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26.06.1987

Mit Datenbanken die Zukunft anzapfen - und sichern

Prof. Dr. Dieter Rehm Institut für Organische Chemie Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Frankfurt

Information gehört ebenso wie fachgerecht ausgebildete Wissenschaftler und Ingenieure Kapital, Energie und Rohstoffe zu den infrastrukturellen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Grundlagenforschung, die die Weiterentwicklung und vor allem Neuentwicklung von Produkten für den Weltmarkt von morgen sichert. In Datenbanken zu recherchieren bedeutet, zur Sicherung unserer Zukunft auch die durch den technologischen Fortschritt möglich gewordene erweiterte Methodologie im Bereich von Information und Dokumentation sachgerecht zu nutzen. Es ist an der Zeit, die Schwerfälligkeit, mit der viele Bereiche unserer Wirtschaft und vor allem unsere Hochschulen, die für die Ausbildung des naturwissenschaftlich-technischen Nachwuchses verantwortlich zeichnen, endgültig zu überwinden.

Fachinformation im naturwissenschaftlich-technischen Bereich ist eine Aufgabe für den Fachmann. Die Wirtschaft kann erwarten, daß junge Wissenschaftler und Ingenieure, wenn sie die Hochschule verlassen und in ein Unternehmen eintreten um die für ihren jeweiligen Bereich zur Verfügung stehenden Methoden der Informationsbeschaffung wissen. Die Ausbildung für den Einsatz von Datenbanken gehört zu den originären Aufgaben der Hochschulen; darauf hat schon der Bundesgerichtshof in einem Gutachten zu einem früheren Fachinformationsprogramm der Bundesregierung verwiesen. Bis heute hat sich das leider nur in geringem Umfang in den Lehrangeboten der Hochschulen niedergeschlagen. Die praktische Nutzung von Recherchen in Datenbanken für Diplomarbeiten, Dissertationen und Forschungsarbeiten läßt noch zu wünschen übrig. Dabei ist der Anteil der Hochschulen an der Grundlagenforschung weitaus höher, als der Öffentlichkeit im allgemeinen bewußt ist. Förderung der sachgerechten Nutzung von Datenbanken an unseren Hochschulen ist daher auch ein Beitrag zur Sicherung unserer Zukunft!

Am - wie ich meine treffenden - Beispiel meines eigenen Fachgebietes - der Chemie - möchte ich aufzeigen, welcher Flut an Informationen der Chemiker von heute begegnen muß: Jede Minute erscheint mindestens eine neue Veröffentlichung; an jedem Tage werden mehr als 1000 chemische Verbindungen neu registriert. Der angehende Chemiker muß schon während seiner Ausbildung lernen, welche Methoden ihm die Chemie-Information heute zur Bewältigung der Informationsflut anbieten kann. Um in der Forschung seine Erfolgschancen, gemessen am internationalen Standard, zu erhöhen und um später den beruflichen Anforderungen besser gewachsen zu sein, sollte er für seine Aufgaben Datenbanken nutzen.

Etwa 90 Prozent aller der jemals bekannt gewordenen zirka neun Millionen chemischen Verbindungen sind heute so in Datenbanken gespeichert, daß dem Chemiker mittels der ihm eigenen "Sprache der chemischen Strukturformel", das heißt durch grafische Ein- und Ausgabe auf geeigneten Datenendgeräten, Möglichkeiten der Recherche zur Verfügung stehen, wie sie aus prinzipiellen Gründen mit konventionellen Mitteln nie zu realisieren gewesen wären.

Ich darf in diesem Zusammenhang auf die Arbeiten des Beilstein-Instituts für den Bereich der organischen Chemie und diejenigen des Gmelin-Instituts für den Bereich der anorganischen Chemie verweisen; die Datenbankprojekte beider, in Frankfurt ansässigen Institutionen werden entscheidend vom Bundesminister für Forschung und Technologie gefördert. Hinzukommen auch die Angebote des Fachinformationszentrums Chemie in Berlin und deren Vermarktung im Rahmen des internationalen Host-Verbundes STN International, der von Karlsruhe über den Chemical Abstract Service in USA bis Tokio reicht. Die Chemie ist aber auch ein gutes Beispiel dafür, wie durch nichtstaatliche Förderung die Akzeptanz von Datenbankrecherchen gefördert werden kann: die American Chemical Society, eine rein wissenschaftliche Gesellschaft, fördert durch ein besonderes akademisches Programm die Nutzung ihrer Chemical Abstracts und Zeitschriftenvolltext-Datenbanken an Universitäten weltweit. In Deutschland ist es gelegentlich das zuständige Land, das durch Rahmenvereinbarungen mit Datenbankanbietern Akzeptanzbarrieren zu beseitigen sucht.

Wenn ich nun verallgemeinernd fordere, daß im akademischen Bereich die Nutzung von Datenbanken zur Selbstverständlichkeit werden muß, so heißt das definitiv nicht, daß es eine Aufgabe der Hochschulen ist, gezielt Dokumentations- und Informationsspezialisten in den jeweiligen Disziplinen auszubilden. Ziel kann immer nur sein, junge Wissenschaftler in das Berufsleben zu entlassen, die um die verfügbaren Methoden der Informationsbeschaffung für ihre Disziplin wissen, weil sie im Rahmen ihrer Ausbildung auch Datenbanken nutzen konnten. Sie sollten vor allem dabei gelernt haben, welche Fragestellungen in welchen Datenbanken sinnvoll und mit welchem Maßstäben Recherche-Resultate kritisch zu beurteilen sind.

Eine Konsequenz daraus wird sein, daß Datenbankproduzenten gezwungen sein werden, die inhaltliche Qualität der von ihnen angebotenen Datenbanken zu optimieren, denn langfristig kann nur eine Datenbank mit qualitativ hochwertiger Information zur Sicherung unserer Zukunft entscheidend beitragen und hohe Kosten für die Informationsbeschaffung rechtfertigen. Es ist daher auch an der Zeit sowohl die Tätigkeit von Wissenschaftlern auf der Produzentenseite als auch auf der Abnehmerseite, also die Tätigkeit von Wissenschaftlern in Information und Dokumentation nicht länger als eine wissenschaftliche Tätigkeit minderen Ranges einzustufen.