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01.12.1989

Migrationssoftware Den 36-Anwendern steht die gesamte Unix-Welt offen

Offene Systeme sollen lBMs proprietärer AS/400 das Wasser abgraben. Statt zur

teuren Silverlake können RPG-II-Anwender jetzt auf die preisgünstigeren Unix-Systeme

wechseln. Möglich wird das durch ein Migrationstool, das A T&Tbereits vor Jahren in

Auftrag gegeben hat.

An sich ist Migrationsbedarf kein schlechtes Zeichen, deutet er doch auf ein florierendes Unternehmen hin, das seiner bisherigen System-Umgebung zunehmend entwächst. Trotzdem wird so manchem DV-Leiter flau im Magen, wenn er an einen System-Umstieg denkt.

Schuld daran sind die Vielfalt der möglichen Zielsysteme auf der einen und der Mangel angeeigneter Migrations-Software auf der anderen Seite.

Da hilft es auch nicht, sich auf nur einen Systemanbieter festzulegen. Nimmt man einen kleinen Hersteller, dann sitzt man schnell auf ein Insel, von der nur schwer

runterzukommen ist. Wählt man dagegen - wie alle, die auf Nummer Sicher zu gehen glauben - die IBM, dann kann von einer Reduzierung der Zielsysteme kaum die Rede sein. Dort gibt es auf jeder Hardware-Plattform mindestens zwei bis drei Betriebssysteme. Und die " Wachstumspfade" sind zwar prestige-, aber auch kostenträchtig und arbeitsintensiv. Das gilt selbst für den Umstieg innerhalb der proprietären Mainframe-Systeme. Aber üben wir doch positives Denken: Jeder Umstieg ist die Chance für das Unternehmen, seine Altsysteme von den unsauberen Basteleien ganzer Programmierer-Generationen zu reinigen.

Und noch ein Lichtstreif am Horizont: Proprietäre Systeme sind out, und Unix ist in - wenn man den Fachzeitschriften glauben darf. Schon beinahe zu spät bieten IBM-Konkurrenten endlich eine Migrationsmöglichkeit für die ausgebootete RPG-II-Welt an, bei der die Anwender fast ihr gesamtes verdatetes Unternehmenskapital in die Unix-Welt mitnehmen können. Doch wer erlöst die ohnehin gebeutelten Nixdort-Kunden - um nur ein Beispiel zu nennen - von ihren Business-Basic-Programmen ? Und selbst wenn es hierfür ein Migrationstool gäbe, so wären viele DV-Abteilungen mit einer solchen Hauruck-Umstellung hoffnungslos überfordert. Was sie brauchen, ist ein behutsamer Abbau der Altlasten bei gleichzeitiger Hinwendung zu den System ihrer Wahl.

Abschließend noch eine Frage zum " menschlichen Aspekt": Welcher fünfzigjährige DV-Leiter wagt sich aus seinem proprietären Alterssitz in den dynamischen Wettbewerb der offenen Systeme, wo seine RZ-Kenntnisse nicht mehr gefragt sind ? gfh

Entwickelt wird das von AT&T über die Göttinger PPS GmbH und Siemens vertriebene Produkt von Software Ireland in Belfast. Dort wurde es Mitte der achtziger Jahre von AT&T in Auftrag gegeben, um den /36-Markt abzulösen. Seit knapp drei Monaten

arbeitet PPS an einer Anpassung für den deutschen Markt Siemens dagegen hat seine Migrations-Software "Sipra" nach mehr als dreijähriger Vorbereitung im September freigegeben.

Trotzdem sei, so Ingo Wienecke, Marketing-Direktor bei AT&T Deutschland, der Eindruck falsch, daß das Produkt seines Unternehmens noch nicht marktreif sei. Eine Reihe von Installationen in den Vereinigten Staaten würden dies belegen.

Inzwischen arbeiten die Iren an einer SQL Schnittstelle für das Unix-RPG, um den Anwendern auf diese Weise den Zugang zu Unix-Datenbanksystemen zu ermöglichen. RPG - da sind sich die Anbieter einig - soll keine Insel in der Unix-Welt bleiben.

Sowohl AT&T als auch Siemens versprechen, daß der Benutzer mit dem Tool nicht nur PRG II und alle /36-Anwendungen unter Unix/Sinix laufen lassen, sondern auch weiterentwickeln, verändern oder auch neu schreiben kann. Gearbeitet wird mit der vertrauten RPG-Oberfläche, wobei es möglich ist, die unter BIN abgelegten Unix Kommandos in die OCL-Prozeduren einzufügen.

Wolfgang Wichman, Produktmanager für die Siemens Version, macht die Stoßrichtung der von ihm betreuten Software klar: "Sipra richtet sich gegen die AS/400". So deutlich will sich der AT&T-Marketing-Direktor nicht äußern.

Wienicke räumt aber ein, daß es darum gehe, der IBM Marktanteile abzujagen. Die Anwender sollen aus der geschlossenen IBM-Umgebung der /36er in eine offene Systemwelt geführt und den Software-Häusern ein zusätzlicher Markt für ihre RPGIl-Produkte erschlossen werden.

Von Siemens erhält der Kunde ein Migration-Toolkit für die /36, das menügesteuert die zu portierenden Teile in eine Bibliothek übernimmt. Sie werden auf einen Sinix-Rechner übertragen, wo die automatische Rekompilierung erfolgt. Probleme können bei der Datenübertragung auftauchen, weil die Unix-Systeme nicht mit 8-Zoll-Disketten arbeiten.

Hat der Kunde einen PC an seine /36 angeschlossen oder verfügt er über eine PC-Emulation, so läßt sich die Erstellung der Übertragungsdatei im ASCII-Code und auf kleinen Disketten unschwer bewältigen. Wo dieser Weg nicht gangbar ist, läßt sich das Diskettenproblem mit Hilfe eines Siemens-Rechners beheben, der über Laufwerke in verschiedenen Größen verfügt. Ansonsten bietet sich die etwas langsamere Übertragung über die serielle Schnittstelle an.

Portiert werden nur /36-Anwendungen, die in unverfälschtem RPG II geschrieben sind: die von IBM zur Verfügung gestellten Standardprogramme wie Sort und Maint sind funktional verfügbar. IBM-Standard-Software ist allerdings nicht portierbar, weil die Armonker den dafür nötigen Sourcecode unter Verschluß halten, - eine unwesentliche Einschränkung, da die Produkte von anderen Softwareanbietern weit mehr verbreitet sind.

Für die Anwender ist die Portierung zu Unix, so Wichmann und Wienecke, der Migration zur AS/400 auf alle Fälle vorzuziehen. Der Umstieg auf den Native Mode der Silverlake bedeute für den Anwender den Eintritt in eine ebenso neue Welt wie der Wechsel zu einen beliebigen Großrechner-Betriebssystem. Sämtliche Anwendungen müßten neu beziehungsweise umgeschrieben werden.

Beide Unix-Propagandisten stellen den Weg zur AS/400 als Einbahnstraße innerhalb der IBM-Welt dar, für die der Kunde teuer zahlen müsse. Allein die Hardware koste im Vergleich zur /36 zwei- bis fünfmal soviel. Die Unix-Systeme bewegen sich dagegen im Preisniveau der /36 und stünden in der Leistung der AS/400 keineswegs nach.

Unterstützt wird die Argumentation der Anbieter durch die umfassende Werbekampagne, die Unix derzeit als das Betriebssystem der Zukunft für den Mittelstand erscheinen lassen. Gerade bei dieser Zielgruppe steigt der Glaube, nur in einer offenen Welt überleben zu können.

Hinzu kommt, daß der Umstieg zum neuen Betriebssystem für den Anwender unsichtbar bleibt. Der Wechsel in die reine Unix-Welt stellt lediglich eine Option dar. Der Anwender arbeitet unter Unix wie bisher in seiner vertrauten RPG-Umgebung weiter. Er allein bestimmt, wann er einen schrittweisen Umstieg nach Unix einleitet.

Unterschiedliche Ansichten gibt es zu der Frage, wessen Version den Anwender in eine wirklich offene Welt führt. Dazu Wienecke: "Die Münchener führen die Anwender lediglich aus der IBM- in die Siemens-Abhängigkeit." AT&T unterstütze dagegen jedes auf 386er-Systemen laufende Unix. Dem entgegnet Wichmann, das Siemens Produkt werde künftig auch auf der Unix-Version OSF/I der Open Software Foundation laufen - sobald sie auf den Markt kommt. Eine Bindung der Anwender allein an Siemens sei also nicht beabsichtigt.

Für den optionalen Unix-Einstieg der RPG-Anwender hält Siemens einen Stufenplan bereit. Anfangs werden wie bei PPS beziehungsweise AT&T die /36 Anwendungen unverändert nach Sinix übernommen. Da viele /36er-Anwender an ihrer Oberfläche hängen und deshalb den Umstieg in eine neue Betriebssystemwelt vermeiden möchten, rangiert hier die hundertprozentige Kompatibilität vor der Einbeziehung moderner Tools.

In der zweiten Stufe soll die Einbindung in die Unix-Welt über Mischanwendungen erfolgen. So sollen die ehemaligen /36-Anwendungen mit Unix-Datenbanken zusammenarbeiten können. Dafür hat der irische Hersteller eine Standard-SQL-Schnittstelle für nächstes Jahr angekündigt.

Schließlich ist eine weitgehend identische Funktionalität zu RPG III geplant. Wichmann erwartet, daß RPG im kommerziellen Bereich neben Cobol Bestand haben wird. Seine Argumente: "RPG ist fast so alt wie Cobol, wird nach Cobol und Basic am häufigsten verwendet und wurde für unzählige Applikationen verwendet. Es gibt weltweit 300 000 /36-Systeme, die fast ausschließlich mit RPG programmiert wurden. Diese Investionen kann und darf man nicht einfach wegwerfen".

Außerdem sei RPG Ill einfach zu handhaben und von der Bedienerfreundlichkeit hat eine sehr moderne Sprache. In Wichmanns Augen gilt RPG als die erste Sprache der vierten Generation .

Der bisherige IBM-Markt auf den beide Unternehmen zielen, umfaßt in Europa etwa 60 000 bis 70 000 Unternehmen mit 136-Systemen. Ein gewaltiges Markpotential, wenn man bedenkt, daß alle diese Anwender migrieren müssen - entweder zur AS/400 oder zu Unix. Neben AT&T und Siemens profitieren davon vor allem die Hersteller von /36-Software. Für deren Produkte erschließt sich nun ein zweiter Vertriebsweg: die gesamte offene Unix-Welt.

Trotz all dieser Vorteile ist der Auftragseingang schleppend. Als Gründe nennt Wichmann, daß die Softwarehäuser noch wegen der Kauf- und Schulungs-Investionen für die AS/400 stark belastet seien. Außerdem sei vielen Softwarehäusern der /3x-Welt die Unix-Welt nicht vertraut, so daß sie einer Investition in Unix verständlicherweise mißtrauisch gegenüberstehen .

Die Befürchtung, IBM könnte Druck auf ihre Vertriebspartner ausüben, falls diese ihre RPG-Anwendungen nun auch unter Unix anbieten, teilt der AT&T-Manager Wienecke nicht. Schließlich, so sein Argument, würden die Anwendungen ja auch auf IBM-Unix-Rechnern laufen .

Aber auch bei den Endanwendern gibt es Vorbehalte. Manche befürchten unerwünschte Auswirkungen der Umstellung auf die in ihrem Netz laufenden Programme.

Auch das Gerücht, es gebe unter Unix zuwenig kommerzielle Programme, hält sich noch hartnäckig - auch wenn es inzwischen jeder Grundlage entbehrt.