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Mißstände in den USA machen hiesige Datenverarbeiter betroffen:Anwender sollten DV-Investitionen überdenken

18.07.1986

MÜNCHEN (ih) - Für Aufregung sorgt eine Hibsbotschaft aus den USA: In den vergangenen zwanzig Jahren konnte trotz Computer-Einsatz in den meisten Unternehmen keine Produktivitätssteigerung erreicht werden. Schadenfreude kommt bei den bundesdeutschen Anwendern jedoch nicht auf. Schließlich trifft dieses Armutszeugnis genauso auf hiesige DV-Verhältnisse zu. Jetzt wollen viele Unternehmen vor weiteren Investitionen erst einmal eine Denkpause einlegen.

Jahrelang investierte die US-Industrie Milliarden Dollar in Computer, ohne daß es zu einer Produktivitätssteigerung kam. Dies ist das Fazit einer Untersuchung, die vom Investment-Bankhaus Morgan Stanley durchgeführt und in dem US-Wirtschaftsmagazin "Fortune" veröffentlicht wurde (siehe CW Nr. 25 vom 20. Juni 1986, Seite 1: "Trotz Computer nicht produktiver als 1966"). Eine der Hauptursachen der US-Misere ist dabei die Unfähigkeit des Managements, die Arbeitsabläufe vor dem Rechnereinsatz entsprechend zu ändern. Zu schnell automatisiert, beginnt erst danach der oft jahrelang andauernde Lernprozeß.

Als weiteres Hindernis für produktives Arbeiten wird den amerikanischen Managern in dem Artikel "X-inefficiency" vorgeworfen. Sie seien nicht in der Lage, die DV-Organisation methodisch durchgängig zu machen. Folge: Durch schlechte Organisation könne das Rationalisierungspotential der DV nicht genügend ausgeschöpft werden. Unter Beschuß geraten in dem Fortune-Bericht aber nicht nur die DV-Bosse, sondern auch das "Fuß-Volk": Viele White-collar-Worker arbeiten entweder nicht diszipliniert oder nicht rationell genug.

Selbst die Einführung der Personalcomputer in den Jahren 1983 und 1984 führte nicht zu der erwarteten Produktivitätssteigerung. In vielen Unternehmen erfolgte die Anschaffung der Mikros recht überstürzt, wobei das Motto "It's nice to have them" eine große Rolle spielte. Deshalb stehen heute vielerorts die Arbeitsplatzrechner kaum oder überhaupt nicht genutzt in der Ecke. Dieser Mißstand wiederum führte im vergangenen Jahr zu einem gewaltigen Einbruch im amerikanischen PC-Geschäft.

Herstellerpolitik kommt zu Fall

Fast ausnahmslos treffen die massiven Kritikpunkte aus dem Mutterland der DV auch auf die hiesige DV-Szene zu. So sind in der Bundesrepublik bereits erste Anzeichen sinkender Investitionsbereitschaft erkennbar. Bestätigt Heinz Streicher, Leiter Kommunikation der Scientific Control Systems GmbH (SCS): "Die heile DV-Welt der Hochglanzbroschüren bricht zunehmend in sich zusammen". Den Schwarzen Peter für die abwartende Haltung schieben die bundesdeutschen DV-Manager den Herstellern zu. Die User fühlen sich von der rasanten Produktentwicklung und den vorgefertigten Problemlösungen überfordert. Streicher: "Wenn die Hersteller einmal ehrlich wären, müßten sie zugeben, daß auch sie die veränderte Stimmung bei den Kunden spüren. Verkäufe gehen nicht mehr so reibungslos über die Bühne wie früher.

Zwar ist der Hamburger DV-Experte überzeugt, daß sich die Bürokommunikation durchsetzen wird, aber nicht - wie die Anbieter propagieren - in fünf, sondern vielleicht in fünfzehn Jahren. Die meisten Büros sind laut Streicher allein von der Architektur her noch lange nicht für die Einführung der neuen Techniken geeignet.

Schwarze Schafe unter den Beratern

Auf der Suche nach Schuldigen bekommen aber auch die Berater ihr Fett weg. Die Seifenblase der Produktivitätssteigerung ist geplatzt, die Kompetenz der "Externen" demzufolge von vielen DV-Profis in Frage gestellt. So gibt denn auch Günther Fischer, Unternehmensberater in Laudenbach, zu, daß in seiner Zunft einige schwarze Schafe zu finden sind: "Diese Kollegen denken nur an ihren eigenen Profit. Der Kunde ist ihnen egal." Zahlreiche Anwender haben inzwischen daraus Konsequenzen gezogen. Die Kunden, so betont Fischer, sind gegenüber früher mißtrauischer geworden.

An der Misere sind aber auch die DV-Manager selbst nicht ganz unschuldig. So wirft Ernö Potzta vom Bertelsmann Computer Beratungsdienst (BCB) seinen Kollegen vor, immer wieder den Grundsatz zu mißachten, erst die Organisationsstruktur zu vereinfachen und dann auf DV umzustellen. Deshalb würden Tätigkeiten computerisiert, bei denen dies schon vom Arbeitsablauf her unrentabel sei. Ergebnis: Die Nutzung der Mikros liegt häufig gerade bei zehn bis fünfzehn Prozent. Leicht resigniert meint der Hamburger Computer-Spezialist: "Es müßte doch jedem klar sein, daß Rechnereinsatz nur bei entsprechender Schulung, Vorbereitung und richtiger Nutzung wirtschaftlich ist.

Ohne die Ergebnisse der US-Studie anzweifeln zu wollen, fragen sich indes die bundesdeutschen DV-Experten, inwieweit die Produktivitätssteigerung aufgrund von DV-Einsatz überhaupt meßbar ist. So gibt denn auch Fritz Reinhard Müller, Mitglied der Geschäftsleitung bei Diebold, zu bedenken: "Das Unternehmen verbessert zunächst allenfalls die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der Konkurrenz. Dadurch wird aber nicht automatisch der Umsatz erhöht". Entscheidend ist seiner Meinung nach die Verbesserung der Informationsqualität.

Artur Heidt, Leiter des Geschäftsbereiches Informations- und Kommunikationssysteme der Beratungsfirma Arthur D. Little Inc., sieht bei der Beurteilung des Erfolgs noch ein anderes Problem: "Hält ein Unternehmen seinen Marktanteil, wer kann dann sagen, ob dieser nicht möglicherweise bei Nicht-Einsatz von Personalcomputern gesunken wäre?"

Einig sind sich Anwender, DV-Spezialisten und Berater indes, daß man sich nicht mehr von den Verkaufsversprechungen der Hersteller und von der rasanten Produktentwicklung überrumpeln lassen darf. So fordert Diebold-Berater Müller die DV-Manager auf, erst einmal eine Denkpause einzulegen: "Zunächst sollte das eigene Haus in Ordnung gebracht werden, bevor man sich auf etwas Neues einläßt." Fragt sich nur, so ein DV-Profi, ob die Hersteller von diesem Vorschlag so begeistert sind.