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17.12.1993

Mit europaeischer Fahne auf globalem Kundenfang Telekom und France Telecom machen aus der Not eine Tugend CW-Bericht Gerhard Holzwart

BRUESSEL - Den Eindruck eines verliebten Paerchens hinterliessen Telekom-Chef Helmut Ricke und France-Telecom-Praesident Marcel Roulet nicht gerade, als sie der eilig zusammengetrommelten europaeischen Presse ihre Plaene einer weltweiten strategischen Allianz praesentierten. Ob nun Liebesheirat oder Vernunftehe - beide Carrier suchen jedenfalls ihr Heil in einer grossangelegten Zusammenarbeit, die in absehbarer Zeit in eine Fusion muenden koennte. Mit oder ohne AT&T ist indes nach wie vor die Frage, wenn es um das ertragreiche Business in Nordamerika und Fernost geht.

Mit den Worten: "Wir haben uns entschlossen, ein internationales europaeisches Unternehmen zu gruenden", strapazierte der Vorstandsvorsitzende des Bonner Postunternehmens sogar den Geist von Maastricht, um letztlich das zu bestaetigen, was nach einer Reihe von Indiskretionen in den letzten Wochen scheibchenweise publik geworden war. Beide Unternehmen wollen Hand in Hand in Richtung zukuenftiger Wachstumsmaerkte marschieren, vor allem im Bereich Netz- und Mehrwertdienste fuer Grossunternehmen. Dabei soll so gut wie alles, was bisher auf kleinerer Flamme gemeinsam gekocht wurde - etwa die paketvermittelten Datendienste wie Datex- P und Transpac, die Outsourcing-Tochter Eunetcom sowie Teile der France-Telecom-Tochter FCR - in ein neues Joint-venture integriert werden.

"Noch bessere Dienste fuer unsere Kunden bedeutet, ihnen ein globales Angebot zur Verfuegung zu stellen", unterstrich Rickes Gegenueber auf der franzoesischen Seite, Marcel Roulet, die Ausrichtung der neuen Company, die ihren Hauptsitz in Bruessel nehmen und relativ schnell nach der fuer Anfang 1995 vorgesehenen Aufnahme des operativen Betriebs mit einem konkurrenzfaehigen Komplettangebot an Netzdiensten aufwarten soll.

Dazu gehoeren internationale Mietleitungen, Virtuelle Private Netze (VPNs), Mehrwert- und Satellitendienste, eigene Backbone-Netze mit einem einheitlichen Netzwerk-Management-System sowie die Entwicklung einer einheitlichen Plattform im Bereich der sogenannten Intelligenten Netze (INs) mit standardisierten Schnittstellen.

"Wir sind wahrscheinlich selbst zusammen nicht der groesste Player, und wenn wir es sind, sind wir es morgen mit Sicherheit nicht mehr", gab Ricke der versammelten Journalistenschar Nachhilfeunterricht in Sachen Schnellebigkeit der internationalen TK-Szene. Mit dieser Einschaetzung wies der Telekom-Chef - wahrscheinlich unbewusst - auch auf das Manko beider Carrier hin, das trotz des jetzt beschlossenen Joint-ventures grossen Stils nicht kleiner geworden ist. Denn nach wie vor fehlt beiden PTTs, um zu einem Global Player zu avancieren, der Zugang zu den lukrativen Maerkten in Nordamerika und Fernost; in diesem Zusammenhang hat sich das Problem der Partnersuche zu einer Art Dauerbrenner entwickelt beziehungsweise auf die Frage fokussiert, ob der weltweite Marktfuehrer AT&T doch noch mit ins Boot steigt.

"Es ist unumstritten, dass wir Netzkapazitaeten in den USA benoetigen, um die Wuensche unserer Kunden zu befriedigen", gab Ricke unumwunden zu. Aus diesem Grund habe man Gespraeche mit den Amerikanern gefuehrt und werde dies auch weiter tun. Dabei gehe es aber, so Ricke, in erster Linie um eine punktuelle technische Zusammenarbeit, naemlich um die Bereitstellung sogenannter Seamless Services - also die Schaltung hochwertiger End-to-end-Verbindungen nach dem Prinzip des "One Face to the Customer". Alle Geruechte ueber eine Beteiligung von AT&T seien Spekulationen, grundsaetzlich sei man jedoch offen fuer Partner, "die unserem Joint-venture Maerkte und Kunden im pazifisch-asiatischen Raum und in Nord- und Suedamerika erschliessen".

Die jetzt ploetzlich zur Schau getragene Zurueckhaltung in puncto Partnersuche koennte, wie Insider mutmassen, auch damit zu tun haben, dass die beiden Carrier, die lange Zeit nicht miteinander konnten, ihre Schicksalsgemeinschaft nun zementieren wollen. Jedenfalls war in Bruessel erstmals oeffentlich von einem in absehbarer Zeit moeglichen Aktientausch beziehungsweise Fusion die Rede. Dies sei zwar, wie Ricke und Roulet im Einklang betonten, nicht das strategische Ziel, koennte aber das "bis dahin erfolgreich Vollzogene unterstreichen".

Bis es allerdings soweit ist, muessen beide Unternehmen erst noch privatisiert werden, und da sind jenseits und diesseits des Rheins bekanntlich noch eine Reihe politischer Fragen offen. Dass indes beide Telefongesellschaften entschlossen sind, ihren Weg als selbstaendig agierende Unternehmen zu gehen, machte Ricke mit einer verklausulierten Kampfansage an die Politik deutlich. Wenn Telekom und France Telecom 1998, also beim Wegfall aller TK-Monopole, immer noch staatliche Behoerden sind, waere dies "fatal fuer die europaeische Wirtschaft". Beide Unternehmen seien angetreten, um im Interesse der Kunden, des Wettbewerbs sowie im Hinblick auf die Verantwortung als Wachstumslokomotiven fuer die europaeische TK- Industrie "in den Ring der strategischen Allianzen zu steigen". Dass dies notfalls auch ohne Kapitaloeffnung moeglich ist, beweise man "mit der Ankuendigung dieses Joint-ventures", fuegte Ricke hinzu.

Politische Fallstricke koennten beiden Telefongesellschaften aber auch noch von Seiten der Bruesseler Kommission drohen, die als oberste TK-politische Regulierungsinstanz die Kooperation kartellrechtlich absegnen muss. Schon hat sich mit British-Telecom- Chairman Ian Vallance der wohl staerkste europaeische Konkurrent in einem Interview mit der franzoesischen Wirtschaftszeitung "Les Echos" zu Wort gemeldet und die neue Zweierallianz als "unbestreitbar wettbewerbswidrig" bezeichnet. Worauf der Chef des schon seit Jahren privatisierten Londoner Carriers abzielt, ist klar: Sowohl der deutsche als auch der franzoesische TK-Markt sind - anders als etwa in Grossbritannien oder den USA - fuer auslaendische Wettbewerber nur zum Teil geoeffnet, so dass beide Carrier bis 1998, wenn die Karten in Europa voellig neu gemischt werden, sich in einzelnen Marktsegmenten und vor allen Dingen in ihren Heimmaerkten einen Platzvorteil verschaffen koennten.

Befuerchtungen dieser Art vor Augen, waren Ricke und Roulet denn auch sichtlich bemueht, die Bedeutung des Joint-ventures herunterzuspielen. Jedenfalls war von vor Wochen bekanntgewordenen und bis dato nicht dementierten Plaenen eines gemeinsamen europaweiten Telefondienstes nicht mehr die Rede. Vielmehr solle das neue Unternehmen, wie es in Bruessel hiess, ausschliesslich Wettbewerbsleistungen anbieten und das betreffe weltweit nicht mehr als zehn Prozent des Umsatzes beider PTTs. Ueber eine Zusammenlegung des internationalen Fernsprechverkehrs rede man, so Ricke, "derzeit nicht". Gesprochen werden soll nun aber mit der Bruesseler Kommission, die man bisher lediglich informiert hat. Die wird wohl kaum nein sagen koennen, angesichts dessen, was Ricke den europaeischen Politikern etwas vollmundig ins Stammbuch schrieb: "Wir leisten so auch einen Beitrag zu dem gesamteuropaeischen Zusammenwachsen von Kulturen und Maerkten, zur Schaffung von Arbeitsplaetzen in einer faszinierenden Branche und zur Sicherung des Standortes Europa im globalen Wettbewerb".