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19.04.1984

Mikro-Computing so leicht oder so schwer wie Fahrradfahren

Wie man ein Gericht der "Nouvelle cuisine" nur fertigbringt, wenn man die Zutaten fangfrisch erhält - und es schiefgeht, wenn man an die Zutaten nicht herankommt, "läuft" es auch in der Mikro-Szene.

Die Halbleiter- und Bauteile-Industrie hat die bislang schlimmste Baisse - oder was die so verwöhnte Szene dafür hält - hinter sich. Vor einigen Monaten konnten die Käufer Bedingungen und Preise diktieren. Dieser Markt sieht jetzt auf einmal so ganz anders aus. Bauteile, die acht Dollar kosteten, kosten jetzt bereits zwölf Dollar mit steigender Tendenz, Lieferzeiten nehmen zu, einer nach dem anderen meldet "ausverkauft".

Und in dieser Situation wird nicht derjenige an Bauteile herankommen, der als Newcomer der Szene sich und anderen alles Mögliche verspricht, auch nicht derjenige der so flüssig ist und sogar Spottpreise bezahlen kann, sondern wer langfristige Zusammenarbeit schon bisher beweisen konnte. Auf dessen Abnahmekraft kann auch künftig gebaut werden. Und in der Not, doch an Bauteile - und sei es nur eine Handvoll - heranzukommen, wird die Szene kriminalisiert, viele werden zu vielem bereit sein.

Manche sehen jetzt natürlich böse Mächte am Werk, die die Kleinen aushungern und damit verdrängen mochten um dann selbst den Markt zu besitzen und vom Markt dann das zu holen, was er bisher nicht, hergab. Andere sagen dazu je nach weltanschaulicher Position "Kapitalismus" oder "Marktwirtschaft".

Mikro als untauglicher Versuch

Angeblich kann in 97 Prozent aller Fälle der Mikro die Aufgabe genauso gut lösen wie die "große" DV und angeblich entstellen dabei nur 3 Prozent der Kosten, die vergleichsweise entstehen wenn die Aufgabe mit der "großen", DV gelöst wird.

In den meisten Fällen gilt, daß man mit 20 Prozent des Aufwands 80 Prozent des möglichen Ergebnisses erreichen kann, aber 97,3 Prozent?

Nein, denn es ist gerade nicht so, daß der Mikro die DV ersetzen könnte. In den klassischen Aufgaben der DV, nämlich Buchhaltung, Fakturierung, Materialwirtschaft, Produktionsplanung und -steuerung, Informationssysteme und anderes ist der Mikro der "untaugliche Versuch mit untauglichen Mitteln am untauglichen Objekt". Dabei ist lediglich die theoretische Frage interessant, ob der untaugliche Versuch mit untauglichen Mitteln am untauglichen Objekt strafbar ist.

Es ist doch gar nicht so einfach, mit den heute bekannten DV-Terminals zu arbeiten. Was müssen wir nicht alles wissen, an Code und Befehlen, um den Zugang zum System und zu den für uns wichtigen Informationen zu erhalten. Und ehrlich, wenn wir dann , die Informationen auf dem Terminal haben, dann beginnt doch erst die Arbeit mit diesen Infos, und hier steigen die Terminals doch schon wieder aus und läßt uns die DV im Stich.

Und das alles kann doch der Mikro, wenn er am Netz hängt, viel besser: Der Mikro bedient sich der DV und bedient sich aus Datenbanken. Dann kann man mit dem Mikro arbeiten, von Kundeninformationen zur Kundenplanung, von Kosteninformationen zu Kostenanalysen, von Informationen zu betriebswirtschaftlichen Modellrechnungen, von Informationen zu Marketingkonzepten. Denn der Mikro ist das beste Terminal, das es je gab.

Zuviel Power ist überflüssig

An sich müßten die Mikros von morgens bis abends laufen, aber die Geräusche von Ventilator, Floppy und Winchester sind unerträglich. Warum ist es nötig, für einen gewöhnlichen Vierzeiler die ganze Power von Textverarbeitungs-Software einsetzen zu müssen? Über Menü die Maske anwählen, dann mit ihm Vierzeiler ausfallen und dann zum Drucker geben? Warum kann nicht die Tastatur direkt den Drucker ansteuern und beispielsweise damit eine normale Schreibmaschine simulieren? Warum für eine kleine Rechenaufgabe "Visicalc" laden? Warum können "normale" Rechenaufgaben nicht mit der Tastatur allein gelöst werden? Wer hat schon mal eine 10-MB-Winchester- über 360-KB-Floppys gesichert, überschlägig also dafür 27 Floppys geladen? Das macht man einmal und nie wieder.

Was sein wird, weiß ich nicht, aber was sein kann. Zum Beispiel kann die Abgrenzung zwischen Textverarbeitungsmaschinen und Mikros fraglich werden. Warum für Teletex und Bildschirmtext separate Maschinen? Mikros können selbstverständlich TV, Btx und Teletex, und Mikros werden die besten Terminals sein. Und nach den falschen "16ern" kommen die echten "l6er", nach den falschen "32ern" die echten "32er".

Die zu erwartende Vervielfachung der Leistungsfähigkeit ist aber nicht für die Programme erforderlich, die auf diesen Mikros laufen, sondern wird benötigt, damit wir uns endlich nicht dem Computer anpassen müssen, sondern der Computer sich uns anpaßt. Damit wir nicht Arbeitsprozesse verändern müssen, um überhaupt Computer sinnvoll einzusetzen, sondern daß sich Computer sinnvoll in die Arbeitsprozesse einfügen. Damit wir mit Computern weitgehend so kommunizieren können, wie wir es heute gewohnt sind mit Papier umzugehen, mit Bleistift und Lineal, -mit Papierkorb, um etwas zu vernichten und mit Aktenschränken, um etwas aufzubewahren. Alle stellen fest, beschwören, beklagen den Computer-Analphabetismus, postulieren eine neue Bildungskrise und verlangen gigantische Bildungsanstrengungen, damit jeder mit dem Computer umzugehen lernt. Ich habe gehört, auf der "Queen Elizabeth" werden Säle mit Mikros ausgestattet, damit man auf der Kreuzfahrt "Computing" lernt. Ist das ernst gemeint oder eine neue Begründung für die Steuererklärung? Es wird viel schneller gehen und erfolgreicher sein, dem Mikro das Laufen beizubringen, wenn Mikro-Computing so leicht oder so schwer wird wie Fahrradfahren. Andere sagen bekanntlich dazu "Gestaltung der Mensch-Maschinen-Schnittstelle".

Gerd Cagol

Inhaber der CCC-Unternehmensberatung Consultants Gerd Cagol & Co., Osterhorn