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Mikrocomputer-Euphorie

28.05.1976

Dipl.-Kfm. Eberhard Färber, Geschäftsführer der PCS - Periphere Computer System GmbH, München

Die Marktprognosen und Kommentare geben zur Euphorie Anlaß: "15 Millionen Mikros, der kleinste Computer wird der größte sein, heißes Produkt, 25 000 Anwendungsmöglichkeiten, jährliche Wachstumsrate über 50 %" usw....

Und tatsächlich: Der Mikro ist nicht nur die konsequente Weiterentwicklung des Transistors und des IC's, sondern er bedeutet einen technologischen Sprung, er kann schon jetzt als "Basisinnovation" identifiziert werden. Wenn das Marktforschungsunternehmen Frost & Sullivan gar meint, der Mikro werde einen ähnlichen Einfluß auf unser Alltagsleben haben wie der Elektromotor, so läßt sich diese mehr marktbezogene Aussage auch systembezogen interpretieren: Der Elektromotor löste die Transmissionsriemen ab und ermöglichte preiswerte, dezentrale Bewegungsenergie, der Mikro ermöglicht preiswerte, anwendungsspezifische dezentrale Computerleistung am Ort des Bedarfs.

Damit sind wir mitten in der aktuellen Diskussion über dezentralisierte Datenverarbeitung, und sicherlich wird der Mikro entscheidend zur Realisierung dieser Konzepte beitragen. Man darf jedoch nicht übersehen, das Mikros in Terminals, in Vermittlungssystemen, in der Nah- und Fernperipherie nur einen Teil des Marktes darstellen; der größere -Markt wird bald bei den nicht-DV-bezogenen Anwendungen liegen.

"Der Mikro ist ein elektronischer Baustein wie alle anderen Bausteine - nur etwas höher integriert". Wer diese Meinung vertritt, hat entweder noch nie ein Mikrocomputersystem entwickelt (das trifft für 99,9% aller Ingenieure und Programmierer zu) oder ist ein etwas überheblicher Hard-/Software-Profi (davon gibt es weniger als 0,1 %). Dazwischen liegen Welten des Mißverständnisses! Und mangels geeignete Ausbildungsmöglichkeiten werden noch vereinige Zeit grandiose Mißverständnisse die Mikroeuphorie dämpfen.

Denn der Mikro bedeutet i einen technologischen Sprung hauptsächlich auf der Systemebene. Ein Mikrocomputer ist einerseits eine "EDV-Anlage" und damit dem Elektronikingenieur ohne Softwarekenntnisse nicht zugänglich, er ist andererseits so "hardwareverbunden", daß selbst routinierte Assembler-System-Programmierer nur nach langer Einarbeitung ein Mikrocomputersystem zum Laufen bekommen. Doch was heißt das ein Programm auf einem sogenannten Evaluations-System (das selbst beim billigsten Mikroprozessor von unter 100 Mark an die 20 000 Mark kostet) zum Laufen zu bekommen? Es bedeutet, daß der Programmierer gelernt hat, mit dem System zu "fahren", so wie man Autofähren lernt. Es heißt noch lange nicht, daß er nun Autos in Serie produzieren könne. Dazu bedarf es einiges mehr; gottlob nicht ganz soviel wie beim Auto, aber es bedarf einer gemeinsamen Optimierung der Hardware und der Software unter Berücksichtigung einer Vielzahl von Kriterien wie etwa Bausteinauswahl, voraussichtliche Preisentwicklung insbesondere bei Speichermedien aller Art, Second-Sourcing, Systemflexibilität und -erweiterung, Kompatibilität, Umgebungsbedingungen, Stromversorgung, Back-up-Philosophie, Benutzerzugänglichkeit, Diagnostics, Service, Stückkosten versus Entwicklungskosten und vieles andere mehr - das Ganze eingebettet in eine Marketingstrategie, die auf Stückzahlen in kurzer Zeit ausgerichtet s ein muß.

Wer also Mikrocomputersysteme produzieren oder in Stückzahlen einsetzen will, sollte mehr Know-how zur Verfügung stellen, als man einen Elektroniker und/oder einen Programmierer daranzusetzen. Die mit Mikros zusammenhängenden Probleme werden grundsätzlich unterschätzt.

Also am besten den Einstieg in den Mikro bleiben lassen oder, aufschieben? Nein, gewiß, nicht. Wer. sich zu lange vor dem Elektromotor, dem Transistor oder dem IC gedrückt hatte, erlebte ein böses Erwachen.

Für eine eigene Microcomputer-Systementwicklung ist zunächst sehr viel in die Aneignung von. Know-how zu investieren; dazu reicht ein, sechsstelliger Betrag oftmals nicht aus, Wer diese Investition und deren Risiko scheut oder wem die Zeit für eine auf Mikros basierende Produktinnovation drängt, der sollte Fachleute hinzuziehen, die Mikrosysteme bereits nachweislich realisiert haben. Dabei muß man sich im klaren darüber sein, daß für ein Mikrocomputersystem Anwendungserfahrung, Marktübersicht, Hardwareentwicklung und Produktionserfahrung ebenso Softwareentwicklung.

Inzwischen sollte klar geworden sein, daß für den Enduser weder der, Mikroprozessor noch ,das "Kit" brauchbar ist, selbst wenn es noch so verführerisch als Computer angepriesen wird. Für den Enduser ist die fertige, anwendungsbezogene Lösung, das smarte Terminal, das mikrogesteuerte Gerät, das komplette System interessant.

Zur Euphorie ist zunächst nur in ausgewählten Anwendungsbereichen Anlaß. Aber die Bereichen verbreitern sich rasch und auch der Enduser sollte sich bei seinen Konzepten intensiv mit Mikrolösungen befassen. Dabei ist es endgültig unumgänglich, sich mit Mixed Hardware anzufreunden, denn auf der Datenerfassungs- und Vorverarbeitungs-Ebene kann ein Hersteller (habe er drei oder sieben Buchstaben in seinem Emblem zur Verfügung) gewiß nicht mehr alles bieten,

Wohin soll sich der Enduser wenden, wen er das Gefühl hat, sein Problem sei mit Mikros lösbar? Es bieten sich an: ein gutes Dutzend Halbleiterhersteller, noch mehr Vertriebsfirmen und Distributoren von US-Produkten, einige Minicomputerfirmen mit Strip-down-Minis oder Mikro-Versionen, Terminalhersteller, Softwareunternehmen, Ingenieurbüros und Systemhäuser. Es gibt Kriterien, -in welchem. Anwendungsfall welche Gruppe der richtigere Ansprechspartner ist. Fest steht jedoch, daß die relativ einfach feststellbaren Leistungsdaten der jeweils angebotenen CPU, wie Zykluszeit, Speicherausbau, Zahl und Art der Register, verfügbare Sprachen etc. von, ziemlich untergeordneter Bedeutung -sind gegenüber. der Fähigkeit zur kompletten Problemlösung, gegenüber dem "Drumherum" um die immer unwesentlicher werdende Zentraleinheit. Dies erfordert ein Umdenken der Anwender, das Erarbeiten von problembezogenen Kriterien und die Bereitschaft zum Probieren.

Euphorie über die Möglichkeiten des Mikros ist angebracht. Keine Euphorie jedoch über das, "Rechenzentrum für jedermann" - dies ist eine Verführung der Werbetexter!