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06.09.1985 - 

Die Entwicklung im Bereich des "Personal Computing" geht an den DV-Leitern vorbei:

Mikro-Manager zwischen Fachabteilung und RZ

MÜNCHEN - Gerade in größeren Unternehmen driften Fachabteilungen und zentrale Datenverarbeitung auseinander: Die Entwicklung geht an den DV-Leitern vorbei. Eine Langfriststrategie ist nicht zu erkennen. Derzeit lassen sich zwei Grundlinien ausmachen, gegen diese Situation anzugehen.

Im Mittelpunkt steht ein Mitarbeiter neuen Typs mit unterschiedlichsten Bezeichnungen und übergreifenden Qualifikationen. Er soll dem Chaos in den Fachabteilungen (FA) entgegenwirken. Er muß den Mikro in die Informationsstruktur des Unternehmens einbinden. Auf zwei Gleisen - und nicht selten auf Kollisionskurs - bewegt er sich zwischen Rechenzentrum und Fachabteilung, beispielsweise das Rationalisierungskuratorium der deutschen Wirtschaft (RKW) in Eschborn bei Frankfurt/M.

Der autonome Mikro-Organisator in der Fachabteilung - Linie Nummer eins - befindet sich noch "in Planung". Linie Nummer zwei - das Benutzer-Zentrum (BZ) - wird bereits praktiziert. Dessen Angehörige erfüllen die Aufgabe, der ratlos gewordenen Fachabteilung zu effektiven Problemlösungen zu verhelfen.

Bei der Henkel KGaG in Düsseldorf beispielsweise liegen klare Direktiven für die Systemberater des BZ vor. Ihre Aufgabe ist es, den Mikro koordiniert einzusetzen und zu betreuen. Diese Aktivitäten - derzeit der größte Arbeitsanfall - laufen dabei in drei Richtungen. Zum einen steht der Kleinstrechner unter dem Motto Bestellabwicklung sowie Einsatzberatung. Weiterhin werden Mitarbeiter des Benutzer-Zentrums aktiv, um für den einzelnen Arbeitsplatz festzustellen, welche Systemeinbindung - etwa der Anschluß an den Großrechner - gebraucht wird.

Zum dritten stehen zusammen mit der Fernmeldezentrale Aufgaben mit Blick auf den Anschluß an das Übertragungsnetz an. In diesen Bereich fällt auch die Wartung der Geräte.

Auf ähnliche Weise deckt auch bei der Michelin Reifenwerke KGaG in Karlsruhe das Benutzer-Zentrum "Wünsche und Fragen der Fachabteilungen" ab. Für die Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH in Frankfurt umschreibt Horst Wessely, Leiter Organisation/DV-Warenwirtschaft: "Unser Benutzer-Service ist der Steigbügelhalter für die Fachabteilungen." Dort könnten sie lernen, mit Software zu arbeiten. Darüber hinaus werden im BZ für die große Anzahl von Filialen einheitliche Anwendungen entwickelt.

Den Sammelstellen für Benutzerfragen ist gemeinsam, daß sie nicht dem Rechenzentrum unterstellt sind, jedoch häufig, so Mitarbeiter, dessen Einfluß nur schwer entgehen können. Hierarchisch sind sie als Stabsstelle der Leitung der Fachabteilung oder dem Bereich Organisation zugeordnet. "Vor kurzem aus dem Rechenzentrum ausgegliedert", wie das Henkel-BZ, bei Michelin eine Abteilung des Sektors Organisation und im Hertie-Konzern auf der Ebene einer Zentralabteilung angesiedelt, bewegen sich die Kompetenzen in einem begrenzten Rahmen. Entscheidungsbefugnis wird den Mitarbeitern nicht direkt eingeräumt. Sie sind jedoch "entscheidungsbeteiligt", besitzen also Mitspracherecht. Ihr fachliches Know-how fällt dabei merklich ins Gewicht - zumindest bei der Vorauswahl von Hardware, Softwarepaketen oder bei Konfigurationsüberlegungen.

Allgemein scheint die Entlohnung im außertariflichen Bereich zu liegen. Sie entspricht der Dotierung von Akademikern mit etwa vier Jahren Berufserfahrung und bewegt sich zwischen 50 000 und 90 000 Mark.

Aus der Reihe - und einen Schritt voran - tanzt die DV der Stadt Wien. Hier organisiert Lucian Koloseus, Obersenatsrat und Chef der DV, das Mikro-Management als Profit-Center. Die Stabsstelle "Integration von Kleinsystemen" umfaßt die Basis-Software-Entwicklungen und deckt weiterhin etwa Ausschreibungen für Leistungsmerkmale sowie Training und Mitarbeiterunterstützung ab. Als Schnittstelle zu den Fachabteilungen fungieren zudem "Betreuer", die anhand eines Katalogs über Produkte und Einrichtungen informieren und auch Bedürfnisse an die Software-Entwicklung rückmelden.

Sind demnächst die Voraussetzungen zur Integration realisiert - dazu gehören Down-loading von Dateien ebenso wie Ausbildungsprogramme -, erfolgt die Umwandlung der Stelle für Mikro-Anliegen in die Linie. Mikro-Einbindung wie auch Software-Engineering erhalten industriellen Charakter: Das Rechenzentrum hat das Heft fest in der Hand. Die Aktivitäten der drei Wiener Informatiker auf diesem "Neuland" werden honoriert: Sie zahlen zu den 30 Prozent Mitarbeitern, die die höheren Gehälter beziehen.

Nicht zu knapp wird Kritik an den DV-Organisatoren "traditioneller Art" laut. Sie hätten den technischen Wandel verschlafen. "Nach 20 Jahren Nichtstun schwimmen ihnen die Felle weg", skizziert Dr. Jürgen Ostermann von der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung in Köln die Situation in vielen Anwenderunternehmen und in der Software-Industrie. Nun versuchten sie, sich mit den Mikros aufzuwerten: "Sie entdecken ihre Liebe zum PC; gleichzeitig wollen sie ihn für sich reklamieren."

Aber auch Zweifel an Konzeption und Wirkung des BZ sind von anderer Seite nicht zu überhören. Wenn die Mitarbeiter nicht für die einzelnen Dienstleistungen direkt der Fachabteilung unterstellt würden, gäbe es Schwierigkeiten. Dann sei das Benutzer-Zentrum nur ein Feigenblatt.

Für die DV-Hersteller sei das Customer-Service häufig der eingefahrene Kanal, auf dem große Volumen abgesetzt werden könnten. Der Anwendungsstau galt bisher als Alibi für den Einsatz des Mikros. Als Nachteil zähle deshalb weiter der mögliche Engpaß im BZ, der den Vorteil einer schnellen und individuellen Lösung für die Fachabteilung wieder zunichte mache; Anstelle des Customer-Service, das alle Abteilungen des Unternehmens bedient, wäre der abteilungsspezifische Fachmann bereitzustellen.

Gedanken über notwendige Qualifikationen sowie Kenntnisse eines solchen Mikro-Verwalters macht sich derzeit das RKW in Eschborn.

Der Qualifikationsstand des neuen Mitarbeiters soll dazu beitragen, den Wildwuchs einzudämmen, der im allgemeinen besteht, wenn in den Fachabteilungen Mikros eingesetzt werden, "die über die Portokasse gekauft wurden". Den Organisator zeichnet besonders eine selbständige Handlungsweise gegenüber dem Rechenzentrum aus. Zu den notwendigen Kenntnissen zählt deshalb der Bereich File-Transfer, die Anbindung an den Host im Up-load- oder Down-load-Verfahren, ohne auf die Unterstützung des Rechenzentrums angewiesen zu sein. Von der FA aus muß es diesem Organisator mit Hilfe des Mikros und geeigneter Query-Sprachen möglich sein, Daten zu selektieren und zu sortieren.

Das organisatorische Umfeld bildet einen weiteren Schwerpunkt für den Mikro-Organisator. Datensicherung ebenso wie der Zugriffschutz, aber auch Datenorganisation oder die physikalische Ablage von Disketten und Unterlagen fallen ebenfalls in seinen Aufgabenbereich. Als Voraussetzung für diesen "Mikro-Manager" gelten Kenntnisse in den gängigen Standardpaketen mit Gewicht auf Tabellenkalkulation, Datenbankanwendungen, Textverarbeitung Kommunikation sowie die gängigen Betriebssysteme MS-DOS und Unix.

Dieser Mitarbeiter kommt nach Vorstellungen des RKW nicht aus dem Bereich Rechenzentrum. Es könnten beispielsweise arbeitslose Akademiker oder Kaufleute für diese Aufgabe ausgebildet werden.

Innerhalb der Unternehmensstruktur ergibt sich, so die Eschborner Überlegungen, eine problematische Struktur mit Blick auf Kompetenzen.

Der Mikro-Organisator sollte der Fachabteilung zugehören und deren Interessen dem RZ gegenüber wahrnehmen. Zugleich sollte er eine Koordinierungsfunktion im Hinblick auf die Gesamtkonzeption des Unternehmens übernehmen können. Verantwortlich ist er dem Abteilungsleiter seiner FA, den Mitarbeitern gegenüber hat er Projektkompetenz, "um Ordnung zu halten". Auf die Funktion des Mikro-Managers sei wenigstens der, so ein RKW-Berater, "schön schwammige" Begriff der "Mitentscheidung" bei Fragen über die einzusetzende Hard- und Software - zusammen mit einem Vorschlagsrecht sowie einer Initiativpflicht angewandt werden.

Derzeit existieren, meint derselbe Berater, in jeder Fachabteilung deutscher Unternehmen mit Mikro und Anbindung an das Rechenzentrum Autodidakten - "Semi-Profis" -, die sich entsprechend herangebildet hätten und sich "ein bißchen" verantwortlich fühlten. Vielleicht findet sich auch hier ein Potential, durch das ein Gesamtkonzept verteilter intelligenter Arbeitsplätze nicht bei Null anfangen muß.