Wurf bleibt aus

Nach Protesten von Partnern und Kunden will sich Microsoft nun mit kleinen Schritten an ein einheitliches Portfolio von Business-Applikationen herantasten.

Es ist eine harte Herausforderung", charakterisierte Microsofts Senior Vice President Douglas Burgum vor wenigen Wochen den Umbau der eigenen Business-Applikationen. Der weltgrößte Softwarehersteller tut sich hier offenkundig schwer. So verabschiedete sich Burgum von seinem bislang gehegten Plan, irgendwann nach 2010 auf einen Schlag ein komplett neu entwickeltes Softwarepaket auf den Markt zu bringen. Vielmehr sollen nun die verschiedenen Produktlinien sukzessive modernisiert und zusammengeführt werden. "Von einigen Dingen wussten wir, dass sie hart werden - manches war härter, als wir erwartet hatten."

Microsofts Start ins Geschäft mit Business-Applikationen verlief bislang holprig. Die Funktionen der zugekauften Lösungen von Solomon, Great Plains und Navision überlappen sich. Außerdem fehlt ein Framework, das die Geschäftsapplikationen mit den Office- und Server-Produkten verbindet. Daher planten die Microsoft-Verantwortlichen ursprünglich, im Rahmen von "Project Green" ein komplett neues Enterprise-Resource-Planning- (ERP-)Produkt zu entwickeln. Dazu sollten einzelne Funktionen aus den bestehenden Produktlinien herausgelöst und zu einer auf Web-Services basierenden Lösung mit einer einheitlichen Codebasis verschmolzen werden.

Zwei Phasen statt Big Bang

Von diesem Big-Bang-Modell haben sich die Verantwortlichen angesichts der Unruhe, die diese Pläne unter Partnern und Kunden hervorgerufen hatten, mittlerweile wieder verabschiedet. Zwar seien die Ziele die gleichen geblieben, versicherte Burgum, jedoch habe sich der Weg dorthin geändert: "Wir gehen jetzt in evolutionären Schritten voran", sagte Burgum im Gespräch mit der computerwoche (www.computerwoche.de/go/ *72197). Dies sei der bessere Weg, die Anwender von einer neuen Lösung mit einem einheitlichen Programmcode zu überzeugen.

Der Microsoft-Manager spricht in diesem Zusammenhang von zwei Phasen. Zunächst sollen die eigenen Business-Applikationen sowie die zugekauften Produkte mit einer einheitlichen Benutzeroberfläche ausgestattet werden. Außerdem könnten die Anwender künftig rund 50 verschiedene Rollen innerhalb der Applikationen definieren.

Microsoft befragt Anwender

Microsoft hat eigenen Angaben zufolge im Vorfeld mit etwa 2000 Anwendern in Unternehmen gesprochen. Eine wichtige Erkenntnis dabei sei gewesen, dass sich die Nutzer eine auf die eigene Funktion im Unternehmen zugeschnittene Software wünschten. Zudem will der Softwarekonzern ein verbessertes Reporting auf Basis der eigenen Datenbank "SQL Server" sowie neue Collaboration-Möglichkeiten durch die Integration des "Sharepoint Portal Server" ermöglichen. Dies soll bis 2007 verwirklicht werden.

Während der zweiten Phase, die 2008 beginnen soll, werde die Software Burgum zufolge stärker an den Prozessen der Kunden ausgerichtet. Technisch sollen die Applikationen enger an die anderen Microsoft-Produkte gekoppelt werden, vor allem an das kommende Betriebssystem "Longhorn" und das geplante Dateisystem "WinFS". Damit sei es einfacher, strukturierte und unstrukturierte Daten zu organisieren, verspricht Microsoft. Außerdem sei geplant, die Softwareentwicklung in Phase zwei nach und nach auf das Entwicklungs-Framework "Visual Studio .NET" umzustellen. Der Anteil des damit entwickelten Codes soll kontinuierlich steigen. Ziel bleibe, irgendwann eine durchgängig einheitliche Codebasis für alle Business-Applikationen zu schaffen. Burgum lässt jedoch offen, wann dieses Ziel erreicht werden soll.

Überhaupt scheint Microsoft zum aktuellen Zeitpunkt nur grob zu wissen, wohin die Reise geht. Erst im kommenden Jahr werde mehr zu Phase zwei zu sagen sein, gab sich Burgum zurückhaltend. Er räumte ein, dass Microsoft mehr Zeit als geplant benötige, um seine Visionen zu verwirklichen.

Für Microsofts Kunden ist das keine schlechte Nachricht. Viele von ihnen bevorzugen eine gemütliche Gangart. Schnell aufeinander folgende Release-Wechsel kommen bei dieser Klientel schlecht an. So räumte Frank Hassler, Leiter des Produkt-Managements bei Microsoft Business Solutions (MBS) in Deutschland, im Herbst vergangenen Jahres ein, dass noch rund ein Fünftel der Navision-Klientel Version 2.60 einsetze. Aktuell vermarktet Microsoft Release 4.0. Um den zögernden Anwendern entgegenzukommen, hatte Microsoft den Support für Navision 2.60 bis Ende 2005 verlängert.

Doch auch das nahende Ende dieser Frist scheint die Kunden weder zu beunruhigen noch zum Umstieg zu bewegen. "Version 2.60 reicht für unsere Belange völlig aus", berichtet beispielsweise Mirko Liebert, IT-Verantwortlicher in den Münchner Großmarkthallen. Update-Pläne gebe es derzeit nicht. Project Green und die damit zusammenhängenden Vorhaben Microsofts in Sachen Web-Services sind für Liebert Zukunftsmusik: "Im Moment beschäftige ich mich nur mit der Version 2.60."

Auch Armin Schneider-Lenhof, Marketing-Leiter des Microsoft-Partners Kumavision, bestätigt, dass seine Kunden überwiegend noch die Versionen 2.60 und 3.0 von Navision verwenden. Pläne hinsichtlich .NET beständen derzeit nicht. Zunächst stehe das aktuelle Navision-Release 4.0 im Blickpunkt. "Unsere Kunden müssen erst einmal auf diesen Stand gehoben werden."

Wie viel Arbeit hinsichtlich der Anpassung von Branchenlösungen mit der neuen Microsoft-Strategie auf die Partner zukommen wird, ist für Schneider-Lenhof momentan kaum einzuschätzen. Generell gebe es das Problem, dass die hohe Release-Häufigkeit im Navision-Umfeld die Partner zwinge, die eigenen Branchenlösungen nachzuziehen. Das bedeute einen hohen Aufwand. "Halb so viele Releases würden es auch tun."

Verunsicherung sitzt tief

Wenn Microsoft den Umbau seiner Software in vielen kleinen Schritten realisiert, dürfte die Zahl neuer Versionen in den kommenden Jahren allerdings eher steigen. "Project Green hat Kunden wie Partnern einen ziemlichen Schock versetzt", sagt Chris Alliegro, Analyst bei Directions on Microsoft. Jeder, der in Microsofts Business-Lösungen investiert habe, blicke in eine unsichere Zukunft. Viele Anwender grübelten demnach, ob sie auf die neuen Produkte wechseln sollen und ob damit kostenaufwändige Migrationsprojekte drohen.

"Was wird das für Auswirkungen auf mein Unternehmen haben?", fragt sich beispielsweise Davis Sooknana, IT-Manager von Roadtown Wholesale Trading Ltd. Dies sei noch völlig unklar. Microsoft habe alles auf einem hohen theoretischen Niveau erläutert, moniert der Mitarbeiter des auf den Virgin Islands ansässigen Handelshauses. "Sie müssen das für uns herunterbrechen. Ich verlange eine klare Roadmap."

Microsoft bemüht sich derweil, seine Business-Klientel zu beruhigen. So werde der Lifecycle-Support für alle Releases von drei auf fünf Jahre verlängert, kündigte Burgum an. Außerdem müssten die Anwender nun nicht mehr fürchten, irgendwann in ein paar Jahren auf einen Schlag zum Umstieg gezwungen zu werden. Der neue Weg erlaube es den Kunden vielmehr, ihre Innovationsgeschwindigkeit selbst zu bestimmen.

Microsoft-Partner Kumavision begrüßt diese Entwicklung. "Der allmähliche Übergang ist uns lieber, als wenn irgendwann etwas komplett Neues gekommen wäre", erläutert Marketing-Leiter Schneider-Lenhof. Das hätte vermutlich einen Riesenaufwand bedeutet.

Microsoft habe sich mit der geänderten Strategie das Leben aber nur scheinbar leichter gemacht, schränkt Helmuth Gümbel von Strategy Partners ein. Der ursprüngliche Kraftakt der Umstellung bleibe bestehen. Für die Bestandskunden klängen die jüngsten Äußerungen des Konzerns zwar beruhigend. "Neukunden würden jedoch gerne von Anfang an eine moderne Software kaufen und kein Produkt, das in den nächsten Jahren durch ständige Nachbesserungen den technischen Anschluss suchen muss."

Die großen Hersteller von Business-Software stecken Gümbel zufolge in einer Zwickmühle. So dominiere bei allen Anbietern das Geschäft mit den eigenen Bestandskunden. Das hemme aber die Fähigkeit zur Innovation, da die Anwender den Aufwand für Migrationen scheuten. Die Microsoft-Kunden müssten genau evaluieren, was die einzelnen Evolutionsschritte bedeuteten, rät der Analyst. Das verlange jedoch mehr Planungsarbeit. "Die Zeiten, in denen man seinem Softwareanbieter einfach hinterherdackeln konnte, sind zu Ende."

Das hält die Verantwortlichen nicht davon ab, sich ehrgeizige Ziele im MBS-Geschäft zu stecken. "Lasst uns weltweit Verhältnisse wie in Dänemark schaffen", appellierte Microsoft-Chef Steve Ballmer im vergangenen Jahr an die Partnergemeinde. Im Heimatland der 2002 zugekauften Navision-Produkte hält Microsoft einen Marktanteil zwischen 60 und 70 Prozent. An dieser Rechnung dürfte zwar nichts faul sein, doch anderswo ist Microsoft weit davon entfernt: "Vielerorts haben wir einen Marktanteil im einstelligen Prozentbereich", gibt Burgum kleinlaut zu.