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19.06.1987 - 

Alle wollen hohe Funktionalität und einen hohen Grad an Standardisierung

Mit Dr. Harald Nottebohm, Kommunikations-Chef der Hoechst AG, sprachen Helga Biesel und Claudia Marwede-Dengg

- Herr Nottebohm, nun gibt es also noch eine Gruppierung, die sich mit OSI befaßt, OSITOP. Wir haben doch schon so viele. Warum also ein weiteres Forum für OSI?

Wir wollen mit OSITOP die weltweite Anwendung fördern. Und in Europa gibt es die größte Aufgeschlossenheit dem OSI-Gedanken gegenüber. Außerdem liegen hier, wie am Beispiel der IBM zu sehen ist, auch die Entwicklungszentren. Ferner werden die ersten Produkte in Europa eingeführt und nicht in den USA, obwohl es dort ein starkes Engagement für MAP (Manufacturers Application Protocol) gibt. Ich sehe aber in TOP (Technical Office Protocol) den größeren Anwenderkreis.

- Gesprochen wird zur Zeit im Zusammenhang mit CIM (Computer Integrated Manufacturing) mehr von MAP.

TOP zielt nicht nur auf die Industrie, sondern auch auf den wachsen. den Dienstleistungbereich, zum Beispiel Banken und Versicherungen. Deshalb ist TOP meines Erachtens die umfassendere Aktivität, um in die OSI-Welt vorzustoßen. Positiv für OSITOP dürfte sich auswirken, daß die europäischen Kollegen etwas aufgeschlossener dem OSI-Gedanken gegenüberstehen als die amerikanischen.

Für das Unternehmen Hoechst gilt beispielsweise, daß es unsere klar formulierte Strategie ist, OSI zu unterstützen, was sonst bisher so dezidiert nicht der Fall sein dürfte - auch nicht in der chemischen Industrie. Bei Hoechst wurden die Aktivitäten auf dem Gebiet der DV-Technik, der Informatik und der Kommunikation neu organisiert. Dabei sind alle Aktivitäten der technischen Kommunikation zusammengelegt worden, also auch die Rechnerkommunikation mit der Telefonkommunikation. Das werden Sie bei anderen Großunternehmen noch nicht häufig finden.

- Wieso hat gerade Hoechst diese Vorreiterrolle übernommen?

Wir leben in einer Welt von verschiedenen Rechnern, und das wollen wir auch, um den Wettbewerb offenzuhalten. Das heißt für die Kommunikation, daß die Aufgabe besteht, weltweit zu vernetzen. Das trifft für viele zu. Wir haben aber frühzeitig den Schluß gezogen, daß das nur über internationale Standards gehen sollte.

- Ergibt sich daraus, daß die Hoechst-interne Rechnerwelt besonders heterogen ist?

Nein. IBM ist natürlich ein Schwerpunkt, da sich die Datenverarbeitung auch bei uns aus der Administration entwickelt hat. Parallel dazu tat sich aber in der Labordatentechnik, bei den Produktionsleitsystemen etc. also nicht gerade IBM-Domänen auch sehr viel. Hier haben wir beispielsweise HP, DEC und Siemens, um nur einige zu nennen.

- Kommt demzufolge die Forderung nach mehr Offenheit aus der Fertigung?

Nicht nur aus der Fertigung, vor allem auch aus Labor und Forschung.

- Zurück zu OSITOP. Versteht die neue Gruppierung sich als ein weiteres Normungsgremium, respektive stehen Sie einem bestimmten Gremium besonders nahe und motivieren es durch Unterstützung, Know-how oder was auch immer?

Nein. Wir verstehen uns als Pressure-Group.

- Dennoch ist es eine indirekte Normung, wenn sich ein großer Verband in diese oder jene Richtung hin ausspricht oder gar festlegt. Dieses hätte dann den Rang einer verbindlichen Forderung.

Soweit sind wir leider noch lange nicht. Wir können noch nicht abschließend sagen, dies und jenes hätten wir gern.

- Woran liegt das, wenn das generelle Ziel eigentlich erkannt ist, nämlich - nomen est omen - OSITOP?

Es gibt nur sehr begrenzte Kapazitäten für die Normung selbst. Die Personen sind immer wieder dieselben, sie sind nicht beliebig vermehrbar. Außerdem wird auf dem OSI-Gebiet in breitem Ansatz genormt. Man hat sich seit 1973 sehr langsam in dem Sieben-Schichten-Modell quasi nach oben gearbeitet und ist erst jüngst oben - also bei der Anwendung - angekommen, und zwar mit dem ersten Standard für Electronic Mail, X.400.

- Also wurde es erst jetzt für den Anwender interessant?

Jedenfalls wird es jetzt für viele Anwender interessant, denn diese Standards der Ebene Sieben entwickeln sich in Richtung einer höheren Funktionalität weiter, und zwar sichtbar.

- Welchen neuen Bedarf schafft diese Situation?

OSITOP möchte bei den Anwendern zunächst einmal ein bestimmtes Bewußtsein entwickeln. Die Anwender haben einfach nicht die richtige Erwartungshaltung. Es besteht nämlich ein Grundzusammenhang zwischen Netzwerkfunktionalität und Standardisierungsgrad. Bei den heutigen herstellerspezifischen Netzen, zum Beispiel unter SNA, haben wir eine hohe Funktionalität, aber eine geringe oder gar keine Standardisierung. Was natürlich alle wollen, ist sowohl hohe Funktionalität als auch einen hohen Grad der Standardisierung. Viele Anwender sind nun der von etlichen Herstellern geförderten Meinung, daß sich auch innerhalb dieser vorhandenen Hersteller-Netze eine stetige Weiterentwicklung in Richtung auf immer mehr Standardisierung quasi von alleine ergibt. Das aber ist eine irrige Vorstellung. Und damit muß man aufräumen.

- Sie wollen also zunächst einmal eine sehr unangenehme Wahrheit "rüberbringen".

Ja. Und die heißt, daß man übergangsweise eine relativ niedrige Funktionalität in Kauf nehmen muß, zum Beispiel bei X.400. Was können Sie damit schon machen außer eben elektronischer Post!? Aber: Hat man erst einmal X.400 nach der CCITT-Norm, so ist das von äußerster Wichtigkeit für die gesamte Vernetzung, eine bekanntlich sehr komplizierte Sache. Und dann kann man die Dinge auch langsam in Richtung FTAM (file transfer access management), virtuelles Terminal-Protokoll etc. vorantreiben. Weil es aber keinen direkten Weg gibt, müssen sich die Anwender darüber im klaren sein, daß sie letztlich, wenn sie wirklich OSI haben wollen, durch ein Tal gehen und auf bestimmte Dinge vorübergehend auch einmal verzichten müssen. Der Anwender soll sich also nicht gleich auf jedes Produkt, das ein bestimmtes Problem löst, stürzen, sondern auch mal ein Jahr warten, bis er den Problemlöser in standardisierter Form bekommt.

- Und dafür wollen Sie werben?

Hier aufzuklären, das ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. Weiter wollen wir uns darüber klarwerden, was sich eigentlich in der OSI-Szene tut, und vermitteln, wie weit bisher die Normung überhaupt gediehen ist.

- Muß man da so tief ansetzen?

Gar nicht tief. Das hat mit "tief" nichts zu tun. Auch sind die Anwender nicht unwissend. Gegenfrage: Von wem läßt sich der Anwender denn informieren? In der Regel doch wohl von den Rechnerlieferanten. Und die/der schrecken den Anwender oft genug direkt ab. Oder es wird mit zwei Zungen geredet.

- Also sind im Hinblick auf OSI, was den zeitweisen Verzicht auf Funktionalität betrifft, von den Herstellern keine offenen Aussagen zu erwarten?!

So ist es. Der Hersteller will seine Produkte verkaufen. Aus seiner Sicht völlig legitim. Wir aber müssen uns das gesamte Spektrum der Produkte ansehen. Welche erscheinen auf dem Markt, welche sind angekündigt? Da allerdings gibt es viel Unwissenheit.

- Aber es werden doch Produkte mit einer gewissen "Migrationssicherheit" in Richtung OSI angeboten. Ist denn das alles nicht glaubhaft?

Es gibt sowohl von DEC als auch von HP Aussagen, die solche Wege vorzeichnen, zum Beispiel vom Arpa-Standard TCP/IP zu X.400. Trotzdem bin ich der Meinung, daß wer heute ein Bürokommunikationssystem kauft (All-in-1, HP-Deskmanager, Disoss, Profs etc.), genau wissen sollte, was sich tut und was ihn in zwei Jahren erwartet. Erst wenn der Anwender das ins Blickfeld bekommt, kann er seine eigene Strategie entwickeln. Und genau dieses will OSITOP fördern.

- Wie glauben Sie nun konkret Einfluß auf Normungs- und Produktentwicklungen nehmen zu können?

Die Anwender werden bei den unterschiedlichen Features Prioritäten vorschlagen können. Woher sonst bekämen die Normer selbst zuverlässige Prioritäten?

- Warum passiert das erst jetzt? Und was wird bisher schon von den Anwendern besonders bemängelt? Andersherum: Gibt es bereits Normierungen, die aus Sicht der Anwender wenig hilfreich sind oder nicht benötigt werden?

In diesen Dingen stehen wir noch ganz am Anfang. Wir suchen nach realisierbaren Zielen. Aber ich glaube, daß es OSITOP gelingt, für bestimmte Anwender und Anwendungen Migrationspläne zu empfehlen. Vielleicht wird es bestimmte Übereinstimmungen geben, aus denen sich ableiten ließe, daß bestimmte Dinge schneller in Angriff genommen werden müssen als andere. Ein erster Ansatz sind die funktionellen Normen. Da haben wir Sorgen, daß die funktionellen Profile, die von TOP und MAP in den USA verabschiedet werden, nicht unbedingt in Europa anwendbar sind.

- Wie wollen Sie sicherstellen, daß auch die tatsächlichen und nicht die vermeintlichen europäischen Anwenderinteressen wahrgenommen werden?

Wir haben klargestellt, daß wir keine eigene Entwicklung in Europa machen wollen. Es wird keine europäische Variante von TOP geben. Aber die von den europäischen Postverwaltungen vorgegebenen Verhältnisse müssen berücksichtigt werden. Wir wollen Optionen offenhalten. Auch Amerikaner können kein Interesse daran haben, etwas zu entwickeln, was in Europa nicht verwendbar ist.

- Auf wen wird OSITOP besonders einwirken wollen: Spag Services, COS etc.?

Wir werden sicherlich alle Kontakte wahrnehmen, die sich uns bieten, und den kürzesten Draht zu den Leuten in den Working-Groups suchen. Die eigentliche Gemeinde ist ja klein. Also stellt sich OSITOP als das Resultat eines enormen Informationsbedürfnisses bei allen Beteiligten dar. Die Hersteller gewinnen dabei und die Standardisierer sowieso. Der Anwender hat bisher einfach nicht genug Druck gemacht. Und andere Anwendervereinigungen hatten sich dieses Bedarfs meines Wissens eben auch nicht angenommen.

- Die denkbar schlechteste aller Aussichten wäre wohl die, daß Hersteller zwar OSI-Produkte entwickeln, sie jedoch keiner haben will. Halten Sie das für möglich?

Das ist eine Frage des Preises. Die zunehmende Notwendigkeit der Vernetzung ist ganz klar gegeben, einmal innerhalb eines Unternehmens-Standorts, dann in Unternehmen untereinander und dann auch noch mit Dritten.

- Schließlich existieren aber die eingefahrenen allen Möglichkeiten der Vernetzung... ?

Die kommen den Anwender letztlich zu teuer. Jeder Anwender und Hersteller ist sich inzwischen im klaren darüber, daß wir die OSI-Lösung haben müssen, wenn wir unsere Investitionen schützen wollen. Ob dann jeder diesen Weg gehen kann und will, ist unter anderem eine Frage der Einstiegskosten. Aber auch hier wollen wir den Anwendern bei der Entwicklung langfristiger Ziele behilflich sein.

- Das heißt: OSITOP fährt durchs Tal der Tränen?

Nein. Wenn ich von Verzicht gesprochen habe, dann heißt das ja nicht, daß man auf Dauer verzichten soll. Aber eine große User-Gemeinschaft sollte ein gemeinsames Ziel haben, um dann auch die kritische Masse entwickeln zu können. Nur dann ist etwas zu gewinnen.

- Wir danken Ihnen für das Gespräch.