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24.02.1978

Mikrofon oder Computer?

Was ist der Unterschied zwischen einem Mikrofilm-Lesegerät und einem Auto? Diese Frage ist nicht als Auftakt zu einem Witz gemeint, vielmehr zielt sie darauf ab, einige Sachverhalte durch einen extremen Vergleich zu veranschaulichen. Beides sind Gebrauchsgegenstände, denen man eine weite Verbreitung zuspricht. Doch während der eine sich mehr oder weniger von selbst verkauft, wird über den anderen viel und - wie man meinen möchte - überwiegend positiv und sachlich überzeugend geredet und geschrieben, aber die Verbreitung schreitet langsamer voran als erwartet. Untersucht man die Gründe hierfür, so kommt man zu interessanten Aspekten sowohl bezüglich der Geräte als auch bezüglich ihrer Benutzer.

Aktuell und verbreitet ist die Diskussion um die Bedienung der Geräte, um Ermüdungserscheinungen und körperliche Schäden als Folge der Benutzung von Sichtgeräten, kurz um die Humanisierung des Arbeitsplatzes. Diese Diskussion ist gut und notwendig, und sie wird in zunehmendem Maße mit Sachverstand und wissenschaftlichen Ergebnissen angereichert. Waren aber fehlende Erkenntnisse auf diesem Gebiet ausschlaggebend für die relativ geringe Verbreitung der Mikrofilm-Geräte? Man darf dies bezweifeln, denn das Fehlen derartiger Erkenntnisse und die daraus resultierenden Schwächen von Geräten waren noch nie ernsthafte Hindernisse für die Einführung von Maschinen, wenn man sie wirklich haben wollte. Man erinnere sich nur an die vielen Mängel aus heutiger Sicht, mit denen die Pkw damals behaftet waren, als sie zuerst in USA und dann nach dem 2. Weltkrieg bei uns in ihrem ersten Boom verkauft wurden. Die Sitze waren schlecht für den Rücken; Heizung, Sicht, Lenkung und Straßenlage entsprachen nicht den heutigen Anforderungen, gar nicht erst zu reden von den Bedienungselementen, der "Benutzerfreundlichkeit", die man erst in diesem Jahrzehnt zu vervollkommnen begann. Trotz allem brauchte man Autos, und man wollte sie haben. Sie erfüllten ihre Aufgabe "Fortbewegung", und das war wichtiger als das Wie.

Auch Mikrofilm-Lesegeräte und alle hinter ihnen stehenden Techniken der Verfilmung und Reprographie erfüllen ihre Aufgaben. Und diese Aufgaben sind an Umfang und Bedeutung nicht gering. Mikroformen werden in Auskunftssystemen, für Kataloge, Bestandsdateien, Dokumentationen und Bibliotheken, Instandhaltungs-und Service-handbücher, für Schriftgut-und Zeichnungs-Archive, sowohl für betriebsinterne Informationssysteme als auch für (Mikro -) Publikationen verwendet, um nur einige Anwendungsbereiche zu nennen.

Derartige Informationen werden in der einen oder anderen Art fast überall gebraucht, und sie können in sehr vielen Fällen mit Mikroformen äußerst kostengünstig und leistungsfähig bereitgestellt werden. An fehlenden Aufgaben und zweckmäßigen Einsatzmöglichkeiten kann es also nicht liegen, wenn heute die Verbreitung der Mikroformen die Erwartungen nicht erfüllt.

Ein weiterer wichtiger Punkt läßt sich gerade im Vergleich zum Auto erkennen: das Auto bietet seinem Besitzer Möglichkeiten der Fortbewegung die sehr erstrebenswert erscheinen; es verschafft ihm nicht nur Vorteile gegenüber einem Nicht-Besitzer, sondern auch Prestige. Und last not least hat es Affektions-Wert gefunden. Auf dieser Ebene schneiden die Mikroformen im Vergleich schlecht ab. Zwar wird überall beteuert, wie wichtig Informationen sind, doch hat man sich allseits daran gewöhnt, mit Informationslücken und -Engpässen zu leben, und man erträgt das ganz gut, weil es der Konkurrenz ja auch nicht besser geht. Und wenn man mit Mikroformen einen Vorsprung erzielen kann und dadurch schnellere und relevantere Informationen besitzt, dann gelingt es noch selten, Kapital, Macht und Prestige daraus zu schlagen; vielmehr wird der Erfolg meistens als Rationalisierung verbucht. Das ist nüchtern und motiviert nur diejenigen, die dafür bezahlt werden, und diese sind meistens nicht diejenigen, die mit den Informationen umgehen und sie gebrauchen. Sicherlich mögen auch sie, die Benutzer, es vielfach begrüßen, wenn die eine oder andere lästige Informationssuche kürzer dauert, ihnen schnellere und zusätzliche Informationen zur Verfügung stehen und wenn ihr Budget etwas entlastet wird, aber dafür müssen sie mit neuen Geräten umzugehen Iernen, denen kein besonderer Appeal zukommt und durch die man kein Prestige gewinnen kann. Ja, obendrein handelt man sich noch eventuellen Ärger mit den zu motivierenden Mitarbeitern, dem Betriebsrat und den Gewerkschaften ein. Kein Wunder also, wenn Mikroformen keinen Enthusiasmus auf breiter Basis auslösen.

Nun setzen aber immer Vorreiter diejenigen Vorbilder und Standards denen sich die Mehrzahl nachzueifern bemüht. Leider befinden sich von den Pionieren der Mikroformen nur wenige in unserem Land, und dementsprechend ist es auch mit dem Anwendungsniveau der übrigen Anwender bestellt. So haben beispielsweise deutsche Verleger-mit den obligaten Ausnahmen, die die Regel bestätigen-die Mikroformen noch kaum zur Kenntnis genommen. Im Bereich der Bibliotheken und des Informations-und Dokumentationswesens hält man sich im allgemeinen Erörterungen zu diesem Thema auf.

Und in den meisten Betrieben ist man froh, wenn man das Büroschriftgut und die Einzelteile verfilmt hat. Es hat den Anschein als ob-zusätzlich zu den bereits genannten Argumenten-eine Art innovations-Vorsicht bestünde.

Sicherlich wollen umfangreiche organisatorische Veränderungen reiflich überlegt sein. Darüber hinaus scheinen jedoch drei wichtige Aspekte von Bedeutung:

Zum einen schreitet die technologische Entwicklung so schnell voran, daß die heute geplanten Systeme in zwei oder drei Jahren, wenn ihre organisatorische Einführung abgeschlossen sein wird, möglicherweise schon wieder veraltet sind (Büro-Systeme werden aber relativ lange abgeschrieben, müssen also entsprechend lange ihren Dienst tun). Ganz konkret: in wenigen Jahren werden billigere und größere elektronische Speicher (Bildplatten, holographische Speicher, MB-Kassetten in verbindung mit Bubbles etc.) den Mikrofilmen partiell zur Konkurenz. Dann wird sich noch weniger als heute die Frage um die Alternative "Mikroform oder Computer", sondern vielmehr um ein zweckmäßiges Miteinander stellen.

Zum zweiten: Gerade um die Koordination von Mikroformen und elektronischen Medien geht, so sind die Hersteller der ADV-Anlagen eher zurückhaltend, sowohl was Konzeptionen als auch den Gerätemarkt angeht. Das mag manchen EDV-Anwender vorschtig stimmen.

Zum dritten trifft man immer wieder auf erhebliche Informationslücken bezüglich der Möglichkeiten und Anwendungsfälle von Mikroformen. Diese Tatsache ist recht erstaunlich angesichts der vielen Möglichkeiten, sich darüber zu informieren. Sollte gar die Informationsflut, viele gerade mit Hilfe von Mikroformen kanalisiert und eindämmen wollen, so hoch gestiegen sein, daß wichtige Neuerungen in ihr untergehen?