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24.01.1992

Mit BS2000 ins Jahr 2000?

Von Frank-Michael Fischer, Marketing Manager High-end-Systeme und Cluster bei der Digital Equipment GmbH, München

Die Grundsatzdiskussion um die offenen Rechnerplattformen der Zukunft verläuft prinzipiell anders, wenn Anbieter mitreden dürfen. IBM macht dann von vornherein klar, daß man an moderne Softwareentwicklung ohne AD/Cycle - also MVS für das Repository - gar nicht erst zu denken braucht. Wer bei DEC eine vom Hersteller selbst entwickelte und gepflegte Datenbank kaufen möchte, braucht selbstverständlich VMS. Und werden brauchbare Anwendungen für die PC-Plattform gesucht, gibt es ohne DOS von Microsoft oder System 7 von Apple keinen Erfolg.

In diesem Reigen bietet SNI mit seinem Goldesel BS2000 das Bild vornehmer Zurückhaltung. Druck zugunsten von BS2000 üben hier die Anwendungshäuser wie SAP aus. SNI erbte zwar eigene Datenbanken aus der Nixdorf-Targon-Ära, läßt sie aber in der Schublade und macht den Löwenanteil des Geschäfts im Unix-Sektor mit Hilfe von Partnerprodukten.

In der Vergangenheit gab es einen Versuch, BS2000 den Nischengeruch zu nehmen, indem DECs VMS-Erfolg durch die Entwicklung einer durchgängigen Systemfamilie vom PC bis zum Großrechner nachempfunden werden sollte. Da Siemens aber gleichzeitig den Kunden auch die Sinix-Alternative schmackhaft machen wollte und das BS3000-Abenteuer bei den Größtsystemen zu einer Aufsplitterung der Marketing-Kräfte führte, blieb diesem Versuch, BS2000 zu einem strategischen Produkt zu machen, der Erfolg verwehrt. Daß damals die PCs für ein derart umfangreiches Betriebssystem wie BS2000 einfach noch nicht genügend Leistung boten, konnte den Niedergang dieses Konzeptes nur noch beschleunigen.

Blättert man noch weiter zurück in den Annalen von BS2000, so muß vermeldet werden, daß die erste Version und damit die Basisarchitektur aus den frühen 60er Jahren, nämlich aus dem RCA-Ausverkauf stammt. Der Schluß, daß BS2000 ähnlich museal strukturiert ist wie MVS, wäre trotzdem unsinnig, denn er läßt außer acht, daß MVS die interaktiven Fähigkeiten nachträglich übergestülpt bekam, wohingegen BS2000 von Anfang an für Timesharing-Anwendungen entwickelt wurde. Dies wird beim Vergleich des Software-Overheads beider Betriebssysteme deutlich. Dennoch stellt sich die berechtigte Frage, wie lange BS2000 das Technologierennen bei der Hardware noch mitmachen kann.

Für diese Problemstellung gibt es nun ausnahmsweise einmal ein Patentrezept, das jeder Systemanbieter, ob SNI oder IBM, DEC oder HP, anwenden kann. Oder sollte man lieber sagen: könnte? Man braucht nur die Systemschnittstellen klar zu strukturieren, den Durchgriff auf den Betriebssystem-Kern durch ein reichhaltiges Funktionsangebot uninteressant zu machen und Allgemeingut wie SVID und später Posix etc. zusätzlich zu implementieren. Und schon kann aus der Not eine Tugend programmiert werden, denn unterhalb einer so klar definierten Schnittstelle ist der eigentliche Betriebssystem-Kern austauschbar geworden.

Mehr noch: Man hätte die Vorteile einer (theoretisch) durchgängigen Unix-Welt ohne die Nachteile, wie Verfügbarkeitsprobleme, Realtime- und Netzwerkverhalten. Denn kaum ein professioneller Anwender will wirklich Unix, aber jeder will die Standardisierung der Betriebssystem-Behandlung.

Wenn es so einfach ist, warum steckt dann SNI Millionen in die Sinix-, DEC in die Ultrix-, IBM in die AIX- und Hewlett-Packard in die HP-UX-Entwicklung. Einfach deshalb, weil der Geschäftserfolg der proprietären Systeme das Risiko ihrer Öffnung übergroß erscheinen läßt - das erzeugte ja erst recht verfrühte Migrationsgelüste. Auch überschätzen Anbieter gern die Produkte und ihre Merkmale, statt auf die Qualität der Kundenbetreuungsmannschaft zu setzen.

Damit ist der weitere Weg von BS2000 vorgezeichnet: Kontrolliertes Absterben bei gleichzeitiger Wanderschaft der Kunden zu standardisiert nutzbaren Systemen. Wahrscheinlich wird SNI, wie vorher schon andere Anbieter, Versuche unternehmen, BS2000 etwas offener zu gestalten. Aber dann dürfte es für den zweiten Frühling vermutlich zu spät sein.

Auch nach Gorbatschow gilt, daß für den Erfolg der richtige Zeitpunkt entschlossenen Handelns ausschlaggebend ist.