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21.05.1993 - 

Fahrradwerk stellt innerhalb einer Woche auf Unix um

Mit der besseren Technologie sanken auch die Wartungskosten

Rund 900 Markenfahrraeder verlassen das Fahrradwerk Enik in Wenden taeglich. Dabei wird von den Montagebaendern direkt in den LKW produziert, ohne Zwischenlager. Dies erfordert eine praezise Produktionsplanung, die sich an den Kundenauftraegen beziehungsweise den sich daraus abgeleiteten LKW-Touren orientieren muss.

Hierzu setzte Enik seit etlichen Jahren einen Bull-Rechner vom Typ DPS6 ein; angeschlossen waren bislang neun Bildschirme und sechs Drucker.

Die Anwendungssoftware besteht aus einer gewachsenen Individualloesung fuer die Bereiche Finanzbuchhaltung, Auftragserfassung und Fakturierung, Lagerverwaltung, Einkauf, Stuecklistenorganisation und Produktionsplanung, die die Speck- Datenservice, Engelskirchen, erstellt hat und betreut.

Mitte 1992 entstand Handlungsbedarf, weil wegen der gestiegenen Anzahl von Anwendungen die Anlage so langsam geworden war, dass die Arbeit am Bildschirm spuerbar behindert wurde. Ausserdem war der Rechner nicht mehr weiter aufruestbar, so dass auch dringend benoetigte weitere Bildschirme nicht mehr angeschlossen werden konnten.

Aufruestung oder Umstellung auf Unix?

Nach eingehender Diskussion der bestehenden Moeglichkeiten standen als Alternativen zur Diskussion: ein Umstieg auf das groessere, ebenfalls proprietaere Bull-Modell DPS6000 oder die Umstellung auf Unix auf einer Bull DPX/2.

Die vorhandene Anwendungssoftware sollte moeglichst eins zu eins uebernommen werden. Weitere Hardware-Alternativen kamen wegen der Abhaengigkeit vom Quellcode nicht infrage, ausserdem war man mit Bull hinsichtlich Service und Zuverlaessigkeit durchaus zufrieden.

Die Kostengegenueberstellung ergab, dass der Unix-Rechner um rund 90 000 Mark billiger war als die DPS6000; dem stand jedoch ein Zusatzaufwand von rund 110 000 Mark fuer die Umstellung der Anwendungssoftware auf Unix sowie die erforderlichen Datenkonvertierungen gegenueber, so dass der Kostenvergleich zunaechst ungefaehr unentschieden ausging.

Fuer die DPS6000 sprach, dass die vorhandene Software ohne nennenswerten Aufwand uebernommen werden konnte. Als Nachteil wurde jedoch angesehen, dass auch diese Rechnerfamilie proprietaer war und moeglicherweise in absehbarer Zeit vom Markt verschwinden koennte, wodurch das Umstellungsproblem im Endeffekt nur vertagt worden waere.

Die Unix-Loesung hatte dagegen den unstrittigen Technologiesprung sowie eine zumindest geringere Abhaengigkeit vom Hardwarelieferanten hinsichtlich weiterer Peripheriekomponenten fuer sich. Als grosse Unsicherheit stand jedoch fuer die Beteiligten die Frage im Raum, ob die versprochene Umstellung einschliesslich der erforderlichen Datenkonvertierungen termingerecht zum Jahreswechsel 1992/93 abgeschlossen sein wuerde. Ausserdem konnte praktisch keinen einzigen Tag auf die Rechnerunterstuetzung verzichtet werden, so dass der Wechsel zwingend waehrend der Betriebsruhe zum Jahreswechsel bewaeltigt werden musste.

Das Euskirchener Softwarehaus konnte jedoch auf einschlaegige Erfahrungen verweisen und gab auch weitreichende Garantien ab.

Mitentscheidend fuer den Beschluss, das Projekt zu wagen und die erforderlichen Mittel freizugeben, war dann aber die Einbeziehung der monatlichen Wartungsgebuehren in die Kostenbetrachtung. Schon die erste Gegenueberstellung ergab, dass die neue Hardware bei beiden Alternativen deutlich guenstiger war als die laufenden Wartungsgebuehren. Das endgueltige Hardware- und Wartungsangebot erbrachte fuer die Unix-Loesung rund 30 Prozent geringere Wartungskosten.

Fuer die Zentraleinheit allein betrug die Ersparnis fast 50 Prozent, waehrend der Aufwand fuer die Drucker unveraendert blieb. Durch den Entschluss, die Bildschirme wegen der sehr geringen Fehleranfaelligkeit ganz aus der Wartung herauszunehmen, liessen sich die monatlichen Betreuungskosten bei der Unix-Loesung gegenueber dem alten System praktisch halbieren.

Nachdem auch ein an der Entscheidung beteiligter Berater eine eindeutige Empfehlung fuer die Unix-Loesung abgab, stand der Entschluss fest. In der anschliessenden Auftragsverhandlung konnte mit den Softwerkern fuer die Umstellung ein Festpreis sowie eine verbindliche Termingarantie vereinbart werden. Der Anwender fuehlte sich auf der sicheren Seite.

Die eigentliche Umstellung vollzog sich innerhalb einer Woche. Die Vorbereitungsarbeiten jedoch, das heisst die Neukompilierung und -bindung der Programme sowie der Aufbau der neuen Menues, fanden von Oktober bis Dezember 1992 beim Speck-Datenservice statt. Hierbei wurden gleichzeitig etliche Module der alten Software auf den neuesten Release-Stand gebracht. Damit ergab sich als Nebeneffekt fuer Enik in den aktualisierten Programmen ein Zugewinn an Funktionalitaet und teilweise auch eine verbesserte Bedieneroberflaeche.

Ende Dezember 1992 wurde dann die Hardware geliefert und das System installiert. Erwartungsgemaess konnte praktisch die gesamte Peripherie, also insbesondere alle Bildschirme und Drucker, von der alten Anlage uebernommen und unter Unix weiterbetrieben werden. Auch die Datenleitungen zu den Bildschirmen brauchten nicht ausgetauscht zu werden.

Auf die Installation eines neuen Netzes unter Ethernet wurde daher, auch aus Kostengruenden, verzichtet. Im nachhinein kann diese Entscheidung sicherlich als richtig angesehen werden, denn bei der ganzen Umstellung und auch in der Folgezeit machte die Hardware keine nennenswerten Probleme.

Lediglich eine Druckerleitung geriet ploetzlich ausser Kontrolle, so dass im Zentralrechner ein Board ausgetauscht werden musste. Dies konnten die Techniker von Bull jedoch kurzfristig erledigen.

Umstellung klappte ohne grosse Probleme

Die eigentliche Umstellung einschliesslich der Datenkonvertierung fand dann in der ersten Januarwoche bei Enik statt, waehrend der im Betrieb noch nicht gearbeitet wurde. Kleinere Probleme traten dabei in verschiedenen Teilbereichen der Software auf. Speziell das neu eingesetzte C-Isam-Dateiverwaltungs-System verhielt sich unter Unix doch etwas anders als unter dem alten GCOS-System. Dies galt auch fuer die Hintergrundprozesse, zum Beispiel das Aufbauen und Loeschen von Arbeits- und Zwischendateien. Hier mussten einige Skripts neu erstellt beziehungsweise angepasst werden. Insgesamt machte dieser Teil der Umstellung doch etwas mehr Schwierigkeiten, als urspruenglich erwartet worden war.

Ab Montag, dem 11. Januar, als erstem Arbeitstag mit dem neuen System konnten dann alle Abteilungen wieder arbeiten, ohne dass ein nennenswerter zusaetzlicher Schulungsaufwand anfiel. Einige noch auftretende Restprobleme wurden von dem Datenservice innerhalb der naechsten Tage erledigt, so dass ab dem Mittwoch fast alle Anwendungen wieder zur Verfuegung standen, einschliesslich der erneuerten Module und erweiterten Funktionen.

Im nachhinein kann gesagt werden, dass aufgrund der Vorbereitung und des persoenlichen Einsatzes innerhalb der Umstellungswoche die Portierung im grossen und ganzen planmaessig und ohne nennenswerte Probleme ablief.

Ralf Stracke, der bei Enik die DV betreut, konnte es sogar wagen, bereits zwei Monate nach der Umstellung seinen geplanten Jahresurlaub anzutreten und den Betrieb mit der neuen Anlage alleine zu lassen.

Der erforderliche Schulungsaufwand fuer den Unix-Grundkurs betrug drei Tage, die vor der Umstellung absolviert wurden, und weitere zwei Tage fuer die Unix-Administration im Januar. "Um richtig sattelfest zu sein, waeren jedoch noch einige Tage vertiefende Schulung wuenschenswert", meint Stracke.

Erhebliche Zeitvorteile

Fuer alle Beteiligten ergaben sich durch die Umstellung erhebliche Zeitvorteile. Waehrend das alte System bei starker Dialogbeanspruchung spuerbar und stoerend in die Knie ging, spielt die Anzahl der Dialoganwender unter Unix fast keine Rolle mehr.

Insgesamt ist die Verarbeitungsgeschwindigkeit nach Aussage der Beteiligten gestiegen, wenn es auch schwerfaellt, hier genau zu quantifizieren. Als Beispiel kann jedoch die Lohnabrechnung angefuehrt werden. Der Nettolohn, der im Batch-Betrieb bearbeitet wird, wurde vorher in rund zwei Stunden berechnet, jetzt dauert das nur noch 30 Minuten.

Noch gravierender sind die Vorteile bei der Datensicherung. Frueher wurde sie taeglich, teilweise aus Zeitmangel auch seltener, durchgefuehrt, was jedesmal rund 90 Minuten dauerte und die Stillegung der Anlage fuer die uebrigen Anwender sowie die Anwesenheit eines Operators und umstaendliches manuelles Handling der drei erforderlichen Baender bedeutete.

Heute wird ein Gigatape eingesetzt, auf das eine Vollsicherung passt; sie laeuft abends, das heisst nach Feierabend, vollautomatisch innerhalb von 30 Minuten durch.

Fuer die Zukunft ist geplant, an allen weiteren Bildschirm- Arbeitsplaetzen 386er-Geraete zu installieren. Ausschlaggebend fuer diese Entscheidung war, dass die Anwender in den Fachabteilungen, zusaetzlich zu den Anwendungen des Unix-Rechners individuelle Auswertungen und Datenbestaende, zum Beispiel mit Excel, verwalten oder durchfuehren wollen. Als Basis wird hierzu Windows eingesetzt, wobei der Zugriff auf die Unix-Anwendungen dann als Emulation erfolgt und ueber ein Icon aufgerufen wird. Zwischen den Anwendungen kann dabei beliebig umgeschaltet werden.

Strakes Fazit nach vier Monaten Erfahrung lautet: "Wir haben die Umstellung nicht bereut."

*Diplommathematiker Dr. Volker Hasse ist Inhaber der Dr. Hasse Consulting Managementberatung BDU in Dormagen.