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13.11.2006

Microsofts Linux-Kurs - eine Bedrohung?

"Das ist der Ritterschlag für Linux", sagen die einen; "eine ernste Bedrohung" meinen die anderen. Der Deal zwischen Microsoft und Novell polarisiert.

Seit der Klage von SCO gegen IBM vor mehr als drei Jahren gab es für die Anwender von Open Source keinen vergleichbaren Aufreger mehr. Innerhalb von zwei Wochen versuchten zwei Branchenriesen, groß in den einstigen "Freak-Zoo" einzusteigen. Oracle griff Red Hat mit einem konkurrenzlos günstigen Supportangebot an. Microsoft schloss eine Allianz mit Novell, deren Inhalt reichlich Anlass zu Fragen bietet.

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www.computerwoche.de/

1216590: Oracle greift Red Hats Kerngeschäft an;

583217: Red Hat reagiert auf Oracle-Attacke;

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Inzwischen sind durch eine obligatorische Meldung an die US-Börsenaufsicht SEC zumindest die Finanzinformationen über den Microsoft-Novell-Deal bekannt geworden. Microsoft zahlt an Novell 240 Millionen Dollar für das Recht, Suse Linux Enterprise Server zu vertreiben. Außerdem fließen 108 Millionen Dollar für Novell-Patente von Redmond nach Provo. Das macht 348 Millionen Dollar für die ziemlich klamme Novell. Ferner investiert Microsoft insgesamt 94 Millionen Dollar in die Vermarktung von Linux-relevanten Techniken.

So weit die meldungspflichtigen Angaben. Keineswegs bekannt sind hingegen die Details der Abkommen zwischen den beiden Firmen. Auffallend ist, welch breiten Raum das Thema Patente und Urheberrechte in den Verlautbarungen der Vertragspartner einnimmt, wie Bruce Perens, der Formulierer der Open-Source-Definition, sogleich warnend anmerkte. Das Abkommen verspricht bei Verletzungen von Urheberrechten Straffreiheit für Hobbyprogrammierer und solche, die für Novells Suse Linux Enterprise Server entwickeln. Im Gegenschluss ist damit die überwältigende Mehrheit der Codebeiträger zu Linux bedroht.

Es ist anzunehmen, dass sich diese Programmierer von Microsoft erst einmal nicht beeindrucken lassen. Sie können darauf verweisen, dass es SCO in den Gerichtsverfahren gegen IBM, Novell und Red Hat trotz gewaltigem Aufwand nicht gelungen ist, urheberrechtlich geschützten Code in Linux nachzuweisen. Sollte Microsoft aber auch rechtliche Schritte gegen die Arbeitgeber der beruflichen Linux-Entwickler einleiten, könnten diese ihre Angestellten zurückpfeifen.

Novell zeigte sich sehr bemüht, Befürchtungen zu zerstreuen. Das Unternehmen veröffentlichte auf seiner Website einen "Joint Letter to the Open Source Community - From Novell and Microsoft". Laut Microsofts Web-Seite kommt der nur "from Novell". Und im Inhalt fand der Open-Source-Veteran Kurt Pfeifle einen gewichtigen Unterschied im Passus über den Schutz vor Patentklagen. Novell schreibt von einem "unwiderruflichen Versprechen von Microsoft". Aus Redmond heißt es indes: "Microsoft behält sich das Recht vor, diese Versicherung zu beenden und zu widerrufen."

Über den Tisch gezogen?

Die Interpretationsfähigkeit der Abkommen und die Widersprüche in ihrem Zusammenhang legten vielen Open-Source-interessierten Beobachtern den Verdacht nahe, Novell habe sich von Microsoft über den Tisch ziehen lassen. Microsoft jedenfalls verbuchte den Vertragsinhalt unverblümt zu seinen Gunsten: als indirektes Eingeständnis, Linux verstoße gegen Urheberrechte. So behauptete laut "Süddeutsche Zeitung" der Technikchef von Microsoft, Michael Grözinger, "dass in Linux Patente von Microsoft verletzt werden".

Im Kern geht es wieder um die alte Kampagne mit "Fear, Uncertainty and Doubt" (FUD). Als der Open-Source-Flut mit abträglichen Kennzeichnungen wie "Kommunismus" oder "Krebsgeschwür" nicht mehr beizukommen war, finanzierte Microsoft SCO zunächst direkt mit Lizenzgebühren, später vermutlich indirekt über Baystar Capital. Diese Versuche, Anwender zu verunsichern, sind gescheitert. Mit Hilfe von Novell wird jetzt ein neues FUD-Kapitel aufgeschlagen.

Die diffusen Aussagen in Sachen Patente und Urheberrechte lassen die IT-Branche spekulieren, ob es noch andere Aspekte des Bündnisses gibt, von denen offiziell nicht die Rede ist. Nicht nur Microsoft besitzt zahllose Patente. "Auch Novell ist von seiner DNA her eine proprietäre Softwarefirma, die stark von ihren Patenten abhängt", bringt es Rafael Laguna de la Vera, ein vor allem im Open-Source-Spektrum tätiger Business Angel und Investor, auf den Punkt.

Microsoft hat in den letzten Jahren dazugelernt und seine Taktik geändert, ohne das strategische Ziel aus den Augen zu verlieren. Seit 2001 propagiert Redmond auf den "Linuxworld"-Kongressmessen die "Koexistenz". Ins Topmanagement zogen mit dem Chefstrategen Ray Ozzie und dem Linux-Strategen Bill Hilf zwei Personen ein, die nicht so undiplomatisch auftreten wie die alte Spitzengarde. Unter ihrer Ägide schloss Microsoft Kooperationsverträge mit den Open-Source-Firmen Zend (PHP), SugarCRM und Xensource (Virtualisierung).

Microsoft verunsichert Anwender

"An der übergeordneten Ansicht von Microsoft, dass Open Source eine Bedrohung für ihr Geschäft ist, hat sich nichts geändert", warnt Berater Laguna de la Vera vor Illusionen. Es bleibe beim strategischen Ziel, quelloffene Systeme am Boden zu halten. Microsoft verunsichere die Anwenderschaft, könne jetzt aber dank des Novell-Deals einen hohen Trumpf ausspielen: Redmond hat Linux-Vertriebsrechte.

"Microsoft sitzt jetzt bei den Anwendern auch am Tisch, wenn es um Linux geht, und überlässt dieses Feld nicht mehr allein Novell oder Red Hat", stellt der Open-Source-Investor, Business Angel und einstige Suse-Chef Richard Seibt fest. "Microsoft übernimmt den Vertrieb und redet mit, ob jemand zu Linux wechselt oder nicht."

Dass Vertriebsbeauftragte von Microsoft den Kunden künftig zu Linux raten, ist so bald kaum zu erwarten. Firmenchef Steve Ballmer hat selbst die Maxime vorgegeben: "Im Zweifelsfall Windows, Windows, Windows!" Seibt sieht noch ein anderes Problem: "Die Strategie wird zwar vom Headquarter vorgegeben, aber die Umsetzung erfolgt von Menschen, denen man über Jahre etwas anderes als Linux erzählt hat. Microsoft dürfte es schwer haben, einem Windows-Evangelisten beizubringen, dass er einem Kunden, der Linux möchte, das nicht ausredet."

Kein bißchen Friede

Es ist also fraglich, ob Novell etwas vom Frieden mit Microsoft haben wird. Der Vorteil, den verunsicherten Kunden Rechtssicherheit bieten zu können, mag im Wettbewerb mit Red Hat hier und da den Ausschlag geben. Aber bei den perspektivischen Anwendern verhandelt jetzt Microsoft mit.

Für Red Hat werden die Geschäfte nun wohl schwieriger. Immerhin ist der Novell-Microsoft-Vertrag nach der Support-Preis-Attacke von Oracle der zweite Angriff auf den Distributor innerhalb von zwei Wochen. Und Red Hat ist einer der bedeutendsten Codelieferanten für Linux und andere Open-Source-Projekte. Trotzdem sieht kaum ein Beobachter in den jüngsten Ereignissen eine ernste Gefahr für den Linux-Trend.

Selbst wenn Microsoft Novell-Suse und Oracle Red Hat kaufen würde, könnten andere den vorliegenden GPL-lizenzierten Code weiterentwickeln. Laguna de la Vera: "Das ist die eigentliche Sicherheit, die man bei Open Source hat: Den Sack Flöhe kann man nicht unter Kontrolle bringen, indem man die beiden dicksten fängt. Das sind zu viele."

Last not least gibt es da auch noch die Interessen anderer IT-Branchengrößen zu berücksichtigen, so der Investor: "Was glauben Sie, was eine IBM, Google oder Yahoo tun würden, wenn das Überleben von Linux auf dem Spiel steht?" Gegen Drohungen mit Patentklagen könnten diese Firmen und andere mit Linux-Interessen ihr nicht weniger beachtliches Patentportfolio ins Spiel bringen. Dieses Gleichgewicht des Schreckens bestehe weiter "und wird im Zweifelsfall auch Linux schützen", so Laguna de la Vera.

Deswegen zieht auch Seibt ein überraschendes Fazit: "Dies ist der Ritterschlag für Linux. Die Ereignisse zeigen, wie bedeutend der Open-Source-Markt ist."