Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

25.09.1992 - 

Flughafen München im DV-Einsatz (Teil 2 und Schluß)

Mit früher Entscheidung für Unix liegt Münchner Flughafen richtig

Dieter Sommer ist freier Journalist in Berlin und externer Mitarbeiter der PR-Agentur Dr. Nenner und Partner in München.

Mit dem offiziellen Flugbetrieb im Erdinger Moos bei München wurden Aufgaben, die bisher am alten Münchner Flughafen zum Teil noch manuell durchgeführt wurden, auf eine vernetzte Client-Server-Architektur umgestellt. Die Realisierung ist das Ergebnis einer schrittweisen Entwicklung. Dieter Sommer erklärt, welche Rolle am neuen Flughafen verteilte Rechnersysteme, Unix und grafische Bildschirm-Arbeitsplätze auf der Basis von Workstations für den Verkehrsbetrieb am Boden spielen.

Mit dem Wechsel auf Sun und im Zusammenhang mit einer geplanten neuen Applikation führte die Flughafen München Gesellschaft (FMG) 1986 eine Studie über die Arbeitsweise mit Workstations durch, um unter anderem die Einsatzmöglichkeiten eines grafischen Bildschirm-Arbeitsplatzes zu untersuchen. Die Notwendigkeit, an Stelle von zeilenorientierten, rein alphanumerischen Terminals mit Grafikbildschirmen zu arbeiten, ergab sich dadurch, daß man die manuellen Tätigkeiten von Disponenten DV-technisch abbilden wollte.

Disponent hat einen besseren Überblick

Ein solcher Disponent benutzte in der Vergangenheit im wesentlichen einen großen Papierbogen, den er mit Stiften, Farbe, Tipp-Ex und Klebstoff bearbeitete, sowie mehrere Knöpfe, auf die er drücken konnte, und einige bunte Lampen, die ihm bestimmte Zustände anzeigten. Es leuchtet ein, daß eine Umsetzung dieser Tätigkeit und der Arbeitswerkzeuge mit einer rein alphanumerischen Anzeigeeinheit zu einer Effizienzverschlechterung - und nicht zu einer Verbesserung - geführt hatte, was nicht der Sinn der DV sein kann.

Als Pilotprojekt realisierte man 1987, aufbauend auf den Ergebnissen der durchführten Studie, ein Bus-Dispositionssystem auf Workstation-Basis mit grafischer Benutzerschnittstelle. Dabei wurden die gewohnten Arbeitsweisen in der grafischen Benutzerschnittstelle abgebildet. Das Optibus-System kam mit großem Erfolg bereits am Flughafen München-Riem zum Einsatz und findet auch jetzt im neuen Flughafen Anwendung.

Mit ihm ließ sich nicht nur die Qualität der Abfertigung verbessern, sondern es liefert auch gleich - quasi als Abfallprodukt - die Dokumentation der Busfahrten. Gleichzeitig hat der Disponent einen besseren Überblick und kann mit Hilfe der Technik ein höheres Abfertigungsaufkommen bewältigen als zuvor auf herkömmliche Weise. Während an manchen anderen Flughäfen die Disponenten per Anruf über den Busbedarf informiert werden, geschieht das in München durch Tastendruck an der Abfertigungsschaltern.

Diese Anforderung wandert über eine Steuereinheit zu den Sun-Workstations und erzeugt beim Disponenten auf der Workstation einen Auftrag. Daneben werden aus den Informationen des Flugdatenrechners für Flugzeuge im Landeanflug automatisch Aufträge erzeugt, die ebenfalls auf dem Grafikbildschirm des Disponenten erscheinen.

Möglich wurde eine solche Vorgehensweise erst dadurch, daß die Flugplanverwaltung, das Monitor- und Anzeigesystem, die Bus- sowie eine Gerätedisposition in einem lokalen Netzwerk miteinander gekoppelt sind und regen Datenaustausch untereinander pflegen.

Der große Erfolg der ersten grafikorientierten Projekte gab den Anstoß zur Realisierung weiterer Dispositionssysteme auf grafischer Basis für den neuen Münchner Flughafen, unter anderem in der Flugzeugabfertigung.

Bei "Cobra" - so der Name des Systems - geht es für den Disponenten darum, rund 30 Arbeitsgruppen mit jeweils zwei bis vier Personen zu den Flugzeugen zu dirigieren und die Abfertigung der Maschinen möglichst effizient zu gestalten. Auch hier sind Papierbogen, Stift, Klebstoff und Tipp-Ex durch den Grafikbildschirm ersetzt worden.

Kooperation mit anderen Flughäfen möglich

"Temple" sorgt dafür, die Ressourcen zur Flugzeugabfertigung (Flugzeugabstellpositionen, Gates, Ankunftsräume, Gepäckbänder) zu planen und zu disponieren. Hier wurde erstmalig ein KI-System eingesetzt, so daß Regeln nicht mehr programmiert, sondern vom Benutzer geändert werden können.

Neue DV-Projekte sind "Gepard" (Disposition des Gepäcktransportes), "Puma" (Disposition von Pushout und Schleppvorgängen), "Cid" (Vergabe der Check-In-Schalter), "Fas" (Flugzeugabfertigungssteuerung mit Touch-Screen-Terminals) etc.

Allen Softwaresystemen gemein ist die Verwendung der Datenbank von Oracle. Da diese mittlerweile auch in anderen Flughäfen verwendet wird, bieten sich Möglichkeiten der Kooperation.

Die zu diesem Zeitpunkt bereits realisierte Trennung von Datenhaltung und intelligenter Verarbeitung vor Ort wird heute als Client-Server-Computing bezeichnet. Dieses Konzept wurde in allen späteren Anwendungen weitergeführt.

Bei allen Modernisierungen und Neuentwicklungen in der DV hat die FMG stets darauf geachtet, die Anwender nicht mit neuen Systemen zu überfordern, sondern vielmehr Arbeitsweisen, die sich als zweckmäßig erwiesen haben, auch bei der Umstellung auf ein neues System beizubehalten und nur das zu verändern, was wirklich organisatorische Vorteile bringt.

Dieses Vorgehen findet seinen Niederschlag zum Beispiel darin, daß Knöpfe, die beim alten System zur Ausführung bestimmter Funktionen gedrückt wurden, sich entweder auf der Tastatur des neuen Systems in Form von Tasten mit entsprechenden Symbolen wiederfinden, die die gewohnte Funktion auslösen, oder in Form von Knöpfen am Bildschirm, die per Maus bedient werden können.

Der Benutzer steht bei allen Veränderungsüberlegungen im Vordergrund, und es wird vermieden, durch neue Technik andere Arbeitsweisen zu erzwingen nach dem Motto "Der Mensch ist immer der Master und die Technik der Sklave."

Das konsequente Verfolgen dieser Vorgehensweise zahlt sich durch hohe Benutzerakzeptanz aus. Die Anwender arbeiten mit großer Begeisterung an den neuen Systemen, und die Entwickler sind mit den Ergebnissen, die im alltäglichen Betrieb erzielt werden, sehr zufrieden.

Anforderungen an die Hardware

Anders sieht es mit den ständig wachsenden Anforderungen an Hardware und Programmieraufwand aus, verursacht durch den Wechsel von alphanumerischen auf grafische Anwendungen, von Ein- auf Mehrfenstertechnik und von Monochrom- auf Farbdisplays: Galten bei Einführung der Workstations 4 MB Arbeitsspeicher und 75 MB Plattenkapazität noch als ausreichend, sind mit den neuen grafischen Benutzerschnittstellen wie Motif 32 MB Arbeitsspeicher und 400 MB Plattenkapazität die Regel.

Die Rechnung, durch die ständig fallenden Hardwarepreise die Kosten pro Arbeitsplatz langfristig senken zu können, ist durch den Umstand der permanent steigenden Anforderungen für die FMG nicht aufgegangen. Allerdings handelt es sich dabei um ein industrieweites Problem.

Durch das relativ kleine Netz in München-Riem konnte die FMG ausgiebig Erfahrungen mit dem Netzwerkbetrieb und dem Einsatz von verteilten Anwendungen sammeln. Aufgrund dieser Kenntnisse hat man das Grundkonzept für München II angepaßt, wobei die in Riem bereits vorhandenen Applikationen so angelegt waren, daß sie sich am neuen Flughafen weiternutzen ließen.

Basisüberlegungen betrafen die Art des Verkabelungssystems und das Netzwerk. Da es nicht sinnvoll ist, daß jeder für sein Netz eine eigene Kabelinfrastruktur aufbaut, wurden die einzelnen Netze zusammengefaßt, wobei für die großen und mittleren Entfernungen Glasfasernetze (FDDI), für den Nahbereich verdrillte Vierdrahtleitungen zum Einsatz kommen.

Auf dieser Infrastruktur baut das Flughafen-LAN auf, über das die Computer des Luftverkehrsbereichs vernetzt sind. Bei den meisten der dabei verwendeten Rechner handelt es sich um VAX-VMS- oder Unix-Rechner, größtenteils von Sun.

Um den Anwendungsprogrammierern die Handhabung des Netzes möglichst einfach zu machen, wurde das Software-Entwicklungshaus Softlab in München damit beauftragt, eine Netzwerkschicht zwischen TCP/IP und Anwendungsprogramm zu realisieren, über die beispielsweise Daten von einem anderen Rechner angefordert oder Dateien an andere Rechner verschickt werden.

Diese Zwischenschicht, die nicht nur die Kommunikation zwischen den Rechnern, sondern auch die Rechnerumschaltung bei Backup-Vorgängen vereinfacht, wurde in Form einer Kommunikationssoftware auf allen vernetzten Rechnern implementiert.

Erfahrungen mit dem neuen System

Sie enthält unter anderem Informationen darüber, an welche anderen Rechner die jeweilige Maschine angeschlossen ist, welche Daten an wen übertragen werden dürfen, welcher Rechner bei Kommunikationsvorgängen der Hauptrechner und welcher der untergeordnete ist und auf welchen Rechner bei Ausfall oder Wartung umgeschaltet wird. Um Einzelheiten des TCP/IP-Protokolls wie Fehlerbehandlung etc. müssen sich die Anwendungsprogrammierer durch diese neue Netzwerkebene nicht mehr kümmern.

Als am 17. Mai 1992 das Flughafenpersonal offiziell den Betrieb aufnahm, lag bereits ein mehrmonatiger Testbetrieb mit echten Start-, Lande, und Abfertigungsvorgängen hinter ihnen. Jetzt ist man dabei, praktische Erfahrungen zu sammeln, in welchem Maße die neue Generation grafikorientierter Anwendungsprogramme auf der Basis vernetzter Unix-Rechner die Menschen in ihrer Arbeit unterstützt und hilft, die Effizienz des Abfertigungsbetriebs zu steigern beziehungsweise für alle Beteiligten einen möglichst reibungslosen Ablauf zu verwirklichen.

Das größte Rightsizing-Projekt

Heute dürfte das Informationsnetzwerk des Münchner Flughafens in Deutschland das bisher umfangreichste nach der Idee des Rightsizing verwirklichte DV-Konzept sein.

Die termingerechte Fertigstellung - alles lief fünf Monate vor der Eröffnung -, das Einhalten des Budgetrahmens, die Stabilität des Betriebes und die gegebene Modularität für mögliche Erweiterungen sprechen für das Rightsizing, die Client-Server-Architektur, Unix und NFS.