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18.09.1992 - 

"Wenn der Entwickler keinen SpieIraum hat, Kündigt er"

Mit Ahmet Cakir vom Ergonomischen Institut für Arbeits- und Sozialforschung sprach CW-Redakteurin Hiltrud Puf.

CW: Unter Ergonomie assoziieren die meisten nur strahlungsarme Bildschirme und bequeme Möbel. In welchem Bereich sehen Sie den Handlungsbedarf?

Cakir: Vor allem im Software-bereich gibt es große Defizite. Die alten Programme haben zwar keine inhaltlichen oder syntaktischen Fehler, aber sie sind sehr schlecht an den Menschen angepaßt. Darunter leiden alle, inzwischen auch die Entwickler. Sie beklagen: Ich weiß, was gut ist, aber der Kunde will das nicht.

CW: Woran liegt das?

Cakir: Der Kunde hat gewachsene Anwendungen, die er natürlich nicht einfach von heute auf morgen rauswerfen will. Außerdem fehlen den Unternehmen Entwicklungskapazitäten. Sie haben praktisch einen Anwendungsstau.

CW: Ändert sich hier nicht einiges durch Tendenzen wie Downsizing?

Cakir: Downsizing ändert nichts daran, wenn nicht auch die Philosophie der Datenaufbereitung geändert wird. Dann ist nur der Kasten kleiner.

CW: Aber zumindest die Benutzeroberfläche ändert sich. Woran fehlt es denn bei der SW-Ergonomie?

Cakir: Es hapert sehr viel an der Technik. Außerdem braucht man echte Dialoganwendungen.

CW: Aber es gibt doch dialogorientierte Systeme, hier kann das Problem doch nicht liegen.

Cakir: Zwischen Technik haben und Technik nutzen, liegen Welten. Grafische Oberflächen gibt es schon seit langem, trotzdem überwiegen in der Großrechnerwelt die alphanumerischen 3270-Terminals. Aber in einigen Jahren wird es auch grafische Oberflächen im Großrechnerbereich geben. Wenn die Daten feldweise übertragen werden können, ist man frei in der Oberflächengestaltung. Sobald das erreicht ist, dürften wir den endgültigen Durchbruch der grafischen Oberflächen erleben.

CW: Im PC-Bereich ist dies ja mit Windows schon geschehen.

Cakir: Windows hat zwar eine einheitliche Oberfläche, aber was sich dahinter abspielt ist nicht einheitlich. Den Systemen mangelt es an Konsistenz. Die Umstellung auf die verschiedenen Applikationen ist deshalb teilweise sehr umständlich und man macht mehr Fehler. Fehler macht aber jeder Anwender, und Trial and Error ist die effizienteste Lernweise. Wir brauchen deshalb eine fehlerverzeihende Software.

CW: Was halten Sie denn von Apples rigider Softwarepolitik?

Cakir: Apple hat damit eine Programmkonsistenz erreicht. Aber für DOS gibt es keine Möglichkeit, Zwang auszuüben, konsistente Programme zu entwikkeln. Jetzt versucht die IBM über CUA (Common User Access, d.Red.) die Software zu vereinheitlichen. Aber die Richtlinien weisen einen erheblichen

Spielraum auf.

CW: Rigide Richtlinien sind für die Standardisierung von Programmen sicher notwendig. Aber schränkt es nicht die Entwickler zu sehr ein?

Cakir: Wenn der Entwickler keinen Spielraum hat, dann kündigt er. Ohne genügend Entscheidungsfreiraum kann ich keine intelligente Leistung erwarten. Dabei muß ich zwischen Bereichen mit festen Regeln und Freiraum ganz klar trennen. Eine vordefinierte Stelle sollte er nicht selbst programmieren müssen, weil dies zu Frustrationen führt. Wenn also F3 immer mit der Hilfefunktion belegt ist, dann gibt es dafür ein Modul, das nur eingesetzt wird. Die Entwickler sind, was ihre Entscheidungsfreiheit anbelangt, sehr empfindlich. Deshalb lehnen erstaunlich viele Entwicklungswerkzeuge ab, da sie meinen, das Tool gebe ihnen Entscheidungen vor, die sie nicht akzeptieren.

CW: Welcher Teil des Programmierens soll rigide gehandhabt werden?

Cakir: Funktionen, die in jedem Programm gleich ablaufen. Also das Öffnen einer Anwendung, das Schließung das Verlassen eines Fensters. Das sind relativ wenige Funktionen, deren Standardisierung auch der Entwickler einsieht.

CW: Wie wirkt sich in diesem Zusammenhang die EG-Richtlinie aus?

Cakir: Seit 1990 gibt es die Richtlinie für Bildschirmarbeit. Die Berufsgenossenschaften

und das Arbeitsministerium müssen bis zum Jahresende die Bildschirm-Richtlinie umsetzen. Das heißt, wir werden gesetzliche Vorschriften haben die der EG-Richtlinie ähneln. Was nicht darin steht, ist, wie sich dies im Betrieb umsetzen läßt. Da steht beispielsweise, Software muß benutzerfreundlich sein.

CW: Das sind aber sehr schwammige Begriffe. Fehlt da nicht eine Art Rezeptbuch, das praktische Hinweise für die Einhaltung von ergonomischen Grundsätzen gibt?

Cakir: Es hat seine Gründe, warum es so etwas nicht gibt. Sonst würde die Kreativität verlorengehen. Außerdem muß genügend Freiraum existieren, um die Software an die verschiedenen Anforderungen anzupassen.

CW: Aber wie läßt sich das Wort Benutzerfreundlichkeit operationalisieren?

Cakir: In der DIN-Norm werden verschiedene Prinzipien genannt: Selbsterklärungsfähigkeit, Selbstbeschreibungsfähigkeit, Steuerbarkeit etc.

CW: Ob es nun das Apple-System ist, Motif oder Presentation Manager. Die Oberflächen ähneln sich doch sehr. In den USA streben die Hersteller regelmäßig Gerichtsverfahren an, um das Urheberrecht klären zu lassen. Hier kollidieren doch die Herstellerinteressen mit den Standardisierungsbestrebungen.

Cakir: Das Copyright der Hersteller muß man als weniger wichtig bewerten als die Interessen der Anwender, aber davon. wird der Unterlegene auch profitieren. Denn ich kann mit mehr Standards an der Oberfläche viel mehr Benutzer gewinnen und noch mehr Software verkaufen. Durch die Standardisierung beispielsweise der Apple-Oberfläche bin ich in der Lage, mindestens hundert Programme zu bedienen. Ich habe mindestens zehn Textverarbeitungen auf dem Macintosh im Einsatz. Ich würde mir nicht mehr als zwei Programme kaufen, wenn sie schwer zu bedienen wären. Deshalb sollten die Hersteller auf den Streit verzichten. Die Anbieter sollten ihre kurzfristig angelegten kommerziellen Interessen zurückstellen und sich wirklich für Standards einsetzen.

CW: Halten Sie das für realistisch?

Cakir: Nein, ich halte es für relativ unwahrscheinlich, daß das klappt. Um eine Standardisierung zu erreichen, muß sich ein Hersteller brutal durchsetzen.